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Üttiit Herz ist fremd. Große Gedanken, die dem Jüngling ganz fremd' sind, stillen jetzt meine Seele, beschäftigen sie in einem freuen Reiche."
Mer nicht nur innerlich erkannte der eben gerade zirm Geheimrat ernannte Goethe diesen Abschluß seiner Jugend, er handelte auch äußerlich danach. Ende 1779 unternahm er mit dem Herzog Karl August, dessen ungestüme Persönlichkeit er zuin Wohle des kleinen Staates mäßigen und erziehen sollte, eine Reise durch die Schweiz. Hierbei suchte er die Orte und die Menschen auf, die Ur seine eigene Entwicklung über die Tagesflucht hinaus Bedeutung und Wert gewahrt hatten: das Elternhaus in Frankfurt am Main, Frau Aja, die nach Straßburg verheiratete Lili Schönemann, in Sesenheim Friederike Brion, in Emmendingen das Grab der Schwester Kornelia und die zweite Frau seines Schwagers Schlosser, Johanna Fahlmer, die Tante der Brüder Jacobi.
Wir haben heute unter den Goethe-Forschern eine scharfabgegrenzte philologische Klasse, die sich lediglich mit dem jungen Goethe beschäftigt. PH. Stein und M. Morris nehmen die Jahre 1779/80 als Linie an, während S. Hirzel und Bernays init dem ersten Jahr in Weimar, 1776, Goethes Jugend abschließen möchten. Schon Tieck schwankte zwischen Goethes 26. und 37. Jahr, als jener Franksurt verließ oder die italienische Reise antrat.
Ueberlafsen wir diese Frage weiterhin beit Philologen und wenden wir uns wieder bescheidener unseren! eigenen Leben zu. Mögen wir nun die Reise in die Heimat als einen „Tag von Damaskus" erleben oder voll fröhlichen Wiedersehens und auferstandener Erinnerungen, Enttäuschungen werden uns niemals erspart bleiben. Was uns einst groß und bewunderungswürdig erschien, können wir jetzt vielleicht wegen seiner Kleinheit gar nicht mehr finden, oder es will uns lächerlich erscheinen. Da heißt es, den richtigen Maßstab zu haben,für die Vergangenheit find Ur die Gegenwart. Liegt nicht öfter im' Kleinen das Symbol Ur das Große? Dian muß nur Augen dafür haben. Und! immer eingedenk sollen wir des Wortes des Kaiser-Mönches Lothar I. bleiben: „Tempora mutantur, nos et mutamur in illis“. (Die Zeiten ändern sich, und wir uns in ihnen.) Die Landschaft, deren reine, ideale Linie wir zwanzig Jahre immer im Geiste vor uns sahen, ist jetzt durch eine große, für das weitere Gedeihen der Stadt äußerst wichtige Fabrikanlage verunstaltet. Der Mann, der »ms vor zwanzig Jahren ein väterlicher Freund war und eben erst einige Monate in der kühlen Erde schläft, wird an den Stammtischen wegen seiner plötzlichen politischen Umschwenkung böse hergenommen. Man möchte in das Gespräch einspringen und beit stummen Toten verteidigen. Aber, aber — ach, das sind ja nur zwei ganz willkürliche Beispiele aus der Fülle der mehr oder weniger leicht zu ertragenden Enttäuschungen. Und so gibt es denn manchen, den dieses so freudig ersehnte Wiedersehen tief verbittert und verbissen wieder abreisen läßt mit dem Seufzer: „Wäre ich doch niemals auf diesen unseligen Gedanken gekommen, das alte Nest noch einmal aufzufuchen!" Jenen ergeht es da wohl ähnlich wie den anderen, die nie eine Wahrheit hören mögen und so mit einer Art Vogel-Strauß-Politik durch ihr Leben wandern. Enttäuschungen ersetzen sie durch Selbsttäuschungen. Wie diesen zu helfen ist, fragt man mich? Vielleicht gibt meine kleine Plauderei doch dem einen oder anderen einen Fingerzeig.
Ich habe in diesem Frühling und diesem Sommer fast all die Stätten meiner sehr unruhigen und wechselvollen Jugend ausgesucht und bin über das eine traurig geworden oder sehr nachdenklich, über das andere jedoch, und das gottlob bei weitem überwiegend, erlebte ich den reinsten Genuß schöner und sonniger Erinnerungen. Und die paar Verse von Leo Greiner kamen mir wohl gelegentlich in den Sinn, so daß ich sie auch hierher setze:
„Was wir sind, das ist gewesen.
Was wir wurden, schwebt als Schatten Um das tief geliebte Wesen, Tas wir einst gestaltet hatten."
Es tut nicht gut, allzulange in der Vergangenheit zu verweilen, ebensowenig wie die Menschen zu loben sind, deren Sinne ihrem Augenblick schon meilenweit voraus sind und tuen irren Lichtern der Zukunst nachhasten. Sollen wir nicht mit festen Füßen auf dem Land- unserer Gegenwart stehen, eingewurzelt und wetterfest, und am Abend jeden Tages das Werk unserer Hände oder Gedanken abwägen? All zu bald ruft uns der Herbst zum großen Erntetag i
Brahms als Umderfreund.
In der Fortsetzung der von uns bereits erwähnten Lebenserinnerungen, die der bekannte Pianist und Tondichter Eduard Behm in der „Deutschen Tonkünstler- zeitung" veröffentlicht, erzählt er einige höchst anziehende Züge von Brahms, die wertvolle Beiträge zur Kenntnis des Charakters und des Seelenlebens dieses verschlossenen Künstlers bilden.
