Ausgabe 
25.4.1910
 
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Vermischtes.

* Der Kamps gegen d i e S ch u n d l i t e r a t u r ninnnt eilten erfreulichen Niniang an. Neuerdings hat nun auch die Jie- giernng in Kassel in einem Erlaß an die Landrate und an die Oberbürgermeister von Kassel und Hanau scharfe Maßregeln eim pivhten.' So sollen die Inhaber von Geschäften, m denen Kinber jhre Schulbücher, Heste, Federn lisw. einkaufen, veranlagt werden, Schundschriiten nicht mehr zu führen und an die Lchuikinder ab­zugeben. Die Kinder sollen eiubrmglich gewarnt tmd da» Be­treten von Handlungen, in denen Erzeugnisse der L-chund- und Schmutzliteratur seilgehalten werden, sowie das Ltehenbleiben vor den Schaufenstern, in denen solche Schritten ausge!egt sind, soll ihnen untersagt werden. Daß die Schule das Recht hat, den Schundliteraturläden den Verruf anzlidroheu und ihn ttoltgen- salls durchzusühren, hat der Oberlandesaerichtsrat Gilles in ho n in einem im Amtlichen Schulblatt veröffentlichten Aufsatz »acg- gewiesen. Wo die erzieherüchen Aufgaben durch beivegltche Licht­bilder geschädigt werden, ist auch der Besuch solcher Schaustellungen (Kinematographeiitheater) ohne Begleitiing der Eltern oder deren Stellvertreter zu verbieten. Als Gegenmaszregel wird die Forderung der Schulbüchereien und die Emrichtuug von Lesehallen für die Jugend und von Wanderbüchereieit angeregt, sowie die Belehrung der Eltern bei Elternabenden durch Vorträge und Vorzeigung von Proben der schlechten Literatlir. Diese Maßregeln sind sehr zu begrüßen und der Verruf der W i n k e l b i> ch h a n d l u n g e n, denn nur nm solche handelt es sich dabei, sollte scharf durchgesuhrt werden, beim hier ist der Nährboden des Hebels zu suchen. Wir haben schon häufig dieses Mittel empiohleii und tonnte» bemerken, daß einige Lädchen die Schundbeste aus ihrer Auslage entfernt haben. Freilich müssen mich die Eltern ihre Kinder nicht, nur über­wachen, sondern auch auikläreii. Hand in Hand damit müssen den Kindern aber gute und spannende Werke gegeben werden, die in den meisten Schulbüchereien aiisgelieheu werden oder ni jeder guten Buchhandlung z. T. sogar für ein paar Pfenmge erhält­lich sind.

* Los von fremde n Hutmodenl Anläßlich der Ernen­nung eines Berliner Damenputz- und Modellhutgeschäites zum Hof­lieferanten der Prinzessin August Withelm von Preußen tebretbt die FachzeitungDie Modistin":Unsere allerhöchsten und höchsten Kreise gehen immer mehr dazu über, ihren Bedarf an eleganten Hute» hier am Platze zu decke». Zu dieser Wandlung dürste neben der Kaiserin, von der uns bekannt ist, daß sie ihre Hüte zum Teil von einein hie­sigen Atelier anfertigen läßt, betenberS auch die Kronprinzessin Ee- cilie beigetragen haben, die mit ihrem unübertrefflichen Schick und ihrer wahrhaft üornebmen Eleganz die deutschen Erzeugnisse der Putzmacherkiinst zur Geltung zu bringen iveiß. Eine so hohe Kuno- schait wirkt natürlich fördernd und befruchtend auf die gesamte Branche ein und stärkt das Vertrauen in das eigne Könne». Wir beugen eine ganze Reihe erstklassiger Ateliers, die anerkannt hervorragendes leisten und in der Lage sind, den weitgehendste» Ansprüche» zu ge­nügen, weint ihnen dazu nur immer die erforderliche Gelegenheit geboten wird. Die allgemeine Moderichtung wird freilich stets von Paris angegeben, bmieben bleibt aber noch sehr viel Spielraum zur Entwicklung eigner Jbeeii und zur Betätigung eigener Kunst­fertigkeit übrig. I» dieser Beziehung sind wir heute io selbständig geworden, daß das feine Publikunt tatsächlich nicht mehr nötig hat, feine Hüte aus Paris zu beziehen." Für ben überschwenglich höfischen Stil dieser Mitteilung ist natürlich die genannte Fachzeitung allein ver­antwortlich. In der Sache selbst kann man mit dem Blatt ein­verstanden teilt.

