462 —
melancholischen Ausdruck verliehen. Uebrigens verstand er das Spiel mit den Lidern wie ein kokettes Mädchen.
„Ich will mich verteidigen," sagte er. „Sie haben ganz recht, wenn Sie meine Aeußerung eine plumpe Schmeichelei nennen. Sie mußte so verstanden werden. Mb er au sond war sie es keineswegs. Es rst ja dte glte Geschichte: wir gehen hundertmal aneinander vorüber und beachten uns kaum. Und dann bringt uns plötzlich ein Zufall näher; wir sehen durch die Alltagsmaske em ganz anderes Gesicht und fühlen eine sympathtsche Wärme an Stelle früherer Gleichgültigkeit. Wir find überrascht und erstaunt, daß wir uns eigentlich nun erst kennen lernen. Der Gesellschaftsmensch deckte die Persönlichkeit; jetzt empfinden wir Schätzung der Individualität, Auteil- nahiue und Würdigung. Ja, ich möchte sagen: wir kommen unwillkürlich zu einer neuen Theorie des Sehens, durch die uns der andere auch rein äußerlich in verändertem Lichte erscheint. Ist es nicht so?"
„Gewiß. Das passiert uns oft. Aber es ist keine Erklärung für Ihr Kompliment. Denn in dem Bilde Kruses trat ich Ihnen doch nicht lebendig entgegen, sondern auch nur unter einer Maske, und zwar einer, hie durchaus kein Abbild meiner Innerlichkeit gibt."
„Pardon," erwiderte Dewa, „gerade das machte mich aufmerksam. Ich verglich das Irrlicht mit dem Vorbild, das ich nun ja in Tageshelle vor mir habe. Kruse hat Ihre Züge benutzt, aber eine falsche Seele hineingetragen. Das, was er gemalt hat, ist ein persönliches BekenutinÄ Er sieht das Weib nur so. Und ich habe das Gefühl, daß es beleidigend für Sie ist, wenn er einem Geschöpf seiner unreinen Phantasie Aehnlichkeit mit Ihnen gibt."
Traute lächelte. „O Herr Dewa, Sie übertreiben! Liegt dem Bilde denn ein verderbter Gedanke zugrunde? Es ist ein alter Sagenstoff und eine ziemlich. banale Weisheit, die er da preisgibt,. aber nichts — nein, wirklich nichts, an dem man Anstoß nehmen könnte."
Nun wurde Dewa eifrig. „Gnädiges Fräulein, es handelt sich nicht um das Ganze, nicht um das Bild v— andern um Sie. Was Kruse zusammemnalt, ob alltäg- iches Schema, ob Neues aus innerstem Verlangen, das :ann uns gleichgültig! sein. NUr darf er Sie nicht profanieren! Ah ja, ich stehe auf diesem Standpunkt. Ich bin der Ansicht, daß sein Porträt eine Herabwürdigung Ihrer Person ist: ein Herunterziehen — ich möchte keinen schärferen Ausdruck gebrauchen. Und ich habe die Gewißheit, daß man meine Ansicht teilen — daß das Bild unliebsames Aufsehen erregen wird."
Traute wurde ernst. Sie sah auch den Ernst auf dem jungen Gesicht Dewas: die kleinen Querfalten auf der Stirn, ein Einnisten grauen Schattens im Glanz seiner braunen Augen, ein Zucken um seinen Münd. Da fühlte sie, er 'meinte es ehrlich.
„Lieber Gott," sagte sie tonlos, „ich habe mir ja gar nichts dabei gedacht, als ich zustimmte, Kruse sitzen zu wollen. Was soll ich denn nun machen?!"
Der Ton klang Hilflos. Sofort veränderte sich der Gesichtsansdruck Dewas und wurde heller und liebreich. Ein eigentümlich zärtliches Lächeln goß eine laue Weichheit über seine Züge; jetzt verwischte sich auch die sinnende Linie der Reslektion um seinen Lippen, und der Mund wurde kindlich. Er hob ein wenig die Hände, als wolle er die vor ihm Stehende umfassen, ließ sie aber sofort wieder sinken und nahm eine korrekte Stellung ein.
„Oh, gnädiges Fräulein," sagte er, „wenn ich Ihnen mit Rat und Tat helfen kann! Ich tue es ja gar zu gern. Am liebsten hätte ich Kruse selbst meine Ansicht gesagt. Ich war auch schon nahe daran — aber ich überlegte: ich hatte keinen Auftrag, ich hätte mißverstanden werden können. Wenn man sich für eine junge Dame in die Schanzen schlägt, denken die andern gleich allerlei. Und es ist doch nur das Natürliche. . . . Am besten wäre es. Sie suchten irgend einen Vorwand, der Ihnen ermöglichte, die Sitzungen aufzngeben. Das ist das Nächstliegende. Und dann müßte mau ihm verbieten, das Bild auszustellen. Das würde — ja, nötigenfalls würde ich das übernehmen." Ein Seitenblick flog rechts herüber. Er wurde unruhig. . . . „Everstedt kommt," sagte er leise. „Es ist nicht nötig, daß er erfährt, wovon wir gesprochen haben." . . . Und dann neigte Dewa den Kopf etwas vor und faßte Traute scharf ins Auge. ,Die schweren Lider fielen noch tiefer herab, so
daß die Wimpern Ivie Schleier lagen. Seine (stimme wurde flüsternd . . . „Fräulein Traute, rasch noch ein Wort im Vertrauen. Obacht vor Everstedt! Er ist falsch wie Galgenholz."
