Ausgabe 
12.3.1910
 
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-kamen und glänzenden Uniformen, die mit der Kohlenarbeit des Geheimrats wenig Berührungspunkte hatten, würde der alte Droefigl wohl ein erstauntes Gesicht gemacht haben. DerDreck", den er auch besessen, wurde auf einem Kissen hinter dem Sarge getragen. Das hatte Ludwig so cmge- ordnet. Der alte Herr hatte vergessen, es zu verbieten.

Die Feier war kurz-, wie es der Tote gewünscht. In seinem Testament sand sich darüber die eigentümliche Stelle:

Die Rede des Geistlichen bars nicht länger als fünf Minuten dauern. Die etiva Anwesenden sind Männer der Arbeit, die keine unnütze Zeit haben wie alte Weiber. Für den Fall, daß ich zu ungünstiger Jahreszeit sterben sollte, sind alle geeignet erscheinenden Maßregeln zu treffen, um es den Beteiligten unmöglich zu machen, den Sarg auf den Friedhof zu begleiten. Ich habe nie Verständnis dafür gehabt, daß der Tote eine ganze Anzahl von Lebenden, bi e ihm folgen, auf dem Wege der Erkältung nach sich zieht."

Als der Geistliche dasAmen" gesprochen hatte, der Sarg niedersank und der Sohn die erste Blume feinem Vater in die Gruft nachgeworfen hatte, trat in langer Reihe einer nach dem andern heran, den letzten Gruß hinab­zusenden. Als die Schollen prasselten und sich der Grab­hügel hob, kein Erbbegräbnis, sondern ein Hügel mitten unter der Reihe der bescheidensten andern, da wurde ge­flüstert, der Tote hätte bestimmt, der Preis für Kreuz und Schmuck auf seinem Grabe dürfe fünfzig Mark nicht über­steigen. Ein paar Bösartige machten fünftausend darus, andere wieder erniedrigten die Summe aus fünf. Darüber fr eilten sich die kleinen Leute: ja, so npir der alte Herr ge­wesen! Und manch einem ward bang:wird der Sostn auch was geben?" Sie sahen ängstlich das ernste Gesicht, den modernen Anzug dieses Mannes, der soviel kleiner war Als die Riesengestalt seines Vaters und so ganz anders aus sah .

Ludwig ging zu den Ministern, zum Oberpräsidenten mit abgenommenem Hut und machte eine tiefe Verbeugung. Jedem drückte er feinen Dank aus. Diesen und jenen begleitete er ein Stück. Dann begann der Strom sich zu verlaufen, die Sonne hatte sich nach vergeblichem Kampfe mit den Wolken ganz versteckt, es war düster auf dem Fried­hof geworden, und das schwarze Land, das den Kohlenbaron geboren, lag da mit feinen gualmenden Essen, grau in grau.

tetfKHe mit. ihren Kindern und Hohengarts nach Kölln zuruck. Ludimg blieb noch in Dümen. Er machte den wichtigsten Herren, die er im Hotel oder den Nachbar- stadten noch erreichen konnte, einen Erkenntlichkeitsbesuch für die Teilnahme an der Beisetzung. " ;

Dann würbe nach einer Liste die Danksagung verschickt, unterzeichnet: Ludwig Droesigl, Agathe Droefigl geborene Gräfin Kölln und zwei Söhne.

Endlich kehrte Ludwig auf einige Zeit nach Kölln zurück. Er sprach öfters von seinem Vater, aber den größten Ein- ^ilck schien ihm das Leichenbegängnis gemacht zu haben. Jr. tchsbte jeden, der dagewesen war, und sagte immer wieder frei £t]cn:

~ Siebes Kind, hast du Exzellenz Dittsurth gesehen und Exzellenz von Greben? '

Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte sich nicht umgeblickt. Als er dann erstaunt fügte, die wären doch wichtig für ihn, fragte sie: '

Wieso?

Er brummte:

Ach, ich Meine nur.

MH ein paar Tagen meinte er beim Frühstück: .... ~ Der Minister des Innern war doch da, und der Eiseubahnmiiiister, und der Handelsminister sollte ich, «en Herren vielleicht in Berlin meine Aufwartung machen?

Du hast dich doch bedankt.

.r Ich möchte nicht ungezogen sein.

Sie hatte Angst, er täte zu viel:

Ludwig, das bist du nie-.

Stint wurde er aufgeregt:

Du scheinst ja nicht zu wollen?

Sie warf einen Blick zum Hauslehrer und zu den Kindern:

Vielleicht sprechen wir nach Tisch darüber?

