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Dragweit« seiner HandlMgen bewußt ist" er sagte mit schonend männlichen Stolz. „Ihr Fränlein Tochter hat sich luftig über Mich gemacht, Sie verspotten mich. Ich mutz beides hinnehmen, wenn auch mit schwerem Herzen. Empfehlen Sie mich Ihrer Familie. Ich habe die Ehre." .
„Warum gleich so kurz angebunden? meinte der Rechnnugs» xat gutmütig und legte dem Gekränkten die Hand auf die Schulter. „Ich will Ihnen einen Kompromiß Vorschlägen: Ehe wir beide Weitet über den Fäll reden, will ich Ihren Onkel um seine Meinung bitten. Er ist Ihr nächster Blutsverwandter--"
Alfred war noch bleicher geworden. Der KeulenschlLge tvarenl zu viele. , r ,,,
„Geben (Sie sich Keine Mühe," antwortete er so fest als möglich >,Mit meinem Onkel habe ich bereits gesprochen; er steht ganz öuf Ihrem Standpunkt." , , '
„Ja, dann — — —" Herr Hoff machte eule bedauernde Geste. „Das tut mir leid — aufrichtig leid!"
Der verunglückte Freiersmann hatte schon die Türklinke cr- Srifsen.
„Kommen Sie doch diesen Weg!" . .
Und der Rechnungsrat schob den jungen Herrn sanft auf eine andere Tur zu und öffnete diese rasch
In demselben Augenblick stand Alfred tote eine Bildsäule. Er blickte starr geradeaus, in das behagliche Wohnzimmer.. Dort satzen am festlich gedeckten Tisch drei Personen: dia Frau Rechnungsrat, Fräulein Else und Herr Waldemar Müller.
Man mochte sich das Wort gegeben haben, den Eintretenden Nicht gleich beachten zu wollen, aber beim Anblick des Geliebten vergatz Blondelse diesen Vorsatz.
Mit einem Freudenruf eilte sie dem Erwarteten entgegen- der sie stürmisch in feine Arme schloß..
Onkel Müller schien diese Eile nicht zu billigen, aber er sagte doch in bester Laune zu dem Neffen:
„Siehst du, — ganz so glatt, wie du meintest, ist es nicht gegangen. Herr Obenhinaujs. Hoffentlich hat unser Rat dich ordentlich schwitzen lassen. Ja, schau mich nur an!! Möchtest wohl wissen, was ich hier zu schaffen habe? Die Einladung zum Verlobungsfrühstück hat mir keine Ruhe gelassen. Das wollte jch mir nicht entgegen lassen wie den Silvesterpunsch, der so Grotzes bei Dir bewirkt hat. Und nun laßt uns keine Zeit mehr verlieren! Nun soll uns ein anderer Tropfen, schmecken! Der erste im neuen Jahre!"
spitzenkuich.
Wiederholt ist in jüngster Zeit geklagt worden, daß während der letzten hundert Jahre das früher in Deutschland stark betriebene Nöppeln und Nähen von Spitzen im Absterben begriffen sei. Tie Schuld an diesem Niedergänge wird der ans staatlich unterstützten Spitzenschulen genährten Konkurrenz des Auslandes und dem Vordringen „billiger und minderwertiger Maschinenspitzen" beigemessen. Nun, der Niedergang ist nicht zu bedauern, denn das Klöppeln und Nähen von Spitzen schlotz schwere soziale Schäden in sich. An und für sich schon eine äugen zerstörende, lungenbeklemmende Tätigkeit, wurde das Klöppeln und Nähen noch dadurch gefährlicher gemacht, daß es in den engen, muffigen, schlecht erleuchteten Stuben der Dörfler und des städ.ischen Proletariats unter starker Heranziehung der Kinder als Heimarbeit betrieben wurde. Tag für Tag, von morgens früh bis abends spät wurde geklöppelt oder genäht, bis endlich Kraftlosigkeit und Schwindsucht dem Arbeiten ein Ende machten. Bei alledem war bet Verdienst ein kärglicher, heimste doch den Hauptgewinn der allgewaltige und gefürchtete Herr Verleger ein.
