Ausgabe 
30.7.1910
 
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Alt erweisen. Auch im, Postschilterv erkehr sind neuerdings Frauen zugelassen worden. Die Eisenbahndirektion Mainz hat beschlossen, innerhalb ihres Bezirks Frauen zum vollgültigen B a h n w ä r t e r d i e n st den sie früher nur aushilfsweise ver- sehen durften zuzulassen; indes gibt sie ihnen für die gleiche Arbeit nur den halben Gehalt der Männer. In französischen Kleinstädten sicht man seit kurzem die radelnde Briefträgerin, und, wie verlautet, will der französische Verkehrsminister eine größere Unzahl Frauen für den Postbestelldienst heranziehen. Im deutschen .Postscheckverkehr sind eine Menge Frauen (Mädchen iind kinderlose Witwen) angestellt, bie bis zum 8. Dienstjahr ein Tagegeld von 2,7-> bis 3,80 Mk. beziehen und dann mit einem1 festen Jahresgehalt bon 1300 bis 1800 Mk. und Pensionsberechtigung angestellt wer- den. Auf dem Gebiet des Verkehrswesens sind noch die weiblichen Kutscher in.Paris und die Chauffeusen in München zu erwähnen. Diesen ist allerdingsaus Sittlichkeitsgründcn" von der Polizei die Beschränkung auferlegt, bei Nacht nicht zu fahren.

Dom schiefen Turm.

Die Zeitungen aller Länder haben bereits gemeldet, daß das Wunder von Pisa, der schiefe Glockenturm neben dem Dom', von einem ähnlichen Schicksal bedroht wird, wie der Campanile der Markuskirche in Venedig. Leider hat es diesmal mit der früher schon aufgctauchten Meldung seine betrübende Richtigkeit. Schon lange munkelte man von Anzeichen, die befürchten ließen, daß die Tage des Turmes gezählt sein dürften. Im Interesse des Frem­denverkehrs, der sich, ganz vornehmlich auf den einzigartigen stillen Platz mit der Kathedrale, dem Campanile, dem Battistero und dem Campo Santo konzentriert, hat man wenig von der Gefahr verlauten lassen: aber sie hat beinahe noch größere Bestürzung erregt als die Katastrophe vom 14. Juli 1902 auf dem Markus- platze; denn an einen Wiederaufbau des wunderbaren Pisaner Bau­werkes würde nicht zu denken sein: das Wahrzeichen, das seit sechs Jahrhunderten die erinnerungsreiche Arnostadt auszeichnet, würde für immer ausgetilgt bleiben.

Wilhelm von Innsbruck und Bonannus von Pisa, die im "vahre 1174 den Ban begannen, wollten ihn natürlich senkrecht äufführen. Auf dem losen Boden von Pisa, altem Meeresgrund, senkte sich aber schon das unterste Geschoß, so daß die dasselbe ab­schließende erste Säulengalerie auf der Nordseite eine um drei Zentimeter geringere Höhe erhielt. Bei der dritten Galerie niußte Man schon 7 Zentimeter ausgleichen. Die fortgesetzte Senkung ist jedenfalls die Ursache der langdauerirden Bau-Unterbrechung ge- weseil. Erst 1233 fand ein Domwerkmeister, Benenato, den Mut, das Werk fortzuführen. Er stellte auf der Deckung der dritten; Galerie einen Höhen-Unterschied von 15 Zentimeter her und be­wirkte die Ausgleichung durch entsprechende Verlängerung der auf der überhängenden Seite der vierten Galerie. Als 1350 Tommaso Pistmo den Bau vollendete, hatte er im Südeii 70 Zentimeter weniger Höhe als im Norden. Seitdem ist dieser Unterschied aus 1,50 Meter, die Abweichung vom Lot auf 4,50 Mieter gestiegen.

Hat diese Seltsamkeit den Pisaner Glockenturm zu einem der Bauwunder der Welt gemacht, so mußte sie von jeher auch Be­denken erregen Der Bericht einer technischen Kommission, die .^faltige Beobachtungen und Untersuchungen angestellt hat, be- uatigr heute diese Bedenken. Es müssen schleunige und umfassende Vorkehrungen getroffen werden, um einer Gefahr wenn sie auch keine unmittelbare ist vorzubeugcn. Als eine der Ur­sachen der fortdauernden Senkung ist die Natur der Fundamente erkannt worden: der Turm ruht nicht, wie man annahni, auf einer massiven viereckigen Grundlage wie der Marknsturm, soiidern Nur auf einem kreisförmigen Quaderfundament.

.. nächsten Vorkehrungen werden darin bestehen, daß man den Erschütterungen durch die schwingenden Glocken ein Ziel setzt Es sind ihrer tm ganzen sieben, die in Akkorden abgestimmt sind Die beiden größten, nach ihren BildwerkenL'Assunta" undJl .Crocefisto/ genannt und je 40 Doppelzentner schwer, werden nicht mehr gelautet, d:e anderen, wie es vielfach bei großen und auch kleineren Glocken in Italien Gebrauch ist, nur noch mit denii Hammer angeschlagen werden. Ferner >vird man zu stärkeren Verankerungen zwischen den Wänden und zur Verstärkung des Fundamentes, ferner zur Zuschüttung der in der Nähe befind- Iichen großen Ausschachtungen und Zisternen schreiten.

Auf die Besteigung des Turmes werden die Reisenden nun­mehr vermutlich fahrelang verzichten müssen; denn solche Sperr­maßregeln, wenn auch nicht gefordert, pflegen die erste schematische Matznahme italienischer Autoritäten zu sein, für die das Publikum ein vile pecus ist. -

vermischtes.

