Ausgabe 
22.6.1910
 
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Neue Briefe von Charlotte von Stein.

Aus der Zeit, iu der sich Charlotte von Stein allmählich alt den Gedanken gewöhnen mußte, daß der aus Italien heimaekehrts Goethe nicht mehr zu ihr zurückgekehrt war, veröffentlicht Wil­helm Bode in den: soeben erschienenen Hefte derStunden mit Goethe" (Verlag E. S. Mittler u. Sohn, Berlin), bisher unbekannt gebliebene Briefe von ihr. Goethe bedurfte Charlottens Nicht länger, so schien es wenigstens, denn selten nur zeigte er sich. Hu derselben Zeit erkrankte ihr Gatte. So schreibt sie am 27. Oktober 1788 anGoethes Urfreund", Karl v. Knebelt r,Mein Manu ist einige Tage her krank und glaubt, der Schlag, habe ihn gerührt. Es kommt mir aber doch nicht so vor. Ihn überwältigt aber der Gedanke so heftig, daß ich seine ehemalige Gemütskrankheit befürchte, die eine andere Idee ergriffen BoN meinen guten Freunden habe ich noch wenig genossen, denn ich mußte meinem Kranken Gesellschaft leisten. . . Tatz wir fühlbarer für die Leiden als Freuden der Anderen sind, ist gewiß Auch eüt Wink der Natur, uns hilfreiche Hand zu leisten."

Frau von Stein versuchte int Jahre 1789 die Bäder zu Wiesbaden und Ems. In ihren Briefen finden sich einige an-i fchauliche und um so fesselndere Schilderungen der beiden Bade­orte, als sie die fast dürftigen Verhältnisse uns vor Augen führen, die in jener Zeit in den heute so komfortablen und vielbesuchten! Kurorten herrschten.Gestern kam ich in der Kühlung in Wies­baden an," so erzählt sie,ließ Mainz nebst dem schönen Rhein an den mit Blüten überschütteten Bäumeit hinter mir. Um nun in dem abscheulichen Nest zu wohnen. Die Wanzen verfolgten! mich die Nacht so, daß ich mich endlich auf die Erde gelegt habe.' Heute bin ich nun anders logiert, aber ich sehe schon; hier sind meine zwei Hauptfeinde, die.Spinnen und Wanzen zu Hause. In Frankfurt war ich bei Goethens Mutter einige Stunden; ihr Umgang hat mir recht wohl getan. Neben unserem Hotel in Frank­furt war das Haus der Lesegcsellschast; es ist wie ein Klub, w!o aber nicht gespielt, noch geraucht wird. Die Einrichtung deuchte mir recht artig und wohlfeil. Für acht Thaler jährlich hat man Alle Journals, alle Zeitungen, die neuesten Bücher, Erleuchtung mit Wachslicht, Heizung, und dies alle Tage. Manche Personen haben ihre ganze Existenz int Klub."

Heute habe ich die Bekanntschaft mit der Quelle gemacht. Sie ist in dem Haus, wo wir wohnen, imGoldenen Adher", steckt in einem' Winkel und präsentiert sich sehr unappetitlich. In den anderen Häusern muß sie hingeleitet werden. Die Bäder find recht ekelhaft. Das beste aber ist, daß man fein Bad immer behält. Das Wasser ist sehr heiß und schmeckt ziemlich salzig. Zu einem Spaziergang gelangt man nicht anders, als durch einige sehr übel gepflasterte Straßen. Badegäste sind sehr wenige hier. Ich habe noch niemanden gesehen. Den Spaziergang besuchte ich «bends, aber kaum waren drei Menschen drin, und ein jeder spazierte mit seinen Gedanken. Die Nachtigallen ließen sich desto besser hören. Mir tut die Eiusamkeit wohl, mein Herz und mein Sinn verweilt dann ungestört bei den Freunden zu Hause.

