Ausgabe 
25.7.1910
 
Einzelbild herunterladen

w

4

Das schlafende Heer.

Roman von Clara Viebig.

Kortsttzung.) (Nachdruck verboten.)

Als sie die Nepomucena begruben, ging der Wind sehr hart. Die Komorniks, die den Sarg trugen, froren, denn er war nicht so schwer, daß sie unter der Last geschwitzt hätten. Zwischen das Trauergeleit, das hinter dem Sarg her betete, fuhr ungehindert der Nordost und jagte die Leidtragenden auseinander, daß sie die Ordnung bald aufgaben und durch­einander liefen wie eine verwirrte Herde. Jeder erkämpfte sich einzeln seinen Weg nach Pociecha-Dorf.

Als sie vom Kirchhof zurückkehrten, der hinter dem Dorf, nur durch eine dürftige Fliederhecke vom Acker geschieden, preisgegeben allen Winden lag, tat ihnen ein Schnaps wahrlich not. Sie traten alle in den Krug, nur die Enkelin des Dudek, die Michalina nicht, die wollte nicht mit ein­kehren. Die anderen schalten über sie: ei, warum wollte sie denn nicht? War sie etwa so vornehm gelvorden in Poznan, daß es ihr nicht mehr paßte bei Eljakim Eiweih?!

Nein, das war es nicht! Michalina war nur sehr be­trübt. Ms sie nun so allein zum Dorf hinaus ging, iveinte sie vor sich hin. Ach, da war sie nun gestern ans Posen ge- lommen, so schnell als möglich, aber die Großmutter hatte sie doch nicht mehr am Leben gefunden, und die war immer so gut gewesen! Nun würde sie die nie mehr auf Erden sehen! Die würde ihr nicht mehr die Zöpfe flechten, schön zwölfsträhnig, daß sie handbreit standen, eine ivahre Pracht! Ach, die gute Babusia!*)

Sie heulte laut, ihr Herz floß über von Trauer.

Und daß der Jendrek nicht beim Begräbnis sein konnte! Den hatte die Babusia bocty auch immer so lieb gehabt. Aber der wußte ja nicht einmal, daß sie gestorben war. Wo mochte der Jendrek jetzt sein in der weiten Welt? War er noch bei den Soldaten oder war er schon frei? Sie hatten von Hause nicht an ihn geschrieben, schon lange nicht, Groß­vater hatte das Schreiben nicht gelernt, Großmutter auch nicht, und die Mutter hatte es längst vergessen. Ihr selber, der Michalina, wurde es auch schwer, und der Jendrek sparte auch gern die Tinte und das Papier. So hatten sie sehr lange nichts voneinander gehört.

Ach, wer doch als Sternlein am' Himmel stehen könnte, heruntergucken auf die weite Welt! Wer sich doch auf­schwingen könnte tote ein Täubchen und fliegen mit dem Wind hin bis wo der Jendrek wäre! Daß sie doch singen könnte über ihm in der Luft:Jendrek, kehre wieder, Brüder­chen, komm zurück!"

Als sie noch Kinder waren, nur ntit dein Hemdcheir an­getan, da war er mit ihr über die Felder gegangen und hatte sie sorglich an der Hand geführt; und als sie größer geworden war und die Buben sie narrten, hatte er sich vor

*) Großmutter,

sie hingestellt und alle abgewehrt. Und die dicksten Aepfel hatte er für sie geholt aus dem Herrschaftsgarten und einmal sogar einen Salzhering aus der Herrschaftsküche! Er war immer ein sehr guter Bruder gewesen. Beim Raffen und' Mandelaufstellen in der schweren Erntezeit war er ihr stets beigesprungen, und als sie dann später Stubenmädel ge­worden in Przyborowo, da war er freilich schon beim Mi'litäp gewesen, aber er hatte geschrieben:

Liebe Schwester, gräme dich nicht, wenn ich werde zurück sein, werde ich ihn verwammsen, wenn du nur wirst sagen können, iv e r Vater ist."

Das konnte sie Wohl sagen, aber was nutzte es ihr? Wie dürfte der Jendrek seine Hand erheben gegen einen ko vornehmen Herrn? Seine Hand mußte er an dir Mütze legen und stramm stehen ja, das mußte er! Ach, wie war das alles so traurig, so traurig!

Heilige Mutter!" Eine Boza meka stand am Wege zwischen Dorf und Ansiedlung, da knickste die Weinende tief und schlug vielmals das Kreuz. Ihre Hände _ erhob sie flehend: 'mochte die da oben nun alles machen, wie sie's für gut faud! Die Großmutter saß ja nun neben der auf dem' goldenen Thron, und die beiden würden jetzt wohl mit­einander sorgen für die Michalina, bis der Jendrek heimkam.

Die traurige Michalina trocknete ihre Augen. Was hilft's, man muß ja getröstet sein! Nach Posen zurück- kehreu würde,fie nun nicht mehr; die Mutter hatte auch gesprochen:Spare das Geld, das die Bahn kostet!" Amme konnte sie ja nun doch nicht länger sein; das kleine Kind' kriegte jetzt eilt Fräulein. Sie war nur noch gut, die Windeln zu waschen und die Dielen zu scheuern, und der Lohn war auch danach.So viel", sagte die Mutter, kannst du auch hier verdienen, bleibe jetzt; vielleicht, daß du wieder einmal Glück hast, eilte so feine Stelle annehmen zu können in Poznan!"

Michalina wußte nicht, ob sie sich darüber freuen sollte, daß sie nun hier blieb, oder traurig sein. In Posen hatte sie immer schönste Nationaltracht getragen: getollte Häub­chen, weiß tote Schnee, schwerseidene Bänder handbreit, bunt wie alle Farben des Regenbogens einen Spenzer von Sammet, Perlschnüre so viele, daß der Nacken sich bog. Wenn sie doch wenigstens die Tüllschürze behalten dürfte, sich darin zu zeigen am Festtag! Und zu arbeiten hatte sie dort gar nichts gehabt. Aber auf die Dauer hatte es ihr doch nicht behagt; das gute Essen, das bequeme Leben hatten sie dick gemacht, und sie sehnte sich nach ihrer vormaltgen Schlankheit. Wie behend hatte sie sich bücken können, tote flink springen! Das Kattunmieder von früher wollte ihr jetzt gar nicht mehr passen, die Brust quoll über den Rand/ die Haken platzten ab. ?Zeiit, es war nichts mit dem Fau­lenzen! Sogar der Kopf wurde einem dick davon, inan kriegte Gedanken. Wo hätte sie sonst je Gedanken gehabt gepriesen sei Gott! wozu auch? Wenn man zu arbeiten hat und zu essen, ist's gut.