Nun verneigte er sich und trat zurück.
Traute bewegte die Lippen wie zu einer stummen Antwort. Aber sie sprach nicht. Sie dachte nur: „Wie seltsam sind diese Männer! Einer warnt mich vor dem andern. Was haben sie nur und was wollen sie?" — Und da stand auch schon Everstedt vor ihr.
Er gab ihr nicht die Hand; sein Blick fuhr, indes er sich kurz verbeugte, rasch und wie gedankenlos über sie hin, und dabei sprach er in nachlässigem Tone:
„Habe die Ehre, gnäd'ges Fräulein. Wie geht's?"
„Merci. Recht gut."
„Ich habe lebhaft bedauert, daß ich Sie bei meinem Besuche nicht angetroffen habe. Ich wollte mich erkundigen, ob Ihnen der Spaziergang im Regen fo leidlich bekommen ist."
„Vortrefflich, Herr Everstedt."
Es lag etwas in seiner Stimme, was sie reizte: ein gemacht süßlicher Beillang, auch ein Bouobeuherab, eine fahrige Gleichgültigkeit. .
„Sehr angenehm," sagte er. „War schon in Sorgen,- Sie hätten sich eine Erkältung zugezogen..." Ein flirriges Glitzern stand in seinem Äuge. Er zog den rechten Mundwinkel hoch: tote zu einem Lächeln; aber es sah mehr spöttisch aus . . . „Apropos, gnädiges Fräulein," fuhr er fort, „ich muß ein Eigentumsrecht verteidigen. Sie haben noch ein Halstuch von mir. Grau mit roten Streifen."
„Dunkelblau mit violetten Punkten."
„Es sei so. Darf ich mir das bei Gelegenheit persönlich abholen?" > ' 1
Traute errötete leicht. Verzeihung, daß ich ess Ihnen noch nicht zurückgesandt habe. Es liegt an meiner Nachlässigkeit. Aber es soll morgen geschehen."
„Ich würde vorziehen, es mir holen zu dürfen."
,sAuch die Post ist eine sichere Beförderung.^
„Sie möchten also ein Zusammentreffen mit mir nach' Möglichkeit vermeiden?"
„Ja," sagte Traute ruhig. Aber sie umging dabei seinen Blick. Sie fühlte eine Spannung im Kerzen uild im Münde einen bitteren Geschmack.
„Warum eigentlich?" antwortete er leichthin'. „Gestraft haben Sie mich ja schon. Sie sind ein grausames! Mädchen, Traute. Aber ich ntuß es mir gefallen lassen, von Ihnen schlecht behandelt zu werden. Gut, daß ich wenigstens das Halstuch bekomme. Ich trage sonst nicht derlei .— oder höchstens in der Tasche. Dieses Violettpunktierte aber will ich allnächtlich um meinen Hals schlingen; vielleicht träume ich dann von Ihnen. Ich will es als Fetisch behandeln — deshalb bat ich es mir auch wieder aus. Sie haben es um den Kopf gebunden; es muß noch den Duft Ihres Haares tragen und einen Gruß Ihrer Wangen. Es soll mich gegen Versuchungen feien."
(Fortsetzung folgt.)
Dar Märchenland ßaraka.
Won Leo Frobe-rius, (Schluß.)
Ich habe dieses Land nur zweimal in der Regenzeit durchs quert. Es ist die Zielt, in der die Erde bereit ist, den Samen zu empfangen, den der Mensch ansstreut, um großen Reichtum! für sich zu zeitigen. Die Soroko sagen: „Was der Fluß gibt, die Fische, das ist nicht Reichtum, das zerfließt wie das Wasser, ans beut sie kommen, oder verweht wie der Wind, der über das Wasser weht. Was die Erde gibt, ist fest und dauert so lauge, wie die ArbÄÄ die der Mensch der Erde zuteil werden läßt." Es ist toahr, diä Reisernte bringt den Menschen den Segen. Wenn die Regenzech beginnt und täglich oder allabendlich der Himmel seine Äch Witter herunterprasseln läßt, damr weiß er wohl, daß er W über dem Garten Farakas für die Wohlfahrt einer uralten Mensah heit schafft, und so habe ich es nie ausfallend gefunbcTt, daß er zu seinem Werke jedesmal eines feiner herrlichsten Feicrt'leider anlegt. ,
Nie sah ich solche Himmelspracht, wie über dem Lande Farata/ wenn die untergehende Sonne durch die Wand der herandrängeiwen Abendgewitter aufglühte. Jeder Tag strahlte, flammte und wemt« Tränen des Segens Wer Faxaka, Kein Tag glich dem


