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vor allem dem römischen Geschichtsschreiber Tacitsts, verdanken Wir die ersten Nachrichten über unsere Vorfahren. Ihr Hauptsitz war die Gegend der unteren Edder, wo die vornehmsten Heiligtümer aufbewahrt und die Hauptverehrungsstatten: Odenberg, Heiligenberg und Donarseiche bei Fritzlar, lagen, dem Schutze der mächtigen Götter unterstellt. In dem, was ein Mensch oder ein Volk glaubt, zeigt sich oft am besten sein Charakter. Tempel hatten unsere Vorfahren nicht; unter riesigen Bäumen, an rauschenden Strömen, auf weitblickenden Höhen und in schauerlichen Waldschluchten verehrten sie die Kräfte der Natur, welche aber bereits persönliche Gestaltungen angenommen hatten. Märchen lind Sage, Zauberspuk und Gespenstcrglaube unseres Volkes lassen auf diese Gestalten, die einst van unseren Vorfahren verehrtest Götter, schliessen. Gleichfalls fehlte ein besonderer Priesterstand; vielmehr übte nach alt-arischer Weise die priesterlichen Dienste: Opferung und Anrufung der Götter, im Gegensatz zu den Kelten, bei welchen die Druiden selbige besorgten: der König für den Staat, der Fürst für den Gau, der Vater für das Haus. Die religiösen Gebräuche und Deutungen durch das Los, den Vogelflug, das Wiehern der Rosse und den Zweikampf waren allgemein^ In den wilden Zeiten der großen Völkerwanderung (375—540) mit ihrem Heer- und Wanderleben, in dieser großen Gärungszcit, mußte die frühere Kindlichkeit schwinden; neue Bildungselemente Und mit ilmen neue Laster hielten ihren Einzug. Aber ihre Ursitze behielten die Chatten in den gewaltigen Bewegungen inne; wie sie denn auch trotz dem Wechsel der Zeit Und der Berührung mit dem Christentum den alten Gottheiten getreu blieben. Nicht unmöglich erscheint es, daß mit Chlodwig um 500 n. Chr. Edle des Volkes die Taufe angenommen haben, auch Krieger und Händler, welche der Idee des Christentums in ihrer Heimat Bahn brachen; aber die Chatten hielten noch 200 Jahre am alten Glauben fest. Und Jute das Christentum trotzdem am tiefsten in Hessen wurzelte, so ist es ferner von größtem Interesse, daß diese Wurzeln, gerade int Ohmtale den triebkrästigsten Boden fanden, was, wie oben dargelegt, in dem jahrhundertelaitgen Bestehen des Königshofes zu Großseelheim begründet ist. In dem merovingischen Staat der Nachfolger Chlodwigs war schon die Kirche von hoher Bedeutung, wozu sie namentlich durch die immer größer werdende Schwäche der Könige sich aufschwingen konnte, obschon die geistlichen Würdenträger Untertanen des Königs waren. Die Kirche bot den Verfolgten aller Art eine Zuflucht, aber die Bekehrung der heidnischen Germanen im Frankenreiche und die Verhinderung Und Beseitigung der wilden Volksansbrüche war der fränkischen Kirche nicht möglich. Der neue Glaube erwies sich erst langsam, und Unter beut Einsluß der römisch-katholischen Kirche wirksam. Wie seine Landsleute, die Angelsachsen, erblickte bereits Bonifatius in dem Papste das Haupt der ganzen Kirche. Noch zeigt ein lindenbeschatteter Altar auf dem Friedhöfe zu Amöneburg die Stätte, wo er, sein Predigt- und Taufamt in Hessen beginnend, und nachdem er zwei mächtige Brüder, die Fürstensöhne Detic und Dierolf, durch die Taufe sür das Christentum gewonnen hatte, die erste Zelle in Hessen, ein Kloster für Benediktiner- Mönche ■— mit Hilfe dieser beiden Grafen — erbaute. Stets wurden königliche Klöster und Reichsäbteien in der Einsamkeit erbaut, und zwar war dieses Gebiet entweder Eroberungsgebiet, oder es hatten Empörer ihr Eigentumsrecht verwirkt. Keineswegs jedoch war das Gebiet des Klosters immer ganz unwirtlich. Die Missionen waren in die damalige Befestigungsweise eingeweiht, da die Bistümer, Reichsäbteien und Klöster stets befestigte, vorgeschobene Postest waren, und diese dienten auch dann, wenn der Krieg zu Ende war, als Stützpunkt für spätere Unternehmun- gest. Mit seinen Gehilfen lebte Bonifatius' in größter Armut, wodurch sich! ihnen die Liebe des von den Sachsen oft