631

Und diesen Herrn Voelz, der sich einbildete, weil er Volontär wär, hätte er keine Pflichten, den wollte sie sich schon langen, der sollte-- . 1

Da 'ging rasch die Tür aus, und Bernhard Voelz kam herein. Blond und frisch, wie aus dem Ei gepellt, und mit dem gewöhn­lichen liebenswürdigen Lächeln um die Lippen, das allerdings jetzt etwas Gezwungenes hatte, denn der tägliche Morgenbesuch bei Fräulein Wolters war ihm äußerst unsympathische Gegen alte Jungfern mir spitzen Zungen hatte er ohnedies von jeher eine tiefe Abneigung gehegt, und seit die Wolters sich erlaubt hatte, ihn dem Baurat gegenüber alsden Herrn Faulontär" zu be­zeichnen, da empfand er vor ihren scharfen grauen Augen geradezu etwas wie Furcht.

Er warf jetzt einen schuldbewußten Blick auf die Uhr, die bereits zehn Minuten nach 11 zeigte, legte ein Päckchen Briefe aus die Schreibtischecke und sagte:

Es ist nicht viel heute, Fräulein. So 'ne tüchtige Kraft wie Sie schafft das in 'ner knappen Viertelstunde!" Es sollte wohl eine Art Entschuldigung sein, aber Klara faßte es als Kohn auf. Bitterböse sah sie nach ihm hin.

.Lassen Sie doch die Redensarten, Herr Voelz! Und über meine Tüchtigkeit können S i e wohl am wenigstens urteilen, da Sie ja nur spurenweise im Bureau auftreten!"

Bernhard Voelz wurde blutrot und biß sich auf die Lippen. Dann warf er mit einem spöttischen Auflachen den hübschen Kopf zurück.

Eigentlich müßte ich Ihnen ja jetzt mit gleicher Münze dienen, Fräulein Wolters. Aber ich beherrsche mich Demut dem Alter gegenüber ziert die Jugend!"

Damit ging er und knallte unsanft die Tür hinter sich zu. Klara bebte vor Aerger am ganzen Körper. Sie glaubte zwar immer, über derlei Anspielungen erhaben zu sein, aber das Weib in ihr wehrte sich instinktiv gegen die Bezeichnung:Alt". Mit keiner groben Antwort hätte Voelz sie so empfindlich treffen können sie wollte ihm das schon heimzahlen bei der ersten besten Gelegenheit. Ihre Erregung war so groß, daß sie jeden Brief erst zweimal durchlesen mußte, um deir Inhalt zu .erfassen.

Als der Baurat kanr, hätte sie daher noch kaum die Hälfte journalisiert und bekam ein paar scharfe Worte zu hören; über­haupt schien der Rat, der wohl immer streng, aber selten miß­launig war, heute in ausnahmsweise schlechter Stimmung und Klara atmete auf, als sie um Eins ihre Sachen zusaminenpacken und zu Tisch gehen konnte.

Auf dem Flur begegnete ihr der Kanzleidiener mit einem Stoß Akten. Er blieb stehen und zwinkerte mit den Augen. Na, Fräulein, so bedrippt? Wohl böses Weiter heute drin, was?" Ja, Lemke ganz auffallend! Was ist! denn los? Wissen Sie irgend etwas?"

Ter alte Beamte trat näher an sie heran und sich vor­sichtig um.

Ja, Fräulein es .soll zwar nicht darüber gesprochen werden aber weil Sie doch schonst so lange hier sind also, die Kasse sttmmt nämlich nich. Schon seit 'ner Woche nich. Und heute haben 300 Mk. gefehlt. Ter Maaß ist rein aus'n Häuschen und der Herr Baurat hat heute mächtig ge­schimpft und was von ungetreuen Beamten gesagt."

Nein, aber Lemke, das ist ja schrecklich! Wie ist denn das nur möglich? Ist deuu der Geldschrank aufgebrochen worden?"