Vierzehn Tage werde ich wohl hier bleiben. Der hiesige Doktor, der mir ganz vernünftig scheint, war sehr verwundert/ daß uns der weimarische Arzt erst hierher gewiesen, weil man es pflege umgekehrt zu machen, und Ems als das schwächere zuerst brauchen müsse,"

Als endlich Briefe aus Weimar anlangten, war keiner von Goethe dabei. Ihm hatte sie bei der Abreise eine ernste Klage über fein Verhalten seit seiner Rückkehr aus Italien und über seine Verbindung mit der Vulpins zurückgelasseu. Nun nach einiger Zeit kam Goethes Antwort. Er schob alle Schuld auf sie. Ihr zu Liebe fei er aus Italien in die unerquicklichen weimarischen Verhältnisse zurückgekehrt, sie aber habe.ihn unfreundlich empfangen Und oft mit vorsätzlicher Laune von sich gestoßen. Sie leide An krankhaften Gemütsstimmungen und verstärke diese noch durch ihr Kaffeetrinken, das sie doch früher aus feine Bitten unterlassen habe, lieber die Christiane Vulpius brauche sich niemand Ge­danken zu machen. Denn niemandem raube er, was cr diesem Mädchen gebe.---

Charlotte schrieb Nur den LautO!!!" Aus den Bries. Zu antworten war da nichts! Ihr nächster Brief ist bereits aus Ems. Von ihrem Erlebnis mit Goethe ließ sie Knebel nichts merken:Meine hiesige Existenz ist sehr glücklich. Meine Ge­sundheit hat sich ungemein gebessert, und obgleich gar wenig Ge­sellschaft hier ist, so ist doch die Läge des Ortes, meine lustijgp Aussicht auf die Lahn, sehr erfreulich anzusehen. Auf dem Flusse fahren beständig Kähne hin und her, die Proviant für die .Brunnengäste holen,"

Nach Kochberg zurückgekehrt, schreibt sie tim 8. Juli 1789: -Meine Freundinnen haben mich alle sehr liebreich empfangen.. Auch sogar von einem ehemaligen alten Freund fand ich ein freundliches Zettelchen in meinem Kabinett-chen an der Wand." Dtes Zettelchen Goethes ist uns nicht ausbewahrt. Denn zwischen dem 8. Junt 1789 und dem 10. September 1796 sind keine; Briefe von ihm an Frau von Stein bekannt.

Am besten, gibt eine Briefstelle aus dem Jahre 1789 über de" Aemntszustand Charlottens Aufschluß:Ich zweifle nicht, daß Fritz (ihr Sohn) Ihren guten Rat, sich zu verlieben, mit der Zett folgen wird, Run sollten Sie aber auch eine .Abhandlung

schreiben, La Sie ein unparteiischer Frauenfreund sind, und be­weisen, baß von unserm Geschlecht nie sollte wiedergeliebt werden., Eben deswegen, weil die Männer sich nur verlieben, denn es ist das Wort gar ein richtiger Ausdruck von etwas, das sich vertut, wie Verspielen, v er schmausen usw., und nichts Blei- bendes wie liehen, das Eigentliche von unserer Gemüts- art . . . ."

Zu Goethe, der sich Anfang März 1789 wieder nach Italien! begab, um die Herzogin-Mutter Heimzubegleiten, hatte sie feilt Verhältnis mehr. Da fühlte sich Charlotte, als auch Kitebcl im! April feine fränkische Heimat aufsuchte, recht allein:Ich habe nun keinen Menschen mehr, gegen den ich aus meinem Herzen heraus sprechen könnte, nun sie fort sind, als noch die treute Schwester .... Herder ist Noch immer nicht besser. Mir ist aber doch in meinem Herzen, als stürbe er nicht. Ich kann nicht fassen, wie seine Frau den Fall ertragen könnte. Und überhaupt ists^mir, als wenn unser letztes Licht des Lebens mit ihm aus-

Aus dem Jahre 1791 findet sich eine Schilderung der Wei­marer Theaterverhältnisse:Heute gehts wieder iu die Komödich- die ich jetzt fleißiger besuche . . . Das Gerede geht, unser Herzog! wollte eine schlechte herimiziehende Truppe amtehuien, die jetzt in Leipzig spielt, und wobei Herr Vulpius Theaterdichter ist. Die Passionierten der Komedie sind außer sich darüber. Wemt es wahr ist, muß ich darüber lachen. Unser Herzog, nebst Dem von Meiningen und Prinz Christian (von Hessen, dem Bruder der Herzogin Luise) find jetzt daselbst und werden sie spielen sehen..

