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Miß Wuch war hübsch, zierlich unb zwetundzwanzrg; ihr Wesen trug den Stempel der Selbstbeherrschung und Beschetdenhett. Sie hatte ein gut sitzendes blaues Cheviotkostüm an, das ehre stattliche, graziöse Figur Vorteilhast hervorhob. Nachdem sie eine kurze Prüfung in Maschinenschreiben und Stenographie abgelegt hatte, wurde sie sofort engagiert und begab sich gleich an die Arbeit.
Ain nächsten Lage kam es zu Uneinigkeiten zwischen der Neu- angekonnnenen iinü deut Laufburschen, der sehr gegen ihr Eugagement gewesen war. Der Jüngling hatte das Amt: ,,Herein zu rufen, wenn Kunden anklopsten, ein paa Briefe abznschreibcn und zu befördern — und sein Gehalt einzuziehen. Dabei behielt er reichlich Zeit, Pfefferminzbonbons zu essen und sich in die Abenteuer von „Desperado Dick, dein Schrecken der Pampas' zu vertiefen. Miß Fsinch erhob Eintvände gegen die Psesferniinzbonbous, oder vielmehr gegen den Geruch, der sich verbreitete, während der Bursche sie verbrauchte. Er wiederum machte Einwände gegen ihr Einwand- erheb?' und variierte zu diesem Zwecke eine Rede von „Desperado« Dick" Die Tauie aber unterbrach ihn — mit einer Ohrfeige. In diesem Augenblick kamen die Chefs, die zum Lunch ausgewesen waren, zurück, und der beleidigte Jüngling legte nun den drei Zuhörern sein Ultimatum vor: er ober sie müsse weichen. James und John aber waren so außerordentlich znsricden mit der neuen Korrespondentin, daß sie ohne Zaudern den Sprecher sofort ablehnten. Mit erhobenem Haupte ging er von dannen, und in seinen Abschiedstvorten lag besonderer Nachdruck:
„Es wird Ihnen leio tun, Herr Moxon, daß Sie jemals ein Mädel ins Bureau genommen haben. Sie ift falsch. Alle Mädels sind falsch, und die da besonders wird Unheil ins „traute Heim" bringen."
O prophetischer Ausspruch!
Der Laufbursche erhielt keinen Nachfolger und Miß Ffinch erwies sich als musterhafte Angestellte. Sie war stets pünktlich gesetzt, gleichmäßig, heiter und erledigte schnell und fleißig die ihr anvertraute Arbeit. Ein paar, echt weibliche Züge, die ihr eigen waren, erhöhten — ganz im geheimen — nur ihren Reiz in den Augen der Brüder. So hatte sie ständig Veilchen angesteckt, wechselte aber jede Woche mit der Farbe — einmal violette, dann wieder weiße wählend. Und ihre beiden rosen- geschmückteu Florentinerhüte kannte man bald: zu den weißen Veilchen trug sie den nut den weißen Rosen — in der dunklen Veilchenwoche aber den mit den roten. Selbst ihre goldene Uhr steckte eine Woche im Armband, die nächste im Gürtel.
Schnell war Miß Fsinch so vertraut mit der Leitung des Bureaus, daß man sie ihr selbständig überlassen konnte, wenn beide Kompagnons fort waren.
Die Brüder sanden die junge Dame von Anfang an anziehend, Und nach wenigen Wochen schon waren beide stark verliebt in sie. Waren sie doch so ernst und solide, daß sic bis jetzt sorgfältig Tameugesellschast gemieden hatten, und so wurdest ihre noch von Liebe unberührten Herzen um so leichter von einem hübschen, anmutigen Mädchen wie Miß Fsinch gefesselt. Jeder der Beiden verschwieg sein Geheimnis und tvußte nicht im ent» kerntest en, Ivie weit ihre Vertraulichkeit mit dem auderen gedieh. Die im Bureau eiugesührte Arbeitsteilung begünstigte diese Ahnungslosigkeit.
