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iakobs Uennchen ein in bet unmittelbaren! Nähe seiner Wohnung gelegenes Stückchen Land, bas ihren Eltern gehörte und lahrelang nicht bebaut worben war, nunmehr mit eurem Fleiß bearb^tete,! ber M bem Ertragswert des steinigen Bodens auch nicht jtm entferntesten Verhältnis stand, wobei sie mehr m bte Hohe nach seinem Fenster als auf ihre Arbeit guckte. Unb, wenn sie sich einmal nieberbeugte, um einen Unkrautbuschel betnt ,^ü)sipst zu nehmen unb die Erde abzuschütteln, so tat sre das nach Art kotetter Dorfmäbchen mit steckensteifen Knieen. ,
Er aber blieb selbst für bte verheißungsvollsten Perspettiven unempfindlich, und bie gegenseitige Unterhaltung gedreh feinerlei« übet einen kurzen Gruß kaum hinaus. Das Aennchen lreß sich indes durch feine zur Schau getragene Kalte nicht ab schrecken. Eines Abends, als ^sie wieder einmal ihre Hacke vergessen hatte rückte sie dem verstockten Junggesellen mit gröberem Geschütz zu £ei6$eter, der beim Lampenschein den „Boten von der oberen -Lahw' studierte, war nicht wenig überrascht, feine hartnäckige Liebhaberin ins Zimmer treten zu sehen. ,
B „Ei Gnowend, Peter," grüßte sie Wit zuckersüßer Freundlichkeit.
' 'Groß' Dank, Aeunche, woas bringste Neues?"
I Woas aich bringe? Goarnaut Peter, aich will dich emol besuche, mir sein doch immer gioute Freund gewest.
„Doderwege brauchste doch mt in der Norcht ze komme, gab er ihr ablehnend zur Antwort, „aich will mich alleweil ich mein Bett lege."
Doch sie ließ nicht locker. , , m
„Woas meenste, Peter," nahm sw den willkommenen Anknüpfungspunkt auf und, sich so nahe an ihn heranpnrschend, daß er ihren heißen Atem spüren konnte, flüsterte sw ihm zu: „Woas Meenste, Peter, aich Müßt dir eens, doaß dir doderbel gern Gesellschaft leiste tüt?" r
Da bog sich Peter weit in feinem Sessel zuruck und, ihr starr in bie Augen schauend, lächelte er sie an mit einem seltsame» Ausdruck um den schweigenben Mund, der die freche Dirne bis. ins Innerste erschauern und lautlos verschwinden ließ..
Es war genau dasselbe Lächeln, mit bem die Amrei sich von der Welt im allgemeinen und der Balzersch Woase im besonderen! verabschiedet hatte. , , , . ,
Das Uennchen hat sich ihm niemals mehr wieder zu nähern 8 1U Und das war Peter Seipels Glück,
vermischtes.
