Ausgabe 
4.5.1910
 
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Dabei verwirrte iich ilmr doch^ die wvUgesetzte Rede, die Brille beschlug ifymi, daß er sie abnehmen mußte, und die sonst so kühlen, klugen Augen sahen mich so unpraktisch- hilflos an, daß mich das rührte.

Geantwortet habe ich ihm nicht. Ich hab gestottert wie ein Schulmädel, das seine Lektion nicht weiß. Ich wollte Mich besinnen. . .

Und nun?

Georg, ich besinne mich seit Stunden und Stunden! Eins weiß ich genau: daß ich den Doktor nicht liebe.

Mer Liebe? Was ist denn das überhaupt? Mein Vater hat meine atme, junge Mutter auch einmalgeliebt".

Und wenn der Doktor mit weniger zufrieden ist, so ist das ja seine Sache. Ich schätze ihn sehr hoch, er ist mir sympathisch. Er wird ein guter Ehemann sein, weil er ein guter Sohu war.

Und mein Leben wird einen Zweck haben! Ich werde doch wenigstens einen Menschen glücklich machen! Ich bin dieser haltlosen, ziellosen Existenz müde, Georg, müde bis zum Ueberdruß!

Agnes Dörrmann, geborene Weddigen. Wie klingt das?

Ach den Namen abstreifen können, an dem für mich so viele Qual hängt! Mit denk Vergangenen auch äußer­lich brechen, ein neuer Mensch sein! Vielleicht ein haus­backener Mltagsmensch aber doch ein anderer!

Viele Stimmen in mir sagen: ja. Aber cs ist, als ob eine ganz in der Tiefe immer sagte: nein, nein, nein! Ich horche. Welches ist die rechte?

Was soll ich tun? Sagen Sie es mir, Georg. Sie kennen mich. Ich will blind beit Weg gehen, den Sie Mir zeigen! Ihre Agnes.,

München, 11. März 1901.

Geor g, liebe r Fr ernt d!

Ist es denn wahr? Sie und Tilla kommen nach München? Und so bald schon, in kaum zwei Wochen?

Aus Tillas Zeilen kann ich nicht recht klug werden. Damals hat sie den Plan doch selbst zuerst gemacht, und jetzt tut sie, als ob sie eigentlich widerwillig käme. Aber vielleicht ist's auch nur augenblickliche Verstimmung. Es soll ihr hier schon gefallen!

Mein Seppl, der mit seinen Heiligen so gut steht, soll Sankt Peter bitten, daß er nut Sonnenschein herunter­schickt, wenn Sie kommen, und nicht Schlackerschnee wie jetzt! München soll fein schönstes Kleid anziehen, blauer Himmel Wer der Ludwigsstraße vom Siegestor zur Feldherrnhalle, daß Marmorbecken und Brunnen-aus ihren h. l.erneu Häus­chen kriechen und die vielen weißen Tauben in Hellen Flügen vor der Dheatinerkirche kreisen!

Ueber meiner Freude hatte ich anfangs vergessen, Ihren Brief zu Ende zu lesen.

Aber Freund, lieber Freund, verdien ich das, meint ich Sie nur um> Rat frage?

Diesen Zorn? Ichwerfe mich weg"?

Sie hätten nie für möglich gehalten, daß ich so alle Ver­nunft und alle Ehrlichkeit gegen mich selbst über den Häufen werfen könnte? Sie verstehen mich einfach nicht?

Ein Mastersturz siedeheißer Empörung über poor little me!

Aber seien Sie ruhig, Georg. Sie haben doch recht. Ich weiß es jetzt.

Vorhin hat Rest einen Brief auf des Doktors Zimmer getragen. Was darin steht? Es täte mir von Herzen leid, aber ich wäre außer stände, seine Wünsche zu erfüllen ' Sind Sie nun. zufrieden?

Den Dag Ihrer Ankunft erfahre ich wohl noch? Ich werde die Stunden zählen!

Aus Wiedersehen! Daß ich das schreiben tarnt! Auf Wiedersehen! Ihre Agnes W.

Au s A g n e s W e d d i g e u s grünen Hefte n.

Heute abend kommen sie. Dcärz.

Ich bin vorhin noch einmal in das HotelBier Jahres­zeiten" in der M-aximilianstraße gegangen, um mir das Zimmer anzusehen. Ein großer eleganter Raum mit dieser kalten Unpersönlichkeit der Wirtshausstnbeu. Ich habe ein paar Zeilen geschrieben und auf den Tisch gelegt als Emp- fangsgruß. Sie kommen so spät am Abend, daß ich sie nicht wehr sehen kann. Und dann habe ich rote und weiße Ane- innnten gekauft und in Gläser und Schalen auf den Tisch und vor Sie Fenster gestellt. Es soll festlich aussehen bis

in alle Ecken herein! hier sagen!

