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*♦) Dieser schöne gebrauch besteht heute noch.
* r,So, ich gefall Vir auch nicht, dU einfältige Schlange," brach Dansadam los. „Meinetwegen lauf jetzt brs nach Bocksdrill, Wo die Gäns Haarbeutel tragen und die Enten Perücken! Ich such mir ein anderes Mädchen; in ein paar Jahren wärest du froh, wenn du mich hättest!"
Nach diesen Worten lief der Bursche davon. Die Zukunft hat ihm recht gegeben.
Nun begann der Tanz. Die Musik machten sich die Tänzer selbst, indem sie dazu sangen. Geigen, Ziehharmonika oder Klaviere waren damals sehr selten. Statt deren nahm man Frisierkämme, umwickelte sie mit Papier und sang die Tanzmelodie auf das Papier: es entsteht dadurch ein Ton, ähnlich demjenigen einer Kindertrompete. Um 11 Uhr wurde etwas gegessen; die Wurst und das Fleisch — von Christoph Körber und anderen! Stiftern — leisteten gute Dienste. Gegen 12 Uhr begeben sich nicht nur die Spinnstubenleutchen, sondern auch alle gesunde Personen, sogar die Wirtshausgäste, vor ihre Haustüren; die Mocken fangen an zu läuten, von allen Seiten ertönt der Choral:
„Hilf Herr Jesu, lass' gelingen.**)
Es macht einen unauslöschlichen Eindruck, wenn im Dunkel der Nacht dieses Gottesliü» oder ein anderes erschallt. Schreien, schießen, lärmen, toben hört man nicht in den Gebirgsdörfern.: man sucht sich höchstens das Neujahr abzugewinnen.
Kurz nach Neujahr hieß esi Vetter Balthasar Haake, genannt der „Kirchenhaake", weil er neben der Kirche wohnte, ist lebensgefährlich erkrankt. Fünf Jahre vorher — er war damals 58 Jahre alt, — heiratete er seine 21jährige Nichte Marie Haake, die sich sehr gegen diese Ehe sträubte. Marie war ein hübsches Mädchen; sie hatte einen Schatz: Lorenz Hahn, von dem sie nicht lassen wollte.
„Wenn du den Vetter Balser nicht nimmst." sprach der Vater Mariens, „heiratet er seine Haushälterin; die tut alles, was sie dem Vetter an den Äugen absehen kann. Er vermacht ihr sein Hab unb Gut, die Ho fr eite, die Älecker und das Vieh, Bargeld und Handschriften. Und du bleibst eine arme Frau lebenslänglich!" darf den Arm um sie legen!" schwur er.
Aehnlich redeten ihre Mutter und andere Leute.
Marie gab nach. Vetter Balser mußte als Gegenleistung der jungen Fran alles vermachen. Er behandelte sie gut, war aber fürchterlich eifersüchtig. Niemals ließ er sie von seiner Seite. Marie war eine leidenschaftliche, treffliche Tänzerin. Balser erlaubte nicht einmal, daß sie mit Mädchen oder jungen Frauen tanzte, obgleich er bei der Kirmes ost nm die Erlaubnis gebeten wurde.
„Die Frau ist mein; kein Weibsbild und kein Mannskerl darf den Arm um sie legen!" schwur er.
Nun war er tot.
Am Tage nach feinem Ab scheiden fand sich ein Blatt vor, ikUf dem verzeichnet stand, wie sein Leichenbegängnis — genau nach den alten Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen — abgehalten werden solle. Auch stand darauf, wer „gebitt't" werden mußte, am Leichenzug sich zu beteiligen, um den Verstorbenen durch seine Anwesenheit zu ehren. Wer als Verwandter nicht „gebitt't" wurde, nahm es sehr übel. Er verzieh die Vernachlässigung in vielen Jahren nicht.
Auf einem anderen Blatte stand: „Meine Frau darf ihre Lerrenrechte nicht eher ausüben, bis mir die allerletzte Ehre durch Abhaltung der Totenmahlzeit erwiesen worden ist. So wurde es schon seit Jahrhuicherten gehalten; an mich sollen die Leut wegen des Flanuerts noch lange denken, weil ich keine Kinder habe, die menien Namen weiterfuhren. Für den „Flanuerts" sind 250 Gulden bestimmt, die sind in der Schublade besonders eingewickelt. Der Flannerts soll in der Nachbarschaft abgehalten, werden."
Es war ein großer Leichenzug, der sich nach dem Friedhöfe bewegte, als Haake beerdigt wurde. Ter Lehrer mit den Schülern ging voran, die einen Choral sangen. Darauf folgte der Pfarrer vor dem Sarg; hinter diesem das Grabkreuz mit dem Namen des Verstorbenen und einem Bibelspruch; zuletzt die Verwandten Und die übrigen Leidtragenden: eine Person hinter der anderen, nach dem Grade der Verwandtschaft. Mau sah es gerne, wenn die Leidtragenden laut weinten. In der Kirche — wohin sich die Amvesenden begaben sobald der Sarg eingesenkt und das Grab geschlossen war — hielt der Pfarrer eine schöne Predigt, die Personalien wurden verlesen, der Segen erteilt und ein Schluß- Vers gesungen.
Die Leidtragenden begaben sich nach der kirchlichen Ferer in das Trauerhaus zurück, der Zug löste sich langsam auf.
Die Eingeladenen und andere Leidtragenden verfügten sich in das Nachbarhaus, wo der „Flannerts" abgehalten werden mußte.
Leise wurde in der ersten halben Stunde die Unterhaltung geführt, nur wenig sprach man den Getränken zu.
Dann kam das eigentliche Flannertsmahl. Nun wurde es lebhafter. Die trüben Augen und "bie ernsten Gesichter verschwanden.
