MI - Nr. 186
Montag den 27. November
Hi
Roman von W. Collins.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Mr. Wansborougy meinte, es sei jammerschade, daß der alte Herr nicht da sei, um zu hören, wie jemand endlich seine kostbare Wschrift zu sehen verlange. Er würde danach sein Steckenpferd eifriger denn je geritten haben. Wie war ich dazu gekommen, von der Abschr.A zu hören? Durch irgend jemanden in der Stadt?
Ich wich diesen Fragen aus so gut ich konnte. Es war unmöglich, in diesem Stadium in meinen Nachforschungen zu vorsichtig zu sein, aber ebensosehr Mr. Wansborough nicht vor der Zeit wissen zu lassen, daß ich das Original bereits untersucht hatte. Ich gab ihm daher zu verstehen, daß ich in einer Familienangelegenheit Erkundigungen einziehe, bei der jeder Augenblick von größter Wichtigkeit sei. -Ich wünsche hmiz besonders noch mit der Wendpost gewisse Eiirzelheiten über die Sache nach London abzusenden, und ein einziger Blick in die Wschrift (wofür ich natürlich das übliche Honorar zahlen werde) könne mich von dem unterrichten, dessen ich bedürfe, und mir eine fernere Reise Nach Altwelmingham ersparen.
Nach dieser Erklärung von meiner Seite wandte er nichts dagegen ein, mir die Abschrift zu zeigen. Es wurde ein Schreiber in die Sicherheitskammer hinaufgeschickt, und dieser kehrte nach einer Weile mit dem Buche zurück. Es war genau von derselben Größe, wie das in der Sakristei, und der einzige Unterschied zwischen beiden Büchern be- ■ stand darin, daß die Abschrift schöner gebunden war. Ich trug sie an ein leeres Pult. Meine Hände zitterten — meine Stirne glühte — ich war mir der Notwendigkeit bewußt, meine Aufregung vor den Leuten, die im Zimmer anwesend waren, zu verbergen, ehe ich das Buch aufschlug.
Auf der leeren Seite am Anfänge des Buches, welche ich zuerst betrachtete, stauben mit vergilbter Tinte einige Zeilen geschrieben. Dieselben enthielten folgende Worte: „Wschrift des Heiratregisters in der Pfarrkirche zu Altwelmingham. Auf meine Anordnung abgefaßt und später von mir selbst genau mit dem Originale verglichen. (Unterzeichnet:) Robert Wansborough, Kirchspielschreiber."
Unter dieser Anmerkung stand eine Zeile in einer anderen Handschrift: _ .
„Berichtigt vom 1. Januar 1800 brs zum 30. Junr 1815."
Ich wandte mich zum Monat September 1803. Ich fand die Heirat des Mannes, der meinen Taufnamen trug. Ich fand das doppelte Zertifikat der beiden Brüder, welche zugleich geheiratet hatten. Und zwischen diesen beiden am untern Ende der Seite
Nichts! Auch nicht die Spur von dem Zertifikate, welches int Kirchenbuche die Vermählung von Sir Felix Glyde und Cacilia Jane Elster berichtete!
Mein Herz flog und pochte, als ob ich ersticken müßte. Ich blickte noch einmal hin — ich fürchtete meinen Augen zu trauen. Nein! Kein Zweifel mehr. Die Heirat war nicht verzeichnet. Die Zertifikate in der Wschrift nahmen genau dieselben Stellen auf der Seite ein, wie die im Originale. Das letzte auf der einen Seite war das des Mannes mit meinem Taufnamen. Darunter war ein leerer Raum — offenbar teer gelassen, weil« er nicht groß genug gewesen, um das doppelte Zertifikat der beiden Brüder aufzunehmen, welches in der Wschrift wie in dem Originale die Stelle an der Spitze der nächsten Seite einnahm. Dieser Raum erzählte die ganze Geschichte! In dem Kirchenbuche mußte derselbe von 1803 an (wo die stattgehabten Vermählungen dort eingetragen worden) bis 1827 geblieben fein, wo Sir Percival in Altwelmingham erschien. Hier in Knowlesbury sah ich die Gelegenheit zu her Fälschung in der Wschrift, — und dort in .Altwelmingham war sie in dem Kirchenbuche benutzt worden!
Es schwindelte mir; ich hielt mich am Pulte fest, unt nicht umzusinken. Von den verschiedenen Arten des Verdachtes, welche sich mir in bezug auf jenen verzweifelten Mann aufgedrängt hatten, war nicht der einzige der Wahrheit nahe gekommen. Der Gedanke, er sei überhaupt gar nicht Sir Percival Glyde und habe nicht mehr Anrecht! an der Baronetschaft und an Blackwater Park als der ärmste Bauer auf der Besitzung, war mir keinen Augenblick in den Sinn gekommen.
Ich hatte das Geheimnis entdeckt!
Ich sann einen Augenblick nach. Die erste Notwendigkeit für mich war, ein geschriebenes Zeugnis dessen zu erhalten, was ich gesehen hatte, und es für den Fall, daß mir ein persönlicher Unfall begegnen sollte, so unterzubringen, daß Sir Percival seiner nicht habhaft werden konnte. Tie Wschrift des Kirchenbuches war in Mr. Wans- boronghs Sicherheitskammer wohl verwahrt. Das Original aber in der Sakristei war, tote ich mit eigenen Augen! gesehen, nichts weniger als das.
In dieser dringenden Gefahr beschloß ich, nach der Kirche zurückzukehren, mich nochmals an den Küster zu wenden und mir, ehe ich mich für die Nacht schlafen legte, den nötigen Auszug aus dem Kirchenbuche zu machen. Es war mir damals noch nicht bekanitt, daß eine gerichtlich attestierte Abschrift notwendig war, und daß kein Dokument, das ich allein abgefaßt, als genügender SBetoeiS angenommen werden würde. Meine größte, einzige Sorge war die, nach Wilmingham zurückzukehren. Ich erklärte so gut ich konnte die Bestürzung und Aufregung meines Wesens, welche Mr. Wansborough bereits bemerkt hatte, legte das Honorar auf den Tisch, kam mit ihm überein, daß ich ihm in Wenigen Tagen schreiben werde, und verließ dann die Geschäfts-
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