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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Viebig.
(Tchlusz.) (Nachdruck verbot'n.)
Oben auf dem Lysa Gora, im Schoß der kleinen Ma- rynka, lag 'mit zerschmettertem Haupt der Deutschauer Herr. Das rote Mut des Abends, das am Stamm der einsamen Kiefer niedertroff, mischte sich mit dem roten Menschenblut.
finster stand der alte Schäfer dabei, hochragend, sehnig und hager, auf seinen Stab gestützt. Lang fiel ihm das Haar auf den strickgegürteten Schafpelz; er hatte das Haupt entblößt im Angesicht des Todes, frei spielte der Wind mit seinen Weißen, vom Wetter mißfarbigen Strähnen.
Sie hatten ihre Herden geweidet, die Schafe und die Gänse, unten am Lysä Gora, und der schlafende Berg und die Stille rundum waren plötzlich erschüttert worden von einem scharfen Knall. Da waren sie neugierig herzugeeilt, der alte Dudek und die kleine Marhnka, und sie hatten den Memezycer gefunden. Zwischen den Wurzeln der Kiefer lag die Pistole, aus der er sich die Kugel in die Schläfe gejagt; er selber war zusammengesunken am Fuß des einsamen Baumes. Vorsichtig hob Marhnka das verwundete Haupt; sie trug keine Scheu und bettete den Sterbenden auf ihren Lumpenrock.
Der Herr von Deutschau sah nicht mehr, sein Auge war schon gebrochen; er sah nichts mehr üoit dem weiten Land, über das er so oft geschaut hatte, sehnsüchtig, traurig, verzagend und doch immer der Liebe voll. Unabsehbar breiteten sich, die Fluren, golden bis zum fernsten Horizont, verklärt vom Abendlicht und still im Scheiden des Tages. Nur aus dem Turin von Pociecha-Dorf rief laut die eherne Zunge der Glocke.
Schäfer Dudek bekreuzte sich und hob dann feierlich feinen Stab mit der Eisenspitze wie beschwörend:
„Feinde Polens müssen alle verderben. Dieser starb, und andre werden folgen ihm. Jahre sind gekommen und gegangen, wir haben Sommer und Winter gezählet, immer in Trauer, immer in Sehnen, immer in Hoffen — aber jetzt hat Polen genug geschlafen, jetzt steht es auf!"
Wie entrückt breitete der Alte seine Arme weit L— den Stock ließ er fallen — das Gesicht gegen die sinkende Sonne gekehrt, rief er laut: „Sie ist gesunken, aber morgen steigt sie neu! Polen, mein Polen, so stehest auch du auf! Freue dich, Land, mit deinen Wogen des Korns, mit deinen blinkenden Sensen! Freut euch, ihr Männer, freut euch, ihr Weiber! Ihr Kinder des großen Polen, freuet euch!"
„Horch!" sagte die kleine Marhnka und neigte das Ohr nach der Ebene.
„Was hörst du? Hörtest du etwas?!" Der Alte lauschte begierig.
Von ferne war eiu Nollen gekommen — schon klang es näher. War es das. Rollen eines heranjagenden Wagens
auf hartem Weg? Oder grollte die Tiefe des Berges vdep mahnte ein Donner mitten aus heitrer Luft?
„Gott geht durch seinen Himmel," jauchzte der Alte, „und die in der Tiefe sind, hören seinen Tritt. Er hak eine Kugel herunkerfallen lassen, die hat unfern Feind! getroffen. Die Stunde ist da!"
„Aber er war kein Feind!" sprach Marhnka traurig!. „Er war ein guter Herr, er war eiu gnädiger Herr. Er war Freund von ahne Marhnka. Wird ihn vergessen nicht die kleine Marhnka!"
Und die kleine Marhnka neigte ihr kindliches Haupt! auf den Toten und weinte über ihn.
23.
Die Ernte des Sommers war beendet und der Schnee des Winters hatte angefangen. Er war gefallen und auch wieder geschmolzen, und nun grünten die Wintersaaten aufs neue frisch. Unabsehbar wogend, Wellen schlagend im Wind wie ein grünes Meer, breitete sich die große Ebene. Przyborowo, Chwaliborczhce, Niemczyce, Pociecha- Dorf und Pociecha-Ä'olonie — überall strotzende, frühlingsschwellende, zu Hoffnungen berechtigende junge Saat.
Der Ackermann schritt pfeifend die Furchen auf und blitzend riß die Pflugschar der Erde ins Herz; unermüdlich bückten sich die Weiber im Feld und setzten Kartoffeln und Rüben in der Scholle wohlvorbereiteten, empfänglich- warmen Schoß.
Ueberall Werden, überall Hoffen. Das Abgetane ttn alten Jahr ward wieder neu im neuen Jahr. Kein Keim in der Erde, der sich nicht geregt hätte, sich nicht gezeigt! hätte am Frühlingslicht.
Auf dem Lysa Gora hatte die wetterzerzauste Kiefer, die ivie ein Merkzeichen ins Land hineinragt, — ein preisgegebener, einsam gestellter Baum — auf die dunklen Aeste, die bärtiges Moos'umlappte, neue Kerzen gesteckt, hellgrün und saftig. Sie streckten sich lustig hinein ins Sonnenlicht und badeten sich frei in der Frühlingsluft und schienen sich ihres jungen Lebens zu freuen. Die ganze Natur freute sich.
Um die Herrenhöfe, die wie kleine baumbestandene Inseln im alles bespülenden Meer der endlosen Felder schwimmen, knospten Pappeln und Akazien; an den nackten Aesten zeigten sich die ersten Blätter, und unter den Hecken der Gärten, in Bosketts und Rondellen dufteten .Veilchen.
Im Park von Deutschau wanden die Kinder Sträuße nnb Kränzchen von den kleinen blauen Blumen und legten sie ihrem Water aufs Grab. Der lag jetzt bei dem Großvater und dem Urgroßvater am See unterm Stein.
„Euer lieber Water ist schlafen gegangen," hatte Helene ihren Kindern gesagt. Mehr nicht. Noch konnte sie nicht mehr sagen, die Stimme wäre ihr gebrochen. Aber die Zeit würde kommen, da sie zu ihren Söhnen sprechen würde und stark dabei sein: „Erwachet, timt ist es an euch!"


