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Beitbient tetr verheiratet sind, hat ihn nichts so aufgebracht. £ , , e,
Der Ministler nahm bett Kneifer ab, unb ferne klugen Augen bekamen etwas Leeres, als er bas Mas mit dem Taschentuch wischte:
-— Gnädige Frau, ich begreife bas. Wir find über alles unterrichtet, obgleich man es im Reichstag hebt, unv hinzustellen, als ob wir vom Hellen, lichten Tage nichts wüßten. Es ist angenehm vermerkt worden, daß stch ^zhr Herr Gemahl nicht vordrängt. Er hat sich nicht Kum Präsidenten irgend welcher Klubs oder Vereine wählen losten, Um sich an allerhöchste Personen heranzuschceben. Was erleben wir da für Sachen! Sehen wir nicht täglich Leute einen Renitstall halten, die nie in ihrem Leben auf einem Pferde gesessen haben. Andere machen in Patriotismus in Kriegervereinen, in Schüler-Rudern und Jachtfegeln, in Automvbilreunen. Hat bas Ihr Herr Gemahl getan? Hat W sich gewaltsam in Kreise gedrängt, zu denen er vielleicht mehr Recht hätte als andere? Gnädige Frau, Sre stammen vus einer der ältesten preußischen Familien. Ihre eine Schwester gehört einem unserer Fürstenhäuser an. Ihre ytuoerc einer der vornehmsten unserer Emigrantenfamilien. Ihr ganzer Verkehr, ihre ganze Familie fußt in der Aristokratie. Wäre es da etwas so Besonderes, wenn die Familie Ihres Herrn Gemahls ttobilitiert würde? Das soll nicht geschehen gewissermaßen als Quittung vom Staat aus oder als Belohnung für politisches Wohlverhalten, wie es die Wegner der Regierung nennen würden. Hat Ihr Herr Wemahl sich je politisch betätigt? Rein. Aber eine Staudeserhöhung wird erwogen. Das ist es, was ich Ihnen heute sagen wollte. Natürlich toiirbe das von uns nur angeregt und befürwortet werden, wenn der Betreffende, dem es gilt, einverstanden ist.
Der Minister hatte seine dicken Augengläser geputzt, setzte sie auf und blickte Agathe durch den Kneifer an, als wolle er ihr tiefstes Innere erforschen. Sie hatte mit klopfendem Herzen, die Augen niedergeschlagen, zugehört. Nun fand sie in ihrer Liebe zu ihrem Manne Worte, die sie früher vielleicht nicht über die Lippen gebracht hätte:
।— Er würde Ihnen sehr dankbar sein, Exzellenz! Seine ganze Familie sind ja wir. Er hat keine Angehörigen mehr. Er ist erzogen wie wir, lebt wie wir, denkt wie wir. Wenn Sie das, was Sie anbeuteten, täten, Exzellenz würden Nie mir eine große Freude machen. Mir vielleicht mehr jals ihm.
Der Minister meinte lächelnd:
Sie kehrten dann wieder zurück in . . .>
Aber sie unterbrach ihn sofort:
— Exzellenz, ich habe mich als Frau Droesigl nie de- plaziert gefühlt!
Sie hatte einen so Heben Ausdruck dabei, daß er sie beinah verlegen anblickte. Dabei erzählte er ihr, wie er von der Provinz nach Berlin versetzt, unter Kollegen gekommen sei, die alle Orden besaßen, nur er habe keinen gehabt.
— Damals als reiferer Mann unter den jüngeren Leuten schämte ich mich fast. Wie dann das erste Bändchen kam, war ich vor Freude halb verrückt. Und, gnädige Fran, halten Sie mich nicht für leidlich vernünftig?
Er lachte mit leisem Meckern und nahm wieder seinen KUeifer ab, den er aus Angewohnheit zu putzen schien, und bei feinen Worten hatte er nicht einen Blick getan zu der ganzen Reihe von Sternen, die auf seiner Brust flimmerten.
Ein Teil der Tische leerte sich. Man ging hinüber, um idem Tanz zuzusehen, der längst wieder begonnen hatte.
Der Minister erhob sich:
—- Gnädige Frau, vielleicht sehen wir uns einmal die JUgend an? Sollte man nicht jung bleiben? Sie haben doch Jungen. Ich habe schon von ihnen gehört. Das gäbe einmal ein paar Diplomaten. Uns fehlt ja so der Nachwuchs. Die Karriere ist beinah für alle unsere Familien zu teuer. Und ist doch das Schönste, das es gibt. Da sagen jetzt die Leute, auch Unbemittelte müßten heran. Es sollte nur nach dem Gehirn gegangen werden. Gut, bann mag aber der Reichstag auch andere Gehälter bewilligen.
