Ausgabe 
27.12.1911
 
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Niedersächsisch Platt," antwortet die Frau, und wie das Kind weitersingt, fällt sie mit leiser Stimme ein:

Rode Schau mit Ringen,

Rode Schau mit Gölte beschlan, 'Da soll use Kinneken up danzen gähn"

T>as Kind beachtet das nicht, aber der Roland schüttelt feinen struppigen Kopf.

,,'Kalitte, Kalitte, setze dir!" grölt er Lorctte zu.Kollqrn, wenn ich jetzt 'nen goldenen Ring finde, kriegt'n die ^ohre. Einverstanden?" , ,... ..

Tie hört ihn nicht. Sie hat ihr Werkzeug tallen lapen und die Hände über dem Magen ineinandergeschoben und murmelt:

Tuko von Halberstadt! Gerade Buko von Halberstadt!"

Ihr Gefährte stößt ihre Schulter an.Kommen Se zu sich und geruhen Sie zu sagen, was bat vor 'ne Standesperson is."

Und Lorette, deren schwustig angeschwollener, Mund Imnße gesunde Zähne hat, antwortet gehorsam:Buko ist der Bischof Bnrchardt von Halberstadt, der den Kindern besonders gut gewesen lunb deshalb unvergessen dort ist."

Gut aufgesagt!" ruft der Roland. ,,Ausgerechnet also Halberstadt! Tet is woll, Wenns erlaubt ist, Ihre sogenannte Heimat?"

Ja!"

'',Hm!" Er zerrt an seinem lumpigen Rock, als müsse der plötzlich gerade sitzen.Ja wat so an de Kindheit erinnert" dann schweigt er und nimmt seine Arbeit wieder auf. Loretta steht noch unbeweglich und starrt das Kind an, das aufs ncup seinen Singsang beginnt.

Adh, Adv!" ruft es da laut und eine schlanke Frau körn, .t hastig um den getürmten Schutt.Ady, Kind! Endlich!"

Ah! hui! husch!"

Es sieht aus, als will die Kleine ihr Laufspiel wieder be­ginnen, aber die Suchende ist rasch bei ihr und fasst sie.

Gas hast du getan. Adv?" , ,

Turchgebrannt!" lacht die, und zeigt ihre Maniezahnchen und schüttest den Kopf. ,

Vielleicht zwingt das sonnige Lachen des frischen Gesichts die Vorwürfe hinunter.

War das recht, Ädy?" -

Kind wollte hinaus, Kind tvollte hierher!" und die Puppe iöirb emporgehalten.

Onkel Fred las doch so schön in der Laube vor."

Nich' schön!"

Und dn konntest pflanzen und graben!"

Die braunen Locken fliegen beim Schütteln.

Kind wollte, daß ich Bukolied singe, Mutti!"

. Die Mütze wird ihr geradegerückt.

Zu laufen, dich zu verstecken! Ady! Und Hier, im Staub und" ihr beinah erschreckter Blick sucht die beiden zerlumpten Gestalten.

Jnädige Frau," der Roland macht eine Verbeugung.Wir hätten ihr nichts gedahn. Un' meine Kollejin is ja noch janz hinjerissen von dem Herrn Bischof seinem Liede."

Von der anderen Seite kommt ein ländlich angezvgenes Mäd­chen, es hebt beide Arme hoch, als es das Kind neben der Mutter fidjt

Oh Gott, oh Gott! Was habe ich vor Angst gehabt. Wie'n

.Blitz war sie ja weg." t

Ja, Minna," jetzt zieht sich eine Falte zwischen den Brauen zusammen,in Berlin must man ganz anders aufpassen. Das hat Ihnen doch die Frau Konsistorialrätin e-,ch gesagt." Minna wird dunkelrot. ,

Konsistorialrätin!" Tie Müller-Lore ichreit das Wort her­aus, fast wild und streckt die Arme von sich. Dann dreht sie sich und faßt ihre Hacke, und haut in den Hausen, daß der Staub dicht aufwirbelt.

Nee nee!" dienert Roland der erstaunten Miene der schlanken Frau zu.Se is nämlich janz aus'm Häuschen gekommen, wie bet kleene Mächen so lieblich gesungen hat. Indem se auch was von Büko'n von Halberstadt wußte, und bet zweifelhafte Ver­gnügen hat, von dort gebürtig zu sein."

Sooo!"

Die Dame wendet sich ab, sie hat ja keine Auskunft ver­langt. Sie will auch gehen.

Komm, Adh!"

Tie hat aber ihr Puppenkind fest ans Herz gedrückt und zupft die Arbeitende an ihrem schmutzigen Rock.Was suchst du da?" fragt sie furchtlos.

Tie hält inne.Was ich suche, Kind?

Tas sieht keine Hexe in ihr, das ist trotz ihrer Häßlichkeit und ihrer schmutzigen Beschäftigung nicht abgeschreckt.Was andere Leute weggeworfen haben, das suche ich." Und dann, mit einem anfgrollenden Tone:Und was ich selber weggeworfen habe, das das finde ich nicht wieder, nie!"

Klatsch! Klatsch! klapp! klapp! arbeitet die Hacke.

Komm!" ruft des Mutter.

Roland steht in Positur.Nee, sie is noch nüchtern! Was Kt jetzt bedeutet? Et überkommt se wohl ooch mal. Denn, läbige, wir haben beide bessere Zeiten gesehen!"

®ie junge Frau blickt von der einen fragwürdigen Gestalt der andern hin. Ady schiebt ihr Kind dem Mädchen in

die Arme und sagt zu Lorette:Ady will auch graben und suchen." Tas kannst du ja nicht!" , ,

Doch, bei Grosti im Garten in Halberstadt hab' ich ge-

dann

Nein, nein!", ganz heftig wehrt die Mutter, und die Hacke fällt zu Boden. Da hebt Roland sie auf.