Als sie aber dann allein in ihrem Zimmer saßen, denn PTC Jungen liefen bei dem kurzen Sonnenschein des W.

ginnenbeu Winters noch einmal durch den Park, bat Agathe: r- Ludwig, hast du nicht gesagt, du hättest nur mich? Ja, Kind, und ist das nicht richtig?

Sollten wir beide dann nicht alles miteinander be­sprechen ?

Ich frage dich doch immer!

Du hast den Kopf voll! Gerade jetzt bei den vielen Geschäften entgeht dir vielleicht etwas, und deiner Frau Augen sehen für dich. Habe ich nicht recht?

Er meinte zögernd:

Es mag sein.

Doch sie ließ ihn nicht mehr los:

Bin ich nicht die, die's auf der ganzen Erde am Belften mit dir meint?

Nun rief er freudig:

Ja, Kind! Ja!

Da ergriff sie den Augenblick:

Es kommt jetzt niemand. Siehst du, da hinten gehen dis Kinder beimNeptun". Da, sie gehen .noch weiter. Wir haben eine Viertelstunde allein, eine halbe Stunde vielleicht. Soll ich dir einmal mein Herz ausschütten?

Mit dem seltsamen Mißtrauen, das gleich etwas Ver­stecktem in ihm saß, fragte er:

Halst du mir etwas verborgen?

Sie nahm seine Hand und ging mit ihm in den großen Renaissanee-Erker, an dem draußen das riesige Wappen der Kölln gemeißelt war, und von wo man den Park über­sehen konnte. Die Vorhänge zog sie zu bis auf einen kleinen Spalt:

Es blendet.

Aber der trübe Dezembertag blendete nicht, nur schien es leichter, in halber Dämmerung zu reden:

Also hör zu. Ich habe dir nichts zu beichten, möchte dir nur etwas sagen. Ich habe dich genommen nun fei nicht böse gegen die Ansicht meiner Familie.Droesigl" war ihnen nicht recht für die Gräfin Kölln Ludwig, bleib sitzen, das darf dir niemand anders sagen als ich. Ich hätte dich genommen und wären sie alle dagegen gewesen. Und ich möchte mich auch einmal rechtfertigen: als du kamst mit deinem vielen Geld: ich wollte keine Versorgung von dir.

Dahin wollte sie hinaus? Er lachte:

Das habe ich doch nie geglaubt!

In jeoem steckt eine Art Mißtrauen. Aber Mann und Frau sollen sich alles sagen, und deshalb- will ich dih etwas gestehen: Wenn du gekommen wärst, als Papa noch lebte: ich hätte ja gesagt, auch wenn er nein gesagt hätte.

Ludwig fragte nachoenklich:

Aber warum sollte dein Vater nein sagen?

i Du kanntest ihn doch! Bestimmt hätte er nein , . «

i Aber er hat mir doch. . .

Er brach ab und kniff wieder die Lippen aufeinander. Plötzlich war es, als wolle er beichten, doch wie sie den! Kopf schüttelte, weil sie nicht abgelenkt sein mochte von dem, was sie ihm hatte sagen wollen, ward er unsicher. Er wollte von dem Spielabend erzählen, aber er brachte es nicht über die Lippen. Sie sagte, um das Schweigen zu brechen:

Die Kinder können gleich wieder kommen . . . Ich meine nur, die ich unsere Leute kenne: komme nicht so sehr entgegen, tu nicht zu viel, geh nicht zu ihnen, es ist unnötig!

Die Röte stieg ihm jäh ins Gesicht, und er rief in einem! Ton, den er nie sonst gegen sie gehabt:

Liebes Kind, benehme ich mich denn so taktlos?

Er hatte ihr sein Herz ausschütten wollen, und sie kam jetzt mit diesen Kleinigkeiten, ob er einen Besuch machen sollte ober nicht. Da schlossen sich die Tore seiner Seele, die von Jugend an keinen Menschen gehabt, der sich um sie kümmerte, weil die Mutter gesellschaftlichen Freuden, der Vater seinen Geschäften nachging und in dem Kämpf beider Eltern gegen einander der Sohu als unseliger Prellbock dazwischen stand.

Und auch sie schwieg. Sie dachte, ist es noch zu früh, jetzt nachdem wir soviele Jahre verheiratet sind?

Sie beugte den Kopf ein wenig traurig und blickte auf ihr schwarzes Kleid, bann lugte sie zwischen den geschlossenen Vorhängen in den Park hinaus mit dem Gedanken, vielleicht könnte sie noch einmal besser beginnen. Aber als sie sich zurückwandte in das dunkle Zimmer, einen Augenblick ge­blendet, sah sie Ludwig nicht mehr. Auf dem weichen Teppich war er lautlos verschwunden.

(Fortsetzung folgt.)