, * W i e Boy d A l ex ander ermordet wurde, lieber

das tragische Ende des fungen britischen Forschers und Reisenden d Zander, der kürzlich auf seiner Reise durch Mittelafrika bei den Wadais ermordet wurde, bringt nun der Brief eines englifchen Offiziers die ersten genaueren Einzelheiten. Das «chreiben, das von dem Kommandanten der britischen Station

' Marion» aus- der Tschadsee-Gegend stammt, lautet:Sie werden inzwischen die Nachricht von der Ermordung Boyd Alexanders erhalten- haben. Ich berichte Ihnen heute die Einzelheiten. Er wurde lange Zeit in Abeschir im Wadailan'c» aufgehalten, da die fi'anzosische Strafexpedition die Bevölkerung erregt hatte. Nach zwei Monaten verließ er endlich Abeschir und in Begleitung stilles portugiesischen Dieners Joss brach er in nordöstlicher Richtung auf. Er erreichte glücklich Tama, ein Dorf, das unter der Herrschaft des Ali Dinar von Darfur steht. Boyd Alexander mit seinem Diener kam hier spät abends au. Bei ihrem Eintreffen befahl ihm der Häuptling oder König des Ortes, vor ihm zu er­scheinen: da es schon Nacht war, ließ Boyd Alexander ant- Worten, er würde den König hm nächsten Morgen besuchen. Der Forscher hatte mit seinem Diener unter einer Baumgruppe außer- k)alb der Stadt sein Lager aufgeschlagen. Sie hatten gerade ihr Abendesten verzehrt, als sie plötzlich von einer Schar Einwohnen umringt wurden, die erklärten, sie würden Leutnant Boyd Alexan­der mit Gewalt zum König bringen. Einer der Männer legte Hand an den Forscher, der ihn natürlich zurückstieß. In diesem Angeri- blick packte ein kleiner Junge, der dabei stand, ein Gewehr und! feuerte es auf den Reisenden ah, der sofort zu Boden siel. Die Menge stürzte sich nun auf ihn und tötete ihn. Bier der Ein­geborenen packten den Diener Joss und versuchten, ihm einen Ring vom Finger abzustreisen. Um sich frei zu machen, erklärte; der Portugiese, er wolle ihnen noch einen anderen Ring geben.! ZN dem Augenblick, als er seine Hände frei fühlte, packte er sein Gewehr, gab zwei Schüsse auf den Angreifer ab, sprang auf sein Pferd, und es gelang ihm, zu entkommen. Leutnant Boyd Alexander war inzwischen gestorben. Die Eingeborenen beküm­merten sich nicht weiter um den entflohenen Gefährten und kehrten in die Stadt zurück." Das tragische Ende des jungen Forschers wirkt um so erschütternder, als zwei Tage nach seiner Ermordung eine Eskorte von deut Ali Dinar von Darfur eintraf, die Boyd Alexander auf seiner Reise begleiten sollte. Er hattcs Ali Dinar durch einen Boten seine Ankunft angekündigt, sein Bote war freundlich ausgenommen und mit reichen Geschenken entlassen worden. Ali Dinar sandte dann sofort die Eskorte ab, die den britischen Offizier durch Darfur geleiten sollte.Wäre Boyd Alexander zufällig zwei Tage später aüfgebrochen, so wäre die Tragödie nicht eingetreten. Die Haltung der Bevölkerung ist allem Anschein nach auf die kurz vorhergegangenen Kämpfe mit den Fran­zosen zurückzuführen: als ein fremder weißer Mann in ihre Stadt kam, befürchteten sie neue Feindseligkeiten."

* Das puritanische Newyork. Aus Newyork wird berichtet: Die größte Stadt desfreiesten Landes der Welt" ist in zwei Lager gespalten.Alle guten Bürger sollen um 12 Uhr nachts zu Hause fein," das ist das Schlagwort der Bewegung, die der Bürgermeister Gayuor anführt und deren Ziel es ist, alle Newyorker Nachtlokale, alle Bars, Champagnerschenken und Vergnügungsetablissements um Mitternacht zu schließen. Ein amerikanischer Bürgermeister verfügt über fast unbeschränkte Macht, und wenn er eine Absicht äußert, so kann er ihr die Tat auf dem Fuße folgen lassen. Darum herrscht im Westen der amerikanischem Metropole, wo Hunderte von Schenken und Nachtlokalen ver- gnügungslüsternen Fremden und jungen Amerikanern int Jahre viele Millionen Dollars abnehmcu, Heulen und Wehklagen. Man protestiert gegen diesen Eingriff in die.Bewegungsfreiheit jedes Bürgers, man weist darauf hin, daß Tausende von Wirten und Angestellten durch diese plötzliche Gewaltmaßregeln brotlos werden und hilflos der Not ausgeliesert sind, und mit Erbitterung wird erörtert, wie die Newyorker immer mehr die Opfer puritanischer Tyrannei würden, die von Jahr zu Jahr zunimmt. Selbst an­gesehene Newyorker, die nicht zu den Gästen der Nachtrestaurants1 gehören, schütteln den Kopf und erklären, daß die Bewohner der Metropole immer mehr durch gewaltsame Verfügungen bedrückt, werden, daß puritanische Bevormundung der Bürgerschaft Uewä York zu der unfreiesten Stadt der Welt gemacht habe.

Bilderrätsel.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Gleichklangrälsels in voriger 9iummev C Becken (als geographischer Begriff, Barbiergerät, musikalisches Schlaginstrument, Teil des Skeletts) Ecken.

Redaktion: I V.: E. Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießet