651
-„Ein sehr interessanter Herr! Passen Sie auf, was' 8er iaus seinem Leben zu erzählen weiß!" flüsterte mir der Stadtregent zu. Und der Kommissionsrat begann:
,Zch hatte vor zehn Jahren in Rußland zu tun. Wichtige Sache. Unterhandlungen wegen der 'Gründung neuer Zucker- fabrrken im Wolgagebiete. Eine Brieftasche voll Geld trug ich in bitt Weste eingenäht. Einen kleineren Barbestand nebst meinen Ausweispapieren in der inneren Rocktasche.
In Berlin hatte ich auf den Nachtzug zu warten, aß zu Abend, und ging dann in ein Cafs, um die paar übrigen Stunden bei den Zeitungen totzuschlagen.
Tie Lektüre langweilte mich. Ich säh alsbald ein paar Billard- spielern zu, und als die ihre Partie beendet hatten und ich aufgefordert wurde, griff ich selbst zum Queue.
Es war heiß in dem schlecht ventilierten Raume. Ich ahmte daher das Beispiel der anderen nach, und spielte in Hemdärmeln. Ter ersten Partie folgte eine zweite und dritte. Als ich zufällig einmal nach der Uhr blickte, merkte ich, daß es die höchste Zeit war, auf den Bahnhof zu kommen. Wir brachen daher ab. Man half mir mit Bedauern in meinen Rock. Ich zahlte aus dem Portemonnaie, das ich in der Hosentasche trug. Und hastig empfahl ich mich, stieg draußen in eine Droschke und erreichte mit knapper Not noch gerade meinen Zug. Hier machte ich mirs im Schlafwagen bequeni und erwachte erst an der russischen Grenze, kurz vor der Zollrevision in Beuthen.
Herrgott, war das ein Schreck, als ich merkte, daß ich in Weiner Rocktasche keine Papiere mehr hatte! Ich suchte fieberhaft «n allen möglichen Orten, bis ich entdeckte, daß man mir im Cafä abends zuvor raffiniert den Rock vertauscht hatte. Die dunkle Farbe und das schlechte Licht, meine Eile dazu waren' gute Helfershelfer gewesen. Und wäre das Sümmchen an Kassenscheinen auch ganz gut zu verschmerzen gewesen, so fehlte mir Vor allem doch mein Reisepaß. i
, Hätte ich umkehren müssen, wäre mir ein verhängnisvoller Zeitverlust entstanden, den unsere Konkurrenz natürlich nach Kräften ausgenutzt haben würde. Ich mußte es also mit dem heiligen Rubel versuchen, der in Rußland bekanntlich wundertätig ist. Und da ich im Zuge einen mir bekannten russischen Großindustriellen Wit hohen Verbindungen fand, so gelang es mir nach etlichen schmerzlichen Opfern, nicht nur die Grenze zu passieren, sondern rch erhielt auch durch seine Vermittlung eine Art Notpaß, der Wich vorläufig weiteren Sorgen im Zarenreiche überhob.
Dadurch versäumte ich es leider, sofort eine Anzeige nach Berlin zu drahten, sondern verschob Recherchen, von denen ich mir sowieso nicht viel versprach, auf die Zeit nach meiner Rückkehr, die ja nach wenigen Wochen erfolgen mußte. -
Aber wie das so geht, zumal im heiligen Rußland: bald tauchte hier ein Hindernis in Gestalt eines dickköpfigen Bauern auf, der sich von einem Stück Acker nicht trennen wollte, bald fand sich dort eine HemMschraube in Form einer alten Polizei-Verordnung, die mit Rubelscheinen aus der Welt geschafft werden mußte. Die Zeit zog sich hin, uird aus den Wochen wurden Monate.
Als ich endlich wieder deutschen Boden betrat, war weit Aber ein Vierteljahr ins Land gegangen . .
