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Abseits von der lärmenden Wesellschast saß Amthor, hart am Rande des jäh znr Tiefe «bstürzenden Vorgebirges, das die nördliche Spitze Europas bildet, und starrte rn die goldflüssige, weite See hinaus.

Heute nachmittag war dieHamburg" ant Nordkap angekommen. Die lauge Reise quer durch dre arktische Wasserwüste war somit glücklich beendet, und der aller­größte Teil der Passagiere hatte erlöst aufgeatmet. Nun war mau ja allen Fährlichkefien entronnen. Von jetzt machte das Schiff ja nur noch Küstenfahrt bis Bergen hinab, in all die berühmten Fjorde Norwegens Hinern. Bon den Schrecken eines abermaligen Sturmes war nun nichts mehr zu befürchten Gott sei gedankt! Sorglos konnte man sich den Freuden der weiteren Reise hingeben.

So gestaltete sich denn der Aufenthalt hier oben auf dem Nordkap zu einem währen Feste, zu einer Art Riesen- ptcknick.

Im milden Schein der Mitternachtssonne, bet einer Wärme wie an einem linden Sominertag, hatte sich alles ohne Mäntel und Plaids auf dem kahlen Felsen hingelagert, rings im Kreise nm den primitiven Bretterpavillon herum, der während bi beiden nordischen Saisonmonate hier oben in der Weltabgeschiedenheit zwei unternehmende! Händler mit ungezählten Körben Sekt beherbergt.

Jeder sprach denn auch nun dem moMierenden Ge­tränk zu, und eine allgemeine Animiertheit vereinte bald die ganze große Gesellschaft. Es herrschte eine Art Faschings st immnng; die starren Schranken gesellschaftlicher Zurückhalrung sielen unmerklich nieder, und von Gruppe zu Gruppe sprang Scherz und Lachen zündend hinüber.

Nur eine blieb still inmitten all der rauschenden Fröh­lichkeit ringsum: Eva Söllnitz. Sie hatte überhaupt unten auf dem Schiffe bleiben wollen, aber Mrs. Sanoerham und lier Kapitän hatten sie schließlich, halb mit Gewalt, ge­drängt, mitzukommen. Sie müsse sichausrappeln" das Alleinsein in ihrem Nervenzustande sei ihr ganz ge­wiß nicht gut! So war sie denn, dem Drängen endlich, müde nachgebend, mit hinaufgestiegen; aber ohne jede innere Anteilnahme war sie nun hier oben, mit äußerster Anstrengung nur nahm sie an der Unterhaltung wenigstens so weit teil, daß es nicht auffiel.

Amthor war auch mit von der Partie gewesen, aber es hatte sich ihm keine Gelegenheit geboten, mit Eva Söll- Nktz allein zu sein, obwohl er mehrfach beim Aufstieg ver­sucht hatte, das herbeizuführen. Schließlich hatte er die vergeblichen Versuche aufgegeben, und bald, nachdem sie oben angekommen waren und sich gelagert hatten, war er abseits gegangen. Der Lärm ringsum störe ihm die Stimmung, hatte er erklärt; er wolle das große Land­schaftsbild eine Weile für sich allein genießen. So war er denn hinübergegangen nach dem Plätze, wo sie ihn jetzt sitzen sah, unbeweglich in die Weite hinausblickend mit einem ernsten, traurigen Gesichtsausdruck.

In verzweislungsvollem Sehnen slog Eva Söllnitz' Blick in unbewachten Momenten zu ihm hin. Was hätte sie da­rum gegeben, hätte sie hin zu ihm können, seine Hand er­greifen und sich an seiner Schulter ausweinen können! Nur das. Sie meinte ja zu ersticken an all dem Weh, das auf ihr lastete. Mein Gott, wie unsagbar unglück­lich war sie! Und wie leid tat er ihr! Sie konnte sich ja so in seine Seele versetzen: Wie er sich zergrübelte über ihr verändertes Wesen, wie er aber keine Erklärung fand und sie daher für einfach unverständlich, für launen­haft oder charakterlos halten mußte.

Ach, das war ja das Allerfurchtbarste, so von ihm mißdeutet zu werden, all das zu verlieren, was sie so stolz und selig gemacht hatte. Und! das vor ihren Augen, vhne daß sie es ändern konnte. Es schrie ja freilich so leiden­schaftlich in ihr, so qualvoll zu ihm hinüber: Wenn du wüßtest! Aber, sie mußte ja schweigen! Der Mund war ihr versiegelt durch die infame Art der Verdächtigung.

Oder sollte sie doch reden ihm wenigstens andeu­ten, was man ihr getan? War sie nicht etwa zu über­trieben in ihrem Feingefiihl?

Eva Söllnitz begann von neuem zu grübeln und zu grübeln. Eine Stimme in ihr rief ihr ja immer lauter Und gebieterischer zu: Hinweg mit falscher Scham, willst du ihn dir nicht ganz verlieren! Was nutzt dir dein zart­fühlendes Schweigen? Willst du selbst ihn damit von dir treiben? Rode, rede, ehe es zu spät ist! Und doch konnte

sie sich den Entschluß nicht abringen. Wenn sie sich! ihn« mitgetetlt hätte, wäre es nicht gewesen, als ob sie ihn» damit gleichsam die Pistole auf die Brust gesetzt hätte: Du siehst, wie die Leute deine Beziehungen zu mir aus­legen. Willst du mich noch länger in dieser schiefen, mich aufs schwerste kompromittierenden Lage lassen? Werde dir klar über deine Gefühle für mich, und tue, was als­dann deine Pflicht ist!

