Donnerstag den 10. November

Nr. <76

1910

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Friedel halb-süß.

Roman von Fedor von Zabeltitz.

"(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Fritz schritt rüstig aus'. Die Luft tat ihm Wohl und die Stille der Nacht. Aber die Ruhe, nach der er strebte, sand er nicht. Er war sich bewußt, recht gehandelt $u Ha­dem Er hatte ein flüchtiges Spiel der Sinne mannhaft besiegt; ,ier war nicht in den Fron gegangen, sondern in die Freiheit. Und dennoch blieb ein zages Bangen im Herzen, ein Gefühl von Wehmut. Er konnte des .Siegs Wer sich nicht froh werden.

Er fragte sich, woher das wohl komme, und fand keine Antwort darauf. Die Liebe, die große, echte und reine Liebe, sprach nicht mehr mit: darWer war er sich klar. Die war damals schon erloschen, als er in den Charakter und die Wesensgestaltung Mauds tieferen Einblick genommen hatte. Der große Reiz, den sie ausübte, lag in dem Hin­ausvagen über das Durchschnittsniveau, in der Sonderart ihrer gar nicht alltäglichen Persönlichkeit, deren Lebens- wurzeln in der Vollkraft ihrer leidenschaftlichen Psyche ruh­ten. Und ganz gewiß vermochte auch das Elementare ihrer Natur eine wundervolle Stimmung ausz-ulösen, die von be­törendem Zauber auf den Mann sein konnte. Eine stolze Geliebte in dem sphinxhaften Wechsel zwischen herber Scheu, träumerischer Gefühlsinnigkeit und der Feuerkraft unter verhaltener Glut Wer nicht für die Ehe geboren.

Er wußte: sie wäre auch seine Geliebte geworden. Wer seine innere Vornehmheit empörte sich einem so banalen Abschluß einer verwundenen Jugendliebe. Er war auch nicht mehr der leichtherzige Junge von einst; der größere Ernst, der in sein Leben gedrungen war, steigerte das Gefühl der Verantwortlichkeit in ihm.

Am nächsten Vormittag mußte zuvörderst das Kügen- spiel fortgesetzt werden. Der Water und Kesselholz woll­ten wissen, was man in der Garnison von ihm gewünscht hätte. Er erfand ein paar gleichgültige Ausreden; aber sie kamen ihm nicht leicht von den Lippen. Ein Mißbe­hagen, halb körperlicher, halb seelischer Art hatte bei ihm eingesetzt. Es wich erst, als am Nachmittage ein Telegramm Feßlers eintraf, das den glänzenden Sieg Weelens meldete.

Feßler depeschierte:Angesichts unzählbarer Menschen­menge ist Excelfior mit nordwestlichem Kurs aufgestiegen, manövrierte in Höhe von etwa fünfhundert Metern und entschwand in nördlicher Richtung. Taufe vorher in ge­fesseltem Zustande des Luftschiffs. Herzog hielt kurze An­sprache imb kappte dann die Sektflasche, die Lesson ihm reichte, mit dem silbernen Beile. Im selben Augenblick wurden die Taue gelöst und der Ballon stieg unter dem Jubel der Menge auf. Habe ein halbes Dutzend Aufnah­men machen können, auch eine Skizze entworfen. Morgen abend daheim. Epos Excelfior! Feßler."

Die Abendblätter brachten gleichfalls nur kurze Tele­gramme über den gelungenen Aufstieg, aber schon am näch­sten Morgen folgten eingehendere Berichte. Ein Wiesba­dener Blatt hatte sich folgendes depeschieren lassen:

Uttenhooven, 13. 7. abends 1025. (Telegramm unsers Spezial-Berichterstatters.) Der heutige Tag wird in der Geschichte der Luftschiffahrt ein bedeutsames Datum bil­den; endlich ist es dem Menschengeiste und der Menschetr- kraft gelungen, auch jenes Element zu überwinden, das ihm am längsten Widerstand geleistet hat. Auf den Wiesen von Uttenhooven bewegter: sich schon in den Frühstunden Tau­sende von Menschen; die Barackenstadt war überfüllt, es kostete Mühe, die Menge jenseits der Umzäunung zu halten, die das Aerodrom umgab und in die nur die mit Erlaubnis­karten Versehenen Eintritt erhielten. Um zehn Uhr began­nen sich die Tribünen zu füllen. Die Wsage des Kaisers hatte große Enttäuschung hervorgerufen, auch auf den König von England hatte man noch in letzter Stunde ge­hofft. Trotzdem gewährte die Fürstentribüne einen präch­tigen Eindruck. Königin Wilhelmine und der Prinzgemahl empfingen die Gäste und ließen sich auch einige der be­rühmtesten Luftfchiffer vorstellen, die aus allen Teilen der Welt eingetroffen waren, so Zeppelin, Groß, Deutsch, Santos Dumont, Farmant, Parseval, Gregorowitsch. Die Herren hatten schon am gestrigen Abend im Beisein des Prinzen der Mederlande das neue Luftschiff besichtigt und sich über die Stabilisierungsvorrichtungen und das Steuersystem ge­radezu bewundernd ausgesprochen: nur Juillot, der Chef­konstrukteur Lebaudys, soll Zweifel gehegt haben. Der Er­folg hat sie widerlegt. Der Himmel war am Morgen etwas bewölkt, klärte sich aber gegen Mittag auf, so daß der un­geheure Ballon, äußerlich der .Zigarre" Zeppelins nicht unähnlich, wie ein gleißendes Fabelwesen in der Sonne lag. Um halb elf erschien der Herzog von Weelen in ein­fachem Sportkostüm mit der Mütze des Aeroklubs. Nun wurde ein Böller gelöst, und wie auf Verabredung trat eine tiefe Stille ein. Der Herzog betrat die Fürstentribüne, um der Königin Wilhelmine seinen Dank abzustatten und die anwesenden höchsten Herrschaften zu begrüßen. Ein zweiter Kanonenschuß kündigte an, daß der Aufstieg nahe sei. Mik dem Herzog bestiegen dessen Techniker, Herr Henry Lesson,, General Graf Ladenburg Und Lord Drummond die Gondel. Hier fand nun zunächst der Taufakt statt. Man hatte ge- glaubt, die Königin oder der Prinz der Niederlande werde die Taufe vollziehen, doch leitete der Herzog selbst die Zere­monie, die in ähnlicher Weise wie die Schiffstaufen vor sich ging. Der Herzog nahm die ihm gereichte Flasche Cham­pagner und rief mit lauter Stimme: .Hoffnung des neuen Jahrhunderts, Kämpfer der Luft, ich taufe dich Excelsior!' Die Flasche zerschellte über der Brüstung der Gondel, von der die Flaggen des Deutschen Reiches und der Mederlande her­niederflatterten; dann abermals ein dröhnender Kanonen­schuß: und nun sah man, wie der ungeheure Ballon sich langsam erhob, zuerst kerzengerade und hierauf in leicht oft*