Ausgabe 
22.4.1909
 
Einzelbild herunterladen

251

über werden wir erst Ausschluß erhalten, wenn die geologischen Schichten der verschiedenen Erdteile genügend erforscht worden sind. Indessen befinden wir uns bereits auf bemi besten Wege, dieser Frage näher zu treten.

Bis vor noch wenigen Jahren ging die Ansicht der wissen­schaftlichen Anthropologie dahin, daß die ältesten Spuren des Menschengeschlechtes bis in die Zwischeneiszeit (nach neueren Un­tersuchungen von Hahne und Wüst, genauer gesagt, in die Wald­phase der Rißwurm-Periodei hinausreichen. Es waren dies die Funde von Taubach und Ehringsdorf bei Weimar. Indessen ließen sich schon seit langem Stimmen vernehmen, die dem Men­schen ein noch höheres Älter zuschrieben. Da trat Rutot mit der Behauptung ans, daß bereits in den miozänen (tertiären) Schichten an zahlreichen Stellen unseres Kontinents Feuersteine gefunden worden seien, die deutliche Spuren einer Abnutzung von feiten eines bewußt mit ihnen umgehenden Wesens erkennen lassen. Es waren dies die Eolithen, und augenblicklich dürften Ivohl die meisten Urgeschichtsforscher diesen Standpunkt teilen, zumal wenn sic, wie Verfasser, Gelegenheit fanden, unter Rutots meister­hafter Führung nnd Erklärung im naturhistorischen Museum in Brüssel die verschiedenen Formen der Eolithen und ihre Hand­habung zu studieren und aus den Lagerungsstättcn Belgiens sie direkt tut Ort und Stelle zu entnehmen. Nun ist allerdings mit der Anerkennung dieser Steine als primitiver Werkzeuge noch nicht gesagt, daß sic direkt von Menschen herrühren müssen: sie können auch tion Wesen stammen, die im Begriffe standen, Menschen zu werden, also von affenähnlichen Geschöpfen. Denn, wie Frie- derici kürzlich aus Reiseberichten wahrscheinlich gemacht hat, be- sitzen unsere heutigen Anthropoiden schon so viel Ueberlegung, daß sie auf ihre Feinde mit Steinen werfen, solche zum Aufschlagen von Nüssen aus einer ebensolchen Unterlage benutzen usw. Wir werden solange mit unserer Entscheidung, ob die Eolithiker fertige Menschen waren oder noch nicht, zurückhalten müssen, bis lvir die sterblichen Ueberreste dieser Wesen aufgefunden haben. Der Anfang hierzu ist erfreulicherweise schott gemacht.

