Ausgabe 
2.11.1910
 
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zu machen.

(Schluß folgt.)

Henri Dunant.

Tie Todesnachricht, die aus der Schweiz der Draht zu uns herüberbringt, erweckt die Erinnerung an einen der größten WoW- täter der Menschheit, der sich mit der ganzen Wärme fernes Herzens und dem Eifer eines Neuerers einer Humanitären Sach« angenommen hatte, und dann bis in ein hohes Alter hinein das Glück hatte, in stiller Abgeschiedenheit lebend, die von ihm aus-, gestreute Saat reifen und reiche Früchte tragen zu sehen.

Henri Dunant war um 8. Mai 1828 zu Genf geboren als Sohn eines Schweizers und einer Französin. Von Jugend an zeigte er ein feines Verständiiis für die Nöte der Armen und Mitgefühl für die Unterdrückten. Als Schriftsteller erweckte er schon 1857 großes Aufsehen mit seinen Schriften über die Systeme der Sklaverei bei den Mohainmedanern und in den Vereinigten Staaten. Zwei Jahre später machte ihn dann ein Zufall zu dem Zeugen eines welt­geschichtlichen Ereignisses, in das er rn semer Weise, als Philan­throp, tätig eingriff uiid das für ihn die Gelegenheit abgab, een weltgeschichtliches Werk zu schaffen. Er war auf eurer Vergnü­gungsreise in Italien, als die Schlacht von Solferino geschlagen wurde. Er wurde Zeuge der Schlacht, und die unsagbaren Leiden der Verwundeten machten auf ihn einen tiefen Eindruck.

Hilfe von Frauen aus der Umgebung organisierte er einen

Ick, aber er hatte doch bisher keinen Aon zu ihr gesagt! Wie konnte sie denn wissen, daß !er überhaupt ernstliche An­sichten hatte?

Damals, beim Waldfest vor zwei, drei Jahren, nach der Kußszene, waren sie gerade nach Hause gefahren, als er mit der festen Absicht, sie sich zu sichern, auf den Festplatz zurück­gekehrt war. Er hatte sich schwer geärgert. Wer seitdenl hatte sich der Gedanke, daß er einmal Trude Eberhardt heiraten würde, so festgesetzt in ihm, daß er es für ganz natürlich hielt, daß sie auf ihn wartete. Er hatte die Hochschule absolviert, war noch ein halbes Jahr auf ein brandenburgisches Mustergut gegangen und war dann auf die heimatliche Scholle zurückgekehrt. Vor kurzem hatte sein Vater ihm das ganze Gut in aller Form über­tragen, gegen bestimmte Sicherungen, und nun hatte er gedacht, mit Trude zu reden. Da kam der unglückselige Forstassessor da­zwischen, für den der alte Eberhardt gleichfalls etwas übrig hatte.

Wie es mit Trudes Herz stand, mochten die Götter wissen. Aber heut' muß sich alles entscheiden. Er hatte einen Plan er­dacht, der hoffentlich nicht fehlschlug.

Heimlich lächelnd hatte er seinen Schlitten bisher dicht hinter den andern gehalten. Nun lag die Stadt zurück, weiß dehntest in dichten Schneemassen sich Felder und Wege, jetzt knallten! die Peitschen kräftiger, und die Pferde setzten sich in scharfen Trab.

So mochte ein Viertelstündchen vergangen sein, als Frie­drich Wilhelm plötzlich die Zügel anzog. (Jin Nu standen die Gäule.

Es ist nichts," sagte er,mir kommt's nur vor, als oh eine Decke schleift."

Damit sprang er ab und machte sich am Schlitten zu turn Wir bleiben aber mächtig zurück," mahnte der alte Eber­hardt. m

Tut nichts. Holen wir dreimal ein. Da, Brauner, em Stück Zucker! Hier hast du auch eins!"

Er klopfte liebkosend die schlanken Hälse. Dann sah er einen Moment scharf über die Felder.

