512
eigentlichen Rußland' bildete. Unter diesen breiten, von wuchtigen Zinnen bekrönten Mauern, unter diesen Zinnen und Grüben also sollte die-Schlacht geschlagen werden, die alle ersehnten, wie der Wüstenwandcrer die Oase. Napoleon befahl den Sturm auf die Stadt, an dem von deutscher Seite besonders die Württemberger des Korps Ney beteiligt waren.
Anschaulich schilderte Oberst von Stockmayer diesen blutigen Angriff: „Den 17. August nachmittags um 1 Uhr kam Marschall Ney zu mir und befahl mir, mit der Brigade sogleich aufzup brecheu und den Feind aus der Vorstadt Stasnaia an dem linken Dnieprufer zu verjagen und diese Vorstadt bis unter die Wälle von Smolensk zu besetzen, indem Kaiser Napoleon auf der ganzen Linie einen Angriff machen werde. Meinem Bataillon übergab ich nun die Avantgarde und rückte somit in einem dreifach sich kreuzenden Kanonenfeuer vor. Nach einigen Chargen ließ ich die Vorstadt stürmen und verfolgte den bald daraus fliehenden Feind, nachdem ich mehrere Gefangene gemacht hatte, bis unter die Mauern von Smolensk." Die Russen wurden aus allen Vorstädten herausgeworfen; nur die Petersburger Vorstadt verteidigten sie noch am 18. hartnäckig, um ihren Wzug zu decken; sie hatten in der Nacht die innere Stadt geräumt und die Brücken zerstört. Von der Eroberung dieser letzten Vorstadt erzählt Martens, wie sie in die Gärten eindrangen und, unterstützt von ihrer Artillerie, ein heftiges Kleingewehrfeuer begannen. Er kam dabei einem jungen französischen Offizier zu. Hilfe. „Hocherfreut über den unerwarteten Zuwachs faßte mich der feurige französische Offizier bei der Hand mit den Worten: „Venez, mon ami, partageons notre fort!" und ließ mir einen Schluck geistigen Getränkes aus seiner Feldflasche zukommen. Kaunr hatte ich mich aber für den labenden Trunk bedankt und zu meinen Leuten gewendet, die mit den Franzosen an der Hecke des Gartens verteilt waren, als eine feindliche Kartätschenkugel den Kopf dieses wackeren Jünglings, dessen Bekanntschaft ich erst vor. einigen Minuten gemacht hatte, so zerschmetterte, daß Teile seines Hirns Und Bluts an der hölzernen Wand des Gartenhäuschen hängen blieben. Welch ergreifender Anblick für mich! Zum erstenmal in meinem Leben sausten die feindlichen Kugeln gleich einem Hagelwetter, welches das Laub von den Bäumen zu Boden niedcr- schmetterte, um meinen Kopf."
Als die Russen Smolensk endlich aufgaben, wären die Vorstädte in rauchende Trümmer verwandelt, zwischen denen Massen halbverbrannte Leichen lagen. „Die abziehenden Ruffen hätten alles verwüstet, was irgend hätte von Nutzen sein können," erzählt ein Mitkämpfer. „Leichen überall, aber welche Leichen! Die Körper waren zerschmettert, platt gefahren und getreten, das Blut hatte sich mit dem Staube vermischt und war mit demselben zu einer festen Masse zusammengeknetet; die Straßen waren wie mit einem dicken weichens Teppich bedeckt. Mit Schaudern dachte man: das waren Menschen wie du, das kann auch aus dir werden! Auch ich zog darüber hinweg, wie Tausende vor und nach mir, als ich zwischen zwei niedergebrannten Häusern einen schmalen Garten bemerkte, in welchem unter Obstbäumen, die verkohlte Früchte trugen, fünf oder sechs im eigentlichen Sinne des Wortes gebratene Menschen lagen. Die Hitze hatte die Sehnen der Arme und Beine zusammengezogen und in gräßlicher Verzerrung krumm gegen die schwarz gesengten Leiber gebogen. Die Lippen waren von den weißen, schrecklich hervorstehenden Zähnen zurückgezerrt. Und tiefe finstere Löcher bezeichneten die Stelle der Augen. Furchtbar schön, grausig großartig war der Anblick des brennenden Smolensk, dessen Mauern und Türme gespenstisch aus dem Flammenmeer ragten. „Die glühende Wendsonne vermischte ihre .Strahlen mit der Glut des Brandes," berichtet der Maler Adam. 7,Nie in meinem Leben sah ich wieder solch zauberische Lichteffekte; selbst der Rauch der Lagerfeuer erhielt durch den Widerschein eine rötliche Farbe und gab dem ganzen Treiben in dem lichten Wälde etwas Geisterhaftes."
Vermischtes.