* „B inf e n iv a h r h e i t e n". Die Entstehung dieses heute viel- gebrauchten Wortes ist noch nicht mit Sicherheit nachgeiviesen. Wenn man Adolf Kußmaul glatiben darf, dem im Jahre 1902 verstorbenen berühmten Kliniker, wäre der Ausdruck auf eine in Alt- Heidelberg gangbare Redensart zurückzuführen. Er erzählt darüber in feinen „Jugenderiunerungen eines alten Arztes" folgendes: „Das Pfeifenrauchen erzeugte in Heidelberg auch einen besonderen Handelszweig, den Binsenhandel. Das durchaus notwendige, häufige Reinigen der Pfeifenrohre ließ sieh am besten mittels sogenannter Bullen ausführen. Man besorgte das garstige Geschäft ungern selbst und überließ es, wie auch das Aiiraucheii der Pfeifenköpfe, das ben Magen stark angreift, am liebsten den Herrendienern, von den Studenten Stiefelfüchse genannt, denen das Wichsen der Stiefel unb bas Putzen der Kleider oblag. Unter Binsen verstand man die langen und steifen Halme einer hohen Gras art, der Molinia coerula, die auf ben Berghalden um Heidelberg in Menge wachst. Mit eigentlichen Biiisen haben diese Gras- haliue wenig gemein. Den Handel damit betrieb ein Mensch von kretinifchem Aussehen, aber jpefulierenbem Sinn, der auf dem Schloßberg Haus unb Familie besaß. Er schnitt und sammelte die reifen Halme, trocknete sie vollends, band sie zu Büscheln, brachte und verkaufte sie den Pfeifenrciuchern in den Wirts- und Privathäusern. Er reiste sogar mit seiner Ware unb war an vielen deutschen Univerfitäteit als „Heidelberger Binsenbub" bekannt. Da er sich beschränkter stellte, als er war, so galt er bei den Musenföhnen für das Urbild geistiger Beschränktheit, und man nannte „Binsenwahrheiten" solche, die sogar der Binsenbub verstand. Der Ausdruck ist aus der Studentensprache in die Schriftsprache übergegangen, seine Herkunft dürfte vergessen sein." — Nach einer anderen Deutung soll die Redensart sehr viel älter (ein unb ihren Ursprung auf das lateinische Wort „nodum in scirpo quaerere“ (den Knoten sogar an der Binse snchen, d. h. Schwierigkeiten suchen, wo es keine gibt) zurückzusühren. Es gälte jedenfalls festzustellen, wann und wo das Wort in deutschen Druckwerken zuerst erschienen ist.
* Der Fortschritt des Journalismus in China. Bisher hatten die Chinesen kein Abendblatt. Dem Mangel ist nunmehr abgeholfen: denn seit kurzem erscheint in Peking ein Abendblatt „Der Zeitungsbote". Das neue Blatt hat ein besonderes Merkmal: es ist ganz in rot gedruckt, der Lieblingsfarbe der Chinesen, die ihnen als glückverheißend gilt. Auch in der Art der Einführung der neuen Zeitung schließen sich die Chinesen dem abeud- ändischen Muster an, da der „Zeitungsbote" einen ganzen Monat ratis an die Bewohner von Peking verteilt wird,
* Nsnes Voin Wachstum ber H aar e. In bet „Review of Physical Research" veröffentlicht Professor A. Wedgewoodf einige Ergebnisse feiner Forschungen über bas Wachstum der menschlichen Haare, bie von ben bisher für richtig gettenbenl Ansichten in manchen Punkten erheblich abweichen. Für das monatliche Wachstum der Kopfhaare nahm man einen Durck^ schnittswert von 30—35 Millimeter an, ber aber viel zu hoch gegriffen ist unb sich nur innerhalb ber Grenzen von 10—22 Millimeter bewegt. Auch in den verschiedenen Lebensaltern gestaltet sich bas Wachstum sehr verschieden. Es erreicht sein Maxi- mum in ber Zeit von der begiitnenben Pubertät bis zum 80. Lebensjahre, um von da an langsam abzunehmen Wedgewoods Untersuchungen bestätigen die oft aufgestellte Behlmptung, daß bas häufige Kurzschneiden ber Haare mit ber Maschine (Bürstenfrisur ä la bröbis) keineswegs ein schnelleres Wachstum begünstigt, sondern es vielmehr verzögert, in vielen Fällen aber ein Starker- to'Criben ber Haarschäfte herbeisuhrt. Besonders eigenartig gestaltet sich das Wachstum, wenn bie Haare sehr kurz geschnitten werden, insofern, als sich bie ganzen Haarkomplexe in Gruppen von jck 2—4 Haaren zerlegen lassen, bie hinsichtlich der Ernährung durch die! Blutgefäße unb Nerven miteinander in Verbindung sichen, so daß jeweils ein Haar ber Gruppe eine besonders schnelle Entwicklung zeigt, während die anderen im Wachstum zurückbleiben, worauf dann das schnelle Wachstum auf em anderes Haar über geht. Es befinden sich! dann auf dem Haarbodch mehrere Klassen von Haaren mit verschiedener Wachstumsenergie. Dies hat zur Folge (ba bie Haare nur eine bestimmte Lebens^ dauer haben), daß bie Haare einer einzelnen Gruppe nie sämtlich zu derselben Zeit ausfallen unb, abgesehen vom Haarausfall nach erschöpfenden Krankheiten, sich! Kahlköpfigkeit nur ganz allmählich einstellt. Zweifellos ist auch die Erstarkung der Haare unb bte Vermehrung ihrer Zahl bei anhaltendem reichlichem Genuß von Fleisch unb anderen Eiweißkörpern.
