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Var Zeuge. Da Wien Sie aber was erleben können, Frau von Hilbach! Die Häuflein war im ersten Augenblick ganz starr. Im grauen Unterrock und weißer Nachtjacke kommt die Küstern mitten am hellen Tag auf den Flur und sängt an zu schimpfen. Na, das muß ich sagen, so eilt Mundwerk ist mir lange nicht vorgekommen. Und die Ausdrücke! Direkt ins Gesicht hinein hat sie der Hanflein die größten Beleidigungen gesagt, und wie die Pastorin auf den Flur gelaufen kam, um zuzuhören, schrie fte der zu: „Sie sollten mal Treppe und Flur besser reinmachen, als hier Maulaffen feilhalten!" und der Specht, die auf die Treppe kam, warf sie Schimpfreden entgegen, und mich beleidigte sie wiederholt, wo ich doch kein Wort in die Unterhaltung Warf, mt, ich muß sagen, ich halte ja sonst nicht viel von der Specht und der Häuflein, aber in diesem Fall mußt ich mich ooch auf ihre Seite stellen. Es konnte auch keiner ein Wort vorbringen, so laut schwadronierte die Küstern —
„Die Häuflein ging schließlich wie eine Königin die Treppe hinunter, und die Specht und die Pastorin liefen ihr nach. Die Küstern lachte laut auf, schnitt eine Fratze, ging dann in ihre Wohnung und hat den ganzen Llcich^ mittag am Harmonium gesessen und gesungen' und gespielt, daß die Wände zitterten. mir natürlich
Sorgen gemacht, wie das spätex-lverden soll, und hab mir bei meiner Bekanntem -m der Querstraße, die auch aus Großheringen Mmmt, was von der Küstern ihren früheren BerhNmissen erzählen lassen. Die soll also in der ganz§U^llmgebung in einem sehr schlechten Ruf stehen
rfT'nach hier gezogen, weil sie in ihrem Ort keine Wohnung mehr kriegen konnte. Auf die Dauer können wir sie ja natürlich auch nicht behalten, aber nu heißt es klug sein. Kündigen wir ihr am ersten Juli, dann schikaniert sie natürlich unsere Badegäste den Sommer über, das geht also nicht — ---"
„Aber was sonst, Kosh?" sragte Frau von Hilbach, die über diese Mitteilungen sehr erschrocken war.
„Ja, das ist ein schwerer Kasus!" entschied die Kosh. „Einem Lösen Hund wirst man zwei Knochen vor, heißt es im Sprichwort, und ich hab immer im Leben die Er- ahrung gemacht, daß nian mit schlechten Menschen am iesten zuwege kommt, wenn man eben so gut zu ihnen ist, wie sie schlecht zu einem sind. Daun müßte einer doch chon durch und durch verdorben sein, Wenn das keinen Lindruck ans ihn machte.
„Aber sehen Sie, Frau von Hilbach, das kann und kann ich vom Doktor nicht begreifen, daß der Ihnen jetzt nicht ein bißchen tragen hilft. Was nützt Ihnen dann die ganze Verlobung, Wenn der einfach seiner Wege geht und jagt: „Hab ich Glück, daun komiue ich wieder, hab ich keins, dann sich, Wie du allein fertig wirst!" Ich hab ja nie gewagt, ihm Ratschläge zu geben, aber wenn ich er gewesen wär, hält ich mir die Zukunft so gestaltet: Sie haben nun einmal das Besitztum hier, Frau von Hilbach, und er hat Doktor studiert. Wo ist aber ein Doktor nötiger als an einem Badeort? Zumal, wo wir aus unserer Seite keinen haben und immer über die Brücke müssen, wenn wir ärztliche Hilfe brauchen. Er hätte aus nnserm Haus eine Kuranstalt machen können. Bei feiner Persönlichkeit und Klugheit hätte der doch einen kolossalen Zuspruch gehabt, das können Sie sich doch an den Fingern abzahlen, und auf die Weise wären Sie aus Ihrer Ein'amkeit heraus- ßefommen, und der Doktor hätte auch wieder soliden Boden unter die Füße gekriegt---"
„Kosh, wir wollten doch nicht mehr über ihn reden!' -bat Frau von Hilbach, und die Alte meinte ärgerlich:
„Unklare Verhältnisse sind mir nun einmal verhaßt. Wenn man wenigstens genau wüßte: er kommt! Aber womöglich Wartet man ein Jahr, und wenn es um ist, steht man da und ist gefoppt."
Fran von Hilbach wollte etwas erwidern, aber die Kosh ließ sie nicht zu Worte kommen.
„Das nehmen Sie mir nicht übel, Frau von Hilbach: Hier im Haus ist ein Manu so notwendig, wie das Salz aufs Brot, das muß er gemerkt haben. Warum hat er sich da nicht gesagt: Du bist derjenige, welcher —"
„Das verstehen Sie nicht, Kosh!" widersprach nun Frau von Hilbach ärgerlich. Die Mte schwieg und setzte eine gekränkte Miene auf.
