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das gedacht? Man Lachte eher, daß Mamsell an der Reihe war."
„Ich lebe länger als ihr alle zusammen!" krächzte die Alte.
Dann aber verließen sie di-e Kräfte; Jan mußte sie äuf den Arm nehmen und zurück ins Bett tragen.
Still, finster und bleich lag sie jetzt da und rührte sich nicht, gab auf keine Frage Antwort; Jaks Tod gab auch ihr den Todesstoß.
Lehmbecksche führte den Schürzenzipfel an die Augen. „Ach Gott, Nahwersche," klagte sie, „mir ist ganz gering zumute. Ich glaube wahrhaftig, die Altsche hat mir was angetan. Wie sie mich anfuhr, und wie sie mich dabei anglupte! Nein, ich mach es nicht mehr lange, Nasche, das sollt ihr sehen, — ich" — sie unterbrach sich, ihr Mick fiel aus Tine. „Deern, wie siehst du aus! Komm man raus, das ist nichts für dich."
Die Frauen schleppten das totenblasse Mädchen nach der Küche.
„Leg dich ins Bett, mein Deern," sagte Heistersche. „Nicht wahr. Nasche, wir bleiben hier, bis Jan den Doktor geholt hat und alles in der Reihe ist."
„Ja, das ist doch Christenpflicht."
„Wir kochen das Essen, Nasche; denn essen muß der Mensch."
Jan hatte sich fertig gemacht; er ging zum Arzt. Der Tote lag allein in seiner Kammer. Im Wohnzimmer rang Mamsells zähe. Natur mit dem Tode.
In der Küche allein lvar Leben. „Nein, ich gehe nicht ins Bett," sagte Tine, „und essen kann ich auch nichts." Ihr klapperten die Zähne int Munde; sie sah zum Erbarmen aus.
„Ja, essen muß der Mensch," sagte Lehmbecksche ge- fchäftigt, „die Altsche muß doch auch ein Süppchen haben. Ich will man laufen und Pflaumen und Gräupchen holen; ein bißchen kräftige Suppe ist das Beste für 'nen kranken Menschen."
„Unb ich habe Zitrone und Kaneel," stimmte Heister- schei bei. „Hast du denn nicht ein paar Groschen Geld, Deern?"
„In der Wohnstube in der Schatulle sind die Milchgroschen," sagte Tine mit tonloser Stimme, „in der kleinen Kümme. Aber ich gehe nicht hinein."
„Ich hole sie," sagte Heistersche heroisch. „Die Alte kann mir den Kopf nicht abreißen."
Sie ging hinein und holte das Geld. „Ich wollte man bloß ein Paar Groschen zur Plumensuppe holen," sagte sie, und als vom Bette her keine Antwort kam, nahm sie das Geld heraus.
„So, nun wollen wir aber machen, daß wir fortkommen," sagte Lehmbecksche. Die Weiber brannten darauf, die Neuigkeit unter die Leute zu bringen, und wollten doch gar zu gern ein bißchen Bauersfrau auf Spätinghof spielen. Miteinander zogen sie fort.
Tine war allein. Allein mit dem toten Geliebten; denn die halbtote Frau, die vorn stöhnend in ihrem Bette lag, existierte für sie nicht mehr Die würde sich nicht mehr von ihrem Lager erheben.
Tine schlich zu bent Geliebten. Es konnte ja nicht wahr sein, daß er tot war, er, der gestern noch so voll Leben und Leidenschaft war. Sie umfing den toten Körper mit ihren warmen Armen. Sie rief ihn zärtlich beim Namen, und wieder überkam sie das Entsetzen, als sie die starre Todeskälte fühlte. Zu dem Entsetzen kam die Verzweiflung.
Sie war allein mit ihrem Weh. Wer hinderte sie, es sich von der Seele zu schreien, sich tot zu schreien und in ihrem Schmerze zu vergehen?
Und sie schrie, so laut sie schreien konnte. Sie schrie wohl eine Viertelstunde lang, wie eine Frau in Angst und Wehen nur schreien kann, wie ein Tier unter dem Messer des Schlächters. Sie schrie, bis ihr die Stimme versagte, bis sie nicht mehr konnte. Sie ivarf sich auf den Boden und riß sich in die Haare. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten. So tobte sie. Und als sie dann ausgerast hatte und ihre Kraft gebrochen war, da schlich sie zurück in die Wiche und hockte sich hinter den Herd auf den Torfkasten, auf derselben Stelle, auf welcher am Tage vorher Schaue Aönkfen mit den Karten auf dem Schoße gesessen hatte. Hier saß sie nochm als Lehmbeckche und Heistersche miteinander zurückkehrten.
„Wir haben auch gleich ein halb Pfund Zucker mit- gebracht," erklärten die Weiber. „Wir wußten nicht, oh noch welcher da war."
„Der Zucker ist auch in der Schatulle," sagte Tine.
„Ihr habt wohl nicht viel Zucker gebraucht?" fragte Lehmbecksche.
„Nein."
