Donnerstag de» 27.3«B

M - Nr. M

I

KM-

Das nette Mädel.

Roman von Fedor von Zobeltitz, (Nachdruck verboten,) (Fortsetzung.)

Zwei nette Mädchen in gleichgeschnittenen Weißen Jäckenkostürnen nickten Trante zu. Das waren Ida und Anna Paukraz, die Zwillinge des Ratsbäckermeisters. Sie waren so schüchtern, daß sie sich immer dicht neben her Ausgangstür hielten, als wollten sie gleich wieder davon­laufen. Und dann kamen noch einige aus dem Gesang­verein und aus dem Verein Blaue Schleife: der zausige -Krauskopf mit den drallen Wangen war ein Buchhalters­töchterchen, und die Kleine in Burgunderrot die Tochter des Besitzers vom Hotel Terminus, und die schmale feine Brü­nette mit dem Orangenteint war die Aelteste des ersten Kassierers der Reichsbank. O je, da war ja auch die Betty des Geheimen Kalkulators, die einmal mit dem Leutnant von Bartholdi verlobt gewesen war, und von der man er­zählte ja, was erzählte man nicht alles von der h und da die geschiedene Frau des Konsuls Neuburger, der nach Australien durchgegangen war: eine immer noch schöne Frau mit Veilchenaugen und einem feinen dunklen Flaum auf der Oberlippe. Es war schon richtig: was die Stadt an hübschen Frauen und Mädchen aufzuweisen hatte, das hatte die Lockpfeife Niels Kruses zusammengerufen.

Nun kamen die jungen Herren und begrüßten Traute: alle miteinander; nur Eberstedt kam nicht. Er spielt den Beleidigten, sagte sich Traute. Die Herren waren von er­lesener Liebenswürdigkeit und schleppten noch andere her­bei: einen Legationssekretär von der preußischen Gesandt­schaft, der prachtvolle weiße Zähne hatte und daher viel lächelte, den Sohn des russischen Ministerresidenten (mit einer Hasenscharte und Stülpnase), den neuernannten Konsul für Reuß ältere Linie (mit einem Monokel und dem Bande des Berdienstkreuzes zweiter Masse im Knopfloch); dazu ein paar Künstler aus Wörreshoop.

Fred Dewa hatte sich das Schnurrbärtchen rasieren lassen.

Ich hätte Sie beinahe nicht wiedererkannt," sagte Traute zu ihm.

Das kommt von der verlorenen Männeszier, Gnädigste. Ich wollte behalten, was mir die Natur bestimmt hat und was sich unter der Hand meines Friseurs gedeihlich weiter entwickelte. Aber es störte Kruse. Unter uns: das wäre mir gleichgültig gewesen. Ich hätte nötigenfalls meinen interimistischen Modellberuf aufgegeben. Aber nun trat der Ehrgeiz hinzu. Ich wollte durchaus neben Ihnen auf dem Bilde Kruses paradieren. Da ließ ich den Schnurrbart fallen."

War es nötig? Warum soll der Wandersmann auf dem Bilde nicht einen Schnurrbart tragen?"

Dewa stutzte. >,Jch bitte Sie: die Geschichte spielt doch in einer Zeit, die nie int Kalender stand. Und meine Glieder umhüllt ein härenes .Gewand. Dazu hätte allenfalls ein wallender Vollbart gepaßt, doch nicht meine verflossene, englische Bürste. Wenn ich mich so ausdrücken darf."

Sie dürfen. Trotzdem widerspreche ich Ihnen. Wes­halb Zeitlosigkeit und härene Kutte? Einen Märchenwald gibt es auch heute noch, wenn der Mond scheint und die Irrlichter huschen. Ich hätte es mir origineller gedacht, Kruse hätte statt des Einsiedlers, oder was sein Wanders­mann darstellen soll, einen modernen Menschen durch bett Wald streifen lassen meinethalben Sie, Herrn Fred Dewa, im gris perle^aletot, in grauem Hut und aufgekremten Pantalons so, wie Sie über die Promenade marschieren. Könnte Sie nicht die Lust anwandeln, einmal den Mond- scheinwald aufzusuchen?"

Ich hab es mir noch nicht überlegt. JKfrer da Sie das so sagen, überkommt mich beinahe die Sehnsucht danach. Ich werde mich morgen abend auf die Beine machen: genau in dem Anzüge, den Sie vorgeschrieben haben. Garantieren Sie mir, daß ich ein Irrlicht finde?"

Das kann ich leider nicht. Mer nehmen Sie doch eins mit."

Dewa verstand sofort. Er schüttelte den Kopf und machte ein wehmütig müdes Gesicht.

Ach, gnädiges Fräulein," sagte er,ich glaube, Sie täuschen sich in mir. Ich gehe seit langem den Irrlich­tern aus dem Wege. Ich- irre auch selbst nicht mehr ab vom Grcrdeaus. Ich bin sozusagen zielbewußt geworden. Allerdings gäbe es . . ." Er brach mitten im Satz ab, rückte an den Ringen seines Keinen Fingers, schaute auf seine Stiefelspitzen und fuhr langsam fort:Ja denken Sie denken Sie, wie merkwürdig: ich kenne Sie doch nun schon seit wie lange? seit sicherlich zwei, drei Jahren, und ich bin erst wahrhaftig erst durch das Bild Kruses darauf aufmerksam geworden, wie schön Sie sind."

Traute schaute überrascht auf.Ah, lieber Herr Dewa h- das ist eine etwas plumpe Schmeichelei. Nehmen Sie mir meine Ehrlichkeit nicht übel."

Nun trat Herr Dewa näher an Traute heran, weil er den Ton dämpfen wollte. Er stand jetzt mit Traute allein, während rings um die beiden die Unterhaltung plätscherte: ein Auf- und .Abschwellen von hundert Stim­men in Diskant, Sopran und Baß und fröhliches Lachen in allen Modulationen. Herr Dewa hatte Traute ge­wissermaßen von allen übrigen abgesperrt und nahm sie für sich in Beschlag. Sie stand an der Wand, und er vor rhr, und obwohl auch sie ihn schon seit einigen Jah­ren kannte, schien er ihr heute beinahe fremd und das kam daher, weil er znm ersten Male Interesse in ihr er­weckte. Er war ein hübscher Bursche: schlank und ge­schmeidig von Figur, mit feinem, blassem Gesicht, denk schwere Augenlider, mit langen Wimpern einen leM