Ausgabe 
9.2.1910
 
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Brot allein verdientest, Ob du das könntest, liebes Kind? Ja, ich weiß schon, was du sagen willst: Es ist,eine Kleinig­keit, sein Brot verdienen. Ich weiß das alles. Hab's nur nock nicht erlebt. Na, wenn Graf Regniers Vater, der das Geld geben muß, einverstanden ist---

Gräfin Patsch unterbrach sie mit stürmischer Leiden­schaft :

Aber er hat ja mit seinem Vater gesprochen! Es ist alles in Ordnung! Ach, wenn Papa noch lebte!

Gräfin Lindenbach ließ ihren Arm los:

Der würde gesagt haben, wenn eine von euch hinter seinen Rücken was gemacht hätte: Ten Rotz sollen die Pferde kriegen und alle Köter die Räude. Wer nicht pariert, fliegt raus!

Sie ließ Gräfin Patsch liehen und ging hinüber zn Graf Regnier. Er nahm die Absätze zusammen, während sein braun gebranntes Offizier-Gesicht sich leise färbte. Doch ehe er ein Wort sagen konnte, meinte die alte Dame freundlich:

Ich höre, Sie haben mit Ihrem Herrn Vater schon gesprochen?

Jalvohl, Frau Gräfin, er ist einverstanden.

Vielleicht reden Sie dann auch mit meinem Sohne. Sie wissen, er ist der Vormund.

Der junge Offizier blieb noch immer mit geschlossenen Wsätzen stehen:

Ich werde sofort Urlaub nehmen, Frau Gräfin.

Und nicht wahr, dann erst wird verlobt.

Jetzt wurden des jungen Mannes Wangen fast dunkel: Jawohl, Frau Gräfin, ich bitte auch um Verzeihung, wenn....

Wer die alte Dame streckte ihm freundlich ihre schöne Hand entgegen:

O, für den Fall, daß er zustimmt, woran ich keinen Mrgenblick zweifle, schon von vornherein meinen herzlichsten Glückwunsch.

Das junge Paar stand in einer langgestreckten Galerie mit einer Reihe weißumrahmter Fenster, durch die man einen weiten Blick über noch winterlich graubraune Rasen­flächen gewann, die von breiten Kieswegen begleitet, von hohen, kahlen Buchen umrahmt, in der Ferne sich zu ver­lieren schienen. Dort ahnte man in unsicherer Weite etwas Wesenloses, das, wenn einmal ein spärlicher Sonnenstrahl durch eine Lücke der schraftreibenden Wollen schoß, glitzerte und glänzte: das Meer.

Ludwig Droesigl trug einen kleinen Myrtenzweig im Knopfloch. Die Schleppe der Brant lag int Halbkreis um seine schwarze Gestalt. Er stand aufgerichtet da. Sein Auge glänzte. Sein Anzug war ohne Tadel. Er sah stolz und glücklich aus. Sein Blick schoß hinüber zu der Hochzeits­gesellschaft, die im bunten Schmuck der Uniformen und schönen Kleider denn für heute war die Trauer ab­gelegt eben aus der Halle eintrat.

In der Galerie hing zwischen jedem Fenster ein hoher Spiegel, und auf der entgegengesetzten Seite liefen Bilder in Räumen verschiedener Zeiten an den Wänden hin. Es war ein seltsames Gegenspiel: in der Halle das auf und nieder flutende Tageslicht, weil bei den jagenden Wolken matte Beleuchtung mit Plötzlichem Sonnenglanz wechselte, gegen den gelben Schein der Kerzen, der aus dem geöffneten Speisesaal fiel, luo inan hinter der gedeckten Tafel die glatten Gesichter der Dienerschaft sah.

Ludwig Droesigl zog, als die Hochzeitsgesellschaft näher kam, die Hand seiner jungen Frau yn die Lippen. Es waren kaum dreißig Personen. Und sie verloren sich ein wenig in der langen, leeren Galerie, in der nur unter den Bildern hin schmale Sofas des 18. Jahrhunderts auf ihren zierlichen Füßen standen.

Es war fast nur Familie. Die Hohengart und Linden­bach, dazu die Regnier, denn Gräfin Patsch und der junge Offizier ivaren glücklich verlobt. Der Chef des Hauses Hohengart, der Fürst, führte Gräfin Mguier. Mit seinem Bruder hatte er kannr eine Aehnlichkeit. Er war von so hoher, schlanker Gestalt, daß er unter den nicht eben kleinen Leuten doch auffiel, mit dem einzigen Stern auf der linken Brust. Der Geheime Kömmerzienrat Droesigl würde ihn aber noch überragt haben, hätte er sich aufrecht gehalten. Doch |o glitt er, Gräfin Lindenbach am Arm, den Kopf mit dem wüsten, weißen Haarbusch vorgebeugt, im einfachem Mvarzen Frack über daK spiegelnde Parketts als fürchte

er jeden Augenblick auszurutschen. Als man um das junge Paar herunchand, Glück zu wünschen, erzählte er mit dröhnender Stimme, etwa luie er damals int HotelHerein" gerufen, irgend etwas von einem Schacht, der wegen eines Grubenbraudes hätte ersäuft werden müssen. Dabei be­wegte er heftig die Arme, und bei jedemdenken Sie in al" tippte er der Gräfin ans die Schulter, daß sie einen Schritt zurücktrat.