ausgeplün- dertest Volkes in hohem Grade zuwandte. Als Erzbischof von Mainz gründete! er in Amöneburg eine Kirche, welche er dem Erzengel Michael weihte und wußte auch die weltliche Macht dem Stifte zu sichern. In der Lindenkapelle soll, Bonifatius gepredigt haben, Und die vielett sogenannten Bonifatius- stcker um die Stadt herum waren, wie alle A'ecker, über Welche ier ging, zehntfrei. In Seelheim', h» ein HausMeier den 'Königshof verwaltete, ans dem wahrscheinlich die einst sehr reiche Und angesehene Adelsfamilie der Jmhofe stammt, welche sich itnt die Kirche! in Hessen, besonders auch zu' Marburg, Verdienste erworben hat, fand Bonifatius immer gastliche Aufnahme, so pst er in diese Gegend zurückkehrte. Um der Predigt des' Evangeliums größeren Nachdruck zn verleihen, stattete ihn schon Karl Martell mit einem Empfehlungsbrief an alle Herrn , und Königlichen Beamten aus. Einer der mächtigsten der in dieser Gegend dem Evangelium Gewonnenen war Ad al g er, ein späterer Priester. Auf seinem Sterbebette schenkte er dem heiligen Martin, dem Schutzpatron der dortigen. Kirche, seine Güter in Amöneburg, dem ausgegangenen Orte Breitenborn und in Seelheim. Asperth Und Trutmund aber, des Verstorbenen Brüder, schworen sich durch einen. Meineid am Altäre der Kirche diese Güter zst. Nach der Weissagung des heiligest Bonifatius wurde Asperth aus der Bärenjagd getötet, und Trutmund, dem' Bdnifatins den Segen der Leibeserben vorenthalten, fürchtete auch die Erfüllung dieser Verheißung rind gab! die geraubten Güter an den heiligen Martin alsbald wieder heraus. Schon zst Anfang des 11. Jahrhunderts! ging das Kloster zu AmönebUrg ein. In d?r Folgezeit wähltest die Erzbischöfe vost Mainz unser« KergstM öfter zu ihrem .Wohn
sitz, namentlich seitdem der Erzbischof Gerlach im Jahre 1360 wieder ein Chorherren- oder Kollegial ft ist gegründet und Mainz neben der geistlichen auch die weltliche Herrschaft über A'mönv bürg erlangt hatte. In den Besitz des Stifts Amöneburg kam auch die halbe Mühle zu Todt«»brücken an der Klein. Das Dorf verschwand frühzeitig vom Erdboden; nur die Mühle und' bi« Kapelle waren im 14. Jahrhundert noch vorhanden. Erst nach dem dreißigjährigen Kriege (1618—1648s wurde die Kapelle abgebrochen und zur Wiederherstellung der Stiftsgebäude in Amöne<- bürg verwendet. Auch das katholische Dorf N i« b er kl e in toast ehemals ein Mainzischer Flecken, und der eine der beiden Höfe von Rabenhausen gehörte dem Erzstift Mainz, der andere dem hessischen Landgrafen. Das Dorf Bauerbach, welches bedeutenden Obstbau betreibt, und Schröck, bis zum Jahre 1892 zum Kreis Kirchhain, seitdem zum Kreis Marburg gehörig, sowie Ginseldorf, traten auf der Synode zu Homberg a. E. 1526 zum evangelischen Glauben über. Seit dem Ende des 16. bezw. Mfang des 17- Jahrhunderts sind die drei Orte wieder katholisch, und besitzt jeder seine eigene Pfarrei. Als nämlich der Landgraf Moritz (1592—1627) auch in Bauerbach und Schröck die sogen, Verbesserungspunkte einführen wollte, suchte dies der Erzbischof von Mainz mit allen Machtmitteln zu verhindern. Endlich einigt« man sich am 20. Oktober 1608 in einem Vergleich dahin, daß! Heissen das Patronat über Epstein, Nordenstadt und Oberlieder- bach (Reg.-Bch. Wiesbaden) erhielt, dagegen an Kurmainz dqs Patronat über Bauerbach, Schröck Und Himmelsberg obtrat. Unsägliches Elend erfuhr Amöneburg im dreißigjährigen Kriege; nur allmählich konnte sich die Stadt nach dem' Brande von 1646 erholen, nachdem sie im November 1649 an Mainz zurückgegeben worden war. Erst 1656 wurden die Krrche, das Stift, die Pfarr- und Schulgebäude wieder errichtet. Im Friedest zu Lüneville (1802) wurde dem Erzstift Mainz ein Ende, gemacht, und Amöneburg kam an Hessen. Das Stift St. Johannis'/ dessen wohlbeleibte Stiftsherrn einst eifrig der Jagd hulbigten, und, um die Hasen, beguemer schießen zu können, diese durch die Bauern der umliegenden Dörfer aus den Feldern den Berg hinauf treiben ließen, wurde in eine Domäne verwandelt.
