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Eva.
Langsam sank Arnthors Hand mit dem Brief nieder. Sein Blick flog hinaus, über das Meer, weithin zur Ferne, mit einem verklärten Aufleuchten. Es war wie ein Grüßen,^ wie ein stilles Bejahen.
Dann ging er vom Schiff, seiner grauen Zukünft entgegen; aber es stand darüber, wie am WetterhimMel! der mildleuchtende Friedensbogen, das Sonnenmal der Verheißung. '
Und darum fürchte nichts für mich und meine Zukunft. Ich habe ja nun wieder ein Lebensziel, Dü weißt es jar Für mein Kind mich ganz zu opfern, es mir voll zurück« zugewinnen. Daß ich aber bei diesem schweren Werke den richtigen Weg einschlagen und immer wieder die nötige Kraft haben werde, das gibst Du mir, Geliebter.
Bitte, bitte, vergiß die häßlichen Worte, die ich Dir damals in Verzweiflung zurief? Es ist ja nicht wahr: DU rissest nichts nieder von dem, was Du in mir aufgebauh hast — nein, Einzigster, mit Deinem großen Entsagen kröntest Du Dein Werk an mir. Und alle Deine Worte^ alle Deine Lehren, sie leben in meinem Herzen, sie werden mich in Stunden des Zweifels, des Wankelmuts, wieder aufrichten. Dir gleich — Dir nach! Das soll die Richtschnur in meinem Leben sein.
Und nun erlaube, Geliebter, daß ich noch einmal von uns beiden rede. Auch da ist es still und klar in mir geworden. Ich darf es Dir heute bekennen, mit freudigem Stolz: Auch ich habe mich überwunden. Du hattest recht, wieder recht, mein Hjalmar, Du kanntest mich abermals besser.
Der Weg, den Du uns vorgezeichnet, er ist der einzige, den wir als ehrliche Menschen gehen konnten, wollten wir nicht uns selbst im Innern zerstören. Run vergib mir auch die harten, lieblosen Worte, die ich neulich im ersten Schmerz gegen die unglückselige Frau an Deiner Seite gebraucht habe. Jetzt sehe ich ja erst, wie namenlos sie zu leiden hat. An Deiner Seite hinzuleben, ohne Dich doch wirklich besitzen zu können — das ist noch furchtbarer, als was ich jetzt! zu tragen habe!
Darum ist mein ganzes, unendliches Mitleid bei ihr; ich denke an sie wie an eine arme, todkranke Schwester., Ja, ja, mein Hjalmar, geh zu ihr, eile, und .gib der Unglücklichen, was Du ihr noch geben kannst, um ihr Los zu erleichtern. Fürchte nicht mehr, daß mein frevelndes Sehnen ungeduldig hinter Euch steht, ihr Ende herbeirufend. Nein, nein! Gott füge es, wie es bei ihm beschlossen ist.
Aber — und nun zürne mir nicht, Hjalmar, schilt nicht, wenn ich ein letztes noch im tiefsten Herzenswinkel Dir zeige. Ich habe lange gekämpft, ob ich es tun sollte. Aber nun geschieht es doch, weil ich fühle, es wäre nur schwäch^ liehe Heuchelei, wollte ich es Dir verheimlichen.
Frei sollst Du sein, frei bist Du ja nun, Hjalmar, wie Du es mußt, um erhobenen Hauptes weiterhin neben Deiner Frau hinzugehen. Aber eines kannst Du nicht hindern: Daß ich mich Dir verbunden fühle, daß nur Du in meinem Herzen einen Platz haben wirst, so lange es schlägt, und? daß ich nie, nie einem andern auch Nur das leiseste äußerliche Recht auf mich einräumen werde! Jetzt, wo ich in Dir lebe und webe, fühle ich auch Kraft genug, meinem Sohn beit Vater zu ersetzen. Er soll das Bild lieben lernen, das ich von Dir int Herzen trage — er soll werden wie Du! Das aus ihm zu machen, wird mein Glück, mein ganzes Glück sein.
Du siehst, ich bin nicht arm,. Hjalmar; aber dennoch, dennoch hege ich ein verborgenes Hoffen, ich könnte doch noch reicher werden, — unermeßlich reich!
Vielleicht einst nach Jahren, wenn der Tod der Armen dort und Dir Erlösung gebracht hat, wenn dann Deine; Trauer stiller geworden ist und Dü siehst Dich in Deiner! Einsamkeit um nach einer Menschenseele — dann, dann, Hjalmar, wisse: Ich harre Dein!
Zürnst Du mir, Hjalmar? Ich kann es nicht glauben.
Wieder bist Du bei mir, in dieser Stunde, und ich höre Deine Worte, die Du sprachst, als wir uns losrangen voneinander:
„Ich halte in Treue fest, was ich einmal erfaßt habe." Hast Du nicht auch mich erfaßt, Hjalmar?
