Ausgabe 
17.8.1912
 
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Schon einige Tage später konnte Martin Flamberg sich überzeugen, daß sein Künstler äuge recht vermutet hatte.

Drei Tage nach seinem Besuch kud ih'n ein silbergraues Kärtchen zu einer Abendgesellschaft in kleinem Kreise . . . ein Kärtchen, bekritzelt mit einer seltsamen Handschrift: feste Auf- und Abstriche, doch umschwirrt von einem kapri­ziösen Gewirr hin- und herfahreuder Schnörkel. . . links oben in der Ecke ein Doppelwappen, vermutlich das Adels­wappen derer von Brandeis und das bürgerliche der alten Düsseldorfer Patrizierfamilie, ans der die junge Frau hervorgegangen . . . Freilich! sie konnte es sich leisten, das Wappen ihrer Sippe neben dem adeligen anfzn- pflanzen...

Er führte die Frau des Hauses zu Tisch- Außer ihm: Major von Sassenbach mit Frau und Töchtern, Ober­leutnant von Schoenawa und Leutnant Blowitz.

Heute sah er sie ganz anders.

Die drei andern Damen, die Offiziere, nicht zuletzt der Gatte, gaben dieser Frau eilte Folie, die sie seltsam hob... In dieser Umgebung, wahrhaftig, erschien sie wie ein hin­verwehtes Wunder.

Aller Augen hingen an ihr; sie beherrschte die Unter­haltung.

Spießbürgerliche Mißbilligung lag auf dem spitzen Ge­sicht der Frau von Sassenbach . . . rötete ihre Nase . . . ließ ihre grauen Augen in frostigem Pharisäertum funkeln . . .

Die stattlichen Majorsmädel verschlangen die elegante junge Frau in naiver Bewunderung ..."

Leutnant Blowitz, ein braver Junge, huldigte ihr mit knappenhafter Ergebenheit. . .

Schoenawa, ein kalt beherrschter Energiemensch, ver­folgte jede ihrer Bewegungen mit verschlossenem, finsterm Ernst. . . Nur zuweilen flimmerte in seinen frostigen schwarzen Augen ein heißer Strahl; der verriet Martin Flambergs geschultem Malerauge: auch dieses Mannes Seele, soviel er davon besitzen mochte, stand im Banne der Hausherrin. . .

Ihr Gatte glänzte übers ganze Gesicht vor demütig an­betender Bewunderung, vor Glück und Stolz, der legitime Besitzer so vieler Herrlichkeit zu sein . . .

All diese Verehrung, diese teils freiwillige, teils wider­willige Bewunderung steckte den Maler an.

Und .wirklich ... sie sah strahlend aus... sie trug eine fraisefarbene Seidenrobe, überrieselt von einem bronze­farbenen Spitzengewirk. . . Der Ausschnitt ließ eine Schul­terlinie von adeliger Zeichnung frei, den Hals mit leisem Rosa angetönt. . . ihn umzog ein dünnes goldenes Kett­chen mit einem smaragdgrünen Darmstädter Glasschmuck . . . Für Maleraugen ein Fest . . .!

Das sprach er nach Tisch bei der Zigarre dem Haupt­mann aus.

Der griff die Andeutung rasch und gewährungs- freudig auf.

Martin merkte, er war einem geheimen Wunsch seines Kompagniechefs entgegengekommen...

Und zwei Tage später stand der Maler int Winter­garten der Villa Brandeis mit Pinsel und Palette der Hausherrin gegenüber. Flamberg hatte sich ein förm­liches Atelier zwischen den Palmen und Skabiosen im­provisieren dürfen. Als Hintergrund hatte 'er eine spa­nische Wand aufgestellt und eine blaßrosa Sammetdecke darüber aufgehängt, die er in einem der Salons ent­deckt hatte.

Er selber trug über der grauen Litewka eine grobe blaue Küchenschürze, die Frau Cäeilie persönlich unter Lachen und Scherzen ihm umgebunden. . .

Und nun durfte er sie ungeniert und gründlich betrach­ten, wie sie vor ihm im Sessel lehnte in dem Kostüm von neulich, das er sich ausgebeten hatte... in der fraise­farbenen Seidenrobe mit dem rieselnden Gewirk bronzener Spitzen. . . mit dem geraden Ausschnitt, der die herrliche Schulterlinie enthüllte. . .

Seltsam war ihr zumute unter dem durchdringenden, enthüllenden Blick der braunen, durstigen Künstleraugen... Weich . . . hingebend . . . opferfroh . . .

