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kichen Ehe. Und daun hatte die Gräfin. Agathe gern. ric Liebe zu Kindern und Häuslichkeit einte die beiden Frauen.
SczögonhS hatten Droefigls oft nach Berlin eingeladen. Bei dein österreichischen' Diplomaten waren Ludwig und .Agathe Droesigl die' einzigen Bürgerlichen. Wenn man sie bekannt machte, wurde immer leise dazu gesetzt, gleich-- sanr wie eine Entschuldigung: „Sie ist nämlich eine ge- borcne Gräfin Kölln!"
Da kam mitten während der Jagden ein Brief von Fräulein Lnttgen, der Haushälterin des Geheimrats.
Herr Droesigl senior hatte jetzt seine Wohnung- in Berlin. Die Einzelvertvaltung seiner Bergwerke interessierte ihn voir Jahr zu Jahr tvenige-r, und längst war eme Aktiengesellschaft vorgesehen. Er hatte immer mehr Politik und soziale Dinge im Kopf, lvar auch in der letzten Zeit nicht so arbeitsfreudig tote früher.
Die Haushälterin schrieb an Agathe, er hätte seit acht Tagen beit Lehnstuhl nicht verlassen, sich zu Bett legen, wie der Arzt es verlangt, täte er nicht. Der Brief klang etwas ernst. „Man kann nie wissen", war eingeflochtew und: „wenn ihm doch das Essen schmeckte". Am Schluß stand: „Der Herr Geheimrat fragt immer: „kommt denn meine Schwiegertochter nicht Anal her?"
Agathe sagte Ludwig, sie halte es für ihre Pflicht, den alten Herrn zu besuchen. Er war nicht recht einverstanden)
i—Es muß doch eine Dame Hier sein. .... -
— O, das übernimmt Baty.gerii.
Er widersprach nicht, kant.über gar itidj't auf den Gedanken,"'haß er zu seinem Vater fahren könne. Am nächsten Tage, an dem keine Jagd war, brachte er Agathe auf die Bahn. Als sie am geöffneten Fenster des Abteils stand, hat er:
— Kind, bleib nicht zu lauge fort.
-— Brauchst! du mich denn?
Er blickte sich um. Er mochte nie Gefühl zeigen, toenn es jemand hören konnte:
'•— Du weißt ja, ich kann ohne dich nicht sein.
Als die Türen längs des Zuges zugeschlagen wurden', sagte er noch schnell:
— Ich meine, Agathe, du verstehst mich . . . helfen kann ich meinem Vater nichts, lind wir sind ja nicht sehr. . ,
-Das Abfahrtssignal ward gegeben, der Zug ging davon.
Der alte Herr saß im Stuhl. Sein Haar schien länger geworden, sein Bart wilder. Agathe kniete neben ihm hin, doch er gab kaum eine Antwort. Sie erzählte ihm von seinen Enkeln, deuu das hörte er gern. Allmählich hellten sich seine Züge auf, und wenn er auch noch nicht sprach, so hörte er doch wenigstens zu. Es schien ihn zu stören, daß Fräulein Lüttgen, eine ältere Dame in schwarzer Seide, mit einem Schlüsselbund in der Hand, int Zimmer blieb. Sie drehte unausgesetzt den Schlüsselring um den Zeigefinger der linken Hand. Er herrschte sie plötzlich an:
— Fräulein, halten Sie sich mal ruhig, ich kann kein Wort verstehen!
Dann richtete er sich auf und krächzte heiser, nicht mehr mit der gewaltigen Stimme:
— Himmeldonnerwetter, machen Sie doch was, aber drehen Sie nicht immerfort! Sie drehen ja den ganzen Tag!
Dio Dame int schwarzen Seidenkleide ging augenblicklich hinaus. Der alte Herr lächelte vor sich hin:
— Das habe ich gut gedeichselt, was? Bin gar nicht so böse, aber; .immer hat die alte Schaute da zumzustehen. und wie ivyh'en doch mut «»rein reden.
Er ärgerte sich trotz seiner Versicherung, daß er nicht böse sei, und erklärte, mit diesem Schlüsseldrehen würde sie ihn noch- ins Irrenhaus bringen. Das Fräulein sei. schon über zwanzig Jahre bei ihm, seit zwanzig Jahren drehe sie den Schlüsselring, seit zwanzig Jahren mache ihn das verrückt.
Agathe fragte nicht nach seiner Gesundheit, das durfte man nicht. Aber sie war doch erschrocken, wie er sich verändert hatte. Und als sie die Decke wieder emporzog, die bei der Aufregung heruntergerutscht. war, bemerkte sie, daß dieoHosen bis über die Kniee anfgeschn-itten, und sie zu erweitern, ein anderer Stofs eingesetzt war. Als sie es erschrocken sah, erklärte er:
— Ja, das ist! das Ende; Wasser. Jfch lasse mir. von den iOchseu, den Pslasterkästen nichts vormachen. Meine
Beine sind dick. Tann kommt Herzschwäche. Herzschlag'.. Ans. Drei Kreuze.
