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Ändere hygienische Waffen, als man in kultivierten Ländern zu fuhren gewohnt ist. Der Kampf ums Dasein, der dort überall M seiner primitiven Form tobt, hat die Tiere zum Teil mit ausgezeichneten Schutzmitteln versehen, damit sie sich ihrer Widersacher erwehren nnd den schwächeren zu ihrer Beute machen können. Der Mensch, von der Natur für einen solcher: Kampf durchaus stiefmütterlich bedacht, bedarf dazu technischer Hilfsmittel, die er sich erst erfinden mußte. Waffen waren das erste, das er sich schuf, Schutzstoffe, die seinen Körper heut mit einer unverletzlichen Hülle unsichtbar umgeben, das letzte und neueste, was seiner .Geistesarbeit gelang.
Nicht mehr steht er dern Angriff der giftigen Tiere schutzlos gegenüber: der Schnabeltiere, der Welse und Schlangen. Die Verluste an Menschen mrd Haustiere — es starben der amtlichen indischen Statistik zufolge durch Schlangenbisse 1899: 24 619 Menschen nnd 9450 Stück Vieh, 1908: 19 738 Menschen — gehen langsam (wie man sieht) aber sicher zurück, seitdem die Entdeckung eines Heilserums gegen Schlangenbiß gelungen ist. Das Gift, das aus der Giftdrüse sich durch den Kanal des aus dem Zahnfleisch herausschnellenden Giftzahnes in die Bißwunde des Opfers entleert, ist ein Eiweißkörper von hoher Giftigkeit. 1 Milligramm vermag ein Pferd zu töten. Behandelt man laber ein Pferd mit kleineren Dosen dieses Giftes, so bilden sich in seinem Blute Schutzstoffe, Antitoxine, die eine erneute Jn- fektion, auch wenn sie mit größeren, sonst tödlichen Mengen erfolgt, ohne Schaden überstehen lassen. Dieses Antitoxin ist im Blutserum enthalten und macht, auf andere Tiere übertragen, auch diese giftfest. Wird es einem von einem Schlangenbiß betroffenen Individuum kürz nach dem Biß unter die Haut gespritzt, so vermag cs die GiflwirLung zu paralysieren. Ist aber schon längere Zeit feit’ dem Biß verflossen, so versagt es in seiner Wirkung. Dazu kommt, daß die Gifte der verschiedenen Giftschlangen, wie Klapperschlange, Cobra, zwar ähnlich, aber doch verschieden sind. Daher sind auch die Antitoxine ähnlich, aber auch verschieden: früher benutzte man ein Serum gegen den Schlangenbiß. Jetzt behandelt man das Tier, von dem man das Serum zu gewinnen beabsichtigt, mit allen Giften der verschiedenen Schlangen. Dann erhält man ein sogenanntes polyvalentes Serum, in dem alle Antitoxine vereinigt sind. Von all diesen Dingen: Unterscheidung von giftigen und ungiftigen Schlangen, deren Kieser- mechanismus und Giftzähne, eingedicktes und kristallisiertes Schlangengift, einfaches und polyvalentes Serum, erhält man hier ans der Ausstellung eine ausgezeichnete Ucbersicht.
