Ausgabe 
13.6.1910
 
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nichts! Als nur das SBentg'e, MI fort außerhalb 5er Schule auf- schnappen konnten, wenn man Augen und Ohren offen hielt und ein bißchen neugierig war. Im Tempel des Wissens hat man uns kein Wort vom Handwerk gesagt, kein Wort von Handel unti Industrie, von Erwerb und Besitz, fein Wort von benl primitivsten Begriffen des politischen und sozialen Lebens, kein Wort von den wichtigsten und notwendigsten Dingen des menschlichen Daseins! Hätte mich nicht meine glückliche Kindheit im Dorfe durch die .Stuben der Handwerker geführt, ich hätte als Absolvent des Gymnasiums nicht gewußt, wie ein Türschloß oder ein Tisch entsteht, wie ein Stiefel genäht oder eine Hose geschnitten wird. Man kann mir entgegenhalten: die Erlangung solcher Weisheit wäre nicht der Zweck des Gymnasiums. Aber der Zweck des Menschen ist es, so gut wie möglich mit feinem Leben fertig zu werden. Dabei unterstützt ihn diese lateinische Schule nicht, im Gegenteil, sie behindert ihn und drängt sein Leben rückwärts, statt tzs voranzubringen. Sagt mir nur: wie hätte solch ein achtzehst- vder zwanzigjähriger Absolvent des Gymnasiums, plötzlich vor die Not des Lebens gestellt, nach achtjährigem Studmur einen an­ständigen Groschen verdienen können außer dadurch, daß er wieder . Unterricht in zwecklosen und halben 'Singen gab! Oder er hätte sein Absolutorialzeugnis in die Ecke schmeißen müssen', um Schreiber, Taglöhner oder Schneeschaufler zu werden,

Ihr sagt mirt das ist vielleicht vor vierzig Jahren so g'e- Wesen? Aber ist es denn heutzutage nm den Schulgewinn wesent­lich besser bestellt? Heute, Wo unsere Jungen neun Jahre ins Gymnasium rennen und zwischen A-b-e und Doktorexamen achtzehn Jahre auf der Schulbank verwehen? Manches, nein, sogar vieles Hat sich da schon zu wesentlichem Vorteil gewandelt. Aber das Widersinnige Prinzip ist noch immer das gleiche, und' noch immer sind die Erziehnngszöpfe festgenagelt am Haken einer altmodischen, greis und grau gewordenen Scholastik, die für die Lebeusfreiheit das nämliche ist, wie der Aberglaube für die Religion. Nutzlose .Zeitvergeudung bis zu einem Drittel der besten Lebensdauer, zwecklose Ueberbürdimg bis zum Niederbruch aller schwächlichen Körper, geistiges Ermüden bei den Begabten, und beim Durch­schnitt die Gleichgültigkeit und der Stumpfsinn! Auch heute noch ist das so, daß ein junger Mensch, der vom Gymnasium kommt, mit seinem zwanzigjährigen Leben nichts Ersprießliches anzstsangest Weitz, erst rasten, Luft schöpfen und sich schüchtern nach allen Seiten Umsehen mutz, bevor er das Leben von vorne beginnen kann in einem Alter, in dem er ein naturgemäßes Recht hätte, schon mitten drin zu stehen in allem tätigen Trieb Und fröhlichen Drang des Lebens,

Daß es so ist, das liegt nicht an den Lehrern, NUr am schwer Kn überwindenden Trägheitsmoment einer veralteten Methode, bie belastet ist mit bem Drucke vergangener Jahrhunderte,

Unter dieser erblichen Belastung ist die Schule, statt 'ein Weg zum Leben zu sein, eine Würgerin der besten Jugendckräffe geworden, ein Hemmnis für den Beginn des Lebens. Viele er­kennen das. Auch 'die Lehrer selbst. Und' Hunderte von Stimmen diskutieren bereits die Frage, wie bie Schule gestaltet werdest müßte, damit ein freigewordener Schüler froh, sicher und aufrecht fstnausschreiten könnte ins Leben, um mit niigeschädigter und ge- unber Kraft zu früher Tätigkeit' und zu dem zu kommen. Was

Wir Menschen als Glück zu bezeichnen pflegen.

