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tWnn auch kein ganz fertiges, so doch ein in annehmbarem Zustand W befindendes Ganze zu zeigen. Tas AussMungsgelände dehnt sich nbrigens von Tas zu Tag, denn die Kommissare der einzelnen« Länder verlangen immer mehr Raum. Je Meiler man aber der Vollendung entgegenschreitet, desto offenbarer wird es, dast Tentsch- land mit feinen Arbeiten am weitesten voran ist, und daß, wenn mit Eröffnungstag der Staatssekretär des Innern, Delbrück, dem feierlichen Weiheakt beiwlohne» wird, er mit stolzem Bewußtsein wieder einmal die militärische Pünktlichkeit des deutschen Volkes wird loben können.
Kurz vor dem Termin, ehe dem feierlichen Wettstreit der Völker untereinander -das Zeichen zur „Abfahrt" gegeben wird, scheint es notwendig, einmal gegeneinander nbzuwägen, mit welchen Kräften sich die einzelnen Staaten messen werden. Natürlich spielt man noch saft durchweg mit verdeckten Karten, denn jeder Staat hält mit seinen letzten Offenbarungen so lange wie möglich zurück, aber immerhin gestatten die Raumverhältnisse schon jetzt eine kleine vergleichende Betrachtung, die sicher nicht ohne Wert ist und die auch gleichzeitig Beweis von der Bedeutung des Unternehmens überhaupt gibt.
Das Ausstellungsgelände-liegt nicht nur ans Brüsseler Boden, sondern auch auf dem der Gemeinde Jxellcs und es entspricht dem Partikularismns der einzelnen Stadtgemeinden, die die belgische Hauptstadt ausmachen, daß man die Vorkehrungen für die Raumverteilungen so vornehmen mußte, daß die belgische Ausstellung auf der Brüsseler Gemarkung, die internationalen Hallen aber auf Jxeller Boden errichtet wurden. Durch diese „feine" Unterscheidung hat man Reibereien vermieden, die bei den besonders verwickelten Verhältnissen des Brüsseler Städtebuudes fast unvermeidlich sind. Im ganzen erhebt sich die Weltausstellung auf einer Oberfläche von 900 000 Quadratmetern und wenn es auch nicht möglich war, in der wenig reizvollen Ebene der Provinz Brabant dem Ansstellungsgelände durch landschaftlichen Reiz ein besonderes Relief zu geben, so muh man doch sagen, daß von der hochgelegenen Freitreppe, die zur Haiipkuidustriehalle führt, der Beschauer einen herrlichen Blick auf das weitgedehute Stadtbild gewinnt, dessen riesige Dimension selbst dem an große Bilder ge- wöhnten Berliner eine angenehme Ueberraschung bieten wird. Von riesiger Ausdehnung sind die Jndustriehallen, die das belgische Ausstellungskomitee anfsühren läßt. Sie bedecken auf Brüsseler Gebiet 56 000 Quadratmeter und auf demjenigen von Jxelles 5l 000 Quadratmeter. Hierzu kommen Maschinenhallen in der Ausdehnung von 27 000 und Hallen für vollendetes Eisenbahn material in der Ausdehnung von 10 000 Quadratmeter. Im ganzen also bebaute Belgien selbst eine Fläche von 145 000 Quadratmeter, denen die von anderen Staaten bebaute Grundfläche von 75 000 Quadratmeter gegenübersteht, so daß also im ganzen mehr als der vierte Teil des gesamten Geländes reinen Äusstellnngs- zwecken bienen wird.