Die Erinnerungen führen in das Fahr 1890, als Behm in Wien weilte und dort die Unterweisung Brahms genießen konnte. Neben den künstlerischen Beziehungen entwickelte sich zwischen Meister und Jünger bald auch ein enges menschliches Verhältnis, und wie am Klavier, so war auch in dem bekannten „R o t e n I g e l", dem Stammrestaurant Brahms,
Behm des Meisters Genosse. Gewöhnlich war Brahms früher dort, während Behm sich zu verspäten pflegte und seinen Meister in der Regel schon einen Gang im Mittagsmahle vorausfand. „Eines Tages", so erzählt er, „hatte ich mich wieder arg verspätet. Brahms winkte mir, als er mich kommen sah, mit einem Stück Papier energisch zu. „Ich habe eben einen acht Seiten langen Brief an Sie geschrieben," sagte er nach der Begrüßung. Dabei hielt er mir den Brief, einen von einer Zeitung abgerissenen Fetzen, hin. Er enthielt die Worte: „Ich erwarte Sie im Prater im dritten Caföhause." „Sie waren noch nicht im Prater?" Ker. Ich verneinte. „Den müssen Sie kennen lernen, i höchst wichtig." Nach eiligst eingenommenem Essen trollten wir los. Dieser köstliche Nachmittag zeigte mir Brahms von einer neuen Seite, Brahms als Kinderfreund. Denn dem Treiben und Gewoge der eleganten Welt, die fahrend, reitend und schlendernd sich in der Hauptallee bewundern ließ, schenkte er weiter keine Beachtung; er steuerte sofort auf den Wurstelprater zu, jenen Teil, in dem sich das Volk vergnügt, in dem Ausrufer vor den Buden nie dagewesene Sehenswürdigkeiten einer staunenden Menge anpreisen und der Kasperle mit seinen Heldentaten seine Zuschauer in höchste Begeisterung versetzt. Dieser namentlich hatte es ihm angetan oder vielmehr das fröhliche jugendliche Publikum, das sich um ihn scharte. Im Umsehen hatte Brahms ein halbes Dutzend- Jungens um sich versammelt, die er freundlich ansprach und mit humoristischen Worten einlud, mit uns in den durch einen! Strick abgesperrten ersten Platz einzutreten. Welch ein Jubel entstand da! Umtobt von ihrem Geschrei gelangten wir mehr geschoben als gehend in den Raum. Brahms sorgte väterlich für die nötige Ordnung. Die Kleinen voran, die Größten zuletzt, so mußten sie sich setzen, daß jeder gut sehen könnte. Und nun genoß er in vollen Zügen das Gefühl innerer Befriedigung, den Kindern eine unerwartete und vielleicht unvergeßliche Freude zu Bereiten. Je größer das Entzücken der Jungens, je mehr sie lachten und in Ausrufen der Ueberraschung schwelgten, desto freudiger bewegt blickte Brahms auf sie herab. In solchen Augenblicken mochte er wohl seine Gedanken zurückschweifen lassen in seine harte Jugend und auf die kärglichen Lichtstrahlen,- die sie vielleicht bei ähnlichen Gelegenheiten erhellten. Wir warteten nicht ganz die Beendigung des Spieles ab und zogen weiter, schon jetzt verfolgt von einer Schar Kinder, die von dem wohltätigen Eckart weiß Gott noch welche Schätze erwarteten. Er machte dann Halt vor der Bude eines Zuckerbäckers, dessen Kostbarkeiten von sehnsüchtig aus- gesperrten Augen und Mäulern umlagert waren. Jedes Stück kostete einen Kreuzer. „Na, was möchtest Du denn wohl haben?" fragte Brahms einen kleinen Knirps. Der starrte ihn wie eine überirdische Erscheinung an, ehe er sich zu einer Wahl entschloß, und mit dem Finger auf einen Bonbon zeigend sein „dies" flüsterte. Und jeder von der ganzen großen Gesellschaft erhielt nach freier Wahl ein Kreuzerstück. Ms ein Größerer auf die Frage, was er wünsche, um ein Stück Hausbrot bat, wandte sich Brahms zu mir herum: „Sehen Sie, der hat wirklich Hunger," und er ließ ihm zwei Stücke geben.
Geld schenkte er, wie er mir später tut Verlaufe des Gesprächs mitteilte, aus pädagogischen Gründen niemals Kindern, die dadurch nach seiner Ansicht nur verwöhnt und verdorben würden. „Will ich einem armen Kinde etwas schenken, so gehe ich in einen Laden und kaufe ihm etwas." Diese seine Worte konnte er in Wien wohl immer in die Tat umsetzen. Um nun aber den Zwiespalt zwischen seinem Herzen, das ihm zum Geben antrieb, und- seiner Einsicht, die ihn von einem Geldgeschenk abhielt, zu begegnen, hatte er in Ischl stets Süßigkeiten bei sich und zwar, da er seine Gaben gewöhnlich in anmutige Form zu kleiden verstand, zugleich aber auch einen Scherz mit ihnen verbinden wollte, nicht Bonbons oder etwas Aehnliches, sondern Schwefelhölzer aus Zucker und Zigarren aus Schokolade. Und so oft wir einem kleinen Mädchen begegneten, Mit dem eilt Gespräch anzuknüpfen möglich war, erkundigte er sich, ob es schon einmal Schwefelhölzer verspeist hatte, was natürlich verneint wurde. Dann holte er aus seiner nasche die Schachtel mit diesen hieraus, biß zum Erstaunen der Kleinen in "solch giftiges Ding hinein und verzehrte em Stück Er ließ das Kind dann kosten und lachte herzlich, wenn dessen Augen in freudiger Betroffenheit zu ihm anf- sahen. Den Jungens, die er zumeist selbst rauchend Mit