Freilich, die Schule für sich allein, auch stach vernünftigen Wandlung, kann das nicht geben. Dazu wird auch ein gründ­licher Wandel in mancherlei Dingest nötig fein, die wir heute Unter die Begriffe Staat, Gesellschaft, Sitte, Moral, Kultur und Ehre rubrizieren. Dieser Wandel wird kommen, weil er kommen mutz. Das hängt nicht von Hoffnungen und Widerständen einzelner Menschen und Klassen ab. Das ist eine EntWicklungsnotwendigfeU des Lebens, die weil viele Menschen sie empfinden bereits Km der Arbeit ist, sich durchzufetzen. Die Beobachtungen' und Gedanken der Menschen fliegen dem Leben nicht voraus, sondern schreiten hinter dem vorwärts drängenden Leben her. Tas Leben ist eine wachsende Sache für sich selbst und gleicht einem jungen, kraftvollen Baum, der gerade dann mit erneutest und intensiv est Kräften für die Blüte eines kommenden Frühlings zu arbeiten beginnt, wenn die Blätter eines altgewordenen Sommers LU sterben scheinen.

Der eigenartige, 'glücklich zu nennende Gang meiner Kind­heit und Jugend hatte mir an ernsten, frohen und' nützlichen Dingen des Lebens mehr gezeigt als bett Weiften meiner Gymnafial- kameraben. Ich war reifer als mancher andere meines Alters. Und dennoch stand auch ich nun durch viele Wochen wie ein Hilfloser inmitten des rauschenden jArbeitsgetriebes, das mich ist der großen Fabrik umgab. Auch ein Einsamer war ich, zwischen tausend Menschen. Alle standen mir ferne, feiner kam mir einen Schritt »entgegen, obwohl ich zutraulich war und herzlich zu fein ver­suchte ich liebte ja doch von jeher alles. Was Handwerker hieß. Die Werkmeister waren höflich gegen mich. Weil sie Wußten, daß der alte Fabriksherr mit meinem Vater befreundet war. Doch aus ihrer Höflichkeit fühlte ich das Mißtrauen heraus. Und den Ar­beitern des Schlofsersaales, in dem ich meisten Platz unb. Schraub­stock bekommen hatte, war ich unbequem; sie glaubten, in meiner Mhs nicht mehr ungeniert miteinander reden zu können; mit meinen hundert Fragest nahstr ich den Akkordmonteuren die Zeit Weg, mein Mangel ast nützlichem Können bei meinen achtzehn Kahren machte mich vor ihnen despektierlich, und ich war für

g: der lateinische Tagdieb' Und der. .Brillenaffe, Mer den sie schlecht itze rissen.

Da hätt ich manchmal heulen Mögen vor Wuk. Und Wenn ich früh um 5 Uhr aus dem Bett herausfprang, Wars immer meist erster Gedanke:Herrgott, wie viele werden mich heut wiedÄ auslachen!" Doch ehe der Aerger und das Zähnebeitzen in der Fabrik begann, brachte mir der erwachende Tag immer ein gemüt­liches Viertel stündchen.

Ich Hatto fünf Treppest hoch bei einem Bäckermeister aM Schmiedberg ein Dachzimmerchen gemietet. Den Morgenkaffee bekam ich unten im Kellergeschoß, in der Backstube. Da WarI huschelig Wurm, die frischgebackenen Wecken dufteten prachtvoll, und die jungen Bäckergesellen waren vergnügte Burschen, denen.' ich auch die Teigpatzen nicht übel nahm, die sie mir bei lustigest Gefechten ins Haar oder in die Ohren schmisfen. Manchmal ver­säumte ich da aM grauen Morgen so viel lachende Zeit, daßsichunter. Schweiß und Atemschnäppen rennen mußte, um noch vor beut Glockenläuten die Fabrik zu erreichen. Zwischen einem Stroms von Arbeitern, von denen die einen mißmutig und die anderen! heiter dreingnckien, drängte ich mich zum Fabriktor hinein unds nahm Beim Portier meine Präsenzmarke in Empfang. .. An der Gießerei vorbei, und an den Schmiedstätten und Drehersälen vor­über, gings zum Monteurhaus und über eine schwarz gewordene Treppe in den Schlossersaal hinauf. Dieser Saal war eigentlich nur eine große viereckige Galerie, in der Mitte durchbrochen für di« Kranenzüge und den Lauf der TransMifsionsriemen. Mit dem Glockenschlag begann ein tosender Lärm, ein Pusten und Pfeifen der Dampfmaschinen, ein Geklapper und Gebraufe der vielen, Wirr durcheinander laufenden Transmissionen.;

