Ausgabe 
22.9.1910
 
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langen. Nur' bei einfachen, mechanischen Arbeiten, die sich, in einem gewissen Kreislauf bewegen Und immer wiederholen, können Frallen beschäftigt werden. Und wird dann der gewöhnliche nnd gewohnte Lauf der Dinge durch irgend etwas unterbrochen, dann stehen die Frauen ratlos und hilflos da und wissen sich nicht zu helfen. Dann stockt alles, weil ihnen die Fähigkeit zum Nachdenken und Ueberlegen völlig abgeht. Zu dieser Unbeholfen­heit in schwierigen Lagen trägt neben dem Mangel an Ueber- legung die Gleichgültigkeit bei gegen alles, was nicht Putz, Klatsch oder die eigene werte Person betrifft.

Die entsetzliche Gleichgültigkeit ist die Ursache, daß die Frauen sich immer nur das Allernotwendigste, die un­entbehrlichsten Handgriffe, die dringendst erforderlichen Kenntnisstz in ihrem Berufe aneignen. Alles Uebrige wird nicht beachtet. Ein näheres Eingehen auf die Sache selbst, ein Vertrautmachen mit den Verhältnissen gibt es nicht. Jahrelang sitzt die Telegrapheu- oder Fernsprechgehilfin vor dem Apparat nnd arbeitet an ihm, ohne sich um den Bau des Apparates, um die Zusammensetzung des Systems, um den Verlauf des Stromkreises auch nur im geringsten zu kümmern. Natürlich ist sie dann auch bei der ein­fachsten und geringsten Störung unfähig, sich selbst zu helfen./ Und dabei werden die Gehilfinnen in durchaus genügender Weise und in demselben Umfange wie die männlichen Beamten in der . Telegraphentechnik und in der Kenntnis der Verwaltung aus­gebildet. Aber diese uninteressanten Sachen sind ebenso schnell vergessen wie seinerzeit gelernt. Aber selbst tu den Tugenden, die ' als der Weiblichkeit besonders eigentümlich angesehen werden, in Ordnung und Sauberkeit, versagten die Gehilfinneiij vollständig. In den ihnen angewiesenen Garderoben- und Früh- stücksräumeu herrschten stets Unsauberkeit und Unordnung. Auf den mit Frühstücksresten bedeckten und mit allerlei Flüssigkeiten! (Kaffee, Milch, Schokolade) beschmutzten Tischen trieben sich Brenw- scheren, Brennapparate, Haarnadeln, Flaschen und alles mögliche herum. Papicrrcste waren ungeachtet der bereitstehenden Papier­körbe in alle Ecken und Winkel und unter die Tische geworfen« Und die älteren Gehilfinnen klagten ganz offen, das; sie gegen-« Über dieser Unordnung machtlos wären, daß Ermahnungen nicht beachtet würden. Recht unangenehme Mißstände ergeben sich, . sobald männliche und weibliche Beamten in denselben Räumen und''in gleicher Weise beschäftigt werden. Einerseits sind als­dann zwischen beit jüngeren Beamten und den Gehilfinnen fort­gesetzt kleine Liebeleien im Gange, die auf die ord­nungsmäßige Abwickelung der Arbeit ungünstig einwirken. An­dererseits wird der Dienstbetrieb bedeutend erschwert und der Dienst in ungerechter, unrichtiger Weise verteilt, weil die Ge­hilfinnen in Berücksichtigung der geringeren körper­lichen L e i st u n g s f ä h i g k e i t weniger Dienststunden haben als die männlichen Beamten, und weil sie aus sittlichen Be­denken am Nachtdienst, an Früh- und Spätdiensten nicht teil- nehmen. Somit wird der gesanite schwere und schlechte Dienst, der eigentlich gleichmäßig auf allen Schultern ruhen müßte, nur den männlichen Beamten aufgebürdet, die mit Recht über derartige Verhältnisse erbittert sind. Ueber das persönliche Auf­treten und Verhalten genügt eine kurze Bemerkung. Andauernd beherrscht sie das Gefühl und die Einbildung, daß sie Damen sind. Sie können oder wollen es nicht begreifen« daß sie seit dem Augenblick, in dein sie als Mitbewerber in dein Kampfe des täglichen Lebens als Konkurrenten der Männer auf­treten, k e i n e n A n s p r u ch a n f i r g e n d w e l ch e V o r r e ch t e inehr haben, daß sie nur die gleichen Rechte und ebenso die gleichen Pflichten haben wie die Männer."

Das ist hart!

Vermischtes.