Karl August Unterhandelte in der Tat mit dem Direktor Joseph Sekonda. Erst als dieser Plan und einige andere schei- fetten, übernahm Goethe die Oberdireftiou.

Bald darauf hören die Briefe an Knebel auf, weil wieder mündliche Unterhaltung an die Stelle tritt. Knebel ward Kammer­herr der Herzogin, konnte aber auch unter diesen Umständen feinen Haß gegen das Hofleben nicht ablegen, und ebensowenig seine! Liebe zn den französischen Umstürzlern, die cr so ost unumwunden! eingestanden hatte, verbergen. Er bewohnte jetzt Wielands ehe- maliges Gartenhaus am Eselswege. Frau von Stein hatte nur,- wenn sie in Kochberg weilte, Ursache, ihm zu schreiben. Und nur ein einziger dieser Briefe ist aufbewahrt, fie erzählt darist von einer Kirmes.

Sie haben -och wieder gebaut.

Wochen hindurch sind wir sehr in Sorge gewesen. DaH Schwalbennest, das sich unter der Bedachung unseres Balkons oder der Loggia, wie ein solcher Vorbau bald hätte ich gesagte auf Mecklenburgisch genannt wird, befand, war im erstest Frühjahr zerstört worden. Das war, als die Loggia umgebaut und in den Garten hinein erweitert wurde. Dabei war es nicht zu verhüten gewesen, daß das Schwalbennest verloren ging.

Der Mai kam, und die Schwalben waren aus dem Südest zUrückgekehrt. Werden sie sich bei uns aufs neue anbaite.it? fragten wir hoffnungsvoll jeden Morgen, und jeden Abend gingest wir enttäuscht zu Bett. Keine Schwalbe ließ sich bei uns sehen. Da endlich es war schon um Mitte Mai, kamen zwei Schwalbest in der Loggia angeflogen und sahen sich darin um. Daß! sie den Kopf geschüttelt haben, als sie ihr altes Nest nicht sahen,- kaust ich nicht mit Bestimmtheit sagen, vermute es aber. Sie flogest fort, kamen zurück, flogen wieder fort, nnb das wiederholte sich mehrere Male. Als sie aber eines Tages wieder erschienen waren, faßtcit fie, das konnte ich ihnen auf eben, den Beschluß, ein neues Nest zu bauen.

Das ist keine kleine Sache. Ein altes Nest muß zwar, Uist es wieder bewohnbar zu machen, gründlich gesäubert und aus- gebessert werden, aber das ist nichts, mit der Arbeit verglichen, die eilt Neubau verursacht. Au den Neubau nun machten fie sich! alsbald heran, llnablässig trugen sie in den Schnäbeln Klümp­chen schwarzen Schlammes herbei, die bedachtsam niedergelegü und daun mit großer Sorgfalt angedrückt wurden. Jeden Tag wuchs das Nest nm ein weniges in die Höhe, und nach zehn Tagen war es fertig und konnte bezogen werden. Jetzt sitzt seit mehrerest Tagen schon die weibliche Schwalbe darin und brütet. Wen,st fie dabei ist mitunter auch fliegt fie aus, um sich etwas Nahrung zu holen sitzt das Männchen irgendwo in ihrer Nähe, meist auf einem Balken oder oben auf dem einen Flügel der offenen, Balkontür. Ist letzteres der Fall, dann ist es nur wenige Hände breit von meinen Augen entfernt und wird nicht dadurch beunruhigt, daß ich es ansehe. Ich tue das oft, denn ein so reizendes Tierlein anzusehen, ist ein großes Vergnügen.

Nächstens werden die Jungen ausgeschlüpst sein, und dann! hat das Elternpaar viel damit zu tun, die trotz ihrer Kleinheit sehr weit aufgefberrten Schnäbelchen zu füllen.

Wo so viel Münder sind, wie klein Wird rasch ein großes Brot!"

sagt ja schon eine Menschenmutter, wenn fünf oder sechs Kinder um sie herumstehend erwartungsvoll zu ihr aufschauen.

Den ganzen Tag über müssen die Schwalbencltern bald hist Und her fliegen, um für die junge Brut das nötige Futter zst