Ter Erzähler machte eine Pause, um von seiner Zittonen- Limonade zu trinken. 1
„Ja, dann war doch aber alles verhältnismäßig gut gegangen, Herr Kommissionsrat!" rief enttäuscht der Keine, majestätische Bürgermeister, der offenbar erwartet hatte, den interessanten Erzähler als Zobeljäger in Sibirien oder gar an Ketten gefesselt in den Mtai-Bergwerken zu sehen. „Wenn Sie so glücklich wieder zurückgekomMen sind über die Grenze — ohne richtige Papiere! Hier in Deutschland haben Sie sich doch ganz anders gusweisen können, sollt' ich meinen!"
„Nur sachte!" jagte der Kommifsionsrat und bewegte drohend die Nasenspitze nach unten. „Jetzt wird die Geschichte erst bös! Gerade, wie ich nach Deutschland zurückkam, ging's los! ■
Ich fuhr damals nach Raschberg, wo ich damals eine kleine Billa mein eigen nannte. Denn es war notwendig, mich frisch Ku equipieren. Außerdem wollte ich, gestützt auf meine brillanten geschäftlichen Erfolge, mit schnell das Jawort einer schönen lungen Witwe holen, der gegenüber ich! bis dahin nicht gewagt hatte, von meiner Liebe zu sprechen. Meine heimlichen Auftrag- -geber, deren verabredete Geldsendung ausgeblieben war, konnten die paar Tage auch noch länger warten.
Wer aber beschreibt mein Erstaunen, als ich aus dem Zuge steige und den Bahnhof betrete? Man starrt mich an wie ein Gespenst. Keiner wagt ein Wort an mich zu richten.
„Guten Tag, Inspektor!" sage ich zum Bahnhofsvorsteher, ftnd reiche ihm die Hand.
„Ja, sind Sie's denn wirklich, Herr Kommissionsrat?" stot- ierte er. ,^Jch denke. Sie sind. . . Sie sind . . ."
„Zum Teufel autch" schrie ich ärgerlich, „so reden Sie doch, was soll ich denn sein?" 1 1
„Tot!" sagt er, beinah vorwurfsvoll, daß er meine warme Borderflosse lebendig in der Hand hielt.
„Ach, warum nicht gar!" lachte ich belustigt auf. „Wie Werde ich denn so dumm sein! Nein, nein, alter Freund, unter vchtzsts tu'- ich's nicht! Wenn's sein kann, werde ich hundert!"
„Aber in der Zeitung hat's gestanden!" behauptet er. ■ „Sie sind als Leiche aus der Spree gefischt worden bei Berlin. Ihre Papiere, auch Geld, fanden sich in der Rocktasche. ■ Ihre 'Erben' haben Sie rekognosziert ..."
„Oho!" wetterte ich. Tenn mir wurde langsam unheimlich zu Mute. . „Dann habe ich! auf der Welt ja wohl gar nichts mehr zu suchen?"
„Speziell hier in Raschberg wahrscheinlich nicht!" belehrte er mich voll Bedauern. „Ihre Villa ist ja längst verkauft. Mit der ganzen Einrichtung! Tann haben Ihre drei Neffen von der Lebensversicherung zwanzigtausend Mark ausgezahlt erhalten Und sind, soviel ich weiß, nach Amerika ausgewandert . . ."
„Mordselement!" keuchte ich wütend. „Das ist ja eine Bescherung. Aber das wird annulliert werden! Ich bin nicht tot. Ich will mein Leben noch genießen! Ich will sogar heiraten. Meine Neffen sollen sich freuen. Ich hoffe auf ganz anders Erben! . . . Wie geht's der kleinen Frau Schlüter, Herr Inspektor, sie ist doch wohlauf?"
Das war nämlich die Gefährtin, auf die ich spekulierte.. Eine halbe Million hatte sie. Ich erwähne das nur so beiläufig.
„O, der geht's ausgezeichnet!" berichtete der Beamte. „Tie ist gestern hier von diesem Perron aus auf ihre zweite Hoch- ^cit^rcifc gegangen
„Was, Teufel, sie hat geheiratet?" brüllte ich wie toll, so daß der Mann mit der roten Mütze unwillkürlich ein paar Schritte! zurückwich. >
„Ten Doktor Märker!" nickte er. 1 ।
„Wie konnte sie!" stöhnte ich und' schlug die Hände vor das Gesicht.