Seines Sohnes gezivungene Versuche, ihn nach seinem- Leiden zu fragen, hätten ihn wütend gemacht, Fränleiw Lüttgens altjüngferliche Sorge trieb ihn zur Raserest Agathe sagte nur, ihn abzulenken, sie fände es praktisch, daß mau an den Beinkleidern Keile eingesetzt. Er behauptete, der Schneidermeister könne vielleicht Nähen, sei überein Esel, llebrrhaupt verständen die meisten Menschen ausgerechnet von ihrem Berufe nichts. Die Hose sei iiäiulich der Länge nach gestreift, und dieser Hornochse, Deutsches Reichs-Patent, habe quer gestreifte Keile eingesetzt.
Tas hatte ich besser gemacht! Du glaubst'» wohl nicht? Als ich noch kein Geld hatte, habe ich mir 'n ff ei Knöpfe selbst angenäht, ja, den Hosenboden eingesetzt.
Und er begann von seiner Jugend zu. erzählen, wie er gehungert, nur weil .er immer hätte sparen wollest.. Darin fing er- von dein. Pastor an, bei dein, er, toenn er. keine Schicht gehabt, den Schlaf sich abringend, allerlei! gelernt hatte. Darauf war er in das Kontor gekommen und allmählich durch seinen „Hellen Kopf" immer mehr „raufgerutscht". Sein Ehef hatte ihn in seiri Haus ge- zogen; Er besprach bald Dinge- mit ihm, die er mit-höhere» Beamten seiner. Werke nicht geredet hätte. Allmählich saß dann der junge Droesigl Tag für Tag am Tische seines! Brötherr-n.
Dort hatte er auch seine Frau kennen, gelernst Als "er sie erwähnte, ging ein Schmunzeln über sein Gesicht:
— Ich war nämlich nicht häßlich! Wir Droesigls sind! gar nicht schlecht gewachsen. Damals guckten die Madels mir nach. Ich aber hatte ich will dir's nur gestehen, — ein einziges int Köpft.Arbeit und in die Höhe kommen. Und da habe- ich gedacht st so was hängt ja keiner au die große Glocke — das Mädchen hat Geld, das ist der Weg mach oben. Der Chef sagte ja. Da hab ich sie getriegt. Sie hatte noch eine Schwester, die Fran vom Platz, 'auch so ne feilte Dame. Du hast sie bei deiner Hochzeit gesehen. Das waren die beiden einzigen Erbinnen. Na, und eines Tages tat mein Schwiegervater, was ich auch bald tun lverde - er biß ins Gras'! Red nicht dagegen, ich kenne die Ochsen, die Aerzte, ich hab'» Wasser in den Beinen. Nun lag alles auf mir. Ta habe ich.geschuftet, mein ganzes Leben lang geschuftet bis heute. Es kämen Krisen, Streik, Wasserein- bruch, schlagende Wetter, Grubenbraud, die Kohlenzölle tvnr- den herabgesetzt, kurz, die Geschichte ging schief und in manchem Werk alles zum Teufel. Aber daran denken die Weiber nicht, daß, wenn man mit ihnen rnmbummelte und nicht schuftete, sie mal keine Kledage auf den Leib.zu-ziehen, hätten. Nur amüfiereu lvollen sie sich. Und das gefällt mir an dir, mein liebes Kind: du machst! mit, was deins Mann macht, aber vergnügungssüchtig bist du nicht. Weiß ich, wenn du's auch nicht sagst. Asiso: als wir den Sohu hatten, deinen Mann. . . von dem Tage ab lvar's ans. Einfach aus mit dem. . . Aas!
Er geriet in solche Wut, daß er keine Worte mehr! finden konnte. Agathe benutzte die Gelegenheit, sich einen Stuhl heranzuziehen. Sofort ward er ungeduldig:
Laß mich weiter reden. Louis weiß das alles, aber er wicd's seiner Frau nicht so sagen. Er sagt den -Menschen immer nur, was gut klingt. J-ch habe ihnen gesagt, lvas! schlecht klingt, denn das Gute versteht sich von selbst. Na, Bater und. Sohn müssen verschieden sein. Sieh zu, daß du bei betitelt Söhnen nicht mit in den Topf kriegst, was! der Alte Und- der Sohn zü viel haben. Also.Louis seine. Mutter war,-ich. sag -es «sch einnrst!, ein-Assi „Gehst inä nicht mit ins Theater? Warum gehst du nicht mit mir spazieren? Heute 'könnten wir den einladeu! Das müssen wir mal sehen!" Der Teufel soll so'u Frauenzimmer holen. Ich hab ihr gesagt, wenn ich nicht im Kontor säße, könntest du betteln gehen. Ta tarn der große' Wutanfall iiberjie. Ich bin immer ruhig, das heißt, wenn eine den ganzen-Tag mit den Schlüsseln klappert und' wenn eilte,, wie meine Fran, nur von ihren fünfzig seidenen Unterröcken spricht und wie'n Aff bei uns-rumläust, daß weine Arbeiter sie; ansehn- als wollten sie ihr gleich an die Kehle springen,! dann iäiin ich lvütend sein. Kurz, beim großen Wutanfall hat fie. mir geantwortet: das Geld käme von ihr! Von dem Tag ab: reihe 'Wirtschaft;' Trennung; du hier, ich da. Ich Habs ihr das nie vergessen! Ich bin mal so. Ich habe ihr Vermögen verwalten lassen und bin durch Fleiß und Arbeit zu meinem .eigenen Vermögen gekommen. Und jm Laufe