Im Oktober 1907 glückte es Dr. Schötcnsack, einem bekannten Urgeschichtsforscher, der schon lange nach Resten des Urmenschen fahndete, in den Sanden von Mauer (10 Km. von Heidelberg), denen ein tertiäres Atter zugeschriebcn wird, in einer Tiefe von 24,60 Meter unter dem heutigen Niveau einen Unterkiefer auf- zufinden, der wegen seiner massigen Entwicklung zunächst den Eindruck macht, als ob er nur einem größeren Affen angehören könne. Bei der genaueren Untersuchung hat sich aber heraus­gestellt, daß dieses bisher eiuzig dastehende Fossil einem ntenschcn- ähnlichen Wesen zugesprochcn werden muß; hierfür spricht vor altem die Anzahl der Zahne, die völlig der des Menschen gleicht. Selbstverständlich hat der Maner-Unterkiefer Homo Hcidcl- bergensis hat Schötcnsack ihn getauft das lebhafteteste Juteresse aller Anthropologen wachgerufen, das beinahe so groß ist, als das, welches taan dem Pithecanthropus entgegenbrachte, jenen Schädel- restcn aus Java, die man wohl jetzt allgemein eittcnt größeren ausgestorbenen Gibbon zuschreibt und für die direkte Abstammung des Menschen nicht mehr in Betracht koinuicn läßt. Die auf­fälligste Erscheinung an dem Mauer-Unterkiefer ist seine mächtige Knochenentwicklung, zu der die relativ kleinen Zähne, die aber int Verhältnis zu denen des modernen Europäers immer noch groß genug erscheinen, einen auffälligen Gegensatz bilden. Es spricht dieser Umstand offenbar dafür, daß die Vorfahren mehr Zähne besessen haben. Diese Massigkeit des Unterkiefers äußert sich einmal in der bedeutenden Dicke seines Körpers, sodann in der beträcht­lichen Breite seiner Fortsätze. Weitere merkwürdige Eigenschaften des Heidelberger Fossils sind u. a. das Fehlen eines Kinns und die Ausbuchtung des unteren Randes des Symphysenteiles. Die meisten seiner charakteristischen Erscheinungen sind dein modernen Europäerschädel fremd; sie lassen sich höchstens tut den Unter­kiefern der für niedrigst geltenden Rassen, wie der Australier und gewisser Neger, noch gelegentlich beobachten. Auf der andern Seite weisen sie auch wieder Annäherung an die bisher ältesten vorgeschichtlichen Unterkiefer der sogenannten Ncandertalgruppe (Unterkiefer von La Naulette, Krapina, Ochos, Spy I) auf; icdoch kamt eS keiner derselben hinsichtlich der Eigenart mit jenem auf- nehmen. Es darf daher keinem Zweifel unterliegen, daß tun es bei dem Mauer-Unterkiefer, der ja auch einer geologisch viel älteren Zeit als die angeführten diluvialen Unterkiefer angehört, mit einem Vorfahren dieser Diluvialmenschen zu tun haben. Ein Vergleich desalten Heidelbergers" mit den Unterkiefern unserer Anthropoiden, ivie Schöten;ack ihn angestellt hat, läßt auch Be- ztehungcn zu diesen deutlich erkennen, so daß der Schluß voll berechtigt erscheint, in dem Mauer-Unterkiefer haben wir den Ueberrest eines gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Men­schenaffen oder tvenigstens eines diesen sehr nahestehenden Wesens z>t erblicken. Auf jeden Fall ist durch diesett Fund ein weiterer Schritt rückwärts in der Gestaltung des Menschenskelettes-getan.

Weiteren Ausschluß über die körperliche Enlwickeli.ng des Men­schenskelettes bringen itttS zwei Funde, die int Sommer ver­gangenen Jahres in Frankreich gemacht worden sind, der zu Le Moustier in der Dordogne und der zu La Cchapelle-aux-Saints im Departement Corrsze. Tas Skelett von M o u st i e r, dessen Entdeckung lvir dem schweizerischen Prähistoriker O. Hauser ver­danken, gehörte einem noch recht jungen, anscheinend erst 16jährigen männlichen Individuum an. Aus bett beiliegenden Feuerstein­

werkzengen zu schließen, stammt es ans altdiluvialen Schichten (Epoche von St. Acheul), ist also bebeutend jünger als ber Mauer- Unterkiefer. Soweit die Knochenreste erhalten sind, unterliegt es keinem Zweifel, daß dasselbe dem Formenkreis der Neandertal- gruppe angerciht werden muß. Besonders trifft dieses für beit Schübel zu, ber bie typischen Eigenschaften des Neandertalers, oder, wie man jetzt sagt, des Homo primigenius, aufweist: mächtig entwickelte Ueberaugettbrauen-Wülste, fliehende Stirn, runde Augcn- höhlen, eigenartige Bildung des Hinterhauptes, massige Entwick- lung des Unterkiefers, Fehlen des Kinuvorsprunges, große Zähne usw. In einzelnen Punkten ist der Moustier-Schädel noch primi­tiver als der von Spy. Auch der Schädel von La C ha pell e- aux-Saints ist eilt typischer Neandertalschädel; er gehört einem greisenhaften Individuum an. Leider liegt sein geologisches Alter nicht so deutlich zutage, denn der Fund wurde nicht fachgemäß gehoben. Es kann indessen mit Sicherheit behanptet werden, daß er der Diluvial- oder Eiszeit angehört, und zwar, tote Professors Boule aus den das Skelett begleitenden Feuersteittgcräten und Tierknochen (Renntier) vermutet, dem mittleren Diluvium. Ter Correze-Schädel ist somit noch jünger als der von Le Moustier.