Seit mehreren Jahren galt die Regel, daß wöchentlich abwechselnd einer der Brüder in der Stadt Orders werben sollte, der andere sie im Bureau entgegenzunehmen und nach der Post zu sehen hatte. Sv wußte der Abwesende nie, wie Miß Ffinch .rnzwischen mit dem im Bucrau gebliebenen stand.
Ohne die Arbeit im geringsten zu vernachlässigen, fand sich zwischen der Abfertigung von Kunden und der Erledigung von Briefen noch Zeit für lange, intime Gespräche. In der einen Woche disputierte James mit Miß Ffiuch über Sozialismus Und Weltvcrbesscrung, und sie gingen gelegentlich abends zu einem Bernhard Shaw-Stück, während sie in der nächsten Woche kaum ein halbes Dutzend Sätze weck)selten, und auch die nur in Gegenwart des zweiten Kompagnons. Im Laufe dieser Woche aber ergingen sich John und Miß Fsinch in eingehenden Gesprächen über Marie Carellis Philosoplste, besuchten ausch wohl am Abend einen lehrreichen Vortrag oder ein Stück, das die Verderbnis der modernen Gesellschaft beleuchtete.
Jeder der beiden glaubte, immer mehr die Neigung des jungen Mädchens zu gewinnen — jeder der beiden sühlte sich im Paradiese — bis es zur unvermeidlichen Aufklärung kam.
Etwa drei Monate nach dem Anstauchen der Korrespondentin suchte John einmal Ende der Woche Verwandte an der See auf unb kam erst Montag am späten Abend zurück. Als er ins Bureau kam, fand er James int Begriff, nach Haus zu gehen. Miß Fsinch war schon fort.
„Ich habe dich erst morgen früh erwartet," sagte der.Aeltcre, „aber ich freue mich, daß du da bist; denn ich will feiern., Soupiere mit mir im „Holborn"!"
„Was willst du feiern ?"
„Das wirst bn schon hören, Trallalälla!"
Dabei improvisierte James einen Cakewalk.
„Haben wir denn den Mac Dougal Kontrakt abgeschlossen e— oder bist du betrunken?" fragte John argwöhnisch.
Doch James verstand sich zu keinen weiteren Mitteilungen *— bis das Souper beendet war und eine Flasche Champagner fast geleert. Da ettdlich sagte er:
„John, alter Junge, ich habe mich verlobt I"
John riß die Augen auf, daß man das Weiße rings nm die Pupille sah — so überrascht war er.
„Nun, das hast du aber geheimnisvoll angestellt!" rief er ans. „Und wer ist die Glückliche?"
„Miß Fsinch."
Der andere lachte befangen.
„Heraus mit der Sprache! Die ist's sicher nicht. Du scherzest — das weiß ich genau."
„Freilich ist's die! Ich sage es dir ganz ernsthaft."
„Dann lügst du ernsthaft; denn — sie ist mit mir verlobt."
Sie starrten einander über den Tisch hinweg an.
„John," fing James nach einer Weile an, „um jeden Irrtum zu vermeiden: Miß Fsinch hat mir heute nachmittag ihr Wort
„Aber sie ist schon seit Freitag mit mir verlobt," erklärte John, „sie hat mich gebeten, es vorläufig geheim zu halten."
Ein langes Schweigen folgte, währenddessen die Brüder inner* lich die neuesten Enthüllungen über, weibliche Falschheit verarbeiteten. Der lebhaftere John brach die Stille.
„James, was soll das heißen? Warum — warum erhört sie uns beide? Sie kann uns doch nicht beide heiraten."
„In keinem Knltnrlande wenigstens. Aber augenscheinlich will sie keinen von uns heiraten," meinte James mit sardonischem Lachen. „Sie hat sich wohl nur amüsieren wollen. Bist du manchmal mit ihr ausgegangen?"
„Nun ja, fast jede Woche ins Theater, und oft genug haben wir an diesem Tisch hier soupiert."
James schlug mit der Faust darauf.
„Zum Kuckuck noch einmal! Sechs- ober achtmal habe auch ich mit ihr an diesem Tische gesessen. Warst du je in ihrem Heim?"
