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vollen Ornamenten verlangen, eine alte .Sitte wieder mit neuem
Schachausgade.
Von I. Jespersen.
Schwarz.
riskieren, Front machen gegen eine fade, vergilbte Ueberlieferungj und überall nur moderne Traureifen mit Weihsprüchen oder sin.n>
Weitz.
Weitz fetzt mit dem zweiten Zuge Matt. Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Gleichklangrätsels in voriger Nummer: E l st e r.
Leben erfüllen!
Ich wiederhole: Daß unsere bisherigen, zeder künstlerischen Ausbildung entbehrenden Reifen eigentlich nur so und nicht geschmackvoller ausgestaltet sein dürften, ist ein vager Aberglaube/ ist weder Gesetz noch durch Herkommen vorgeschrieben, ist ein Köhlerglaube, den der verstorbene kunstsinnige Mainzer Dom?, kustos Schneider schon vor 30 Jahren erkannte. Schon besinntj sich auch das Kunsthandwerk selbst auf die Kultivierung dieses. Brachfeldes der angewandten Kunst, indem cs an die frühere Entwicklung anzuknüpfen sucht. Der glatte Ring ist nicht allein unhistorisch, nichtssagend, sondern genügt auch in keiner Werse mehr den verfeinerten ästhetischen Ansprüchen von heute. Aber in erster Linie muß das Publikum den Kampf ausnehmen, de» Bann brechen, Sturm laufen. Es gilt aufzurütteln, ein Unrecht an einem auf eine ehrwürdige und. glanzvolle Geschichte zurüch- blickenden Schmuckstücke gutzumachen. Wie sagt doch Nathan der Weise in der Erzählung von den drei Ringen: „Der echte Ring vermutlich ging verloren"? Wolleir lvir ihn wiederfinden!.
so allgemein verbreitete wie heutzutage; noch vor 50 Jahren galt er als besonderes Schmuckstück und wurde nur bei besonderenl Gelegenheiten als solches getragen, während die Frau von heute damit wäscht, bäckt und kocht, und der pater familias pflegtet zum Zeichen seiner Würde Kielfach den Zeigefinger mit ihm zu schmücken. So hat also der Industrialismus auch auf diesem Gebiet den demokratischen Gedanken, der alles gleich zu machen strebt, gefördert und popularisiert, allerdings bedauerlicherweise auf Kosten der Kunst und Acsthetik.
Aber schon beginnt das aufgeklärtere Publikum, vorerst in den Kulturzentren, sich aufzulehneu gegen die barbarische Ge- schmackslosigkeit der Tradition — eppur si muove, und sie bewegt sich doch: Berlin, Leipzig, Dresden, München, die im Geschmack tonangebend sind, auch schweizerische und österreichische Städte/ wo Herzlichkeit und Natürlichkeit dem Konventionalismus gram sind, haben teilweise die neuen Formen gierig ausgenommen, ja sogar der sonst draußen im Reiche als steif verschrieene Hamburger verhält sich der Neuerung gegenüber nicht ablehnend. Das sollte insbesondere all den jungen Leuten, die den Bund fürs
ü-6 r-ltrt- an „„gtz-is-de Gedanke der Fesselung und Besitzergreifung j Leben schließen wollen, zu denken geben; sie sollten eine klein« NÄRn W^L^Äisch^"KAL wurkw durch den! Kulturtat bei der Auswahl ihrer Verlobung oder^Taaur.nge Inseitig öont Bräutigam der Auserwählten dargereichten Ver- lobungsring, der natürlich ein der sozialen Stellung und virt- fchasilichen Stärke des Gebers wie dem erstrebten .Mertobvkt gerecht iverdendes Kunstwerk darzustellen pflegte. Und erst zm späten Mittelalter gelang es den« Christentum, die ihm unbeqmme Ursprüngliche Symbolik des Rechtes umzuwerten und umzudeuten jin die menschlichere, gefühlsmäßigere von der Liebe und Romann., der Treue und Unwandelbärkert, womit sich den« Goldschmied cm weites Feld zur Betätigung in immer neuen und abwechststungs- reichen Formen eröffnete.
Tatsächlich lehrt schon ein flüchtiger Blick in eknes unserer! bedeutenderen Museen, wie gedankenarm und phantasielos unsere sonst so anspruchsvoll und formenfreudig sich geberdende moderne Zeit gerade auf diesem Gebiete geworden ist — angesichts dieser Mille des Materials an herrlichsten Edelstücken, angefangen von den still-ernsten gotischen Ornamentringen über die „sprechenden Reifen der spruchfrohen Minnesängerzeit hinweg bis zu den wayr- tzaften Goldgedichten der Renaissance, die das Llchespfand mit den vollendetsten Mitteln der Technik graziös, verschwenderische kiiruriös zu variieren wußte! Und dann der Niedergang, das Vergessen — der große Krieg, Pestilenz, teure Zeit und.Verarmung Mußten durch Barock und Empire hindurch ihre Wirkung tun, bis die Biedermeierzeit die gänzliche Verflachung emlertete. I Vermischte».