Lemke schüttelte betrübt den grauen Kopf.

I bewahre, Fräulein. Tas ist es ja eben. Es bleibt aus einem aus'm Bureau sitzen, sonst kommt ja doch kein anderer hier ins Haus. Wenn ich'n Witz machen ivollte, denn würd' ich sagen:Tas kann nur ein Bekannter sein, ein Fremder tut das nich!", aber mir is jarnich witzig zu Mut. Na denn! Mahlzeit auch, Fräulein; juten App'tit!"

*

Während der nächsten Tage war die Stimmung im Bau­bureau eine höchst ungemütliche, lieber die heikle Geschichte sollte Nicht viel geredet werden, und doch beschäftigte sie alle auss lebhafteste; die Intimen tuschelten zusammen, bedeutungsvolle Blicke flogen hin und her, jeder hatte natürlich einen anderen bestimmten Verdacht und hütete sich doch, ihn anzudeuten. Der Baurat ging ständig mit einer Gewitterwolke aus der Stirn um­her, und wer konnte, vermied es, in seine Nähe zu koniinen. Klara Wolters war schlimm daran. Sie mußte mit dem erregten Mann, der über ein derartiges Vorkommnis in seinem Bureau außer sich war, täglich stundenlang zusammen arbeiten, konnte ihm nichts recht machen und geriet schließlich in einen solchen Zustand von Nervosität, daß ihr Fehler unterliefe::, die sie nie für möglich gehalten hätte.

Dazu waren die Aussichten, das Defizit in der Kasse auf» züklären, sehr gering, obwohl sogar ein Kriminalbeamter sich eingefunden und Einzelverhöre angestellt Hatte eine Maß­nahme, durch die die davon Betroffenen sich natürlich schwer beleidigt füllten. Auch Klara, als Verwalterin der Portokasse, wär darunter gewesen; Scham und Trotz hatten sie verleitet, die Kreuz- und Querfragen des Polizisten nur widerwillig zu beantworten, und die mißtrauischen Micke, vnt denen er sie darauf­hin musterte, waren ihr nicht! entgangen.

Am Ende hatte man sie noch selbst im Verdacht . . . aller« dings, gerade sie war ja ab und zu in der Kasse allein gewesen,/ wenn die Post zu frankieren war und Herr Maaß Marken aus dem Nebenzimmer holte!

Ein fast krankhaftes Verlangen, den Täter zu entdecken, er­faßte sie. Sie zersann sich den Kopf, zu welcher Zeit denn überhaupt die Beraubung des Geldschrankes möglichst gewesen war Herr Maaß hatte hoch und teuer versichert, ihn stets vor seinen: Fortgehen verschlossen zu haben. Aber traf das auch wirklich zu?

Die beiden Herren von der Kasse hatten nämlich englische Arbeitszeit bis 5 mit einer Stunde Mittag, und gingen während! derselben meist zusammen in ein nahegelegenes Restaurant zum Essen. Mitunter indessen arbeitete Herr Maaß durch, um schon um 4 Uhr schließen zu können, und an einem solchen Tage hatte Klara zufällig, als sie eine Cito-Sache noch rasch erledigen wollte, von ihrem Fenster aus gesehen, wie er ohne Hut und Mantel -über den Hof ging und durch den Hintereingang einer im Nebenhaus belegenen Stehbierhalle verschwand. Wenn nun jemand anders! dieselbe Beobachtung gemacht und die sehr wahrscheinliche Folge­rung .barm: geknüpft hatte, daß Herr Maaß dann nur die Außen­tür des Kassenzimmers zuschloß, da sich doch im ganzen Haus keiner der Beamten mehr aufhielt?

Klara beschloß, von jetzt an ihre Mittagszeit zu opfern und sich auf die Lauer zu legen, denn wenn auch Herr Maaß jetzt wohl den Geldschrank zusperrte, so war doch hundert gegen eins zu wetten, daß der Dieb sich davon wenigstens überzeugen würde.