„Nein. J'ch wollte sie gern zu Hause aufsuchen. Da erklärte sie, sie lebe bei ihrer Mutter, die leidend sei. Vor Wochen schon bat ich sie, Mrs. Fsinch besuchen zu dürfen. Doch hielt sie mich immer hin, weil, wie sic sagte, ihre Mutter nicht wohl genug wäre, um Gäste zu empfangen."
„Aber genau so hat sie es mit mir gemacht! Mir scheint, sie hat gar nicht des Erwerbs wegen, sondern nur zum Amüsement gearbeitet. Bon Ansang an erkannte ich, daß sie über dem Niveau der gewöhnlichen Korrespondentin stünde. Wahrscheinlich ist sie mit irgend einem Dandy verlobt."
John seuszte schwer.
„Das ist ein harter Schlag für mich, der ich Freitag abcnd erst als Glücklichster der Sterblichen London verließ. Ich hätte gern den Besuch aufgegeben, aber sie wollte nichts davon wissen und bat mich, unser Verlöbnis noch eine Woche lang geheim zu halten. Narr, der ich war, ich stimmte zu. Wenn ich dir's gleich gesagt hätte--"
„Als sie mir heute nachmittag ihr Wort gab, bestand sie auf Heimlichkeit für ein paar Tage. Erinnerst du dich, John, wie der Bursche, den wir am Tage ihres Eintritts entließen, sie „falsch" nannte?"
„Das ist bezeichnend für sie", pflichtete John bei, „ich eilt- sinne mich, wie ich einmal während meiner Außenwache ins Bureau kam und euch beide sehr vertraulich schwatzen fand. Ich wurde ein wenig mißtrauisch; doch als ich sie zur Rede stellte, schwor sie mir, daß ihr beide nichts zusammen hättet."
„Die kleine Lügnerin! Von Anfang an bemühte ich mich um sie. So hat sie es wohl Woche aus, Woche ein mit uns getrieben."
Ter Jüngere nickte.
„Woche aus, Woche ein!" murmelte er. „Wenn ich mir's jetzt überlege, fällt mir auf, daß sie jede Woche Kleinigkeitent an ihrer Toilette änderte. In meiner Bureauwoche trug sie ihre Uhr im Gürtel, während der anderen im Armband. Unb ihre Hute — nur in zweien habe ich sie gesehen. Wenn wir Abends ausgingen, hatte sie stets den mit rosa Rosen garnierten Hut aus."
„Den mit iveißen in meiner Woche", murmelte James in Erinnerung versunken, „und immer war die Uhr ums Handgelenk befestigt. Auch hatte sie weiße Veilck)«n gern, von denen sie ein Bouanet auf ihrem Pult stehen hatte."
„Das stimmt. Aber in der Woche, die ich int Bureau zu sein hatte, staitden gewöhnliche blaue Veilchen da. Sie meinte, es wären Marie Corellis' Lieblingsblumen, und deshalb hätte sie sie stets neben sich."
„Unb mir sagte sie, Marie Corellis Romane langweilten sie. Aber — was für eine falsche kleine Katze! John, sie ließ sich heute nachmittag von mir. küssen."
„Ich habe sie Freitag geküßt", stellte John mit düsterem! Stolz auf seinen Vorrang fest. „Unb sie sagte mir, daß ich außer einem Sausewind von 17jährigem Vetter der erste Mann fei, der das dürfte."
„Und mir versicherte sie, ich wäre überhaupt der erste Mann, der sie küßte", zischte James tragisch. „Das ist stark. Ich finde heute Nacht keine Ruhe, bis ich ihr gesagt habe, was ich von ihr halte. Machen wir unS sofort auf!"
Er verlangte die Rechnung.
Sie mußten erst ins Bureau zurückgeheu, um Miß Fsinches Adresse nachzuschlagen. Sie wohnte West-Street 117, Hampstead.
Eine halbe Stunde drauf traten sie aus dein Hampsteab-Bahn-