Der Minister schlug einen Ton an, beinahe als ob er vor den Volksvertretern stünde:
i— Wir müssen im Ausland repräsentieren. Unsere Herren müssen denselben gut geschnittenen Rock tragen und das gleiche mitmachen können tote jeder andere. Wir wissen
genau, daß es darauf allein nicht ankommt,.sondern daß man auch etwas im Kopf haben muß. Aber wenn die Vertreter Englands ober Rußlands Grasen und Barone sind, ist es besser, unsere sind's auch. Sie müssen Fühlung haben mit den anoeren, und dazu gehört der Name. Man kcmn's albern finden, aber es ist so. Na, und da wollen wir mal gleich reine Arbeit machen und den Freiherrn beantragen. Frisches Blut muß herein. Familien, die das nötige Kleingeld noch haben. Ich rede von der Leber weg,, gnädige Frau, ich weiß, Sie nehmen mir's nicht übel. Sie wie ich sittd von einer alten Familie, beinahe zu alt, denn das Pulver ist verschossen. Na, da kommen auch mal Neue in die Höhe. Die Droesigl sind eine gute, christliche Familie, solche Leute wollen wir ranziehen. Kommt's ntcht auf Gesinnung an und Manieren und Charakter? Ob einer von heute ober von gestern ist, das wird bald vergessen. So, nun habe ich Ihnen meine Weltanschauung auseinandergesetzt. Ich denke, Sie werden bald wieder davon hören. Gnädigste Frau, meinen Dank.
Er hob noch einmal das gefühte Sektglas und leerte es, während Agathe sich mit einem glücklichen Lächeln schweigend verneigte. Dann bot er ihr den Arm.
Aus dem Gartensaal tönte ihnen schon von weitem Musik entgegen. Der Cimbal raste, die rumänische Panflöte klang beinahe wie eine Orgel, und die Geigen summten und sehnten und fangen.
Da fant Ludwig, zwischen den tanzenden Paaren hindurch sich schlängelnd, auf seine Frau zu und machte Ufr teilte kleine, förmliche Verbeugung. In gleicher Zeit aber dem Minister neben ihr, indem er sagte:
>— Gestatten Exzellenz?
Mste!
Doch schnell flüsterte der Minister noch Agathe ins Ohr: — Wollen ©te mich entlassen, gnädige Fran? Teilen Sie's ihm mit. Er wird sich freuen. Aber mir soll 1er nichts sagen. '
Dann, als wollte er sich dem Dank entziehen, reichte er Ludwig kurz die Hand. Er hatte noch Stöße von 'Akten zu Haus. Und er ging mit seinem müden, etwas gebückten Gang davon, um nach dem Rttbenssaal und dem Treppenhaus zu verschwinden.
Ludwig umfaßte Agathe und sie schwebten dahin durch die Reihen der Tanzenden. Als sie am oberen Ende des Saales stehen blieben, erzählte ihm Agathe in kurzen Worten, was der Minister gesagt.
Ludwig konnte es im erften Augenblick nicht glauben. Er dachte: Einmal in Jahren vielleicht! Und es kam schon in so kurzer Zeit? Da war es ihm, als tob der Saal sich um ihn drehe. Am liebsten wäre er feiner Fran um den Hals gefallen. Wer er blieb ruhig stehen in seiner ganzen Gemessenheit und Haltung und sagte nur, indem er ihr in die Augen sah: >
•— Agathe, das habe ich dir zu verdanken!
Sie fdjüttette den Kops:
>— Gar nicht!
— Doch, ich weiß wohl.
Wie er sich beherrschend kaum eine Regung zeigte^ meinte sie vorwurfsvoll:
— Freust du dich denn nicht?
Er antwortete so warm, wie wohl nie zuvor feine kühle Stimme geklungen:
— Ich bin so, so, so glücklich! Unsere Jungen, unfere lieben Jungen!
Es war ein Tott, als lösche er sich schon aus, »als dächte er bereits an die nächste Generation.
In diesem Augenblick kam die Ueberraschung des Balles, lieber dem Gartensaal lag unmittelbar der Boden. Dort hatte Ludwig in der Decke eine große Anzahl Oefsnungeir anbringen lassen. Und auf eine Trompelenfansare schwebten an langen, rotfeibnen Bändern hunderte von Rosen- sträußen nieder. Jeder mit dem Namen der Dame versehen, der er gebracht werden sollte.
Die Zigeuner rasten und tobten etwas wie einen Tusch- Alles drängte in die Mitte des Saales, das Wunder zn sehen. Ms die Herren die Blumen nahmen, erklang/ine zweite Fanfare, senkten sich für die Herren an grünen Bändern Tafchenkalender herab, mit Radierungen von Meisterhand, Jagdszenen aus Kölln darstellend. N..u griffen die Damen zu.
Nachdem Blumen und Kalender von den Bändern gelöst, schwebten diese ein Stück in die Höhe und blieben-dann