Einen weiteren Ucberblick über die Größenverhältnisse der Ausstellung bieten die Einrichtungs- und Verkehrsanlagen. Auf Grund einer Verabredung der belgischen Staatseisenbahnverwal- tung wurde auf dem Ausstelluugsgelände ein cngeS Schienennetz errichtet. Mehr als 6 Kilometer Schienengeleise sind gegenwärtig auf den Ausstellungsplätzen vorhanden, deren zweckmäßige und praktische Anordnung es in den letzten Tagen vor Eröffnung der Ausstellung ermöglichen wird, täglich etwa 800 Waggons in das Ausstellungsgelände hineinzubringen und zu entladen. Dem Personenverkehr innerhalb der Ausstellung wird eine Trambahnlinie in der Länge von 5 Kilometer dienen, für deren Betrieb das Komitee eine Zubuße von 150 000 Franks rechnet. Diese Aus- stellungstram beginnt am Haupteingang, durchzieht die Alleen, berührt die Häuser der belgischen Städte und das große Kongreßhaus, durchquert die Kolonialgärten, geht über den. Vergnügungspark, um nacheinander die iuteruationalen Sektionen, zuletzt also die am weitesten gelegene deutsche zu durchschneiden. - Der von den Gebäuden nicht iu Anspruch genommene Raum ist zur Anlage von Gärten benutzt Wörden. Besonders sind es zwei Komplexe gärtnerischer Anlagen, die den Besucher fesseln werden; der eine befindet sich vor dem Hauptgebäude der belgischen Ausstellung im Südwesten, der andere zwischen den Jndustriehallen der französischen, holländischen und deutschen Abteilung im Norden. Im ganzen handelt es sich hierbei um 20 Hektar Land, so daß also ein ungeheurer Blumenflor für eine ästhetisch nicht zu unterschätzende Außenwirkung sorgen wird.
Was nun die Beteiligung der einzelnen Staaten an der Weltausstellung betrifft, so steht natürlich an erster Stelle das einladende Land Belgien, dessen Hauptgebäude eine Front von 250 Meter und eine Fläche von 65 000 Quadratmeter bedeckt. Dieser Halle ist eine Terrasse von 35 Meter vorgelagert. Im ganzen belegte Belgien etwas mehr als 75 000 Quadratmeter. Nach Belgien hat Deutschland die stärkste Beteiligung mit bekanntlich 40 000 Quadratmeter augemeldet. Daun folgt Frankreich mit 30 000 Quadratmeter, England mit 20 000, Holland nut Io 000, Italien mit <8000 Quadratmeter. Außer diesen Ländern werden mit eigenen Sektionen noch vertreten sein: Spanien, das ganz besonders große Stnftrengungeii macht, Luxemberg, Monaco, Brasilien und Uruguay. Außerdem werden iu der großen ^nduftrre- halle noch folgende Staaten unter amtlicher Beteiligung zu finden fein: Dänemark,, die Schweiz, die Türkei, Persien, Peru, Nicaragua und Domingo, jeweils mit einer zwischen 350 und --Ml
Quadratmeter schwankenden Anteilnahme. Beträchtlich wird die Beteiligung der einzelnen Staaten in-der internationalen Riesen- industriehalle sein. Hier sind non europäischen Staaten vertreten: England mit 5500 Quadratmeter, dann folgt in ziemlichem Abstand Frankreich mit 2000, Holland mit 1200, Italien mit 1400, die Schweiz mit 500 Qnadratm. Daneben soll Amerika inoffiziell mehrere tausend Quadratmeter besitzen. Alle diese Staaten aber wird Deutschland überbieten, das in seiner eigenen Halle allein in der Maschinenbranche 12 000 Quadratmeter gebraucht. In der. Ausstellung für rollendes Schienenmaterial ist Deutschland mit. über 3000 Quadratmeter bei weitem am stärksten beteiligt; es folgt dann Frankreich mit 1500, Italien mit 900, die Schweiz mit 500 Quadratmeter. Nicht offiziell, aber durch Aussteller sind in dieser Abteilung noch vertreten: die Bereinigten Staaten von Nord-Amerika, Oesterreich-Ungarn und Japan.
Mehr als diese trockenen Ziffern zu besagen vermögen, ergibt sich ans dieser Gruppierung, daß tatsächlich die Brüsseler Welt- ausstelluug ein getreues Spiegelbild der wirtschaftlichen Kämpfe auf dem Welthandelsmarkt abgebeu wird. Man wird besser, als auf irgend einer anderen Weltausstellung, erkennen können, daß tatsächlich die zwischen England, Frankreich und Deutschland bestehende Rivalität sich nicht nur auf politische Fragen erstreckt. Aus diesem Grunde sagen denn auch schon Propheten, die ja bei keinem Anlaß fehlen, voraus, daß die Brüsseler Weltausstellung trotz Tokio die letzte größere „Worlds fair" sein müsse. Man wird hier erkennen, welch gesährlicher Rivale das Deutsche Reich geworden ist, dem man nicht zum zweitenmal die Gelegenheit bieten wird, sich so öffentlich vor aller Welt seine Ueberlegenheit bescheinigen zu lassen. Hinter diesem Gedankeugang lauert der neidische Feind, dessen Karten vorzeitig aufgedeckt werden sollen, damit kein falscher Verdacht aufkommeu soll. Deutschland ist auf die Brüsseler Ausstellung gegangen, weil es in Belgien erhebliche wirtschaftliche Interessen zu vertreten hat, und wenn es sich in leidlich guter Verfassung zeigen wird, so entspricht das eben der Bedeutung eines iiiternationalen Wettstreits, zu dem schließlich niemand im Alltagsanzug geht. Hinter der deutschen Beteiligung aber irgend eine besonders stark entwickelte Eroberungssucht zu wittern, ist geschmacklos. Weder England noch Frankreich gehen nach Brüssel, nut schlecht abzuschneiden, beide, wollen ihrem Handel und ihrer Industrie iintzen, und wie emsig sogar England ans seinen Vorteil bedacht war, geht aus der Tatsache hervor, daß es feine Beteiligung nur davon abhängig machte, daß die Aus^ stellungsverwaltniig ihm den besten Platz am Haupteiugang neben der bctgifcTjeu Abteilung einräumte. Mau hat nachgegeben, denn noch nie hatte sich Großbritannien bis jetzt offiziell au irgend einer Weltausstellung beteiligt.