!Tie Beweise für das Vorhandensein einer einheitlichen Rasse zur Zeit des Diluviums, die sich deutlich von den heutigen Euro­päern unterscheidet, haben sich in ber letzten Zeit in erfreulicher Weise vermehrt, wie wir int Vorstehenden gesehen haben; ich betone dies noch besonders, weil vor ganz kurzem wieder, Prof. Kollmann bie Berechtigung, eine solche eigene Rasse aufzustellen, bestritten hat. Für ihn stellt der Neandertalschädpl nur eine, be­sondere Varietät des Modernen Menschen'vor, der in seiner heutigen Form bereits von Anfang an bestanden haben soll. Nach dem gegenwärtigen Standpunkte unseres Wissens dürfen wir mit vollem Recht für bett europäischen Menschen unseren Kontinent als Ort der Menschwerdung in Anspruch nehmen. Seine Urahnen lassen sich bis zu dem Homo Heidelbergensis zarückverfolgen: dieser aber wieder gibt das Bindeglied zu unseren Vettern, den Menschenaffen, ab, Mit denen wir also gemeinsame Großväter! haben dürften.

Neben Europa dürften wohl noch andere Zentren für bie Menschwerdung bestanden haben: Genaueres wissen wir aller­dings darüber nicht. Klaatsch nimmt Australien als ausschließ­liches Entstehungsgcbiet der Menschheit an. Es ist nicht unmögltch, daß, wenn auch nicht gerade dieses, so doch eine benachbarte Gegend der indischen Inselwelt, die ursprünglich ein größeres Festland bildete, ein zweites Zentrum abgegeben hat, von dem die schwarze Rasse ihren Ausgang nahm, zumal hochorganisierte Affen (Pitheous sivalenfisi dort gehaust haben. Ob wir für bie gelbe Rasse eben­falls ein solches Zentrum annehmen dürfen, entzieht sich unterer Beurteilung. Hingegen ist für Amerika durch Hrdlickas For- schungeit festgestellt worden, daß hier die ältesten Skelettfunde aus relativ jungen geologischen Schichten stammen: es ist daher wahrscheinlich, daß die rote Rasse aus Europa seiner Zeit nach Nordamerika eingewandert ist, und dies wohl schon zur palaeoli- thischen Zeit. Zwar hat Ameghino in tertiären Schichten Süd­amerikas fossile Affen aufgefunden, die Annäherungen an bett Menschlichen Typus in mancher Hinsicht zeigen, und ebenso Leh- mann-Nitsche in dein pliocäuen Pampas-Lehm von Monte Hermosa (Argentinien) einen Wirbel uachgewiescn, ber Uebergänge zwischen menschlichen und tierischen Eigenschaften zeigt, aber doch schon mehr menschlich aussicht und offenbar einem Wesen angehörte, das schon aufrecht ging und einen Schädel mit geringem Gehirn besaß; aber uns fehlen bisher weitere Entwickelungsstufen dieses etwaigen Vorfahren des Menschen, so daß wir annehmen müssen, diese auf dem Wege der Menscheuwerdung begriffenen Wesen (Proanthropus-neogaeus) sind vorzeitig ausgestorben, bevor sie dieses Ziel erreicht hatten.

vermischter.

* Ein kurhessisch er Gedenkt«g. Am 22. April werden es 100 Jahre, seit Oberst v. Dörnberg einen Aufstand hervorrief, der der napoleonischen Herrschaft im Kurhessischen ein Ende bereiten sollte. Wilhelm v. Dörn­berg, Oberst und Kommandeur des westfälischen Gardejäger- Bataillons in Kassel, ein tüchtiger Offizier, der zuerst in preußischen Diensten gestanden und als König Jerome int Dezember 1807 alle Eingeborenen ihres Territoriums, die in auswärtigen Diensten standen, bei Verlust ihrer Güter, zurückrief, nach Kurhessen zurückgekehrt war, wurde von Jerome zum Kommandeur der Gardejäger eruannt. Dörn­berg stand mit der in Preußen die Erhebung gegen Frank­reich vorbereitenden Partei in engster Fühlung und sah die Stellung im westfälischen Heere als besonders günstig an, für die gemeinsame Sache zu wirken, was ihn zum Ein- tritt bewog. Am 22. April 1809 kam es in Kurhessen zur Erhebung. Bauern und alte Soldaten aus Ober- unds Nieder-Hessett bildeten die Verschwörer. Von Homberg aus führte Dörnberg die 3000 Insurgenten sein Bataillon hatte er tticht zum Abfall ztt bewegen vermocht nachdem ihnen auf dem Marktplatz Hombergs Karoline von Baum­bach die selbstgestickte Fahne mit der Inschrift:Sieg oder