Der zweite große Feind des Menschen in den Tropen sind die Würmer. Viele Sorten gibt es, die es vorgezogen haben, ihr freies Leben aufzugeben, nm es mit einem parasitischen Dasein im Innern des menschlichen oder tierischen Körpers zu. vertauschen. Auch in unseren Zonen kommen Eingeweidewürmer nicht selten vor: der Bandwurm des Rindes und Schweines, die Trichine, der Hundewurm, der Spulwurm, Aber sie sind lange nicht in dem Grade verbreitet wie in den heißen Klimüten. Dazu kommt hier der viel größere Reichtum der Fauna. So finden >vir unter den ausgestellten Präparaten eine kleine Trematode: das im Blute lebende Zweimaul Distomah aernatobia, das in Aegypten heimisch ist. Es lebt in den menschlichen Harnwerkzeugen, bohrt deren Wände an und gibt zu gefährlichen Blutungen aus ihnen Anlaß. Die Krankheit wird nach ihrem Entdecker Bilharzia genannt. Da ist weiter eine erst in neuerer Zeit genauer bekannt gewordene Hundcbaudwurinlarva aus Ostasien, das Sparganum Mansoni, das im Bindegewebe des Körpers lebt. Wirtschaftlich Mn Wichtigsten ist das auch in Europa bekannte Ankylostomum duodenale. Ursprünglich in Aegypten heimisch und wahrscheinlich schon von den allen Einwohnern dieses Landes gekannt, ist es nach Norden verschleppt worden. Hier grassiert es unter den Tunnel- und Bergarbeitern als W u r m k r a n kh e i t. Die Symptome, die das Ankylostomum hervorruft, sind sehr schwerer Art: Darmblutungen, Zirkulationsstörungen und Schwellungen der. Haut stehen im Vordergrund des Krankheitsbildes. Die Infektion geschieht durch die Haut, in die sich die Larven einbohren, oder durch den Mund vermittelst beschmutzter Vegetabilien, Mair wird sich erinnern, welcher Mühe es bedurft hat, um der vor einigen Jahren in den bcittkchhn. Bergwerken herrschenden Wurmkrankheit Herr zu werden, um zu ermsssen, welche Arbeit noch zu leisten ist, um' auch sämtliche tropischen und subtropischen Länder, in denen der Wurm heimisch ist, von ihm zu säubern. Ein anderer Wurm, eine Filaria, findet feilt Opfer unter der Regerbevölkerung Afrikas. Auch er dringt in die Blut- und Lymphbahnen ein, erregt Entzündungen und Schwellungen. Diese gehen nicht wieder zurück, neue fügen sich hinzu, in denen das Bindegewebe ivuchert. So entstehen ganz abenteuerliche Verdickungen der Haut. Photographien find ausgestellt, bei denen die Brüste bis auf bie Erde herunterhängen oder Arm und Bein sich Um das Dreifache ihres Umfanges verdickt haben. Diese Krankheit wurde von den Alten wegen der Aehnlichkeit der verdickten Extremitäten mit den Füßen eines Elefanten treffend als Elesantiasis beschrieben und bekam nach ihrem Verbreitungsgebiet den Zusatz „arabische" (Arabum).
Wir. schreiten weiter durch die reichhaltigen Sammlungen, zu denen besonders viel erlesene Objekte das Kaiserliche Gesundhcits- . «m't in Berlin und Has Kolonialinstitut in Hamburg mit dem
ihm angegliederten Institut für Schiffs- und Tropenlrankheiicn beigesteuert haben. Bei einer Kolleftion schlanksüßiger Insekten bleiben wir stehen. Es sind die gefürchteten Moskitos oder Stechmücken, deren Stich die schweren und tödlichen Infektionen der Tropen hervorruft. Da sind die Anopheles und Culexsamilien, die Malariaüberträger, die Glossinen der Schlafkrankheit und der Rindersterbe, die StiegoMya des Gelbfiebers u. a. m. Ihre Vernichtung ist ein Hauptkapitel der Tropenhygiene. Zwar sind sie nicht selbst die Erreger jener mit epidemischer Wucht verheerenden Krankheiten, sondern sie beherbergen diese nur in ihrem Körper, allein mit ihrer Vernichtung gehen auch die Erreger zu Grunde oder werden unschädlich, da sie auf andere Weise nicht in den tierischen Körper gelangen können. Schutz-, Abwehr- und Ver- tilgnngsmittel der Moskitos werden viele demonstriert: Mvsftto- neße und Fallen, i,n die sie hineinkriechen, Wasserpflanzen,, die das Wachsen der Moskitocmbryonen dadurch verhindern, daß sie den Wasserspiegel völlig mit einem grünen Ueberzug bedecken. Den größten Nutzen bringt die Ausräucherung. Rio,de Janeiro, früher ein gefürchteter Gelbfieberort, hat sich 1903 auf diese Weise dauernd von dieser Infektion befreit. Im Jahre 1896 waren noch 3900 Todesfälle an gelbem Fieber zu verzeichnen gewesen, 1904 aber nur 51. Ebenso