Aus dieser, man könnte fast sagen, praktischen Beteiligungl der einzelnen Staaten, werden verschiedene Länder mit verschiedenen Spezialausstellungen und Attraktionen, die in der Eigenart und dem Natioualcharakter, zum Teil auch in der Geschichte begründet liegen, erscheinen. So ivtrb Frankreich -durch eine nicht unbedeutende koloniale Ausstellung vertreten sein, die in vier verschiedenen Hallen die gefaulte französische Kolonialpolitik gliedert. Man wird je einen Pavillon für Algier, Tunis, Jndo-Chma und Westafrika erblicken. Daneben werden auch die deutschen Kolouial- bestrebungeu, wenn auch höchst bescheiden und nur ganz nebenbei, Zeugnis ablegen können, denn die Antwerpener Diamaut- Judustrie hat sich zu einer Spezialausstellung entschlossen und wird uamentlieh den in unseren Kolonien gefundenen Stein zeigen. Belgiens koloniale Ausstellung wird man in Tervueren, also da, wo das „Kolonialmuseum" besteht, suchen müssen, was natürlich ein großer Nachteil ist, denn nur die, die sich speziell für Kolonisationsfragen interessieren, werden die Reine, allerdings auch ohne bestimmten Zweck lohnende Reise unternehmen. Auch Kanada hat sich in letzter Stunde zu be- fonderen Anstrengungen entschlossen, man wird es da finden, Ivo nationale Eigentümlichkeiten gesucht werden. Spanien zeigt uns den Alcazar von Granada, Paris in seinem Haus das Wesen der Lichtstadt. Daneben erscheinen die vier belgischen Städte, versinnbildlicht durch Reproduktionen ans ihrer großen Vergangenheit. Brüssel läßt das Mittelalter erstehen, Antwerpen das.Zeitalter Rubens' mit all seinen klinstlerischen Beziehungen zum Handwerk. Gent kommt mit seinem alten Gildenhaus und Lüttich mit einer Nachahmung des Hauses von Curtius.
Neben diesen Vorbildern wird natürlich auch eine separate Ausstellung für Lufts chä s fahrt, und zwar auf dem eutwas entlegenen Brüsseler Manöverfeld, veranstaltet werben. Hierbei wirb man zum erstenmal bie verschiedenen Länder mit ihren verschiedenen lenkbaren Lnftschiffen in Wettbewerb treten feljen. Belgien selbst ist mit zwei Luftkreuzern, der Belgika (5200 Kubikmeter) und der Flandern (6300 Kubikmeter) vertreten; von Deutschland sind ein kleiner und ein großer Parseval angemeldet (3200 und 6600 Kubikmeter); ferner ein Clouth (.2000 Kubikmeter), sowie ein kleiner Rüdenberg. Auch England wird auf diesem Wettbewerb vertreten sein und zum überhaupt erstenmal sein neuerbautes Luftschiff Juillot, (8000 Kubikmeter) in Betrieb zeigen. Bon Frankreich ist je ein Lusttyp (1500 Kubikmeter) angemeldet. Bei den verschiedenen Fernfahrten, die geplant sind, werden natürlich sämtliche Ballons ihre größtmöglichste Leistungs- I fähigkeit zeigen können, so daß also durch diese Ausstellung nicht