Inzwischen sank die Nacht herab. Marie, die junge Wstwe,
Würbe in ihre Wohnung gerufen, wo sie etwas' anorimen Am Tor traf sie Loren» Hahn, ihren früheren Schatz.
„Weißt du noch Marie, wie es uns vor sechs Jahren war- als wir auseinandergerissen wurden?" fragte er.
„Ich habe manchmal daran gedacht, Lorenz!"
., „Und ich habe niemals eine andere angeschaut, ich konnte dich Nicht vergessen."
„Es ging mir auch hart an, Lorenz."
„Mn ist alles, was uns auseinandergebracht hat, durch Gottes' Ratschluß hinweggetan. Was meinst du Mariechen, wollen wir uns nicht nehmen ?"
„Ich meine, es könnt möglich gemacht werden, Lorenz." «So sage ja und wir wollen uns die Eh' versprechen." „Wenn deine Leut nichts dagegen haben?"
„Gott behüte, Mariechen, und nun bist du meine echte, ehr- lrche Braut."
, „Ja, ich will dich nehmen, komm mit Mm Flannerts, aber: menland darf etwas davon erfahren."
„Niemand, Mariechen!"
Lorenz ging voraus, nach einigen Minuten folgte die getröstete junge Witwe.
Unttr den Leidtragenden war cs inzwischen lebhafter geworden, sie aßen und tranken nach Kräften. Die auswärtigen Leidtragenden zogen ab.
Christoph Körber ivar ein sangesfroher Mann. „Ich meine, wir könnten zu Ehren des Vetters Balser das schöne Lied fingen: „So viel Stern am Himmel stehen," schlug er vor.
„Körberchristoph hat recht, lasset uns anstimmen!" antworteten einige Leute.
Sogleich begann der Gesang. Es folgte das Lied: „lieb' immer Treu und Redlichkeit," das von Trippelhannjörg, einem' weitgereisten Schneidergesellen, der seine Ziehharmonika mitgebracht hatte, vorgespielt und begleitet wurde.
Dann folgte das Lied: „Es kann ja nicht immer so bleiben."
„Nun ist es allgemach Mitternacht geworden, wir müssen nach Haufe," meinte Mariechens Vater.
„Was ist noch von der Flaniiertsmahlzeit übrig?" fragte, ein Verständiger.
„Ein Fäßchen Mfelwein, ein Fäßchen Bier und ein Krug Ulrichsteiner Branntwein," meldete der Aufwärter.
„Wir dürfen den Flannerts nicht eher aufheben, bis alle Gaben verzehrt sind, sonst wird der Tote verunehrt und hat kein« Ruh im Grabe," hieß es.
„Dann müssen wir unsere Schuldigkeit tun, indenr wir reine Arbeit machen," antwortete Körberchristoph.
Auf der alten Wanduhr schlug es Mitternacht.
„Der Trauertag ist vorüber, darum muß ein neues Leben anheben;" sprach eine Nachbarsfrau, die mit einem halben Dutzend seßhaften Weibern tapfer Stand gehalten.
„Alsdann laßt uns ein froheres Lied anstimmen, z. B. „Freut euch des Lebens", rief ein Nachbar.
Das Lied wurde gesungen.
Im vorderen Zimmer hatten die Auswärter und Haukes Magd die Tische und die Stühle hinausgetan. Es begann ein gemütliches Walzen, tote es zu dem Rhythmus des Liedes paßte.
Auf dieses Lied ließ Trippelhannjörg den „Lauterbacher" folgen.
„Was meinft du, Mariechen?" fragte Lorenz.
„Ich weiß nicht," antwortete die junge Witwe.
„Seit sechs Jahren haben wir nicht mehr getanzt und der Trauertag ist vorüber."
„Ja, es ist wahr, aber die bösen Leute, Lorenz!"
„Tie geht es nichts an; seit sechs Jahren hatten wir nichts voneinander. Was meinst du?"
„Ich will mitgehen, aber ich will Hannjörg auch sagen, daß er einen ganz langsamen Trauerwalzer spielt."
„Hast recht, einen schnellen Kirchweihwalzer dürfen wir nicht machen."
Alle Gäste tanzten den Trauerwalzer mit. Beinah eins Stunde lang hatte er gedauert.
Tie beiden Fäßchen toaren unterdessen leer geworden; Ulrichsteiner war noch vorhanden.
„Nun noch einen Abschi edstro stwalzer", schlug Körberchristoph vor. Er dauerte ebenso lange wie der vorige Tanz.
Lorenz und Mariechen ließen sich nicht aus den Armen.
„Ach bu lieber Gott!" flüsterte die junge Witwe, die sich heiß und innig an Lorenz schmiegte. „Was für ein Glück und Segen ist es, wenn man etwas warmes int Arm hat — und —i und in der sechsjährigen Ehe habe ich gar nichts gehabt."
„Dem Balser wünschen wir die ewige Seligkeit, euch beiden einen glückseligen Anfang," sprachen die Gäste, dann gingen sie zufrieden nach Hause, beim jeder hatte seine Schuldigkeit getan. Mehrere Wochen nach Balser Haukes Leichenbegängnis war Fastnacht, die gefeiert wurde, aber nicht mit Verkleidungen und Mummereien. Krüppel wurden gebacken, die mit Kaffee begossen wurden. Dem Kaffee setzte man gemahlene, geröstete Möhren zu. Auch getanzt mußte werden: Walzer, Hopser, Schleifer und Dreher waren seit Menschengedenken bekannt. Die Mazurka schlich sich in den fünfziger Jahren ein, sie erhielt den Beinamen: „Friedericke". Musik mußte auf zwei Kämmen gemacht werden, etn Instrument wäre zu schwach gewesen, um das Schleifen, Stampfen