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größten Zeit eine wohltätige Macht für die Völker, so offenbgrte sie ihr Uebergewicht am vollsten in den Kreuzzügen, bie eine* Verbindung von Mönchs- und Rittertum, die geistlichen Rittst- orden, entstehen ließen. Der fromme Sinn fallt schon urt 10. Jahrhundert Und in dem so lebensvollen 13. Jahrhundert durch Errichtung von Werken zur Ehre Gottes zum Ausdruck, und noch heute sind die damals entstandenen kunstreichen Kirchen, soweit sie nicht durchs Brand und dgl. der Zerstörung anyetmftelen, der Schmuck Unserer Städte. Die Stätte der,alten, ehrwürdige»/ ruhmumstrahlten Kirche zu Amöneburg ziert jetzt eine neuere, stattliche. Seit mehreren Jahren hat auch! die kleine evanaelstG. Gemeinde unter Beihilfe des Gustav-Abolf-Bereins es» Gotteshaus erhalten. Auf einem sanften Hügel der Stadt Ktxch ha ist erhebt sich mit ihren gedrungenen Formen die Kirche. IM Jahra 1506 erbaut, wurde die evangelische Kirchs zu S ch w e, n s berg 1635 durch von den Kaiserlichen angelegtes Feuer zerstört, 1664 wieder aufgebaut und nach Stephanus benannt. Di« Wer 2000 Meist katholische Einwohner zählende Stadt N e U st a d t (M. W. BI hat zwei katholische Kirchen und eine vom Wistav-Molf-BereM
Des Bonifatius gesegnete Tätigkeit bedeutet in kirchlicher Beziehung den Wendepunkt einer alten und einer neuen Zeit. Der Lahngau, welcher ungefähr die Kreise Marburg, Kirchhain, Ziegenhain, Frankenberg, Siegen und Biedenkopf umfaßte, wurde! dein Erzbischof von Trier, die Diemelgegend, Paderborn und die Fuldagegend kirchen- und staatsrechtlich den Abteien Fulda und' Hersfeld unterstellt 1541, 1567 und 1623 werden Glieder der! Schenckschen Familie als Fürstäbte von Fulda genannt. Der größte Teil des Landes hatte den Erzbischof von Mainz als Oberhtrtest anzuerkennen. Aus den Archidiakouaten, in welche größere Sprengel geteilt waren, haben sich allmählich die Pfarreien heraus- gebildet. Karl der Große, im Jahre 800 n. Ehr. vom Papst«! Leo III. zum Kaiser gekrönt, so daß in den Astgen der Wölkest das römische Reich, das einst die Welt beherrscht hatte, imebe,t erneuet schien, hatte sich das Kaiserreich anders gedacht, als eÄ' später Wirklichkeit wurde; der Kaiser sollte, nach seiner Meinung und wie er selbst es gepflegt, die weltliche und die geistliche Macht in seiner Hand vereinen. Und wie jener fühlte sich Otto der Große (936—973) wieder als Unbedingten Herrn der Kirche/ vor der in der Verwilderung und Gesetzlosigkeit des Mittelalters sich der Höchste wie der Niedrigste in gleicher Ehrfurcht beugte-. Von den mannigfachen Strafen, welche die Kirche, ihren Gliederst für begangene Sünden auferlegt«, nennen wir dm Wallfahrtest. Hessen bewahrte an verschiedenen Städten Reliquien auf, nach denen viele Wallfahrten stattfanden. In Gojtsbüren hatte mast um 1331 den Leichnam Christi gefunden, wohm denn auch Landgraf Wilhelm I., der Aeltere (1471—1493) pilgerte. 3» bet St. Martinskirche in Kassel wurde ein Splitter von dem heftigA Kreuz gezeigt. Auch Betziesdorf ist ein ehemals berühmter Wall- sahrtsort. In Amöneburg wurde einst alljährlich da§ Fronleichnamsfest gefeiert, welches alle katholischen Gemeinden der Umgegend mit Kreuzen Und Fahnen verschönern halfen. Neben den oft so wohltätigen und heiteren Gebräuchen wucherte freilich der Aberglaube nicht niinder üppig. War die Kirche v


