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„Die glücklich fein Tann', eine Mmosemere tvie Sie gefnnben zn haben, Komteß."
Er schob einen zusammengefalteten Hundertmarkschein unter die Serviette. Dann klirrte das Goldstück Trantes in die Schale.
Die Komteß ging weiter. Everstedt neigte sich wieder zu Trante herab.
„Wann kann ich Sie einmal sprechen?" fragte er.
„Gar nicht."
„Wollen Sie mir verbieten, Sie hier zu besuchen, um mich nach Ihrem Befinden zn erkundigen?"
„Ich kann Ihnen nichts verbieten, Herr Everstedt. Aber ich würde unter keinen Umständen für Sie zn sprechen sein."
Seine Stirn verfinsterte sich. „Das ist kindischer Trotz, Fräulein Trante."
„Fassen Sie es auf, wie Sie wollen!"
Da machte er kehrt und ließ sie stehen. Er zog sich einen Stuhl neben den der Komteß und war bald mit ihr in eifrigem Gespräch.
Graf Hönigswald hatte die Kollekte der armen Fischerswitwe ausgehändigt und dankte nunmehr in ihrem Namen. Sie hätte in ihrer Freude herzbrechend geweint; der Graf selbst tat sehr gerührt und spielte mit seinem Taschentuch.
Traute blieb nicht lange allein. Zuerst kam .Hans Eggers und setzte sich zu ihr, dann Löneysen und schließlich auch der Major von Zehren, der sie schon seit beendetem Souper freundlich umschmunzelt hatte, sich bei jedem süßen Wort den Schnurrbart strich und immer verliebtere Augen machte. Der Kreis vergrößerte sich, und unvermutet sah sich Traute in die allgemeine Unterhaltung hineingezogen. Da begann sie lebhaft zu werden. Sie wachte wie aus einem Traume auf. Sie sprach, stritt und lachte mit. Eine nervöse Munterkeit bemächtigte sich ihrer. Aber zuweilen, mitten im Gespräch mit den übrigen, glaubte sie die Worte zu hören: „Das ist kindischer Trotz" . . .
War es kindischer Trotz? — Sie fühlte das Brennen ihrer Wangen. Sie hatte von ihrem Tischwein nur genippt, und doch war ihr, als hätte sie zu viel getrunken. Sie hatte das Wedrüfnis, laut anfzuschreien, und sie mußte sich auf die Zunge beißen, um diese plötzliche Anwandlung zu unterdrücken. Ihre Augen hatten an Glanz gewonnen, der Mund war purpurrot und feucht. Sie war jetzt ein besseres Vorbild für Kruses „Irrlicht" als in der erzwungenen Pose.
Und dann -war ihr auf einmal, als stocke der Blutfluß zum Herzen. Wieder hörte sie etwas. Aber diesmal war es kein irriges Spiel der Sinne: sie hörte es deutlich. Es sollte sonst nicht für andere gesagt sein; doch sie hätte ein scharfes Ohr. Sie saß. neben Frau van Beek, und neben dieser die Hönigswald. 'Frau van Beek hatte den gekräuselten blonden Lockenkopf auf die rechte Schulter geneigt und wisperte mit halb geschlossener, halb offener Lippe ihrer Cousine zu:
„Schatzele — sag mal . . . die kleine Komteß und der hübsche junge Mann — "6a spinnt sich wohl etwas an-?"
Und die Hönigswald nickte und raunte zurück: „Man sagt so — i warum nicht . . ." und dann zog sie die linke Schulter hoch, eine pantomimische Geste, die etwa besagen konnte: „I warum nicht? Sie hat den Adel und er das Geld."
So ähnlich ergänzte sich auch Traute diese Fortsetzung in stummer Sprache. Brannten ihre Wangen noch immer? Sie vermeinte, kalkweiß fein zu müssen. Nichts mehr von kindischem Trotz; es war bitterer Ernst. Ihre Lippen schlossen sich fest; sie schluckte, weil ihr das Weinen nahe war. Dann stand sie rasch auf: sie wollte gehen.
Nun erhob' man sich allgemein. Die Gastgeber hielten die anderen noch zurück, drangen auch in Traute, noch ein halbes Stündchen zu bleiben. .Wer sie schützte wieder ihre Migräne vor — zudem warte die brave Möchel auf ihre Heimkehr und gehe sonst immer mit den Hühnern zu Wett.
„Ich begleite die Gnädigste," sägte Everstedt, der plötzlich neben ihr stand.
Es ging wie ein Schwirren durch ihr Hirn. „Tausend Dank, Herr Everstedt," entgegnete sie höflich, „es ist wirklich nicht nötig."
Er lächelte. „Mein Weg ist soMeso der gleiche, gnädiges Fräulein. Mein Auto steht in der Garage der Billa Lehnert. Die liegt drei Schritt von Ihrem Hotel Möchel."
Er verabschiedete sich bereits. Im Korridor halfen ihnen die Diener in die Ueberkleider. Traute schmerzte wieder das Herz. Ihr war ganz wirr. Sie sah, daß Everstedt einen hechtgrauen Paletot trug, und wunderte sich darüber. Auch fein Stock mit schwerer Elfenbeinkrücke fiel ihr auf.
Unten aber, vor dem Portal der Villa, blieb sie noch einmal stehen.
„Gehen Sie nicht mit mir," sagte sie in flehendem, Tone, fast weinerlich.
Da stieg ein Blitz aus seinem Ange. Seine Finger umgriffen ihr Handgelenk.
„Haben Sie sich nicht albern, Kind," entgegnete er rauh.
Nun schwieg sie furchtsam.
Sie gingen den Strandweg zurück. Fahler Mondschein hinter durchsichtigen weißen Wolken, die wie ein Gazeschleier am Himmel hingen. Am Horizont eine breite schwarze Wand, darunter eine phosphoreszierende Linie. Däs Meer grün, mit milchiger Unterströmung.; lange Wogen aut Strande und das zerfließende Gekräusel des Gischts.
Sie schritten anfangs stumm nebeneinander. Nur der Rhythmus des Wellenschlages tönte einschläfernd in die Stille hinein.
Aber in den beiden jungen Menschen wachte das Leben; strömte in wilder Hast "durch die Pulse und schlug wider das Herz. Jeder fühlte die Erregung des andern.
(Fortsetzung folgt.)
Der Marinemrirag.
Eine Detektivgeschichte des Sherlock Holmes von Conan Doyle.
Zu meinen besten Kameraden während der Schulzeit gehörte ein Knabe Namens Percy Phelps; wir standen im gleichen Alter, doch war er mir um zwei Klassen voraus. Wegen seiner großen Begabung fielen ihm alljährlich die Preise zu, welche die Schule zu vergeben hatte, und noch beim Abgang verschaffte ihm sein vorzügliches Examen ein Stipendium, in dessen Besitz er seine Studien auf der Universität Cambridge mit Glanz fortfetzen konnte.
Ich erinnere mich, daß er vornehme Verwandte hatte; fein Oheim mütterlicherseits war Lord Holdhurst, der berühmte Abgeordnete der konservativen Partei. Das wußten wir schon als ganz kleine Knaben, doch brachte es Phelps in der Schule keinerlei Vorteil, es war für uns nur ein Grund mehr, ihn tüchtig auf dem Spielplatz herumzuhetzen oder ihm, wenn sich die Gelegenheit bot, den großen Ball ans Schienbein zu werfen.
Bei feinem Eintritt in die Welt wurde das natürlich anders. Ich hörte noch gerüchtweise, er habe auf Verwendung einflußreicher Personen eine gute Anstellung im Auswärtigen Amt erhalten, für die ihn feine Begabung befähigte; dann verlor ich ihn jahrelang ganz aus dem Gesicht, bis er sich mir eines Morgens durch den folgenden Bries wieder ins Gedächtnis zurückrief:
Brierbrae, Woking Mejn lieber Watson!
Ohne Zweifel erinnerst Du Dich noch von der Schulzeit her an Phelps, genannt „Kaulquappe", der in der fünften Klasse war, als Dü die dritte besuchtest. Möglicherweise hast Du auch erfahren, daß mir mein Onkel eine Stelle im Auswärtigen Amte verschafft hat. Diesen ehrenvollen Vertrauensposten habe ich seither betreibet, aber ein entsetzliches Mißgeschick hat mit einem Schlage meine ganze Zukunft vernichtet.
Es würde zu weit führen, wollte ich Dir mein Unglück schriftlich auseinandersetzen; falls Du auf meine Bitte eingehst, wirst Dü ohnehin alle Einzelheiten aus meinem Munde hören müssen. Ich bin eben erst von einem Nervenfieber genesen, das mich neun Wochen lang ans Bett gefesselt hat und fühle mich noch recht schwach. Könntest Du mich wohl besuchen und Deinen Freund Holmes veranlassen, Dich zu begleiten? Ich möchte gerne seine Ansicht über den Fall hören, trotz der Versicherung der Polizei, daß sich nichts mehr tun läßt. Bitte, bringe ihn sobald wie möglich hierher; jede Minute wird mir