'Willkommen ! Grüß Gott, wie sie 28. März,

Nun sind Bergs schon drei Tage hier.

Ich war am ersten Dag früh auf, wartete, überlegte, ob ich ins Hotel gehen sollte; da itiurbc mir Besuch ge­meldet, eine Dame.

Mein?"

Rest nickte.Ja. Und arg schön ist sie!"

Es war gut, daß ich einen Augenblick Zeit hatte, die Enttäuschung hetunterzuschlucken. Wirklich Dilta allein, elegant wie immer mit weichem, dunklem Pelz und Seiden- geraschel. Meine Stube war gleich voll von dem Veilchen- duft, echt Pariser, der wie eine unsichtbare Wolke mit ihr geht. Sie war lebhafter, als sonst ihre Art ist.

Mein Mann läßt sich dir empsehleit, er konnte sich noch nicht entschließen, auszustehen. Er meinte auch, wenn zwei Freundintten sich wiedersähen, wäre ein Dritter doch überflüssig, vor allem ein Herr. Wir treffen ihn nachher bei Tisch im Hotel!"

Sie setzte einen breiten Bro-nzerahmen aus den Tischj Da habe ich dir unfern Jungen mitgebracht, Aga!" Ich hob's auf und schrie fast. Das sollte Baby sein?

Sie haben ihn geschoren. Statt des Strahlenkranzes" von Hellen 'Härchen um die Stirn ein rundes, glattes Köpf­chen, korrekt wie ein Rekrut. Ich hätte weinen könnens Er wird jetzt so verständig, da sollte er auch etwas erwachsener aussehen. Du glaubst nicht, was für Freude mein Mann jetzt an ihm hat. Er existiert für nichts als den Jungen."

Ich sah traurig den süßen, kleinen Kahlkops an.

Ob er mich wohl noch kennen würde?"

Schwerlich. Er ist ein Alkerweltscoutmacher, und nachher heißt's: aus den Augen, aus dem Sinti. Das liegt in der Familie, die Bergs sind alle so. Augenblicklich ist die Scheuerfrau seine intimste Freundin."

Mso damit fing's an. Seitdem sind wir drei Tage unterwegs und in Jagd. Ich habe noch keine Stunde Ruhe gehabt.

Bisweilen möchte ich stehen bleiben und mich fragen: war das denn wert, daß du dich so darauf freutest?

Wer ich kann nicht stehen bleiben, wir müssen ins Theater, in den Kunstsalon, in den Ratskeller irgend- wohin, wo fremde Gesichter und Lärm und Unbehaglich­keit sind. '

Tilla hat Lotte Gelsa aufgefordert, sich uns anzu­schließen. Wir sind eine laute, lustige, elegante- Gesell­schaft. Die Männer sehen uns nach, wenn wir in die Mr des Cafes kommen, voran Tilla mit ihrer Herzoginmiene.

Und Georg?

Ich hatte tausend Dinge ihm zu sagen, zu fragen, zu erzählen? Was waren denn die Briefe gewesen? Ein totes Surrogat für warmes, lebendiges Leben! Das sollte nun wieder'kommeu! Solche Stunden, wie wir sie diesen Wititer hatten, sollten wiederkommen!

Es ist alles ganz anders, als ich dachte.

Ich habe Georg noch keinen Augenblick recht gesprochen. Wir sind zusammen, ja. Wir sehen uns, wir reden mit- eittaitber, banale Alltäglichkeiten, liebenswürdige Ober­fläche, Scherze, bei denen icfy mir die Dräuen verbeißen muß, Ich kann in dieser Stimmung Tillas Freundschafts­tyrannei kaum ertragen. Ich bin zerstreut, gebe ihr un­geduldige Antworten, überhöre ihre Fragen. Aber sie« nimmt meinen Arm, wenn wir ausgehen, und plaudert in bester Laune darauf los. Georg geht mit Lotte Gelsa voran, ich höre die Stimmen der beiden. . .

Ob er so darunter leidet wie ich? Nein. Das ist das Bitterste. Er scheint es gar nicht zu merken.

Ich sehe ihn bisweilen an und frage mich, ob- er noch der gleiche ist; mein Freund, der Mensch, zu dem ich vor allen andern Vertrauen hatte?

Dieser elegante Mann, der für mich nichts hat als die korrekteste Höflichkeit, ist mir ein Fremder!

Manchmal, wenn wir irgend etwas verabredet haben', bleibt er einfach unter einem Vorwand zurück. Gestern habe ich ihn den halben Tag nicht crbiktt.

Und ich sehe diese -Tatze, auf die ich mich gefreut hatte wie ein Kind auf Weihnachten, mir unter den Fingern zerfließen. Und keiner, keiner bringt mir, wonach ich hungere! (Fortsetzung folgt)