Fast eine Woche saß sie vergeblich auf ihrem Posten; da endlich, am Samstag, sah sie ihn wieder gegen 2 Uhr eilig über den Hof gehen, und das kteine Bierlokal betreten.

Sie wartete mit 'klopfendem Herzen noch fünf Minuten dann ging sie leise die Hintertreppe hinab und durch die leere Schreibstube und den Materialienraum in den vorderen Korridor. Tie Tür zum Kassenzimmer war zur Hälfte verglast und durch einen Friesvorhang abgeschlossen; sie schob ihn vorsichtig bei Seite und fast hätte sie einen lauten Schrei ausgestoßen da stand ein Mann neben dem Geldschrank, rüttelte an der Jnnen- tür und versuchte vergeblich, sie zu öffnen. Jetzt drehte er sich um, mit einem hoffnungslosen Zucken der Schultern es war Bernhard Voelz.

Klara mußte sich mt dem Türrahmen festhalten, so zitterten iHv die Knie. Und das einzige Gefühl, das sie in diesem Augenblick beherrschte, war das einer tollen, wilden Freude.

Er gerade er der Liebling, der Unwiderstehliche dieser impertinente blonde Junge, der ihr immer so unverblümt zu verstehen gab, daß sie eine alte Schachtel war, ah, wie er jetzt klein werden würde, jämmerlich klein--ein entlarvter

Betrüger, ein gemeiner Dieb wie sie sich weiden wollte! an seinem Entsetzen, wenn sie jetzt so unerwartet eintrat--

Schon legte sie die Hand auf die Klinke und dann! dann lies; sie sie doch wieder sinken.

Ein seltsam abwesender Ausdruck kam in ihr Gesicht: sie deckte die Hand über die Augen Gott, was für eins Erinnerung wollte da auftauchen lange vergessen, lange, lange--

Ein niedriges, halbdunkles Zimmer, und darin sie selbst verweint zwar, aber doch hochausgerichtet, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Und vor ihr ein junger Mann blond und hübsch, wie der da drin, mit demselben verstörten und doch so kindlichen Ausdruck in den unfertigen Zügen

Verzeih, Klärchen verzeih!" stammelte er schluchzend, ich war von Sinnen die Versuchung war so groß bitte den Vater, daß er's nicht zur Anzeige bringt sonst Klärchen ich bin ja ein verlorener Mensch--" Aber sie

schüttelt den Kopf, mitleidlos. Zu tief ist ihr Herz verwundet/ zu unbarmherzig ihre Ideale zertrümmert.

Nein!" sagt sie hart.Du bist ein Dieb. Tu bist verächtlich. Keinen Finger rühre ich für dich!"

Ta stürzte er hinaus, und sie bricht verzweifelt zusammen. Und dann? Das alte, traurige Lied--der entlassens

Gefangene, dem alle Türen verschlossen sind eine zerstörte Existenz verdorben, gestorben---Hatte das so kommen

müssen damals? Daß sie nicht versuchte, ihn zu retten für das Leben "für seine Familie für sich--daß sie ihn

zurückstieß in den Sumpf mit den: gauzen Hochmut der Reinen/ Untadeligen, die die Versuchung nicht kennt.--war das nicht

auch eine Schuld, ebenso schwer als die seine?

Und diese Schuld, die keine Reue mehr sühnen tonnte, die wollte sie jetzt noch einmal auf sich laden? Vielleicht ach gewiß hatte Bernhard Voelz daheim auch eine zärtliche Mutter, vielleicht schlug auch ein Mädchenherz so heiß für ihn wie einst das. ihre für den Geliebten

Tie wilde Glut der Erregung war von ihren Wangen ver­schwunden, nur eine sauste Röte lag noch darauf, und ein GlanH war in ihren Augen, der die ältlichen, strengen Züge beinahe! schön machte.

Sie klinkte leise die Tür auf.

**

Bernhard Voelz fuhr herum, wie pon erneut Peitschenhieb