Ausgabe 
9.2.1911
 
Einzelbild herunterladen

Vonrm'siag den 9. Zebruar

0 v- Hl Hl

JlBfill ti

'ffM

WWi

Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau!. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.?

Nun war die blonde ß-rieba schon so weit genesen, daß sie an den warmen Herbsttagen in der großen Laube im Garten sitzen konnte, und sie hielt ihr Kind auf dem Schoß unid setzte sich in eine Ecke, wo niemand von der Straße her sie sehen konnte.

Sie war noch sehr bleich, sah müde aus und weinte viel, obschon sowohl Mutter als Großmutter gut und freund­lich zu ihr waren.

Sie sollten nicht so viel weinen, Frieda," redete ihr Frau von Hilbach zu, die sich oftmals zu ihr setzte, weil es, ihr weh tat, wenn das arme Ding so trostlos und müd vor sich hinblickte.Jetzt, da Sie alles gut über­standen haben, und Ihr Kindchen so gut gedeiht, ist doch kein Grund zum Weinen mehr da!"

Die Wieda aber schluchzte nur heftiger und sagte nichts, und Frau von Hilbach mochte nicht in sie dringen. Sie nahm ihr manchmal das Kindchen ab und lud sie zu sich ein, aber sie kam nicht.

Sie wird Wohl traurig sein, daß ihr Ruf gelitten hat," meinte die Kosh,aber, Gott im Himmel, so was passiert manchem Mädchen, und sie wird darum später doch eine gute, ehrbare Frau, zu der man aufsieht."

Frieda gber dachte nicht an ihren Ruf und ihre Zu­kunft. Was lag ihr an den Menschen, an Klatsch und Verachtung? Am ersten November sollte sie ihr Kind an wildfremde -Leute geben, und sie sollte Schwester werden, weil ihre Mutter meinte, durch solch einen Beruf könne sie am besten die Schande auswischen.

In Naumburg am Gericht war auch schon über das Kind verhandelt worden, und vor zwei Dagen war Frau Natusius nach Hause gekommen und hatte mitgeteilt, daß mau" sich bereit erklärt habe, dreißig Mark Pflegegelb im -Monat für das Kind zu zahlen, und Frau Natusius fand diese Bereitwilligkeit anständig, und sie freute sich darüber und begriff nicht, daß Frieda aufstand und weinte, so furchtbar weinte, wie nie zuvor in der Zeit, da alles noch viel schlimmer gewesen.

Seit sie in ihres Kindes blaue Augen gesehen, war in ihrem zerguälten Herzen wieder etwas erwacht, was eine Zeitlang geschlafen hatte, jene grenzenlose, unver­nünftige Liebe zu dem, der sie unglücklich und ehrlos ge­macht. Sie träumte wieder von all den seligen Stunden, von all dem Schönen, Warmen, Süßen, das er ihr gesagt.

Nun aber verkehrte sie durch das Gericht mit ihm, Und sie hörte von Zahlen, von Geld, das er für sie geben mußte und das Kind, das einzige, was ihr von ihm ge­blieben. Dieses Kind, das seine blauen .Augen Hatte, sein

Kind, sein Fleisch und Blut, das sollte sie nun auch weg- geben, um etwas wiederzuerlaugen, was sie so gern ge­opfert hatte, so ein armseliges bißchen Rus.

Es war auch noch eine besondere Geldsendung pon ihm an ihre Mutter gekommen zur Bestreitung der Un­kosten wahrend der Krankheit, und da diese Summe die wirklichen Ausgaben überstieg, konnte Frau Natusius eine herzliche Freude nicht unterdrücken, und sie war freundlicher als sonst gegen ihre unglückliche Tochter und gegen das kleine Kind, für das sie schon eine Unterkunft ausfindig gemacht hatte.

Bevor das Kind gelebt, da waren die Nächte der Frau Natusius lang und verzweifelt gewesen. Nun konnte sie wieder ruhig schlafen nnd saß am Tag gelassen an ihrer Strickmaschine. Die Frieda aber floh jetzt in der Nacht der Schlaf, und sie empfand etwas wie Haß und Ver­achtung gegen ihre Mutter, für die es auf der Welt nur noch ein Interesse, nur noch einen Gedanken gab:Geld!"

Das Geld war ihr mehr als Ruf und Frieden, dem Geld opferte sie jedes Gefühl; und des Geldes wegen mußte sie ihr Kind hergeben, ihr armes, Keines Kindchen; au dem nun fremde Leute wieder Geld verdienen wollten.

Je näher der erste November kam, desto verzweifelter wurden ihre Nächte.

Ich kann es nicht, ich geb dich nicht hin! Ich gehe mir'dir in die Saale!" sagte sie zu dem kleinen Geschöpften, das in ihren Armen schlief, und sie weinte und grämte sich, daß sie am Tage kaum aufrecht stehen konnte. Sie sollte aber arbeiten, an der Ausstattung für ihr Kindchen sollte sie arbeiten, an all den kleinen Sachen, die mit dem Würmchen zu den fremden Leuten wandern sollten. .

Die Nadel zi. de in ihrer Haud.Ich laß dich nicht, ich laß dich nicht!" sagte sie hundertmal am Tag, aber sie wußte, daß sie es doch lassen mußte und daß der ent­setzliche Tag näher und näher rückte.

Die Großmutter wollte die Frau, die das Kind haben sollte, gern sehen, und diese hatte auf einer Karte ihren Besuch angesagt.

Man wollte dann noch einmal eingehend über altes reden, und acht Tage später sollte das Kindchen geholt werden; dann kam Frieden ins Haus. ,

Frau Natusius kochte selbst den Kaffee für die Frau; die Großmutter sprach viel und aufgeregt, und beide redeten sie der Frieda zu, recht freundlich und gut zu der Pflege­mutter zu sein. 15

Die Frieda sagte kein Wort. Mit einem Gesicht, vor dem Frau Natusius etwas tote Augst empfand, faß sie in einer Ecke mtb hielt ihr Kind an sich gepreßt, und fester tote je wurde der Vorsatz in ihr:Ich laß es nicht! Ich lasse mein Kind nicht!"

Die Frau war gutmütig und gesprächig; sie nahm das Kind aus Friedas Armen, küßte es und nannte esr Mein Täubchen! Mein Töchterchen!" Das aber ging beti