■ , —- H e i n e a ls „M ephi st o". Etwas dämonisches und Uir- chermlrches muß in der Persönlichkeit Heines gelegen haben, denn einige feiner Pariser Bekannten sahen in ihm eine Verkörperung des leibhaftigen Beelzebub. Einige Züge, die das Mephistohäfte Hetnes illustrieren, fülftt Robert Launay in einem Aufsatz des Meroure de France „Heinrich Heine und sein Nationalismus" an: 7,Der, sardonische Ton und die außerordentliche Schärfe seines Spotts,, sein Atheismus und wer weiß welche Schamlosigkeit noch hatten ihm den Ruf eingetragen, er sei der Teufel selbst. Viele betrachteten ihn mit Mißtrauen, mit fast abergläubischer Furcht, so besmrders B e l l i n i, der ihm mehr als einmal bei der Prinzessin von .Belgiojoso begegnete. Der Italiener schauderte zu- fämmen, wenn durch, Zufall der Blick Heines sich mit dem seinen treuste. Dieser schlimme Mensch mit seinen schielenden Augen, Pie mnter den gefärbten Brillengläsern hervorblitzten, hatte sicher den bösen, Blick, war ein Jettatore. Er tat übrigens alles, um Vorurteil zu befestigen und zu bestärken.
r^at ev a,n den Musiker Heran und sagte ihnl in brüsker yow fernen Nahen Tod voraus. Als Bellini im höchsten
Schrecken, das furchtbare Schicksal abzuwenden versuchte, indem et mit seinen Fingern „die Hörner machte" (ein Gegenmittel gegen den bösen Blick), da sagte Heine höhnisch: „Genießt nur noch, was Euch vom Leben bleibt: Euer ungeheures Genies verdammt euch dazu, jung zu sterben, luie Raffael; wie Mozart". „Es ist furchtbar", stöhnte Bellini, „sagen Sie nicht solche entsetzlichen Sachen. Prinzessin, ich flehe Sie an, schützen Sie mich vor ihm". Als Carotine Jaubert beide zu einem Tiner einlud, um! sic zu versöhnen, sagte Bellini ab. Vier Tage danach war er tot. Als man Heine von seinem Heimgange erzählte, hatte er nur ein schreckliches Lachen: „Ich hatte es ihm ja borausgesagt", meinte er, „er mußte also darauf gefaßt sein". Einmal besuchte Heine Thoo- phile Gautier, als er eben aus den Pyrenäen zurückgekommen war. Sein Leiden hatte ihn verwüstet und sein Ausseheir so verändert, daß Gautier ihn nicht wiedererkannte. Er war erstaunt, als der andere ihn als guten Kameraden uiid bei seinem Rufnamen „Theo" anredete. Ein geistreich scharfes Wort klärte ihn plötzlich über seinen rätselhaften Besucher auf, „Das ist der Teufel" schrie er,- „oder es ist Heine!"
— Wackelsteine. Argentinien hat den Verlust eines seiner bekanntesten Naturdenkmäler zu beklagen, des berühmten Wackelsteins von Tandil im Süden der Provinz Buenos Aires; was seinerzeit dem Tyrannen Rosas nicht mit einem Vorspann von 30 Paar Ochsen gelang, nämlich den mächtigen, fünf Meter im Durchmesser haltenden Granitblock, der auf einer nur wenige Quadratzentimeter großen Unterlage am äußersten Rande eines Abgrundes balancierte, herahzureißen, das hat nun zum Schmerz der argentiuischen Naturfreunde die Natur selbst besorgt. Die heftigen, von der Pampa her wehenden Winde versetzten den Block in Schwankungen, die bei der Größe des Steines allerdings für das Auge kaum sichtbar waren, die aber deutlich gemacht werden konnten, ivenn man in den Winkel zwischen Block und Unterlage eine leere Weinflasche legte; diese ging dann plötzlich in Scherben. Möglicherweise hat der Glasstaub die Reibungsabnutzung am Unterstützungspunkt des Blockes vermehrt und so dazu bei- getragen, seinen Sturz zu befördern. Um einen ähnlicheir Verlust und etwaiges damit verknüpftes Unheil zu verhüten, haben die praktischen Nordamerikaner einen ihrer berühmtesten Wackelsteine — festgemauert. In dem sogenannten Garden of the Gods beim Luftkurort Maniton in Colorado konnte bis vor kurzem jeder Besucher seine Kraft an dem bekannten Wackelstein, dem -„meist photographierten Steine der Welt", erproben und ihn in schwingende Bewegung versetzen, bis ihn die Stadt Manftou in der gerechten Befürchtung, er könne doch umkippen, an seinem unteren Teile mit dem Felsgrund, auf dem er ruht, durch Zement verbinden ließ. Nun wackelt er allerdings nicht mehr, aber der Ruhm des meist photographierten Steines der Welt bleibt ihm doch, und das ist in Amerika immerhin schon etwas. Auch dis Alte Welt besitzt solche Wackelsteine, in den deutschen Mittelgebirgen, den Alpen, den Pyrenäen. Wo der Granit ober ihm verwandte Gesteine durch Verwitterung in Blöcke zerlegt uni) diese Blöcke durch schalige Absonderung der äußeren Schichten allmählich gerundet werden, sind die Bedingungen zur Entstehung dieser merkwürdigen Naturspiele gegeben.
-------------------------! =il
* Feine Anspielung. Er: „Findest du nicht, Thekla, daß unsere Liebe ganz einem Roman gleicht?" — Sie: „Wer Ferdinand, soll denn dieser Roman ewig ungebunden bleiben?"
* Schlaue Einteilung. A.': „Weshalb machen Sie denn ein so verdrießliches Gesicht?" — B.: „Weil gesungen werden wird." — A.: „Sie können ja fortgehen." . B.; „Nein, nachher wird ja gegessen."
Bilderrätsel.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des magischen Quadrats in voriger Nummer»
BBB
BB
Vh
B
I
E
R
I
L
L
0
E
L
I
s
R
0
S
E
Redaktion : I. V.: E, Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,