Ich habe in Nr. 36 des Jahrg. 51 von "^ber Land uich Meer I » Von« Hufschmied 5 u in B ö r s e n p r ä s i d e n t e n. den I Eine romantische Laufbahn, wie sie sich heute wohl nur noch im
polt 22 Mbrldu«gen,heichorrckge«der Trm»«Nge «ls Ml I I ^er unbegrenzten Möglichkeiten vollzieht, hat in der Wahl
Privatsammlungen die wechseireichc Geschichte oes ^rauriiigs u I Millionärs James I. Townsend zum Präsidenten der Kunst und Mode aufzuzelgen um dadurch den Anstoß M «ner I Chicagoer Börse ihren Höhepunkt gesunden. Noch vor 22 Jahren Degeneration dieses Aschenbrödels der angewandten Kunst zu geben. I WQr tiefer große Finanzmann ein einsacher Hnsschmiedgeselle, der Der Aufsatz scheint Beachtung und Anklang gefunden, zuhaben, I ,weniger dachte, als an große Geldgeschäfte. Seine Ge-
was ich aus einer Menge von Zuschriften aus deii Kreisen der I j2(e linj, ^je' Art, wie er zum Börsemnaim wurde, hat Town- Goldschmiede wie des breiten Publikums sch ließen zu dürfenRaum I jgnb ^lbst mit schlichten Worten erzählt: „Ich kam hierher mit Wie aus dem Umstande, daß die Arbeit der Ehre niehrsacher Al- I »ichts in meinen Taschen und sah mich nach Arbeit um. Nach sund Ausschreibung und vielfachen^Nachdruckes, sogar rn Amerika, I Tagen sand ich denn auch Beschäftigung bei einem Hufgewürdigt. wurde. Und der Erfolg dieses Vorstoßes ? I $c()nt'ieb imj1ten§ Martindale, der jetzt schon tot ist. Bei dem blieb
Er ist zweifellos da, wenn er auch zaghaft und langsam ein- I 10 Jahre und beschlug eine Menge Pferde. Es kam auch ein
gesetzt hat. Der Reformgedanke marschiert! Wobei ich nicht blind I Mann in unsere Schmiede, der hatte sehr hübsche, teuere Pserde,
|an der Wirklichkeit vorübergehe und überzeugt bin, daß es leichter I uub wenn sie beschlagen ivurden, so sah er dabei zu. Den lernte sein wird, der Damenwelt die Notwendigkeit des —■ Hosenrocks I jch n[[0 kennen, und er war so mit mir zufrieden, daß er alle seine
zu suggerieren als den Berg von Vorurteilen und llcberlieferunge.nl I nuI von mir beschlagen lassen wollte. Eines Tages, als
vbzntvagen, der sich der Reform des Traurings entgegensetzt. I ev ,vjeder dabei stand, wie ich seine Pferde beschlug, da sagte er:
Mit bewundernswertem Kunstverständnis und technischem Ge- I „Jimmy, warum läßt du nicht das sein und tust was anderes?" schjck haben bereits namhafte Werkstätten Berlins wie hauptsächlich I Ich lachte und sagte ihm, da gab 's nichts anderes, was ich tun Südwestdeutschlands den zeitgemäßen Gedanken aufgegriffeu und I könnte. „Doch": meinte er, „wenn ich dir einen Platz in meinem geschmackvolle Dessins auf den Markt gebracht. Da sehen ivir IBankbüro verschaffe, willst du ihn annehmen? Na, das war frühgermanische, schon aus dem 4. Jahrhundert stammende Orna- I eine schöne Ueberraschung. Den nächsten Tag schnallte ich meine mentniotivc der Vergessenheit entrissen, Sentenzcnringe erscheinen I Lederfchürze ab und ging mit meinem Bekannten. John A. King, Wiederum und wir finden künstlerisch gestaltete zierliche Blumen- I der damalige Präsident der Fort Dearborn Bank, war es, der Muster symbolischen Charakters und sinnvolle Blattornamente zu | mich zu einem Finanzmanu inachle. Mein Lebtag werd ich ihn Rosen-, Efeu-, Akanthus-, Lebensbaum-, Lorbeer-, Eichen-, Mistel- I nicht vergessen. Sechs Monate (ernte nun der junge „Jimmy", oder Myrthcnbänderu komponiert, die in ihrer eleganten Zartheit I bann machte er sich selbständig und wurde allmählich Millionär den relativ rohen Frangipaniring weit hinter sich lassen. Und | und eine der führenden Persönlichkeiten an der Chicagoer Börse. Nun dagegen der bisher übliche kahle, nichtssagende Drahtring, der keiner Individualität, keiner persönlichen Geschmacksrichtung cntgegenkommt, den jedermann heute trägt, der Künstler wie der Banause — „weil es eben so Mode ist!".....
' Daß eine derartige Armut, ja Geistlosigkeit in der Gestaltung deö Traurings überhaupt Platz greifen konnte, liegt letzten Endes ton Industrialismus, der allmählich auch das Goldschmiedegewerbe überwuchert hat. Millionen von einfachsten Ringen warf die fabrikmäßige Herstellung unter die Masse, so daß bei der Billigkeit des Artikels auch der kleinste Mann bei Eingehung ber. Ehe diesen sichtbaren standesamtlichen Ausweis heute nicht zu missen braucht. Das war ehedem anders. Da gab man dem Goldschmied ein der -individuellen Geschmacksrichtung entsprechendes Stück in Auftrag sund war daun stolz darauf, daß nicht jeder beliebige es sein eigen nennen konnte. Demgemäß war die Mode des Traurings auch keine
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kiedaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Dießeck