* Vom er sten Drachen. Heute ist der Drachen, jener Segler der Lüfte, der mit den Tagen unserer Jugend untrennbar verbunden ist, längst ein wertvolles Hilfsmittel der Meteorologie! geworden, die ihn zur Erforschung der höheren Luftschichten be­nutzt. Daß er zu anderen Zwecken aber schon in altersgrauen Zeiten Verwendung fand, erzählt Ingenieur Feldhaus in der neuesten Rümmer vonNatur und Erziehung" (Stuttgart, Franckh- sche Berlagshandlung). Es Heist da in einem Artikel übe« Die Entwicklung der Luftschiffahrt":Der erste, der bett Drachen in einem gebrückten Werk erwähnt, ist bet Kriegsfeuerwerkeri Schmiblap, bei in einer im Jahre 1560 geschriebenen Borrebe zu seinem Buch für eine etwaige Neuauflage bie Beschreibung in Aussicht stellt:wie du einen fliegenden Trachen in dem lüfften Machen sollt". Es kam jedoch nicht zur Neuauflage, und deshalb Müssen wir uns bei dem Gelehrten Porta in seiner Magia Natu- lalis (1589) die erste gedruckte Beschreibung des Drachens an­sehen. Porta betont übrigens bei dieser Gelegenheit auch, daß man sich auf den langsamen Niederflug mit brachenartigen Flügeln einüben könne. Es war also ein geistiger Vorläufer unseres leider so jäh verstorbenen Flugtechnikers Lilienthal. Eine weitere Be­schreibung des Drachens finden wir 1636 in den mathematischen Erguickstunden von Schwenter. Kircher, der heute fast allgemein als Erfinder des Drachens gilt, beschreibt ihn erst 1646. Er

erwähnt besonders sehr große Drachen, die einen Man» tragLnl können. Auch kennt er hohle Drachen, in denen ein Licht steht« Es scheint ihm aber nicht klar geworden zu sein, daß die Wärme des Lichtes dem Flugapparat einen Auftrieb geben mußte. Er bringt das Licht vielmehr nur zu dein Zwecke an, eine Inschrift! auf der Wandung des Hohldrachens durchleuchtend erscheinen Uk lassen. Er wollte einen solchen transparanten Drachen haupt­sächlich anwenden, um die Heiden zu bekehren. Man sollte zu dem Zweck gewisse Worte, etwaGottes Zorn", auf die Drachen­wandung schreiben, dann würde das Licht die Inschrift bei Nacht hoch in der Luft sichtbar machen."

* Harden und d i e Nibelungen. In der neuesten literarischen Beilage derTimes" finden wir einen Aussatz über Maximilian Hardens Essay-SaminlungKöpfe", an dessen Schluß der englische Kritiker beut deutschen Publizisten eilte artige kleine Lektion in der deuischen Heldensage erteilt.Harden liebt es," schreibt er,Bismarck mit bet wundervoll gezeichneten, männlichen Gestalt Hagens aus dem Nibelungenlied zu vergleichen; aber wenn er Bismarcks Bemerkungen anläßlich des Todes .der Kaiserin Fried­rich zitiert und hinzusiigt:Sprach ungefähr so nichtHagen an Kriemhilds Bahre?" so müssen wir dagegen einwenden, daß Hagen tatsächlich ungefähr so gesprochen haben könnte, daß ihm aber dazu leider die Möglichkeit kehlte, nachdem Kriemhild ihn hatte ermorden lassen (since Kriemhild, killed bim). Manchmal schläft eben auch der gute Homer.

* Kein Kenner. >A.:Ter Wem, den Sie mir da vor'-. gesetzt haben, schmeckt aber sehr gut." B.:Das glaube ich; er ist aber auch 50 Jahre alt." A.:Donnerwetter, muß dev aber brillant gewesen fein, als er noch jung war!"

* Sein Urteil. Leutnant:Wie gefüllt Ihnen denn meine Braut, Johann?" Bursche:O, Herr Leutnant, als ich sie zum ersten Make gesehen, da hab' ich mir gleich ge­sagt: Die oder keine!"

* Malitiöse Antwort. A.:Bin ich nicht witzig heut, Herr Lehmann?" B.:Ja, aber Sie sollten doch sparsamen mit Ihrem Geist umgehen."

Marie v. Ebner-Cschen-achs Dank.

Die greise Dichterin, die am 13. d. M. ihren achtzigsten Geburtstag feierte, hat ihren Freunden in ein paar schlicht­innigen Versen für die zahlreichen Glückwünsche gedankt. Sie hat geschrieben:

Sehr alt bin ich, ihr Freunde und Verwandten, und nicht tmstand, geliebte Gratulanten, zu danken so für Eure Huld und Güte, wie mich verlangt gar innig im Gemüte. Doch habt Geduld; vielleicht erscheint der Tag, an dem zu Kraft ich wieder kommen mag, nnd was ich jetzt muß still int Herzen tragen, aufjubelnd darf mit heller Stimme sagen. Laßt nur die Zeit, die liebe Zeit verfließen, ein neu Beginnen dankbar mich genießen; geraten erst in Zug die Zehn mal acht, dann fühl ich wieder mich ganz jung gemacht. Dann führt vielleicht znm Siegen noch mein Ringen und spendet, was ich heut' entbehren muß, die Fähigkeit, Euch würdig darzubringen aus voller Seele meinen Dankesgruß.

Marie v, Ebner-Eschenbach.

Bilderrätsel.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösuug des Kteuzrätsels in voriger Nummev DAS a g t c e a

Dachshund. Agesilaos S ta hl werk u a e n o r d s k

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brtthl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«.