Ausgabe 
13.6.1910
 
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MO Nr. 90

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MS

Das schlafende Heer.

Roma« von Clara Biebig.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Der Mutter Blick suchte beit Himmel: ach, der sah so verschlossen, so eisern aus tote ein blankes Schild, an dem selbst die Gebete, gestammelt von der Unschuldigen Mund, abprallen! Mit leicht zitternder Hand fuhr sie über einen lieben Kopf nach dem andern. <

Schlaftrunken, übermüdet rekelten sich die Kinder. Ihre blonden Häuplchen hingen matt und nickten willenlos bin und ber .tote schwere Nehren int Wind. Beim nächsten hef­tigen Rädergerumpel rutschten alle vier vom 'unbequemen Sch; da lagen sie zusammen auf einem Häufchen am Boden der Britschka. >.

Die armen Kinder! Frau Kettchen suchte sie zu er» Muuterit, aber dann gab sie's auf: es toar das beste, sie schliefen; zu sehen gab's doch immer nur dieselbe gleiche, eintönige Weite! Ein Gefühl unendlicher Vereinsamung durchschauerte sie plötzlich, fast überlaut stieß sie heraus: Peter, Peter!" .

Wat bann, Kettchen?" Er drehte sich rasch nach ihr um', ihre Stimme hatte so verängstigt geklungen.Js dir wat, Kettchen?"

Och nix!" Sie schämte sich. Sie hätte es ihm ja auch gar nicht beschreiben können, wie ihr zumute toar, nun sie immer weiter und weiter fortkamen von der Station, wo doch wenigsteits die Lokomotive schnaufte und dampfte, die sie der Heimat entführt, die sie aber auch wieder dorthiu dringen konnte, dorthin, wo der Rhein fließt. War ihr nicht jetzt so, als läge die Welt und alles, was Mt und schön und glücklich toar, hundert Millionen Meilen weit hinter ihr? Sie schwebte in einem ungeheuren Rgum, in dem ih,r tastender Fuß keinen Boden, ihre suchende Seele keinen Halt fand.

Peter, sind wir dann noch nit bald da?!"

Nur noch en klein Stund!" tröstete er.Dat erste Dorf kömmt jetzt gleich. Siehste, da is als Mais!" Er wies ihr die hohen, tiefgrünen Maisstauden, deren Frucht­kolben noch von weißlichen, löffelförmigen Blättern ver­hüllt waren, mit deren seidenfädigen Schweifen, die im Sonnenlicht tote silbernes Haar glänzten, aber das heiße Sommerlüftchen winkend wehte.

Da dervon bauen wir uns auch wat au für die Hühner," sagte er,da legen sie gut nach. itn für die Schwein is dat überhauptne Leckerbissen. Du sollst entat sehen, wat du für Eier nach der Stadt verkaufen kannst!"

Och" eilt wehmütiges Lächeln spielte um ihren Mnnddat is doch nit wie bei uns zu Haus! Wie soll ich dann hier nach der Stadt kommen?! Die is ja viel Au weit!"

Wer gleich darauf machten sie doch miteinander Pläne: wenn sie erst Pferd und Wagen hatten, dann ging das doch! Oder noch besser, wenn erst die Eisenbahn fuhr in einem oder spätestens zwei Jahren hatte mau die ja, schon war die Strecke abgesteckt, Peter hatte es selber gesehen dann konnte der Valentin leicht, immer regelmäßig zwei­mal die Woche, nach der Stadt fahren. Wo steckte übrigens der Junge? Bis vor kurzem noch toajt der Leiterwagen immer in Sicht gewesen, nun war er auf einmal ganz zurückgeblieben.

Besorgt schaute der Vater aus. Aber so sehr et auch spähte, nichts toar zu sehen als das Wogen goldenen Korns und das Sonnengeflimmer zwischen Erde und Himmel. Dem Jungen würde doch fein Malheur passiert sein?! Er war an solche Wege nicht gewöhnt und auch nicht au diese Rackers von Pferden. Bräuer machte sich Vorwürfe: hätte er doch lieber iit der Stadt einen Kutscher auch für'den Leiterwagen gedungen, anstatt auf den Valentin zu hören, der gemeint hatte, fahren könne er noch leicht so gut wie hier einer.. Nun war bei der verdammten Rumpelei gewiß eine Speiche gebrochen, oder der Wagen toar in einem Loch stecken ge­blieben, lag vielleicht gar zur Seite in einem tiefen Graben?! 's toar hier keine so glatte Chaussee wie daheim längs des Rheins, auf der die Gäule nur immer so von selber dahin trabten, als machte es auch ihnen ein heilloses Pläsier.

Das konnte eine schöne Bescherung geben! Nun, vorder­hand mußte matt erst noch mal geduldig ein wenig warten!

Auf beit Ruf, den der Vater zurückschickte, kam keine Antwort. Die Britschka hielt an. Die Sonne prallte.

Fahr ein bißken int Schatten," bat die Frau.

Schatten, wo war der?! Kein Baum, kein Gebüsch', nichts Ragendes in der ganzen Runde.,

Doch, halt, dort in der Biegung des Seitenwegs, was. toar das?!

Peter, och, kuck da!" Fast jubelnd' streckte die Frau beide Hände ^us.

Da stand eine Boza meta, ein Heiligenhäuschen, frisch getüncht, mitten int goldenen Korn; die Nehren streichelten seine rissigen Mauern. Wie ein Backofen sah sich's an iit seiner rund gewölbten Buckelform; aber, wo man sonst die Brote einschiebt, standen hier drei Steinpüppchen in der Nische, nicht mehr erkenntlich,. Steinklümpchen gleich, die tausend Jahre int Acker gelegen. Ein Pflüger hatte sie wohl aufgepflügt, und jetzt standen sie am Sonnenlicht in der Nische, und des gläubigen Volkes Hände hätten die Heiligen mit Flittern und Papierrosen, mit welkenden Sträußchen von Mohn und Kornblumen geehrt.

,)Och, Peter, kuck, kuck!" Die Frau strebte vom Wagen, der Mann mußte ihr heruuter helfen. Es zog sie all« mächtig zu jener Msche ach, wenigstens etwas Ivar hier so wie daheim!

'Auf die Kniee sinkend, sich bekreuzend und fromm die Hände heheud zum Himmel, der ihr nun, auf einmal doch