Einmal trat der Maler aus sie zu, um ein paar Falten ihres Gewandes anders zu ordnen... da durchschauerte es, sie . . . unwillkürlich schloß sie leise die Augen . . . neigte das flimmernde, duftende Haupt zurück. . .

Martin Flamberg mußte sich zusammennehmen. . . mutzte mit Gewalt an seine ferne Agathe denken . . .

Und das wär nun jeden zweiten Tag' ein paar Stunden . . . jeden zweiten Tag. . .

Manchmal kam Hauptmann von Brandeis vom Nächst mittagsbesuch int Kompagnierevier zurück, steckte, freundlich lächelnd, den Kopf insAtelier", warf einen prüfenden Blick auf die Fortschritte des Abbildes . . einen strahlen­den auf das Original. . .

Das Lächeln, das diesen Blick erwiderte, ward täglich matter unb matter . . . Brandeis merkte es nicht.

Wie finden Sie meinen Mann?" fragte Frau Cäeilie einmal'den Künstler.

Ich bin ihm sehr gut, er ist so eine wahre Natur, durch und durch echt so etwas empfinden wir stets als besonders! wohltuend wir verlogenes, verdorbenes Künstlergesindel, wir"

Verlogen und verdorben seid ihr alle so-.?"

Alle . . . das liegt in unserm Handwerk. . . das' ganze Leben ist uns ja doch nur ein Vorwand . . . alle Menq schen sind uns nur Mittel zum Zweck. . ."

Aber zu was für einen Zweck!"

Zu keinem schlechten das weiß Gott! Mer die Menschen, die mit uns umgehen, sind dennoch immer be­trogen . . . wir nützten sie aus, und sie dürfen's nicht merken . . . beileibe nicht. . . daß sie uns nichts sind als Modelle!"

Das sagen Sie ein Bräutigam?"

Das . . . steht auf einem andern Blatt, gnädige Frau . . ."

Also doch nicht so ganz Uebermensch . . . doch irgendwo ein Fleckchen in Ihrem Herzen, wo man sich anbaueit kamt?!"

Martin Flamberg malte und schwieg.

Heute abend bleiben Sie zum Tee bei uns! Mein Mann kommt erst um acht Uhr aus der Kaserne zurück Sie werden mir inzwischen Gesellschaft leisten, und ich werde Ihnen etwas Vorsingen!"

Martin Flamberg atmete tief auf. . .Wer könnte danein" sagen?"

Ich habe schon lange auf die Gelegenheit gelauert, Ihnen zu zeigen . . . ein bißchen Wer bin ich auch ... ein bißchen mehr als all die Kommißgänscheu hier herum.... ein ganz klein bißchen pass' ich auch in die Welt, in der Sie heimisch sind"

--Und Frau Cäeilie saß am Flügel. . .

Sie schien zu wachsen, als nun die ersten Akkorde auf- schauerten unter den schlanken, nervösen Fingern . . .

Nur die Kerzen gm Instrument brannten; im Zimmer .. < warfen gelbe Lichter auf die erdbeerfarbene Seide. . .> flimmernde Reflexe in die straffe Haarkrone darunter schimmerte die weiße Stirn mit mattem Opalglanz . . .

NUn öffnete sich sanft der schmale Mund . . . und weiche Töne quollen durchs Zimmer:

Nicht int Traume hab' ich das gefehlt, hell im Wachen stand es schön vor mir, eine Wiese voller Margeriten . .

Martin saß int Halbdunkel. Ah', StraußensFreund­liche Vision" die dunkelschwüle Weise, wie sie zu der Stunde paßte. . . Martins Seele löste sich ganz ... ein heißes Fluten Hub an, wogte und iuebte durcheinander . . « Und ich geh mit einer, die mich lieb hat, ruhigen Gemütes in die Kühle dieses stillen Gartens, in den Frieden, der voll Schönheit wartet, daß wir kommen."

Mit einer, die mich lieb hat. . . Agathe. . . Agathe.

Gewaltsam hatte Martin die Erregung zurückzudrängen versucht, die' aus der Tiefe seiner Seele in seine Augen quoll . . . Nun übermannte es ihn plötzlich. . .

Herr Flamberg, was haben Sie?"

Ich habe heim gedacht . . . heim gedacht an eilt fernes Mädchen das hat keine Ahnung, daß ich in diesem Augen­blick"

Nun was?"

daß ich einer Stimme lausche; . . . einer Stimme^ die nicht die ihre ist..." '

Nun und was ist dabei?"

Viel ist dabei--"

Ach Sie Sie Künstler Sie ich weiß ja, alles nur Vorwand, alles pur Modell . . . Sie habens ja selbst gesagt." '

Gnädige Frau!"

Haha. . . nun wollen Sie's wohl gar nicht Work