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Der Lniwicklungsgedanke.
Von Prof. D. Dr. W. Rein in Jena.
Die nachfolgenden Ausführungen entnehmen wir Mit Ge- nehmigung des Verlages dem soeben erschienenen Buche des be-i kannten Jenenser Pädagogen Prof. W. Rein, „Pädagogik und Didaktik", Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig:
Die Ueberzengung, daß es der Menschheit als solcher wesenta lich ist, in dem Verlauf der Kulturarbeit trotz aller Hindernisse und "Rückbildungen eine aufsteigende Linie einzuhalten, hat sich im Laufe der Jahrhunderte mit immer größerer Klarheit Md Bestimmtheit herausgestellt. Sie gehört vor allem zu den Errungenschaften der neueren Zeit und umfaßt die Antwort auf die Frage nach dem Sinn unseres Daseins.
Mit dem Eintritt des Christentums wurde diese Frage lebendig.- Dev christlichen Lehre ist nicht das Wesen der Natur, sondern das Wesen und das Schicksal des Menschen als ethisch-religiöser Persön-
Hastiger schritt sie zu; schon perlte chr der Schwertz in Tröpfchen unter der Nase, und doch war fie noch nicht über Chwaliborczyce hinaus. Ach, ist das lästig, so wert wmndern zu müssen, wenn man darauf brennt, jemanden 4,1t । cticn'
Da, wo ihr Weg sich mit dem von Pociecha kommeu- den kreuzte, nicht weit von Dudeks Hütte, stieß Stusm auf die Michalina. Di-eser hatte man erlaubt, jetzt,. da die Arbeit nicht mehr so drängte, und da sie den vorigen Sonntag, all dem Förster Frelikowsii zu Besuch gekommen und ein großartiges Traktament gewesen war, nicht zu ihrem Weinen gekonnt hatte, auch einmal am Wocheutc g nach Hause zu geheu.
Die beiden Mädchen begrüßten sich. , _
Michalina hätte etwas Niedergeschlagene» in ihrem Mick, als sie Stasiä die Hand reichte.
Damals, .als sie miteinander schreiben und lesen und die Religion gelernt hatten, war Michalina mit den scywarz- brauuen Zöpfen die hübschere gewesen; jetzt war sie plump, und ihre breiten Hüften erschienen doppelt breit neben der zierlichen Taille der andern. ,,
„Hast du ein schönes Kleid an," sagte sie bewundernd und befühlte mit ihrer rauhen Arbeitshand den rotgetupften lichten Jakonett. t , r,„
Stasia lächelte geschmeichelt: „O, ich werde viel schönere haben! Wenn ich mich verheirate, werde ich dir dies gerne schenken — oder ein andres!"
„Was sollte ich wohl damit?" Die braune Michalina schüttelte den Kopf. „Behalte nur alles!"
Stasia zuckte die Achseln: so ein dummes Mädel, eine recht einfältige Bauerntrulle! Schon wollte sie weiter- ne'Ejen — was sollte sie mit der Gans? — «ber dann schoß ihr plötzlich ein Gedanke dnrch den Sinn. Das war ein Einfall! GaiH vertraulich faßte sie die andre unter bcn $YTH.
„Höre, Michalina, weißt du auch, daß Pan Pawel, der schöne 'Offizier, wieder zu Besuch ist in Przyborowo?
„Ich weiß es nicht. Was geht es mich an?
„Nun, ich meine doch: recht viel!" . .
Stasia sicherte und gab der Gefährtin einen leichten, scherzenden Rippenstoß: „Tii nicht so gleichgültig, wug doch ein jeder, wie du einmal gestanden hast mit dem Herrchen. Sage, willst du mir eilten Gefallen erweisen — oder noch besser, willst du dem Malek etwas zuliebe tun? Ja, ja, dem Walenty — sieh mich nur nicht so ungläubig an!
Dem Wa — Wa —?!" Michalina stotterte, und dann wurde sie rot, als sie beit Namen vollends ausgesprochen hatte. „Ich - dem Walenty?!"
„Dem Walenty, ja! Etwas sehr, sehr Liebest
Stasia kannte sich ans, sie wußte sehr genaik, wie man die Michalina gewinnen konnte. „Michalina, meine Seele, et wird es dir ewig danken/^ sagte sie eifrig. „Höre. Komme du jetzt mit mir nach Przyborowo, und gehe _bu nach Przyborowo hinein, meine Taube, — ich werbe draußen auf dich warten — sage, bn willst ben Herrn O^sizier sprechen. Unb bann bittest bn ben, baß der Walenty ben Krug bekommt in Pociecha-Ansiebluug. Höre, bn mußt es recht briugeub machen! Bitte ihn, bis er dir gibt fein Wort! Dann wirb er sich sicher verwenden!"
,O nein, er wird nicht!" Michalina schüttelte den Kops. Warum sollte er mir sein Wort halten?! Unb ich mag auch nicht. Er wird böse werben. Unb ich fürchte mich auch vor der Pani!"
(Fortsetzung folgt.)
Doleschal sah ihn laufen. In ein paar hastigen Sprüngen war er den Hügel hinuntergestürmt, und nun stürmte er weiter, sehr eilig. Nun würbe er balb ganz ent,chwum den fein — nein, so durfte man ihn nicht gehen lassen. Man mußte ihn zurückhalten, man mußte ihm die Gefahr t klar machen, in bie er ahnungslos hineinraunte.