Sind Sie auch gut zugedeckt? Ja? Also vorwärts.

Er schwang sich auf seinen Sitz, faßte die Zügel, eirt Zungenschnalzen, und in prächtigem Trab griffen die beiden Tiere aus. Bei diesem Tempo mußten die übrigen bald wieder erreicht sein. . _ ,

Plötzlich machte der Schlitten eine Schwenkung, daß Trude Eberhardt und ihr Vater beinah' seitwärts hinausgeflogen wären. .O Gott!" hatte das junge Mädchen erschrocken gerufen, wäh­rend der Alte einen halben Fluch knurrte.

Aber ehe sie noch sich gerade gesetzt, hatte Friedrich Wil- helm kurz gepfiffen, und wie der Wind jagten die Gäule dahin..

Nicht mehr die große Fahrstraße, auf der die andern Schlit­ten mit Musik dahinfuhren nein, quer durch die Felder ging s nach rechts herüber, auf einem Wege, den die Ernstewagen im Sommer benutzen mochten, den jetzt zu erkennen fast unmöglich ^Mensch, Gruber!" rief der alte Eberhardtwas machen Sie denn? Geradeaus geht es!"

Ich fahr' schon richtig!"

Zum Teufel fahren Sie uns! Wohin führt denn dieser verd Weg?" . ,

Zum Ziel!" rief Friedrich Wilhelm von vorn und ließ die Peitsche tanzen.Los, Brauner vorwärts, was ihr könnt!"

Hui, pfiff der Wind an den Ohren vorbei! Als wären fie vom Teufel besessen, mit gegen den Wind geneigten Köpfen, stürmten die beiden Braunen vorwärts.

Sind Sie denn verrückt?" schrie der dicke Herr verzweifelt, während seine Tochter bleich neben ihm saß und sich krampf­haft festhielt.

Man mußte bei diesem Jagen schreien, um sich verständlich

Erfolgte der Aufbruch, und in die gewöhnlich nicht mehr talt? sicheren Klänge der Musik tönte das Lachen und Singen der fröhlichen Schlitteninsassen und das Klingen und Läuten^ der Schellen weit hinaus durch die weiße, einsame Winternacht.,

So sollte es auch heute werden, und wohl vermummt in Decken, Pelze, Kopftücher, zum Teil auch mit Fußsäcken be­schwert, standen die Teilnehmer vor dem ersten Hotel, das als Versammlungsort gleichfalls seit langen Jahren galt. Man war ziemlich vollzählig, wenige nur fehlten noch. Eben, als die, letz­ten sichtbar wurden und die Kutscher ihre Leinen fester griffen, fuhr von der Hauptstraße her ein prächtiger Schlitten auf den Markt. Den beiden schönen, kräftigen Gäulen, die ihn zogen, flockte der Schaum vom Gebiß, sie warfen die schlanken Köpfe stolz in die Höhe und schienen an dem Klang der gegeneinander abgetönten Glocken und Glöckchen selbst ihre Freude zu haben. Wo das blanke Geschirr ihren Rücken überband, trugen sie stolz die weißen und roten Federbüsche, die allen übrigen Gäulen fehl­ten, und der Schlitten selbst war so hübsch mit schweren teppich- artigen Decken ausgelegt, daß man warm und behaglich drinnen fitzen mußte wie in der eigenen Stube.

Ergebenster Diener!" sagte der Besitzer des Schlittens, der selbst kutschierte, und sprang ab.

Es war Friedrich Wilhelm Gruber. Voll Neid und Bewun­derung sah man, während er die einzelnen begrüßte, das stolze Gespann an. Und die jungen Damen lächelten süßer , als je, denn in diesem Schlitten als Herrin zu fahren, mußte ein wun­derbares Gefühl fein. Im Herzensgründe hatte jede auch die Hoffnung, daß sie vielleicht, wenn nicht sür immer, so.doch für heute in diese Decken sich eisthüllen, von diesen stolzen Pferhest gezogen werden würde.