„Was habt ihr denn immer gegessen?"
„Speck und Kartoffeln."
„Weiter nichts?"
„Ja, Bohnen und Grbsen und Rüben und Kohl." Tine sprach leise mit tonloser Stimme.
Lehmbecksche und Heistersche sahen sich verständnis-- innig an.
„Plummsupp, ja Plummsupp!"
Ern geschäftiges Kochen begann. Hin und her liefen die Weiber. Sie kochten einen Topf voll Suppe, der für zehn Personen gereicht hätte. Sie kosteten einmal über das andere und taten immer noch etwas daran.
„Noch ein bißchen Kaneel, Nasche."
„Und ein bißchen Kardamom kann auch nicht schaden."-
„Ein bißchen Zitrone, das gibt Geschmack."
„Ja, und ein bißchen Essig."
„Ein bißchen süßer könnt' sie noch sein/
„Ja, ein bißchen Zucker."
„Der Zucker ist alle."
„In der Wohnstube in der Schatulle ist noch welcher," sagte Tine; „ich gehe aber nicht hinein."
„Ich gehe," sagte Heistersche mutig. „Ich werde mit Trienlieschen ganz gut fertig; ich bin nicht bang."
„In der weißen Tüte," sagte Tine hinterher.
Heistersche trat in die Wohnstube und ging an die Schatulle. „Ich hol' man bloß ein bißchen Zucker; wir kochen Mamsell 'ne schöne Pflaumensuppe," sagte sie, nach dem Bette gewandt. Ms keine Antwort kam, nahm sie zwei Tüten, die sie für die richtigen hielt, heraus nnö kam in die Küche.
„Da sind gleich zwei."
„In der einen ist Rattenpulver," sagte Tine.
Heistersche warf beide Tüten entsetzt von sich. „Was? Rattenpulver und Zucker zusammen in ein Schub? Na, das sieht Mamsell gleich. Wenn sich da einer vergreift, dann ist er nachher mausetot."
(Fortsetzung folgt.)
Ollivier über die Vorgeschichte des deutsch-französischen Krieges.
. In der Revue des Deux-Mvndes veröffentlicht der frühere französische Ministerpräsident Emile Ollivier, derMann „mit dem leichten Herzen", bent ein großer Teil der Schuld am Ausbruch Ides Krieges zugeschrieben wurde, eine ausfüMiche Schilderung über die Ereignisse Und Verhandlungen, die der Kriegserklärung von 1870 vvrangingen. Er berichtet zunächst von der Erregung des Kaisers und der Minister, als die Kandidatur des Prinzen von Hohenzollern Mr den spanischen Throit betürmt wurde, spricht von den diplomatischen Anfragen, die nach Madrid und nach Berlin gerichtet wurden, und erzählt von den unausführbaren Vorschlägen der schließlichen Ratlosigkeit der französischen Staatsmänner. In' dieser allgemeinen Bestürzung habe eri sich, fährt Ollivier dann fort, einiger Worte von THiörs aus dem' Jahre 1866 erinnert. Zunächst seiner Aeußevüng: „Wenn man eine gerechte Sache will, so kann man freimütig sein" und, „Was gäbe es z. B. Gerechteres, als zu Preußen zu sagen: Jhv bedroht das Gleichgewicht von Europa, Ihr bedroht die Ruhe bett ganzer Welt; esbekannt, daß Ihr allein das seid, und «ich. Oesterreich. Nun 'wohl, wir werden es nicht dulden!" Kürzlich in einer Unterredung vom Juni 1870 war er auf diesen Gedanken zurückgckom- men: „Man konnte dies Uebel (Sadowa) Europa ersparen, und! ein Wort würde nicht genügt haben." Mit dieser Auffassung! trat Ollivier vor den großen Ministerrat am Morgen des 6. Juli, in dem diese schwierigen Fragen verl-andelt werden sollten. „Unsere erste Frage wat Ist unser.. Armee bereit?" so lautet Olliviers Schilderung. „Di militärischen Angelegenheiten lagen ganz in den Händen des Kaisers; er hatte sie Mr sich in Anspruch genommen, und wir hatten ihm dies kaiserliche Privileg, sie zu regeln und zu kontrollieren, nicht bestritten, mit Ausnahme des rein politischen Teils, der mit der Festsetzung bferl Heeresstarke zusammenhängt. Leboeuf (der Kriegsminister) hat sich getäuscht, wenn e: von den dem Ministerra: vorgelegten Berichten sprach; der Ministerrat hat sic nicht von ihm verlangt und er hat sie ihm nicht unterbreitet. Seine Mitteilungen sind nur dem Kaiser! gemacht worden, Nur mit ihm hat er sie debattiert, und in einet- dieser Bemerkungen hat er gesagt: „Wir sind stärker als Preußen int Frieden und im Kriege." Ter Ministevrat hat ihn ganz einfach gefragt: „Marschall, Si« haben uns versprochen, daß Sie, wenn Krieg MMe, bereit sein werden; sind Sie es?" iäb