* Ein teures Glas Wasser. Alljährlich um diese Zeil ist der Kaiser von Rußland genötigt, ein Glas Wasser mit einem Preise zn bezahlen, für den man eine ganze Kiste des teuersten Sekts kaufen könnte. Sobald im Früh­jahr Tauwind eintritt und der Eisgang a>tf der Newa beginnt, wird dieses Ereignis in Petersburg festlich ge­feiert, die Artillerie schießt Salut und der Stadtkomman­dant begibt sich, es sei Dag oder Nacht, mit seinem ganzen Stabe zum Zaren, der durch die Kanonenschüsse schon be­nachrichtigt, ihn mit seinem militärischen Gefolge erwartet. Der Kommandant hält in der Hand ein Glas mit frisch aus der Newa geschöpftem Wasser, überreicht es dem Zaren und meldet:Majestät, der Winter ist zu Ende, die Newa äst eisfrei." Der Zar nimmt das Glas, trinkt es aus und reicht es dann dem Ueberbringer mit Gold gefüllt zurück. Nun wuchs in früheren Zeiten das Trinkglas von Jähr zu Jähr bis zur Humpengröße, und der Selbstherrscher mußte eine immer größere Menge von Newcy-Wasser trinken und immer mehr Gold spenden. Deshalb ivurde endlich festf- gesetzt, daß nur noch 200 Dukaten gezahlt würden. Seit­dem hat das Glas wieder normale Größe und ist, mit 200 Dukaten immer noch recht anständig bezahlt.

* Der Aufzug als Verkehrsmittel. Schon unterstehen mehrere Aufzüge in der Schweiz dem Haftpflicht-- gesetz und her Aufsicht des Eisenbahndepartements (Wetter-

hornäufzug, Bürgenstockaufzug). Auch die Jungfrau wird ihren Aufzug als Vollendung der Bahnlinie erhalten. Aber nicht nur Bergesgipfel, sondern auch Dörfer wollen ihren Aufzug haben, um mit der Ebene verbunden zu werden., Bei schwachem Verkehr kann der Aufzug sehr wohl schon um seiner billigen Bau- und Betriebskosten willen die Draht­seilbahn ersetzen. Viele kleine Ortschaften tut Gebirge, die fast senkrecht über der Ebene liegen und die Kosten für eine Seilbahn unmöglich aufzubringen vermögen, können sich sehr wohl einen Auizug leisten. Technische Schwierig­keiten sind dabei kaum zu überwinden, und die Betriebst sicherheit ist so groß wie bei der Eisenbahn oder der Seil­bahn. Das neue Verkehrsmittel scheint sich leichter etn- bürgern zu wollen als die Schwebebahnen, gegen dte ein vielleicht ungerechtfertigtes Vorurteil besteht. Zum Post- uud Warenverkehr werden solche Aufzüge in der Schweiz schon vielfach benutzt, so zum Beispiel zwischen Rüri und Braunwald im Kanton Glarus (Höhenunterschied 550 Meter) und zwischen Arvigo und Braggio im bündnerischen Val Calanca (Höhenunterschied 4(15 Meter). Doch ist hier die Personenbeförderung untersagt. Ein Umbau dieser Draht­seilflugbahnen wird ihn leicht ermöglichen.

* Bor Gericht. Richter:Haben Sie etwas als Mil- derungsgrunb anznführen?" Angeklagter:Der Bestohlene war gegen Einbruchdiebstahl versichert!"

Bietteichr.

Mittagsläuten.....

Netzender Ranch stadtferner Fabriken schmäht ben Wald, Dumvfnasse Lust entsteigt bett Blättern, ben herbstzerstrenten Tropien schütteln bie Bäume schwer und kalt.

Blätter lallen. - Durch bimne Wiptel

Drohen bie Wolke», vom Sturme gejagt.

Au! ber Berge Giptel thronet bet Stiebe und zagt Hinabzusteigen ins unirohe Land. ,

Vielleicht, vielleicht, wenn bie Lampe schimmert im ForsterhauS Reicht ihm bet Moub bie blasse Hand,

Und führt ihn ins herbstmüde Laub hinaus.

Will). Fe11 bacp.

Vüchertisch.

Zehn Jahre I n s e 1 - V e r l a g. Soeben ist ber erste Gesamtkatalog de? Leipziger Insel-Verlages erschienen, worin über die ersten zehn Jahre von bessen Tätigkeit Bericht erftaUet wird. Zugleich spiegelt sich in diesen Blätter» ein bedeutendes Stuck Ge­schichte bet modernen Buchkunst und der modernen Literatur- beivegimg. Aus ber Zahl ber Autoren seien biet mir Hugo von Hosmamisthal, Riearba Huch, Rainer Maria Rilke, Ernst Harbt und Heinrich Mann herausgegriffen. Aus weitete Kreise hat der Verlag in letzter Zeit namentlich durch die Herausgabe seiner Zwei-Mark-Bände und ber sechsbänbigen Volksausgabe von Goethes Werke» gewirkt.

Bilderrätsel.

Auflösung in nächster Nummer:

Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: ' Stör' nicht ben Traum ber Kinder, Wemi eine Lust sie hetzt: Ihr Weh schnietzt sie nicht minder, Als dich das deine schmerzt!

Es trägt wohl mancher Alte, Des Herz längst nicht mehr flammt, Im Antlitz eine Falte, Die aus bet Kindheit stammt.

Leicht mellt die Blum', eh's Abend, Weil achtlos du verwischt De» Tropfen Tau, ber labend Am Morgen sie erfrischt.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, R. Lange, Gieße».