Graf Lindenbach, der Vater des Leutnants, führte eine alte Dame^init weißem, etwas spießbürgerlichem Madonnen­scheitel. Sie trug prachtvollen Schmuck und mußte ein­mal schön gewesen sein. Frau vom Platz Ivar die einzig« Dame Droesiglfcher Seite. Auch Herren waren nicht ver­treten, da es keine nähere Verwandtschaft gab.

Tie beiden Busenfreunde des Herrn Ludwig Droesigl aber, Fürst Fraisheim Fraisheim und Lord Fitzvenor, hatten zu ihrem lebhaftestem Bedauern nicht erscheinen können. Ter Engländer, weil er eine Jacht, die in Spanien stand, begutachten mußte, der Oesterreicher, da er in Ungarn not­wendig Pferde zu kaufen hatte.

Mer Frau vom Platz aus Köln am Rhein ersetzte die beiden durch ihr Aussehen und Benehmen einer Dame von

~ Sie sind müde, sagte sie und zog den Grafen Lindenbach: zu einem der Sofas an der Längsseite der Galerie. Sein Sohn kam mit der jungen Gräfin Mguier von der Mittelgruppe der Glückwünschenden herüber und wollte besorgt wissen, ob es seinem Vater etwa nicht gut ginge. Doch der meinte nur:

Die gnädige Frau ist: so liebenswürdig, mich zum Ausruhen zu nöligen. Ich nehme es an.

Frau vom Platz fragte Gräfin Mguier:

Sind die Regnier Refugies oder Emigranten?

Die Gräfin, schmal und schlank, beinahe ebenso groß wie ihr Herr, erzählte etwas von ihrer Familie, und Frau vom Platz, die mit einer französischen Marquise de Mguier einmal verkehrt, erwähnte dies flüchtig, daß man sah, wie ihr die Bekanntschaft mit solchen Leuten nichts besonderes war. Dann fragte sie den Kürassier-Lentnant, wo er in Garnison stünde. Sie hatte einen früheren Kommandeur seines Regiments gekannt, von dem sie sagte:Er war einer meiner Tänzer". Das a.les geschah mit ruhiger Selbst­verständlichkeit, nicht um Unterhaltung zu machen, sondern durchaus ungezwungen.

lFvrtsctzimg folgt.)

Mein erster Theater-Sommer.

Skizze von Wvlfgang Leßler.

(Nachdruck verboten.)

Da die Zahl der. besseren Sommer-Theater eine sehr geringe ist, sehen sich nach Schluß der Winter-Saison gar manch- Mitglieder guter Provinz-Bühnen genötigt, zu privatisieren, oder ~ Wem# sie dies nicht können Mr Schmiere zu gehen. Zu ihrem Glück nur für kurze Zeit, denn wer hier layge bleibt,,.fommt.nie wieder» heraus. Man braucht nicht die traurige Lage der Schntieren-DirÄ- loren und -Schauspieler zu cerfeinten,, wenn man über sie lackst. Das teilte Renommieren dieser Leute.tote ihre Erfindungsgabe, die ihnen aus jeder Verlegenheit Hilst, fordern die Satire geradezu heraus. Ta ist ein Direktor, der es vom Theater-Arbeiter zum Schmiereuhäuptling gebracht Hai und der sich nun seiner Ver­gangenheit schämt. An seiner Seite steht ein alter Regisseur mit jugendlich-braunem Toupet, das aber die grauen Haare nicht ver­decken kann. Er hat unsere großen Schauspieler in ihren A'w- stingerjahren gekannt und stellt nun die kühne Behauptung auf, alle berühmten Darsteller Berlins und Wiens seien seine natür­lich undankbaren Schüler. Unter den jüngeren Mitgliedern stillt ein zukünftiger erster Held auf, der sich bei jeder Gelegenheit! brüstet, 3 Semester Jura studiert zu haben. In wenigen Wochen wlt er zum Militär und es will ihm nicht gelingen, seine Erregung darüber zu verbergen, daßJuristen!" auf 3 Jahre der Kavallerie zuerteilt werden.

Wie wird so ein Schmieren-Engagement abgeschlossen? Auf ein Darsteller-Gesuch in einem Fachblatte sendet man seine Be­werbung ein. Eine Postkarte mit Angabe der bisherigen Engage­ments und des Faches genügt vollständig; Bild und Repertoire! werden nicht verlangt. Eintreffen sofort, 14 tägige Kündigung. __Mein erstes Sommer-Engagement war W ein Ort von 8000 Einwohnern in der Nähe Berlins. Ich traf pünktlich ein und stellte mich meinem neuen Direktor vor.Ta. ist er," brummte dieser zu ieinem Regisseur das war die ganze Begrüßung. Nach emer Weite lud mich der 'Direktor zu einigen Schnäpsen ein! und schließlich würde ich sogar einiger Worte gewürdigt, d. hl Wern neuer Chef begann auf mMm Minter-Direktor kräftig M