Am widerwärtigsten gab sich das Ausbeutungssystem in der Form der „Wirk- oder Spitzenschulen" zu erkennen. In seiner 1862 herausgegebenen Schrift „Köln am Rhein vor fünfzig Jahren" schreibt Ernst Weyden, nachdem er kurz das Spitzenmachen in der rheinischen Metropole gestreift hat: „Ein trauriges Bild weißen SNaventiims waren die sogenannten Wirkschulen, etwa fünfzig an der Zahl, in denen vielleicht 800 bis 1000 Mädchen für gewisse Jahre an die Vorsteherinnen dieser Schulen völlig verkauft waren, um im Spitzenklöppeln unterrichtet zu werden, wobei sie der unverschämtesten, schnödesten Gewinnsucht ihre Jugend und ihre Gesundheit zum Opfer bringen mutzten." Anderswo ist es Baum besser gewesen. Es ist daher erklärlich, daß im Lause des 19. Jahrhunderts mit der wachsenden Gelegenheit, einen besseren und lohnenderen Erwerb zu ergreifen, das Klöppeln und Nähen von Spitzen meljr uiü> mehr in Abnahme gekommen ist. Auch in England knüpften sich an die „lace schools" keine angenehmen Erinnerungen. Sie wurden im Houston-Distrikt und in den Grafschaften Buckingham und Bedford von armen Frauen in elenden Hütten gehalten. Tie Schülerinnen waren Kinder von fünf bis fünfzehn Jahren, die während der ersten Zeit des Lernens vier bis acht und später zehn bis zwölf Stunden des Tages zu klöppeln hatten. In einem erbärmlichen Raume saßen anderthalb Dutzend oder mehr Kinder zusammengepfercht, die sich auf Kosten ihrer Jugend und Gesundheit ab- mühen mußten, das vorgeschriebene Quantum Arbeit zu liefern. Amtliche Berichte vom Jahre 1864 schildern die Verhältnisse
als höchst beklagenswerte und sehr verbesserungsbedürftige. Jq den Spitzendistrikten Belgiens, Hollands und Frankreich sind damals die Zustände ebenfalls nicht die rosigsten gewesen. Auch heute! noch lassen sie viel zu wünschen übrig: bleiche Frauen- und Mädchen- gesichter sind dort mehr als genug zu finden. Wir in Deutschland haben gar keine Ursache, den „Wirk- und Spitzenschulen" nach- zutrauern, können uns vielmehr gratulieren, sie losgeworden zu fein. Wieder eingeführt würden sie zwar eine annehmbarere Physiognomie zeigen, aber immerhin dazu beitragen, eine Heimarbeit recht ungesunder Art von neuem groß zu züchten. Geklöppelte und genähte Spitzen- mögen sehr schön sein, aber wenn ihre Herstellung nur auf Kosten des Wohlergehens zahlreicher und noch dazu armer Existenzen geschehen kann, so ist es besser, die Hand davon zu lassen. Wo der Wohlfahrt tausender Menschen Gefahr droht, hat das Luxusbedürfnis spitzenliebender Damen! halt zu machen. Was die „billigen und minbertoertigeni" Maschinenspitzen anbetrifft, so ist es ein ■ wahres Glück, daß sie da find; denn sie haben wesentlich dazu beigetragen, die Heimarbeit auf dem Gebiet der Handspitzen überflüssig zu machen. Wer sie als minderwertig bezeichnet, kennt die Leistungen der Maschine nicht. Beispielsweise ahmen die gemusterten Bobbinnets die points d'Aleneon in so täuschender Weise nach, daß ein Unterschied zwischen Maschinen- und Handarbeit kaum wahrzunelMen ist. Daß sie billig sind — nun, billig ist noch immer nicht gleichbedeutend mit schlecht, ebensowenig wie teuer gleichbedeutend mit gut und schön ist. O. K.
Dmnifcbks«
* Der Ursprung der Neujahrsgeschenke. AuÄ uralter, römischer Zeit schreibt sich die Sitte her, Neujahrsgeschenke zu machen. Tie Römer selbst führten sie auf beul Sabinischen König Titus Tatius zurück. Er sei am Neujahrstage in den Hain der „schenkenden" Göttin Strenia gezogen, habe dort Blätter des glückbringenden Eisenkrautes gesammelt und damit seine Freunde bedacht. Bei Blättern blech es jedoch nicht lange, Tatteln, getrocknete Feia -i, Vasen mit weißem Honig traten an ihre Stelle, .später Bronze-, Silber- u. Goldmünzen, Gewänder und Möbel. Aber anders als bei uns beschenkte der Niedrigere! den Höherstehenden, mit dem Wunsche: Annuns novum saustum felicent tibi, „ein glückliches, segenspe übendes Neujahr. Daher war fpäter der Kaiser, der über allen stand, der hauptsächlichste Ge- fchenkempfänger. Caligula ließ, um aus dieser Sitte den möglichsten Vorteil zu ziehen, sogar einmal verkünden, er werde die Geschenke selbst in Empfang nehmen, und so stand er während, des ganzen Tages im Vorhof und freute sich, wenn Leute alle» Stände ihm kleine Münzen (stipcs) mit vollen Händen hinwarfen. Die Kirchenväter eiferten gegen die Neujahrsgeschenke, nannten fie teuflisch, und die .Christen schworen, davon zu lasien und beteten für die Glaubensgenossen, die daran festhielten. Aber die ftrenae, die Neujahrsgeschenke — in Frankreich noch beute otrennes genannt — sind geblieben.
* Boshaft. Schneider (zum Diener eines Barons): „Ihr Herr ist aber peinlich genau . . . Als ich ihm die Rechnung gab, sagte er, er lmu6 sie nur letfft prüfen, dann kriege ich sofort mein Geld; jetzt prüft er sie schon über ein halbes Jahr!"
* Ihre Auffassung. „Meinem Bräutigam habe,ich auf feinen Wunsch alle Geschenke zurückgefchickt, nachdem er die Verlobung aufgelöst hat; nur den kostbaren Brillantring nicht, in den hat er ja eingravieren lassen „Ewig dein!"
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Neujahrs-ASffelsprung.
Auflösung tu nächster Nummer.
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Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer:
1. Zitronen.
2. Wage.
3. Jndor.
4. Seraph.
5. Chilnmhua.
6. Empolt.
7. Nieren.
8. Derivats.
1.—8. Zwischen den Jahren.
IRebafüon: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Umverstiäts-Buch- und St-'-tdruckerei, R. Lange. Giehea»


