Ausgabe 
8.1.1910
 
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Samstag den 8. Januar

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WM

Sommerseele.

Von Helene Böhlau.

(Nachdruck verboten.)

--rorn'ctzung.I

Uerle war diesen Sommer ganz außer dem Häuschen, wie sie in Weimar sagen. Was er vom Verfasser des jungen Werther erlangen konnte, das brachte er angeschleppt und war in einer wahren Aufregung.Werthers Leiden" behielt den Platz auf seinem Herzen.

_ Ulrikchen erkundigte sich ost, ob das eine unheilbare Geschwulst unter seiner Brusttasche wäre.Wenn man nur dem armen Uerle eine recht unglückliche Liebe verschaffen könnte," neckte sie ihn im Beisein der andern,damit er sich abkragelil könnte. Wär' das ein Hochgenuß!"

Jungfer Ulrikchen," sagte Uerle einmal bekümmert, ich bin ein ganz armseliger Mensch; zu meiner Schande muß ich gestehen, mir fiele wahrscheinlich in des jungen Werthers Fall irgendeine vernünftige, friedliche Lösung ein. Ach, ich bin ein nichtsnutziger Kerl!"

Jetzt weiß ich mir aber keinen Rat^ Uerle, ist er denn ganz närrisch geworden?" sagte bei jo* einer Gelegenheit die gute Frau Pfarrerin bekümmert.Hab' ich doch mein' Tag solch sündliche Torheit nicht gehört! Wo hat er denn sein Christentum, Uerle? Mein Gott, der ganze Herr Goc he reicht unserm Uerle das Wasser nicht, was Treue und Brav­heit und friedliche Lebensführung ist und macht ihn uns noch ganz närrisch!

Ich wollte, er hätte das Geschreibe unserm Uerle über­lassen, da wäre eine friedliche und moralische Sache dabei herausgekommen!"

Hochzuverehrende Frau Pfarrerin," antwortete ganz verwirrt und erregt Uerle,das hätte ich nicht gedacht,"daß so eine vernünftige, kluge Iran solch eine Blasphemie zu sagen imstande wäre."

Was wäre?" fragte die Pfarrerin. Uerle verdeutschte es ihr.

Da sei Gott vor!" rief die Pfarrerin,und was hat das mit euch jungen, törichten Leuten zu tun?"

Mit uns? Mit uns?" schrie Uerle.Ja, will uns denn die Frau Pfarrerin vielleicht in einen Topf tun?"

Ei was," sagte die Pfarrerin,ich halt' mich an die Menschen, und da gehört ihr doch wohl zueinander. Ein bissel klüger oder weniger klug, das spricht nicht mit."

Herr Gott int Himmel! Herr Gott im Himmel! Go eine Frau! Uns zueinander!" Uerle war ganz außer sich.

Ach was, Genie," sagte die Frau Pfarrerin,ein guter Mensch soll einer sein."

Hier handelt sich's aber nicht darum, sondern um eine Liebesgeschichte, um ein herrliches Kunstwerk, Frau Psarrerm!"

$a, ja," sagte die gute Frau,solch ein herrliches

Kunstwerk hat jeder durchgemacht, und alle werden's durch-- machen, aber da sei Gott vor, daß sie's auch alle beschreiben und wenn sie's noch'so schön täten! Ich kann nun einmal die Dichtersleut nicht so unmäßig bewundern. Und lieber ist mir allemal einer, der sein Heiligstes ins Herz verschließt, wie Sie, Herr Uerle."

Liebwerte Frau Pfarrerin, das lassen Sie nur sein, mich hier zu nennen. Nicht wert bin ich, ihm die Füße zu küssen."

Pfui!" rief die Frau Pfarrerin,und das sagt ein Mannsbild, weil einer eine Liebesgeschichte artig vorzu­tragen weiß. Ei, sind Sie denn ganz des Kuckucks! Ist denn so ein Mannsbild als Mensch ein rein Garnichts, und nur, was so einem eingetrichtert ist, oder seine Kunstfertigkeit gilt etwas. Da lob ich mir die Frauenzimmer, die müssen als Menschen etwas gelten, wenn sie gelten wollen. Die hat ausgeshielt, die als Mensch nichts gilt. Mannsbilder sind doch ein ganz unnatürliches Volk!"

* I

Die Frau Pfarrerin mar mit ihrem guten Freund Uerle gar nicht mehr so recht zufrieden und gar, als er an einem trüben Novembertag, ohne anzuklopfen, abends ins Zim­mer gestürzt kam und gar nicht zu Worte kommen konnte, weil er ganz außer Atem war.

Nu, aber was?" fragte seine alte Gönnerin etwas ungeduldig.

Ach, verzeihen Sie, sie haben unten in Weimar den Goethe"

Was?"

Ja das haben sie! Sie haben ihn lassen holen. Unser junger Herzog ist genau so vernarrt in ihn wie . . Uerle sprach respektvoll nicht aus.

Ach, das lassen Sie sich doch nicht weismachen, der ist ja bürgerlich! Wo werden die! Die sehen ihn sich einmal an, warum nicht? Langweilen tun sie sich ja so; dann lassen sie ihn aber laufen."

Nee, nee! Damit wird's nichts!" rief Uerle sehr erregt, Unser kleiner Herzog soll nicht mehr ohne ihn leben können."

Ohne einen Bürgerlichen? Sei'n Sie nich komisch das sagen Sie wem anders!" rief die Pfarrerin ge­ärgert.

So vernagelt, wie Sie glauben, Frau Pfarrerin, ist unser junger Herzog nun noch nicht. Goethe ist eben doch unten und bleibt auch, und damit basta, und Feiste gibt's auf Feste. Sie sollen alle ganz toll sein. Na, geklatscht wird jetzt schon, daß es eine Art hat. Gesehen habe ich ihn noch nicht, aber ..."

Der Uerle wird jetzt irgendwo Posto fassen und lauern, und ivir werden das Nachsehen mit dem Uerle haben," meinte Ulrikchen.

Beileibe nicht," antwortete eraber Sie werden sehen, Sie werden sehen