ging es in Havanna. Gewiß schöne und bemerkenswerte Erfolge der Tropenhygiene! Mit ihrem Stiche übertragen die genannten Insekten bekanntlich in ihrem Innern schmarotzende niedrige einzellige Tiere (Protozoen) auf Mensch oder Tier. In dem Blute dieser Zwischemvirien machen |ie nun Entwicklungsstufen durch, teilen nnd vermehren sich und ver-- nichten dabei die roten Blutkörperchen und die anderen Zellen, in denen sie wohnen. So erkrankt das betreffende Individuum schwer. Sticht dies aber wiederum eine Mücke, so nimmt diese mit dem an gesogenen Blute auch von den Protozoen eine große Anzahl in sich auf, um sie nun bei ihrem nächsten Stich einem Gesunden einzuimpfen. Ueberall, bei allen Arten, wiederholt sich derselbe Kreislauf: Mücke—Mensch—Protozoen—Mücke, ob es sich tort Malariaplasmodien oder die erst seit kurzem bekannten Trypanosomen handelt. Die Heilung der Erkrankten ist schwer, weil die Intensität, mit der die Protozoen im Körper sich vermehren, ungeheuer ist und jedesmal Körperelemente dabei zu Grunde gehen. Es ist ja bekannt, wie viele Tausende an Malaria erkranken, und welcher große Prozentsatz davon zu Grunde geht. Die Krank- heit aufzuhalten und zu heilen, gelingt nur mit einem Mittel, das die Parasiten bis auf den letzten vernichtet. Das Spezialgebiet der Medizin, das sich mit der Ausfindigkeitmachung und Prüfung derartiger Mittel befaßt, die neuerdings so genannte Chemotherapie, kennt zwei Mittel, die im Kampf gegen die Protozoen wirksam sind, das Chinin gegen die Malaria und das Arsen gegen die Trhpanosomentrankhetten. Was das Alkaloid her Chinarinde gegen die Malaria ausrichtet, zeigt die italienische Statistik: int Jahre 1887: 21000 Todesfälle ohne Chiningebrauch und 1909 nur 3000 Todesfälle bei einem Verbrauch von mehr als 22 000 Kg. staatlich verabreichten Chinins. Arsen wird in der organischen Form des Atoxyls gegen die Schlafkrankheit angewandt. Es war hohe Zeit, daß man ein Mittel fand. Denn schon waren ganze Distrikte von West-, Zentral- und Ost- Afrika von dieser Seuche ergriffen, und schon Tausende von Negern waren dahiugerasft. Ganze Landstriche lagen schon verödet da, und immer weiter schritt der Zug des Todes.' Von der Art dieser vielbesprochenen, aber selten genau geschilderten Krankheit gibt eine Sammlung von ausgezeichneten Photographien, die .das Reichsgefundheitsamt ausgestellt hat, lebenswahre Bilder. Wir sehen auf ihnen Robert Koch mit seinen Assistenten in einem! Zelt die grundlegenden llntersuchmtgen ausführen, luir sehen die beiden großen Schlafkrankenlager in Ostafrika, Bugala und Kigarama, zu denen die Kranken Heilung heischend pilgern oder gebracht werden. Wir lernen aber auch die verschiedenen Stadien der Schlafkrankheit kennen. Da erscheinen Neger vor uns mit den ersten Anzeichen der Krankheit, einer Augenliderschwellung. Bald gesellen sich geistige Störungen zu den körperlichen. Die Er- krankten beginnen zu delirieren. Ganz Ivie bei uns zu früheren Zeiten die Geisteskranken durch Fesseln unschädlich gemacht wurden, werden auch die Schlafkranken in diesem Stadium in eine Sklavengabel gelegt. Ist die Krankheit noch weiter vorgeschritten, so find sie benommen, ihre Glieder versagen den Dienst. Schließlich bleiben sie erschöpft liegen in einem schlafähnlichen Zustande, der sie dem Tode entgegenfuhrt. Von grauenvoller Phantastik ist eine Photographie, auf der wir im Urwald eine schlafkrank^ schon halbtote Negerin liegen sehen. Ihr Säugling aber hängt an Iben welkenden Brüsten, um noch einen Tropfen Nahrung ihnen abzuzwingen. Freundlicher wirkt ein Bild, das einen schlafkranken Negerhäuptling dar stellt. Dem Tode geweiht, wird er mühsam von feinen Leuten in das Schlafkrankenlager gebracht, allein nach einiger Zeit sehen wir ihn, geheilt durch Atoxylcin- spritzungeu, in besserer Stimmung in das Objektiv des photographischen Apparates grinsen. Das Atoxyl scheint sich in der Tat als eine wertvolle Waffe im Kampfe gegen bie Trypanosomen zu erweisen, besonders dann, wenn rS frühzeitig angewandt werden Bann. Bis die Tropenhygiene jene und die ihr verwandten Erreger beseitigt haben wird, führt noch ein weiter Weg. Aber er ist beschritten und wird auch zu. Ende verfolgt werden.