Endlich war alles zum Einsteigen bereit. Friedrich Wil­helm Gruber hatte glücklich alle Hände, die sich ihm entgegen­gestreckt, geschüttelt und war dann zum 'alten Eberhardt getreten, dessen rundes, wohlgepflegtes Gesicht ihm freundlich zulächelte.

Hören Sie, Gruber," sagte er,in den Schlitten da setz' ich mich auf keinen Fall." Dabei wies, er auf einen der halten­den.Den klapprigen Gäulen bläst ja .der Wind durch alle Knochen. Vater, erbarme dich! Und wenn ich mit meiner Toch­ter drin sitze, kriegen die Lazarettmähren den Karren doch nicht von der Stelle."

oTtbcTe Inerte.

Kriechen Sie nicht 'rein. Ich möcht's auch nicht raten. Aber wenn Sie sonst wollen: Bei meinen Gäulen können Sie ganz unbesorgt sein."

Glaub' ich selber. Hm, was meinst du, Trude? Wenn der Herr Gruber schon so freundlich ist der Schlitten ist ja fürstlich. Alle Whtung!"

Also abgemacht. Und es ist Zeit zum Einsteigen. Die meisten der Herrschaften sitzen schon. Wie ist Ihnen übrigens der Silvesterball bekommen, Fräulein Eberhardt?"

Er hals ihr beim Einsteigen.Gut was? War auch wirftich sidel. Lauter bekannte Gesichter. Ich freu' mich, daß ich wieder daheim bin. Nun sitz' ich ja für's Leben fest."

Was bei dem Gute kein Kunststück ist," brummte der alte Eberhardt.Wo steckt denn Ihr Vater heut'?"

In Berlin. Wir wollen im Sommer zwei neue Maschinen aufstellen. Sitzen Sie auch warm, gnädiges Fräulein?"

Danke schön," nickte sie. Sie war nachdenklich und schweig­sam, ganz gegen ihre sonstige Art.

Friedrich Wilhelm Gruber merkte es wohl. Die höchste Zeit, dächte er, und auf seiner Stirn erschien flüchtig litte Fakte. Hof­fentlich war's noch nicht zu spät.

Schweigsam setzte er sich nach vorn und ergriff die Zügel. Die Musik begann zu spielen. In einer langen Reihe setzten sich die Schlitten unter dem Jubel der Straßenjungen und der Teilnahme der ganzen Stadt in Bewegung. Als letzter erst schloß sich der schöWe an.

Ich hab' den Rücken gern frei," antwortete Friedrich Wil­helm auf eine Frage. Dann blieb er wieder still.

Wo steckt denn der Assessor?" riet einer der Herren aus dem Gefährt vor ihnen.

Fehlt. Wahrscheinlich dienstlich verhindert. Jammerschade!' erwiderte ein anderer.

'Friedrich Wilhelm hatte die Falte wieder aus der Stirn.

Der Assessor der Forstässesfor aus der Oberförsterei! Er haßte den Menschen. Seinetwegen hatte er zwei Nächte nicht geschlafen. Denn hier und dort hatte er davon munkeln hören, daß aus ihm und Trude Eberhardt demnächst ein Paar würde. Er hatte es' nicht glauben wollen. Aber der Hotelwirt, bei dem er abstieg, wenn er in der Stadt war, hatte vielsagend gelächelt;

Warten Sie den Schlittenkorso ab, dabei gibt's immer eine Verlobung."

Er war bleich geworden. Es war ihm, als hätte durch das bloße Aufkommenlassen dieses Gerüchtes Trude Eberhardt bereits eine Untreue an ihm begangen.

Es war allerdings lächerlich, wenn er genauer überlegte. Sie war ein gesundes, praktisches, tüchtiges Mädel. Versauern wollte fie nicht. Wenn sich eine passende Partie bot, warum sollte sie nicht einschlagen? Sollte sie auf einen Prinzen warten? Oder ans ihn?