* Die Seele des N e a n d e r t a l in e n s ch e i>. I in Anschluß an ihre Untersuchungen des Schädels des Diluvicllmenfchen von La Chapelle-aux-Saints haben die französischen Gelehrten M. Boule und M. Anthony eine Prüfung der Gehirnoberfläche dieses fossilen Ureuropäers vorgeitommen. Bekanntlich bilden sich die Gehirnwindungen auf der Jituenseite der Schädeldecke in der Weife ab, daß ein Abguß biefer Innenseite uns das Relief jener Windungen aufs getreueste ivicbergibt. So war es möglich, durch Bet» gleichnng der Hirnoberfläche unseres Paläolithikers mit denen des richtigen Reandertalschädels, der Menschenaffen und moderner Menschen verschiedeiter Rassen Schlüsse auf das geistige Inventar des Menschen von La Chapelle zu ziehen. Die Hirnphpsiologen sind einig hinsichtlich der Wichtigkeit, welche die vorderen Regionen ber Stirnlappen für bie seelischen Aeußerungen besitzen. Tie verhältnismäßige Entwicklung dieser Partien bringt unseren Urmenschen ganz in die Nähe der Menschenaffen und entfernt ihn von den Vertretern moderner, selbst niedrig stehender Rassen. Versucht man, nach ber Theorie von Flechsig bie Sinnessphären auf ber Hirnobe» fläcbe bes Menschen von La Chapelle von benjenigen zu trennen, bte ber Gebankenknüpsung bienen, so zeigt sich, baß die ersteren auf Kosten ber Assoziationszentren sehr entwickelt sinb. Trotz bes absoluten Volumens'ber weißen unb grauen Hirnsubstanz scheint also ber biltwiale Ureuroväer nur ein schivach entwickeltes Seelenleben geführt zu haben, was allerbings nach ben zweifellosen Aus- grabungsbesunbeu nicht ausschloß, daß er seine Toten begrub und an ihr Fortleben in irgend einer Form glaubte; beim er gab ihnen Nahrung, Schmuck und Werkzeug mit ins Grab. Wäre die neuerdings vielfach angefochtene Theorie Brocas richtig, wonach ber Sitz ber artikulierten Sprache sich am Fuß ber britten Stirn- winbung befinbet, so hätte ber Mensch von La Chapelle nur eine sehr rubimentäre Sprache besessen. Ein leichtes Ueberwiegen ber linken Htrnhälfte über bte rechte, bie man auch an den Gehirnen ber btluvialeit Schädel von Neaudertal unb Gibraltar wahrnimmt, zeigt uns, baß biese primitiven Menschen schon eine Hand und zwar gewöhnlich die rechte bevorzugten. Dieser bem Menschengeschlecht eigentümliche Charakterzug, ber bet ben Menschenaffen fehlt, scheint eine Folge ber ausschließlichen Spezialisierung ber Hand für bas Halten und Greifen zu sein.
* Gemütlich. Sommerfrischenwirt (zürn Küster, um dis Mittagszeit): „Da hast a Maß Bier, palt Mal die Turmuhr! um a halbe Stunde zurück, .— wir haben uns heute mit dchst Essen verspätet, — sonst machen mit die Gäste Spektakel!" ,
versteärätsel.
Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer".
Steuerruder — Zorndorf — Kisteitbauer — Edelsteine — Fürstengeschlecht — Muttersprache — Geheimratswitwe — Magenbitter — Lebertran.
Auslösung in nächster Nummer,'
Auflösuttg des Bilderrätsels in voriger Nummer: Stammga st.
gRedaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gießen,