„Bräuer . Baken tut — Valentin Brauer
Aber ber Ruf kam nicht weit genug. Der Wind trug ihn nicht fort, sonbern blies ihm entgegen. So schal auch seine Stimme anstrengte, sie reichte nicht bi» zum Ohr be§ in seiner Fröhlichkeit laut Pfeifendem
Am Luch, im Niemczyeer Acker, Nicht wer» von der Przyborowoer Grenze wollte Valentin seine Stasi« treffen. AM gestrigen Abend hatte sie ihm gesagt, baß sie heute nach Przyborowo gehen und versuchen würbe, bort jemanben zu sprecheu. Daß sie in Chwaliborczyce um ^nrsp.ach bitten ging, dagegen hatte der Bräutigam sich entschwden gewehrt. Wenn Stasia ihm zuliebe auch gern das Opfer bringen wollte — nein, dahin sollte sie um teinen Preis, wo man sich so unziemlich gegen sie betragen.
Um die Stunde des Abeiiblauteus hatten sw sich an her Grenze verabredet. Nun hatte das Glöckchen laugst ausgeläutet, gber Stasia war noch nicht da. Ach, die gute Stasia, wie lange mußte sie Wohl in Przyborowo warten. Der Verliebte sah im Geist deutlich, tote sie ungeduldig hin und her trippelte unb sehnsüchtig nach bem fimttb der Sontie spähte, bie sich schon neigte. Aber nur Gebu.b, Gedulb, besto heißer würben nachher bie Kusse sein!
In verliebtem Träumen lag ber Bursche unter ben Weiben am Luch unb starrte ganz verloren, mrt gluckselig- Mübeu Äugen in bas flimmernbe Gespinst, bas bie uuter- gehenbe Sonne über beit Aeckern wob. .
Stasia war am zeitigen Nachmittag von Haufe aus- gebrochen. Das Helle, rotgetupfte Sommerkleib staub ihr gut, es ließ ben Hals ein wenig frei, unb sie hatte, wie zum Schutz gegen bie Sonne, mehr aber noch, weit e» ihrer garten Haut schmeichelte, ein leichtes Mulstuchelcheu darübergelegt. Einen Hut trug sie nicht, wohl aber spaiinte sie über bas wohlfrisierte, im Sonnenlicht tote silbrige Scibe glänzende Haar ben Sonnenschirm, ben ihr ernst bie Herrin geschenkt hatte. Heiter summenb, ben freien Arm lustig schlenkernb, schlenberte sie an ben Rainen entlang Wenn der Herbstwind hier über die Stoppel wehte unb uer Altweibersommer seine weißen Fäben spann, bann würbe sie ein junges Weib sein unb ein glückliches bazu! Der gute Junge würde ihr ja alles an ben Augen absehen:
Sie hob ihre linke Hanb unb ließ beit goldenen Ring, den er ihr "bereits angesteckt hatte, in ber Sonne funkeln. Gn breiter Reif war's unb ganz von massivem Golb, ber kostete gewiß seine zehn Taler!
Ja, sie hatte ein ganz gutes Los gezogen, bas mußte sie sich eingestehen. Wenn sie nun auch nicht nach Paris kam, tote bie Herrin ihr's einst versprochen hatte, ber Krug in Pociecha-Kolonie war auch nicht zu verachten. Unb langweilig würbe es ba auch nicht sein, es würben schon welche einkehren, mit beneu sie schwatzen unb lachen konnte, unb — eine heiße Blutwelle färbte plötzlich ihre trotz ber Sommerhitze ungebrannte weiße Wange — wurde nicht auch- ber neue Inspektor von Przyborowo vorsprechen? "Der neue Inspektor! Da mußte sie boch in sich hineinlachen — ihr war er nicht neu, sie kannte ihn ja so gut!
Eine Sehnsucht erhob sich plötzlich in ihr, Pau Szv.le wieberzusehen. Was würbe er wohl sagen, wenn er hörte, baß sie sich verlobt hatte unb bald heiraten würbe? Ob es ihm nicht ein ganz klein bißchen leib tat? Hoffentlich! Unb hoffentlich kriegte sie ihn auch heute in Przyborowo zu sehen — o, sie wollte wohl ihre Augen umher- gehen lassen! Auf bem Felbe würbe er sicherlich sein, beim Schobersetzen. Daß sie ihn boch träfe!
Rascher setzte sie ihre Füße, ben Schlenbergang äuf- gebenb.' Wie buntm, baß sie ins Herrenhaus hinein mußte! Wenn es bas Unglück wollte, ging er vielleicht gerabe bann draußen vorbei, während sie drinnen ihr Anliegen vortrug! Unb nachher — wenn sie ihn nun nachher nicht mehr fand?! Daß ber Teufel bie ganze Bittstellerei, ben Valentin samt bem Krug hole! Nur ben Pau Szulc wollte 'sie sprechen, unb wenn's auch nur auf ein ganz kleines -Mertelstünbchen wäre! Was lag ihr jetzt baran, ob ber «schöne Offizier ihr wieber Augen Mächen würbe, wie da- Riäls, als sie chm Kaffee unb Likör präsentiert hatte, in Chwaliborczyee — nur ben Szulc wollte sie sehen, nur ben!


