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Aus Agnes Wedigens grünen Heften.

2. Juli.

Blühen denn wirklich die großen, Mißen Klematis- st'erne ank Hans schon und die purpurroten Büschelröschen mit dein starken Gewürzduft?

Es ist der Jahrestag von meines Vaters Tod. , Ich habe eine Handvoll von beiden gepflückt und vor die Bilder in der Gartenstube gestellt, die Weine Silberstiftzeichnung meiner Mutter und Vaters Bild. Neulich habe ich die kleine Aenderung gemacht und die Bilder dort nebeneinander gehängt. Mir ist, als ob die beide!, in mir, ihrem Kind- jetzt wieder einig geworden sind.

Mutters zartes Gesicht ist toic die weißen Sternblumen. Und ich weiß, daß Vater die kleinen roten Rosen liebte. Mir haben oft zusammen hier davor gestanden.und uns gefreut, wenn die Ranken voll üppiger kleiner Sträuße hingen. Es ist alles im Garten noch so, wie er es gern hatte, und soll auch so bleiben.

Vor einem! Jahr sah ich die Rosen in Weddigenhof blühen. Ich "sehe die altmodische Veranda noch, um die sie herumhingen, und höre Onkel Franzens Lachen an, ge- tnütlichen Teetisch. Damals ahnte ich noch nicht, was mir Furchtbares nah bevorstand.

Ich treibe keinen Datenkult, aber eine gewisse Macht hat die Vorstellung: heute vor einem Jahr! doch über Mich. Ich weiß nicht, was dem zugrunde liegt. Vielleicht der Gegensatz zwischen der Vergänglichkeit alles Menschen­lebens, auch des höchsten Und besten, und der ewigen ruhigen Wiederkehr der gleichgültigen Naturdinge. Die Sonne steht über den Gartenwegen wie vor einem Jahr, die Grgsrispen biegen sich im Wind, die Stockrosen prahlen steif und hoch mit ihren roten Farben wie damals.. Nur das, tvvs der eine Tag uns genommen hat, kommt nie wieder!

Ich bin durch den dämmerigen Garten gegangen Und habe an früher gedacht und an ihn!

Wie weh das tut! Dieses Tasten in der Erinnerung' Uchchi tausend lieben unbedeutenden Augenblicken, die man damals achtlos Vorbeigehen ließ, weil es ja so viele gab! Irgend ein kleiner, gütiger Scherz, ein Tonfall der Stimme, mit dem er einen bei Namen rief, fällt einem wieder ein. Da stand er so ging er den Weg entlang! und auf einmal sind die Augen einem heiß und dunkel von Tränen.

Ich entsinne mich, daß er mich, damals ein kleines Ding, an den Zöpfen zog:Blondchen, dein Haar wird zu lang. Lange Haare, kurzer Verstand! Wollen wirs nicht lieber äbschneideu?" Und wie herzlich er lachte, daß ich es ernst nahm und ihm die große Papierschere brachte!

Ich wollte lachen bei der kleinen Erinnerung, aber jnluf einmal war Weinen daraus geworden.

Das sind allerbitterste Stunden. Was hilft es, daß MäU sich vorspricht: das Beste von ihm hast du behalten, seinen Geist, sein Wesen, in dem du heute weiterlebst!

Das Beste? Schatten, Nebel, der einem in der Hand zerfließt! Den Menschen will man, die liebe, wirkliche Gegenwart,, die warme, feste Hand, das Auge, die lebendige Stimme!

Ich bin heute abend nicht mehr an des Jungen Bett gegangen wie sonst immer. Was man verloren hat an Liebe, .das kann keine nene einem ersetzen. Das Kind^ das mich lieb hat, braucht mich!, will etwas von mir. Er wollte nichts, er gab immer wieder: Güte, Nachsicht, Sorge, Liebe! h-,

5. Juli.

Ich halte meine schüchtern wachsende Seelenruhe in der Hand, so vorsichtig wie Seppl den zarten Fiederball einer Butterblume ins Licht hebt und den Atem anhält, nm ihn nicht in alle Winde zu blasen.

Ruhsam! Ich habe als Kind über das altmodisch ge­messene Wort lachen müssen. Aber in diesen Wochen lerne ich begreifen als eins der schönsten Worte, die wir besitzen!

Ruhsame Wochen sind es, die wir leben. Es bläst kein Wind über die Gartenmauer in unsere Stille herein. Was j eit feit der Mauer ist, geht uns nichts an. Es gibt über­haupt keine Menschen außer uns: Seppl, ich, Zenz, Marie und bisweilen noch der Medizinalrat.

Nicht einmal Briefe wehen über die Mauer herein. Der Professor schreibt nur alle vierzehn Tage einen kurzen Wisch. Es ist wunderlich so ein Mensch, an dem jedes Haar nnd jedes Fingerglied gesundes, frisches Leben istj

Und dabei Briefe von einer Farblosigkeit Und eiligen KürM als .ob ihm jedes Wort unbequem ist hinzukritzeln. Das istO auch wohl.Die Feder ist ein widerhaarig Ding," meinte er einmal,und Tinte hat keine Farbe!"