Siehfte woll, Fraulein, bat geht nich' so, und bie alte Frau muß sich da man bloß vergebens bücken."

Liebe Frau!" sagt das Kind.

Ihr Töchterchen fest an die Hand nehniend, fragt die Mutter:

Aus Halberstadt sind Sie? Vielleicht kann ich etwas tun?" das kommt zögernd, 'widerwillig fast.,

Tet kann man immer, nach unserem äutzern Menschen zu urteilen, riskieren!" sagte der Müll-Roland.

Lorette starrt nur auf das Kind.

Wo wohnen Sie denn, Frau?"

Tie beiden letzten Rächte habe ich int Asyl geschlafen!

Sie spricht es ganz gleichgültig. Roland tritt wieder für sie ein. ,,Un' heute wird es auch wohl noch mal so kommen. Mit ein paar Groschen kann sie's aber schon besser haben."

Er erhält ein Matkstück. Tie Dame scheint sie als zusammen-

Personalien!" ,, . ..

Meine Personalien!" spricht das schmutzige Weib nach, sonst nichts. Kein Tankeswort.

Tu, Lore," ruft der Roland,hast doch sonst wa» aus de gute Kinderstube!" . ,

Sie starrt nur. Es jagt am Himmel. Da steht dav angst- "Nche Landmädchen noch einmal vor ihr.

Sie möchten schon in einer Stunde kommen iivmter- feldtstraße 8, die Hintertreppe hinauf."

Fort will sie, ganz schnell. Aber Lorette schiebt ihre Hacke dicht vor ihre Füße. Mit heiserer Stimme sagt fie:

Ich will wissen, was das für eine Konsistorialrätin ut Halberstadt ist. Tenn ich habe auch eine gekannt.^ .

Blöde kommt es zurück.Doch Frau Konsistorialrätin von

gehörig zu betrachten." , ,

Danke for Pinke! Gehorsamst!

Fast mit sich fortziehen muß die Mutter die Kleine. Im Vorbeigehen wendet sie sich an Lorette.

Wenn Sie aus Halberstadt stammen, und weck wir Landsleute sind, 'kommen Sie in der Winterfeldtstraße 8 vor. Ich habe gebrauchte Sachen. Und vielleicht geben Sie mir Ihre

der Roland sie anstößt. Tenn auf deine noblen Be-

kung und ist davon.

Lorette steht unbeweglich, bis

Jieb mal den Rest Gilka. -------, ------ -----... -

kanntschafteu müssen wir trinken. Un denn hol ich uns fnr. den

Asmus."

Und die da jetzt wegging?"

Ist ihre Tochter."

Tie Jüngste, der Nachkömmling, die kleine Jenny?

Hm! Hm!" macht Roland.

Tas junge Ding findet es selbstverständlich, daß man m Berlin von Persönlichkeiten aus Halberstadt weiß.,

Ja freilich, hier verheiratet!" Dann macht sie eine Schwen-

leeren Buddel was."

Lorette gehorcht. Sie nimmt die Flasche, prüft mit an­gelegtem Finger, wie weit sie triüken muß, und während er dann in kurzen, behaglichen Zügen einschlürft, lacht sie plötzlich hell auf:

Jenny von Asmus! Also Jenny von Asmus!"

Sie schultern ihre Lasten im, stillen Uebereinkommen, daß für den heutigen Tag ausgesorgt ist.

Beim Stadtwärtswandern sieht der Mann mit kundigem Blick die nächste Destille, und geht singend schräg über den Damm, Lorette setzt sich wartend auf bie Steine vor einem Bauplatz, und denkt zurück: Tie Jenny ist glücklich, die hat solch eilt liebes kleines Mädchen, das sich nicht einmal vor der Müll-Lore fürchtet. Und ein Kind ist sie auch mal gewesen und hat das Lied gesungen.

Turchgebrannt!" lachte die kleine Ady. Ach, sie ist ja auch durchgebrannt aus dem feierlichen Konsistorialratshauw, dem strengen Elternpaar. Mit dem kleinen, flotten Kommis aus dem Bankgeschäft gegenüber. Sie liebten sich seyr und es war eigentlich ihre glücklichste Zeit. Bis er sie sitzen lasten mußte im Elend, weil es mit dem Kassendiebstahl herausgekommen war und sie ihn festsetzten. Von Hause antworteten sie ihr nicht auf den Reuebrief. Dann ging aber die glänzende Zeit an. Die schöne Lorette! Auf den Rennplätzen und in den Badeorten feierte sie ihre Triumphe, und wie Wassertropfen floß der Goldstrom durch ihre Hände. Je toller sie auftrat, um so toller wurde bie Männer­welt. Einer erschoß sich auch, ein bummer Junge. Und mitten im Jubel und Taumel die Krankheit. Sie verhüllt das Gesicht, als sehe sie sich in diesem Augenblick im Spiegel. Dann läßt [tt die Hände mit einem schrillen Auflachen fallen. Tie kleine Ady hat sich nicht gefürchteit, bie hat gesagt: gute Frau.

Roland, ihr alter Kumpan, den sie auf einem Müllablade­platz kennen gelernt hat, tritt drüben unter bie Tür und winkt ihr mit der Flasche.

Ja, wenn der Alkohol nicht Ware! Ter bringt ihr doch noch frohe Minuten und Stunden. Ter hat ihr auch immer über die Gedanken hinwsggehvlfen, bie nach der unschuldigen Kriider- zeit zurück wollten. Und auch ins Gesängnis. Tenn ans einem