In meinem neuen Leben war das die erste SchulausgabVS ein formloses Stück Eisen mit dem Meißel ju bearbeiten und einen mathematisch genauen Würfel herauszufeilen. Ihr glaubt gav nicht, wie schwer das ist! Alle Handfertigkeiten, die ich mir ist den Werkstätten des Holzwinkels airgeeignet hatte, kamen mir hilfreich zustatten. Aber wenn fünf Flächen meines Würfels stimmten, war immer wieder die sechste schief. Und hatt' ich sitz richtig zugefeilt, so stimmten die anderen fünf Quadrate ntmmerl dazu. Es war. Um aus der Haut zu fahren. Und in den erlösenden Brotzeiten rochen Wurst und Bierkrügl immer nach Schmieröl.; Von Tag zu Tag wurde mein Eifenwürfel immer kleiner, aber nicht richtiger. Ich bekam abscheuliche Schmerzen in den Knien- in den Schultern, ist allen Muskeln an der linken Hand hingest mir von den fehlgegangenen Meißelschlägen immer ine blutigen Hautfetzen herunter und während ich meißelte und feilte, mußt'- ich immer an mein Luischen denken und machte ellenlange Sehn- suchtsgedichte. Eines Tages, als ich gerade einen sehr schwierigen! Reim snchte, sagte der Werkmeister zu mir;Wenn Sie immer zum Fenster hinansgucken, werden Sie's nicht weit Bringen!"1

Endlich, endlich, endlich war der Würfel fertig! Er war sehr klein geworden, Bis er in allen Flächen richtig stimmte. Der! faustgroße Eiseuklotz war zu einem feinblinfenbett Kristall zusam­mengeschwunden, den man ohne Beschwer an die Uhrkette hätte! hängen können. Und wenn ich heute nach sechsnnddreißig Fahrest die Geschichte dieses unter Schweiß und Mühsal entstandenen Eisest- Ivürfels überbenfe, kommt es mir io vor, als Wäre sie ein zutreffeii- des Gleichnis für das, was ich yn Leben unter Optimismus' verstehe.. Optimist fein, heißt nicht: alle Dinge des Lebens schön und erquicklich finden, den Schatten negieren und nur die Sonne geltest lassen, das Dunkle rosig malen und das Grelle mild verschleierst- ein Unwahres konstruieren und diese unbegreifliche, von Wider-, sprüchen durchrissene Welt als den besten aller Sterne erklärest- O nein! Wer Optimist sein will, muß sich müßen, alle Dinge des Lebens mit klaren und ruhigen Augen so zu sehen, wie,sie sind'; muß zu begreifen suchen, warum sie gerade so sein müssen und nicht anders fein können; muß verstehen lernen, daß die Dinge der Welt nicht um seinetwillen da sind, und daß fein kleiner Weg nur ein zufälliges Begegnen mit ein paar harten und saustest Ecken des Bestehenden ist; muß in sich bie Gabe erziehen: diej Schmerzen mit bem gleichen Maße werten zn können wie. die! Freude, den Verlust nicht gröber einzuschätzen als den Gewinn; muß vor allem erkennen, daß er irgendwelche Lebensrechte nicht für sich allein empfing, sondern daß ein gleiches Recht ans Leben auch jeder andere besitzt; drum muß er, gerecht gegen die änderest und nicht ungerecht gegen sich selbst, seine Daseinsforderungest umgrenzen und beschränken; und mnß alles Wogende und Wirre seines Lebens zu einem Festen und Verläßlichen, zu einem Schönest und harmonisch in sich Geschlossenen formen können, genau so­wie sich aus einem formlosen und billig wertenden Eiseuklotz mit Geduld und Mühsal eine feine, funkelschöne, Kristallgestalt heraus­feilen läßt auch dann noch, wenn die Hände sich aufs Meißelst und Feilen nicht sonderlich gut verstehen.

Ich hatte an meinem glatte», blinkenden Eisenwürsel so viel Freude, daß ich ihn im Feuer vergoldete und meiner Mutter zum Namenstage nach Würzburg sandte. Aber die Mutter bekam ihn nicht. Das Paketchen wurde ihr richtig zugestellt, doch der ver­goldete Würfel hatte sich auf der Reise durch das mürbe Packpapier herausgebohrt. Und nun denk' ich mir gerne: daß mein Herne« goldener Würfel noch irgendwo in der Welt existiert; und daß er mich überleben Wirb; und daß er durch glücklichen Zufall in die Hände eines .Menschen kam, dem er gefiel; und daß ihn dieser Genügsame ist einen, Glasfchrank stellte, zu den Kaffeetaffen feiner