Es ist auch nur gut, daß er keine Korrespondenz veich langt. Ich beschränke mich auf kurze Berichte über Seppis Gesundheit als Anhängsel an die lieben ungeschickten Kinder- briefchen, die der kleine Mann jede Woche verfaßt. Ich habe nicht mehr Zeit. Kaum, daß ich bisweilen, wenn ich's gar nickt fassen kann, eine heimliche Plauderstundse halte 'mit mir selbst und der Nacht da draußen vor meinem offenen Fenster, die ganz voll von Jasminduft ist!

Zu mehr reicht's meist nicht; nicht nur die Zeit, auch die Kräfte. Der Medizinalrat hatte recht mit seinemes ist höllisch angreifend". Körperlich ruhsam waren diese Wochen nicht, eher das Gegenteil.

Ich bin dem Alten zu Anfang ein paarmal fast böse gewesen, wenn er mich anfuhr wie ein faules Schulkinds

Nur nicht getan, als ob Sie eine Prinzessin sind! Ordentlich zufassen! Wenn der Bengel es aushalteu kann, können Sie's auch! Dreischockfchiverenot, haben Sie denn keine Augen im Kopf? Da binaufstreichen, habe ich ge­sagt! Passen Sie gefälligst auf! 'Und mehr Kraft, Kraft!"

Die Hellen Tropfen standen mir auf der Stirn und! die Tränen in den Augen. Wenn der 'Alte ging, warf ich mich .schachmatt aufs Bett. Aber nach vierzehn Tagen schalt er weniger. Und nach drei Wochen kam er nur noch alle drei Tage.

Ich halte es jetzt auch schon besser aus. Meine Stun-! den sind vom Morgen.bis zuin Wend angefüllt. Nebieni der Sorge für Seppls körperliche Pflege auch noch die geistige.

In den Rachmittagsstunden fitzen wir zusammen über einer Schiefertafel oder einem Märchenbuch und studieren; das Lesen geht schon viel besser als das Schreiben. Ich habe meine Helle Freude an der Lerngier, die in dem Jungen so stark ist, daß ich immer nur hemmen muß. Be­sonders die Natur muß ich ihm erklären in tausend großen und kleinen Dingen, SterUe nnd Berge und Käfer und Moosblüten.

Ich denke daran, wie ich au den gleichen Gartenplätzeu als Kind zwischen meines Vaters Knien stand und zuhörte. Sogar die Redewendungen fallen mir wieder ein, wie ans! einer vergessenen Tiefe auftauchend. Ich gebe heute nur weiter, was er mir damals gab. Das wuchs aus feinem reichen Leben heraus in meins; und ich lege heute, was ich habe, in die kleinen, bettelnden Bubenhände: hu dein Test dazu und gib's weiter zu deiner Zeit!

(Sortierung folgt.)

Die Versuchung des Negers §!im.

Eine Geschichte ans Georgi a, Bon Erwin Rosen, Hamburg.

(Nachdruck verboten.)

Ans tiefblauem Himmel brannte die heiße Sonne. Unüber­sehbar, bis an den Horizont reichend, dehnten sich die ungeheuren Baumwollcuselder, eine weite grüne Masse von Laubgebüsch.! In feinen Strichen schimmerte die schwarze Erde zwischen den! endlosen, schnurgeraden Reihen der Baumwollsträucher, lieber dem massigen Grün lag es wie srischgefallener Schnee, hingestreut in riesigen Flocken, in silberglänzenden Schneebällen. Zwischen den Blättern lugte die reife Baumwolle hervor, in weißer Schön­heit ans den Fruchtkapseln quellend; bald in kompakter Masse, als wüchsen da schneeweiße Früchte, bald sich ansbreitend! irt Silberfäden und Spinngewebe!! über den ganzen Busch. Und all das Grün nnd Schwarz nnd Weiß schien zu tanzen und zu flimmern in der glühendheißen Luft.

Ueberall in diesem Baumwollreich huschten schwarze Gestalten von Strauch zn Strauch. Um ihre Schultern hingen an br ei tert Bändern Säcke. Schwarze Hände wühlten in den Baumwoll- büfchen, zupfend, greifend, pflückend; schwarze Finger rissen weiße! Silberknollen aus den Kapseln, um sie hastig in die Säcke zu! stopfen. In hetzender Eile. Denn wenn es reift im Reiche des Königs Baumwolle, wird selbst der Gcorgianer lebendig. .

Melusina Maryannc und Neger Slim arbeiteten ganz nahes zusammen. Sic pflückte auf der einen Seite einer Sträucherreihe; er auf der anderen. Noch keine vier Monate waren vergangen,- feit der schwarze Friedensrichter aus den Beiden ein ehrsames Ehepaar gemacht hatte. Fröhliche vier Monate waren cs ge­wesen für die sorglosen, lustigen schwarzen Menschenkinder. Heute aber war der lustigste Tag von allen. Sic lachten sich an über die Büsche hinweg, daß die, ivcißcn Zähne funkelte^