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Ihres Vaters Tochter.
Roman von Lulu von Strauß und Torney.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
15. August.
Ich habe einen Plan, der mich ganz glücklich macht. Vaters Jugendbild und die Tagebücher haben ihn mir gegeben.
Wenn dieser ganze Reichtum da in fernem Schreibtisch mir gehört, so ist es doch das erffle Erfordernis, daß ich ihn kenne, ganz genau kenne, bis in jedes flüchtige Wort und in jedes Blättchen hinein. Es tvird eine ernsthafte, liebe Arbeit fein.
Aber ich will System hineinbringen. Ich will versuchen, seiner Entwicklung nachzugehen. Ich will damit anfangen, diese Tagebücher zu sichten, in denen die Schrift noch etwas so Unfertiges, Kühnes hat, das mich anzreht-
Ich kannte dich ja, bis in jeden Gedanken hinein, Vater : aber ich kannte nur Professor Doktor Weddigen, den berühmten Mann mit denr weißen Kopf, der seine Jugend vergessen hatte. Ich will auch den jungen Studenten kennen, der mit der bunten Mütze ans schwarzem Haar durch Heidelberg lief und alles andere tat als medizinisches Kolleg hören. Ich will den werdenden Menschen kennen, nicht nur den gewordenen.
Und von meiner Mntter will ich wissen. Er hat mir kaum je von ihr erzählt. Wenn ich nach ihr fragte, wehrte er ab, es wären ihm zu schwere Erinnerungen. Ich habe nichts von ihr als diese feine, blasse Sicherstiftzeichnung von Vaters Freund Bernardi, dem Maler. Ein junges, Gesichtchen mit scheuen, großen Augen, präraffaelitisch'fast in der Zartheit von Ausdruck und Haltung. Ein noch unfertiges Gesicht, in das das Leben noch nichts hineinschrieb. Es hat auch wohl später nicht viel hineingeschrieben. Sie starb ja so früh, fast noch ein Kind, trotzdem sie Mutter war.
16. August.
Deine Kinderzeit kenne ich, Vater. Sie war keine durchschnittLch glückliche, weil du auch kein Durchschnittskind warst. Solche frühreife, feine Seelchen haben es schlecht zwischen den andern gesunden Normalrangen, werden gehänselt und mißverstanden.
Was deine Kinderzeit trotzdem schön gemacht hat, das waren die Bäume, die Gräser, die Wolken und Felder, !mit denen du lebtest. Dein Weddigenhof, das du mit einer fast schmerzhaften Liebe geliebt hast!
17. August.
Ich habe alle Schalen und Gläser voll Blumen gestellt, wie du es gern hattest. Scharlachrote Nelken, violette Astern und weiße Anemonen. Eilt weißes Kleid habe ich mir angezogen; ich weiß, das schwarze Trauerkleid würde dich bedrücken, dein empfindliches Gefühl peinlich, berühren.
Und so will ich deine Jugend suchen. Es ist mir, als ob ich in einen Tempel gehen sollte.
18. August.
Der Anfang war eigentlich eine Enttäuschung. Ich fand mich erst langsam zurecht in den Briefbündeln und Tagebuchblättern, trotzdem meist deutlich die Jahreszahl darauf stand. Ich ordnete sie in einzelnen Paketen.
Aber gerade eigene Aufzeichnungen sind weniH da. ES. sind viele einzelne Bruchstücke und jahrelange Lücken da- zwischen. Ich suche Ordnung hineinzubringen.
20. August.
Nach und nach bekomme ich einen Ueberblick. Es ist wunderlich — alles, was mit seinem literarischen Schaffen, seiner Kunst zufämmenhängt, ist vollzählig da. Bündel von Schriften und Notizen mit genauer Bezeichnung. Nie veröffentlichte Jugendarbeiten, spätere Entwürfe, Fachkorrespondenzen.
Aber was ich suche, das Persönliche, den Menschen in seiner Entwicklung, finde ich kaum. Wenigstens nur eben genug, um Fragen anzuregen, zu kombinieren, Schlüsse zu ziehen. , \
Es macht mich traurig. Es wär mir, als ob er gerade in seiner Jugend uns Jungen von heute — mir besonders nahestehen müßte. Als könnte ich ihm dadurch noch näher kommen, trotzdem er nicht mehr bei mir ist.
21. August.
Ich saß hellte früh am Schreibtisch, der lvärme Sommer- tag kam durch alle Fenster herein, aber so leise, daß man ihn nicht hörte. Plötzlich draußen laute Stimmen — Marie aufgeregt und ängstlich, eine fremde Männerstimme, dann eine andere, die mir bekannt schien.
„Ach was, ich darf sie schon sehen, Sie brauchen mich nicht zu melden. Wir sind nur für ein paar Stunden hier —"
Tilla! Gleich darauf tvar sie schon in der Tür, Marias Widerstand schien überwunden, ich sah die gute Seele nur noch einen Moment im Hintergrund mit erhobenen Händen, Ivie in eurer Pantomime der Verzweiflung.
„Verzeih, Aga, daß ich nicht in Schwarz, komme. Aber wir sind mrr auf der Durchreise, Georgs Urlaub ist morgen zu Ende, und mir wollten doch nicht gern vorbeifahren,, ohne dich zu sehen."
Wie eine Wolke von Leben und großer Welt war es. plötzlich in meine Abgeschlossenheit hereingeflutet, ich tvar einen Angenblick ganz betäubt, tote ich Tilla ansah. Elegant und junohaft wie immer in ihrem Hellen Reisekleid, das! über Seide raschelte. Ich war wohl zuerst steif und sogar etwas ungewandt. Sie wandte sich um.
„Aga, darf ich dir meinen Mann vorstellen? Ich dachte, ich dürste ihn wohl gleich mitbringen."
Mir fiel an dem larrgen Menschen eigentlich nrchts auf als die blendend weiße, Wäsche und die weiße Stirn, die