Und nun allen Segen über Dich!
selbst den stützenden Mannesarm; sie hätte ja nicht die Kraft, allein den Lebenswogen stand zu hätten, er selbst chatte es ihr ja so klar gemacht, daß dies ihre einzige Rettung war — daun würde geschehen, was mußte, auch wenn ihr Herz sich dagegen sträubte, die Vernunft erforderte es ja: Sie würde wieder heiraten.
Ein unaussprechliches Weh legte sich auf seine Brust t—. tote es auch käme, er hatte sie verloren, auf immer!
Es war gut, daß er da vor dem Bureau des Zahlmeisters stand. Nur immer an anderes denken, sich auf die nüchternen Dinge des Alltags stürzen, gar nicht mehr zum Besinnen kommen — das war das Richtige für ihn.
Amtchor trat in den Raum und bat um seine Rechnung. Während er dann seine Brieftasche zog und ihr einige Bankscheine entnahm, hörte er den Zahlmeister sagen:
„Es ist auch noch ein Brief für Sie angekommen — vorhin erst. Er liegt noch hier'"
Etwas überrascht sah Amthor auf. Ein Brief für ihn? Wer chatte ihm zu schreiben? Von Island konnte ja in dieser kurzen Zeit keine Nachricht nach hier kommen, und woher sonst? Sollte sie etwa — ?
Schnell nahm er den Brief aus der Hand des Zahlmeisters entgegen, ein Geschäftskuvert, wie man sie in Hotels und Bahnhöfen findet, und richtig, da las er ja auch: Bahnhofshotel Drontheim; dann seine Adresse in einer ihm unbekannten Handschrift.
Aber plötzlich durchzuckte es ihn. Er halte diese feinen, klaren Züge doch schon einmal gesehen — Eva! Ja, von ihr mußte diese Botschaft kommen!
Hastig erledigte er das Zahlgeschäft; dann ging er hinaus. So brennend war das Verlangen nach Gewißheit, daß er nicht erst noch einmal nach hinten in seine KaMe ging, sondern gleich hier auf das Zwischendeck hinaustrat, wohin sich nur selten ein Passagier verirrte.
Er riß den Briefumschlag auf, und nun sah er: Wirklich von ihr!
Mit zitternden Augen las er:
Mein einzig Geliebter!
Verzeih, wenn ich Dir ungehorsam bin und Deinem Willen zuwider noch einmal an Dich herantrete. Es wird pur dies eine, einzige Mal geschehen — ich verspreche es Dir — aber diesmal mußte es sein.
Wie von einem furchtbaren Wirbelsturm bin ich ja, so eilends, ohne jede Besinnung, von Dir fortgeweht worden. Nun aber, wo ich, allein mit mir auf ber enblosen Dampferfahrt hierher, toi eher zu mir gekommen bin, nun quält M mich unerträglich, daß ich so von Dir geschieden bin, so ohne jede Fassung. Züge, die ein wahnsinniger Schmerz perzerrte, sind Dir so als die letzten Eindrücke von meinem- Wesen geblieben. Das peinigt mich, wie ich es gar nicht sagen kann, und darum schreib' ich Dir, Hjalmar. Wenn Du schon auch nicht mit eigenen Augen mehr sehen kannst, fvie es nun in mir ausschaut, so sollen Dir doch diese Zeilen wenigstens ein Bild davon geben.
Ein besseres und toahreres Bild von mir — das glaube mir, Hjalmar! Ich habe mich zu mir zurückgefunden und Du würdest jetzt Deine stille Freude an mir haben, Du, mein Geliebter.
Doch ich will aufrichtig fein, es hat seine Zeit gebraucht, «he es dazu kam. Erst habe ich mich weiter in meine Verzweiflung hineingewühlt, daß ich meinte, wirklich den Ver- Kand zu verlieren. Du weißt es ja nicht, wie ich Dich riebe, Hjalmar — was es für mich heißt, Dich verlieren!
Aber gerade wie ich so in sinnlosem Schmerz da lag, nicht fähig, mich mehr zu rühren, da war es plötzlich, als ob Du zu mir trätest, wieder mit Deiner guten Hand Wer meine zückende Schläfe strichst und mir leise, leise! Rrost zusprächest. Ich hörte so deutlich Deine liebe Stimme mir im Ohr klingen: „Ich bin ja bei Dir, meine Eva, mit federn Schläge meines Herzens! Du bist ja nicht verlassen. Und bau auf mich: Wenn je Verzweiflung über dich kommen will, flüchte dich in Gedanken zu mir, ruf’ nach mir. und fch werde bei dir fein!"
Siehst Du, Hjalmar, da wurde ich .ruhig, und seitdem vin. ich es geblieben, werde ich es immer sein. Ich weiß ja nun: Ich habe Dich nicht verloren — Du bist bei mir, jn all meinem Fühlen und Denken. Dü hast von meinem Weien so Besitz ergriffen, daß ich nur noch in Dir lebe und leben werde.