Der Doktor hier im Saalehaus? Nein, o nein, das tat er nicht, das war unmöglich. Ihr Doktor war doch
nicht der Mann, der seiner Frau ettvas verdanken wollte! Das hätte sie auch nicht gemocht, daß er geblieben Wäre, obschon sie ihn in all ihrer Schwäche darum gebeten hatte.
Nein, holen sollte er sie, sollte sie erlösen ans ihrem grauen, traurigen Haus; sie wollte warten, und wenn es Jahre dauerte, er kam doch, er mußte, mußte ja kommen!
„Kosycheu," schmeichelte sie, als sie sah, daß die Alte wirklich gekränkt war. „Sie haben mir doch heute morgen noch gesagt, Ihre Diele hätte „ja" geschrien, wie Sie sie gefragt haben, ob der Doktor wiederkommt, und nun sogen Sie wieder das Gegenteil!"
Die Kosh Wischte sich eine Träne ans ihren Augen, aber ihr Unmut war schon vorüber.
„Wenn das man mit dem vielen Umziehen im April gut geht!" seufzte sie, „do wird man in der nächsten Zeit vor Arbeit gar nicht zu sich kommen, und am ersten Mai ist Badeeröfsuung. Bis dahin muß ich all mein Zeug für den Sommer parat haben und Hausputz in meiner Wohnung gehalten haben. Sie müssen wirklich tüchtig mit zugreifen, Frau von Hilbach, auch Wenn Sie nicht sehr fürs Praktische sind. Wenn Sie erst Frau Doktor geworden sind, daun hält er Ihnen hoffentlich ordentliches Personal ..." ,
„Dumme Kost), als ob Sie viel Personal um sich duldeten!"
Der Kosy Gesicht strahlte:
„Wenn er mich man will in seinem Haushalt!"
„Wir fragen ihn gar nicht, Kosycheu!" scherzte Frau von Hilbach, und die Alte lachte, steckte ihr Strmzeug tu di.x Tasche und brachte ihre Frau zu Bett. Dabet redete sie immer noch vom Aprilumzug: ,
„In den nächsten Wochen werden Sie nicht viel Zeit haben, über ihn nachzudenken. Wenn die Sachen aus Halle erst kommen,' heißt es „arbeiten" kleine Gnädige, aber schaden tut's Ihnen nicht!"
(Fortsetzung folgt.)
Die Uorrespsndent'm.
Bon C. D Leslie.
Uebersetzung ans dem Englischen von Marie Eisner.
James und John Moxon halten die Londoner Agentur für Jallands merkwürdigen amerikanischen Eiskasten, der sich im Winter in einen Gciväck)shausvfcn umwandeln ließ.
Wenn James und John auch nidjt wie ihre Namensvettern im Kinderreim allabendlich um 10Va Uhr zu Bett gingen, so waren sie doch brave junge Leute, die durch unermudliazen Fleifj das Kommissionsgeschäft hoch gebracht hatten.
JameS war 28, trug kürzen Bart, Umlegekragen und rote Krawatte; in der Theorie war er Sozialist und Anhanger Bernhard Shaws. John zählte 26, bevorzugte weiche Schlipse, die einen entschieden künstlerisck)cn Anstrich hatten, war glatt rasiert uird las mit großer Begeisterung Marie Eorellis moinane. Aber beide kannten als echte Briten nur ein einziges Vorhaben — und so vernachlässigten sie ihre tünstlerischen Neigungen über ihrer ivichtigsten Lebensaufgabe — dcur Berkaus von Jallaiids Ers-
Das Bureau der Agentur befand sich in Holboru, uiid ein Laufbursche bildete seinen Personalbestand. Jetzt aber lieg die stets wachsende Arbeitshänfung doch eine Vergrößerung desselben ratsam erscheinen. . .
„Wie wärs, wenn wir eine Korrespondentin engagierten, die uns die Schreibarbeit abnehmen könnte?" schlug James vor.
„Eine Dame?" meinte John zweifelnd. „Warum denn nicht ©tftetüi ‘?y/
„Eine Dame kommt billiger imb leistet ebensoviel," erklärte bet Gleitete.
„Gut," pflichtete der jüngere Sozius nach einiger Ucberlegung bei „Aber sei um Himmels willen vorsichtig in deiner Wahl. Win wollen doch keine von der Sorte, die aufgeputzte Blusen und unechte Perlen trägt und sich das Haar aufbauscht."
„Natürlich nicht!" stimmte James zu.
„Und dann, weißt du, können wir fern Mädchen gebrauchen, das geivöhnlich spricht, mit uns flirtet oder uns m Ehebande zu fesseln sucht. Nimm ein zuverlässiges, anstan-igcs Mädchen mit guten Manieren."
„Versteht sich!" sagte James.
Noch am selben Tage hatte er eme Unterredung nut einer würdigen älteren Dame, die ein Institut leitete, das den grausame« Zweck verfolgte, Korrespondentinnen auf die leidende MeuchgeN loszulassen. Die Matrone hörte ihm aufmerksam zu, machte kurze Nvtizeii uiid verpflichtete sich, die Ware sicher zuzustellen — wie Mr. Jalland sich ausgedrückt haben würde. Miß Ffmch erfüllte dieses Versprechen und stellte sich am folgenden Tage den beiden Kompagnons vor.


