Donnerstag den 2. Mai
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Der König von Thule.
Roman von Paul Grabern.
(Nachdruck »erboten.)
(Fortsetzung.)
Hier war es aber nun wirklich picht vorm Ende mit ihrer Widerstandskraft. Wie auf einem Marterstuhl saß sie, mit dem Bewußtsein, daß jeder ihrer Blicke, jede ihrer Mienen überwacht und mit hämischer Verdrehung schlecht gedeutet werden würde. Instinktiv tat sie nur noch eines: Sie zwang ihre Augen mit letzter Kraft gerade Amthor zu meiden. Sie wußte, ja sie fühlte förmlich, wie alles ringsum nur auf diesen Blick wartete.
Die Augen stets vor sich auf den Tisch geheftet oder krampfhaft auf den Nachbar gerichtet, saß sie, eine Unterhaltung führend, von der sie nichts wußte. Sie sprach mechanisch, zerstreut und hastig; ihre Gedanken waren ja ganz wo anders. Sie lauschte, einem qualvollen Zwang gehorchend, mit zum Springen angespannten Nerven beständig hinein in die laut schwirrende Unterhaltung ringsum im Saal, als müsse sic jedes! heimlich geflüsterte Wort her- gushören, das ihr galt.
Mit steigendem Befremden sah Amthor ihr ganzes Sich- geben. Was war nur mit ihr? Sie war ja ganz verwandelt! Vorhin, vor einer Stunde, und jetzt — welch unverständliche Veränderung? Fühlte sie sich vielleicht doch nicht wohl und scheute sich nur, es einzugestehen? Ihre Klugen brannten ja in einem so fiebrigen Glanz!
Er heftete einen langen, innig besorgten Blick auf sie. Eva Söllnitz sprach gerade mit Mrs. Sanderham, aber sie fühlte, ohne hinzusehen, wie Amthor sie beobachtete, und eine leise Röte stieg in ihre blassen Wangen. Er bemerkte es, und wie es unruhig in ihren Zügen zuckte: offenbar, sie fühlte seinen Blick, nun würde sie ihn doch endlich einmal erwidern!
Und wirklich, plötzlich streifte ihn einen flüchtigen Moment ihr Auge, aber mit einem/ so verzweifelten, stummen Flehen: um Gotteswillen — nicht doch! Dann flog der Blick eilig wieder zurück zu ihrem Nachbar.
Amthor verstand die geheime Sprache und gehorchte ihrem Wunsch; aber immer tiefer ward seine Sorge um sie. Wenn er sie doch nur einen Augenblick hätte sprechen können k
Das nervöse, blasse Aussehen der jungen Frau fiel schließlich aber auch dem Kapitän auf.
„Gnädige Frau scheinen aber doch wirklich nicht ganz Wohl zu fein," wandte er sich teilnehmend an Eva Söllnitz. „Sie sollten am Ende doch mal den Doktor kommen lassen. Soll ich ihn nachher suchen?"
„O — es wird schon so wieder werden!" Sie zwang sich ein Lächeln ab. „Bitte, geben Sie mir nur einen Schluck Weil/, Das wird mir gut tun."
Begierig griff sie nach dem Mas Sekt, das er ihr reichte, und stürzte es mit einem Male, in langem Zuge hinab.
Ja, das tat ihr wirklich gut! Nun hoffte sie die Kraft wiedergewonnen zu haben, diese schwerste Stunde ihres Lebens bis zum Schlüsse auszuhalten. —
Endlich, endlich war das Diner vorüber, mit dem! Kapitän zusammen verließ sie als eine der ersten den Saal; draußen verabschiedete sie sich aber schnell von ihm, um sich wieder in ihre Kabine zu flüchten. Sie bedurfte des Alleinseins nach diesem Martyrium, das ihre Nerven bis zum Versagen angespannt hatte.
Eiligen Fußes wollte sie sich den langen Korridor hinabbegeben, aber da trat ihr plötzlich, aus einem Seitengange herumbiegend, ein Herr entgegen — Amthor! Er hatte gleich ihr schnell den Saal verlassen, in der Hoffnung, sie noch auf dem Wege ihrer Kabine einzuholen, damit er wenigstens ein Wort mit ihr ohne Zeugen wechseln konnte.
Sie schrak bei seinem unerwarteten Anblick heftig zusammen. Nun stand er schon vor ihr.
„Liebe Frau Eva, was haben Sie denn? Was ist. Ihnen denn geschehen?"
Seine zärtlich besorgte Stimme machte sie erzittern. Wie gern hätte sie sich an sein Herz geflüchtet mit ihrem! Leid! Aber sie konnte ja nicht! Zugleich hörte sie vom unteren Ende des dämmrigen Ganges Stimmen herauf- schallen. Das peitschte ihre abgehetzten Nerven von neuem auf: wenn man sie hier mit ihm stehen sah — allein, so dicht beieinander? Und fast heftig drängte sie sich nun in dem schmalen Gauge an ihm vorbei:
„Lassen Sie mich — ich beschwöre Sie!"
Erregt stieß sie es aus, und im nächsten Moment war sie davongestürzt^
Bestürzt sah ihr Amthor nach. Sie wurde ihm immer unverständlicher. Dieses Ausweichen — sie floh ihn ja förmlich — diese verzweiflungsvolle Angst! Was war das alles denn nur? In seine Gedanken verloren, schritt er nur langsam vorwärts.
Tritte und Stimmen dicht hinter ihm machten ihn dann plötzlich auffahren.
„Pardon — Sie gestatten wohl?" klang es an sein Ohr.
Schweigend machte er den Vorübergehenden Platz. Verwundert sahen sie in sein ernstes, fast finsteres Gesicht.
Ein Stück weiter drehte sich die Dame neugierig noch einmal' in dem dämmrigen Gang nach Amthor um.
„Der König von Thule geruht heute ungnädig zu, sein!" flüsterte sie bann spottend ihrem Begleiter zu.
Amthor verstand die Worte nicht, aber ein leises Kichern schlug an sein Ohr. Da raffte er sich zusammen: hier war nicht der Ort, seinem Empfinden nachzugeben! Und auch er suchte seine Kabine auf.