Sie waren doch tot, Herr Kommissionsrat!" sagte der Bahnhofsbeamte'voll Teilnahme.
Da nahm ich ein Billett und fuhr mit dem Zuge, der gerade einlief, nach Berlin, weil ich fürchten mußte, in Raschberg tob?, süchtig zu werden.
Als ich in Berlin den Fuß aus dem Kupee setzte, hat mich auch schon ein Kriminalschutzmann beim Kragen. Die Lebensversicherungsgesellschaft ließ mich nämlich wegen Bettugs verhaftens
Es dauerte Wochen, ehe sich alles aufgeklärt hatte. Ter Dieb, der mit meinem Rock und meinen Papieren als guter Beute entkommen war, mußte bei einer andern Affäre verfolgt worden sein und war in die Spree gesprungen und dort untergegangen. Vielleicht auch hatte der Alkohol ihm einen Streich gespielt. Jedenfalls hätte man ihn für mich gehalten, und ich war durch diese verhängnisvolle Kette von Ereignissen nicht nur ein armer Man geworden. Auch meine Heiratspläne waren zerstört. Mein Ruf hatte eine schwere Schädigung erfahren, so daß ich Not hatte, meine Auftraggeber zu bestimmen, die von mir in Rußland abgeschlossenen Verträge zu sanktionieren. Sie hatten Mich selbstverständlich gleichfalls für tot gehalten und waren nachher natürlich voller Mißtrauen. . .
Na, Schwamm drüber! ... Es kann mir nicht wieder passieren. Ich habe mir seitdem meinen Taufschein auf die Brust tätowieren lassen und trage im Paß einen entsprechenden Hinweis darauf. Zum zweitenmal fischen sie mich nicht aus der Spree und stecken mich nachher auch noch für ihre Leichtgläubigkeit ein. Tas ist sicher!" sagte er und schwieg dann, von der Erinnerung offenbar erregt.
Der Bürgermeister hatte Lwar gern auch noch den Taufschein gesehen. Aber die steife Hemdbrust verhinderte leider jede Einsichtnahme.
Ich selber hätte das Glück, den Herrn Kommissionsrat acht Tage später tief im Walde bei einem Lust- und Sonnenbade zu überraschen. Es war inzwischen Prachtwetter geworden.
Wir schüttelten üns die Hände als Kurgeuossen und freutest uns der Gleichartigkeit unseres in der Ausdehnung so herzlich bescheidenen Kostüms. Plötzlich jedoch mußte ich fragen:
„Ja, wo ist denn Ihr berühmter Taufschein, Herr Kommissionsrat?" 1 :
Auf der breiten Männerbrust war nämlich nicht die geringste Spur der interessanten Tätowierung zu entdecken.
Er erschrak sichtlich. Dann nahmen seine Züge einen blöd- bitteuden Ausdruck an. ,, ., _
„Nicht wahr," stotterte er hastig, „Sie verraten mich nicht? Ich weiß selbst nicht, wie ich zu der Geschichte neulich gekommen bin. Aber an dem verdammten Stammtisch wird von .allen Seiten gelogen. Man gilt nichts, wenn man nicht -auch etwas Imponierendes aufzutischen 'hat. Und da dichtet man sich unbewußt allerlei zusammen!" _ v . * .... ...
„Sie dichten aber nicht ohne Talent, Herr Kommissions- rat!" sagte ich sarkastisch. , ' ..... „
„Finden Sie wirklich?" ries er, plötzlich wieder m ein heiteres Selbstbewußtsein umschlagend. „Dabei bin ich niemals in Rußland gewesen! Und eine Villa habe ich auch nie besessen!
„Schwindelmeier!" titulierte ich ihn, nicht ohne eine Note bewundernder Anerkennung seiner Münchhausen-Phantasie
Er lächelte geschmeichelt. Und am Abend rief er mich aus Tankbarkeit zum Zeugen an. Ich mußte dem Stammtisch bestätigen, daß ich beim Lustbad im Walde fernen „Taufschein" gesehen habe . . _______ 1 1