Das war es ja, was sie fürchtete, und nein, nein! ' sie Tonnte es nicht. Lieber alles ertragen, als daß er von ihr glauben könnte, daß sie ihn mit solchem Mittel zu sich ziehen, ihn zu einer Erklärung nötigen wollte.

So blieb denn bei ihr alles auf demselben Punkt, trotz der fieberhaft sich jagenden Gedanken> es war eben nur ein Sichdrchen im Kreise, ein furchtbar ermattendes Ab­quälen, das nun wieder ein Zustand innerster Erschöp­fung, stumpfen Hindämmerns ohne alles Denken, abiöfte, ein Zustand, den Eva Söllnitz aber fast wie eine Erlösung gegen jenes verzweifelte Umtreiben der Gedanken emp­fand.

Die Zeit war hingegangen, es war um die zweite Mor­genstunde. Der allgemeine Aufbruch erfolgte. Die Heine Gesellschaft, der Frau Söllnitz angehörte, und! zu der auch Amthor wieder zurückgekehrt war, wartete auf den Rat des Kapitäns, bis alle übrigen den Platz schon geräumt hatten; der steile Abstiegmitten in der Horde"' sei wenig angenehm er wisse das von keinen früheren Besuchen des Kaps her. So ging man Denn erst, als der letzte Trupp der Gesellschaft schon ein ganzes Weilchen vorauH war.

(Fortsetzung folgt.)

Vie Deformation und Gegenreformation in Herbstein und den ehemals landgräsiichen und ritterfchafttichen

Orten des Wichen und südöstlichen Vogeisbe<

Bon Pfarrer Zinn in Herbstein.

Anmutig auf einem von allen Seiten faust ansteigenden 43Q Meter hohen Berge, zum großm Teile noch mit altehrwürdigen Mauern und Türmen umgeben, liegt das etwas über 1500 katho­lische Einwohner zählende Städtchen Herbstein inmitten der rein evangelischen Dörfer des östlichen Vogelsbergs, und in der Stadt selbst wohnt eine kleine evangelische Gemeinde von etwas über 100 Seelen. Im evangelischen Vogelsberg eine katholische Dia­spora und in dieser hintvicdernm eine evangelische! Wie mag das gekommen sein? Die folgenden Ausführungm wollen dem Leser die Antwort geben, indem sie auf Grund lokalgeschichtlicher Einzel­forschung nachzuweiscn suchen, wie die heutigen konfessionelles Verhältnisse im östlichen und südöstlichen VogelSbcrge geschichtlich geworden sind. Dabet wollen sie dem trefflichen Reformations- büchlein von Archivrat'Tr. Herrmann feine Konkurrenz machen, sondern bloß eine Lücke ausstlllen, die dieses Büchlein gelassen hat, und dem in großen Zügen meisterhaft skizzierten Ml de Herrmanns über den Verlauf der Reformation in Hessen für unser Gebiet etwas heimatfrohe Lokalfarbe auftragen. Mit liebevoll sich iuZ Einzelne 'vertiefender Sorgfalt wollen sie aufzeigen, wie die große religiöse und geistige Bewegung des 16. Jahrhunderts, die von Wittenberg ausging, bis ins abgelegenste Dörfchen unseres Vogels­bergs hinein ihren Wellenschlag hatte und wie die Worte Luthers in schlichten Bauentherzen verständnisvollen Wiederhall sanden. Auf Grund gewissenhafter Durchforschung der vorhandenen ge­druckten Sitteratur und an der Hand vieler bisher noch ungedruckter, vom Verfasser gefundener und mühsam zufammengesuchter archi­valischer Materialien soll der Nachweis erbracht werden, wie in der ersten Hülste des 16. Jahrhunderts die ehemals landgräf­lichen und Riedeselscheu Orte des östlichen Vogelsbergs mit Ein­schluß des ehemals fuldischen Städtchens Herbstein nach und nach sämtlich evangelisch wurden, wie aber dann in der zweiten Hälft« des Jahrhunderts mit dem Regierungsantritt des Fürstabts Baltha­sar von Dernbach eine von den Jesuiten geförderte katholische Gegenbcwegung einsetzte, die alle Widerstände zu überwinden wußte und schließlich den Erfolg hatte, daß Herbstein und alle unmittelbar der fuldischen Regierung unterstehenden Otte der Wtei im Anfang des 17. Jahrhunderts wieder katholisch wurden. Nur in den landgräflichen und ritterschastlichen Orten hat sich der evangelisch« Glaube durch die Nöte und Drangsale des 30 jährigen Krieges hindurch behaupten dürfen. Bon diesen Kämpfen und Leiden unserer Vorfahren, von unterliegenden und siegenden Gemeinden wollen wir berichten. D!örfer und Einzelhöfe, die längst verlassen und wüste geworden sind, über deren Stätten Gras und Bäume gewachsen sind Und der Bauersmann seinen Pflug führt, wollen wir wieder vor unserem Geiste erstehen lassen und ihre Namen Und Schicksale in das Gedächtnis der Nachwelt schreiben. unseren Lehrern und Pfarrern hoffen wir damit ein Hilfsmittel an die Hand zu geben, da§ trotz