Ausgabe 
22.4.1909
 
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Donnerstag den 22. April

1909 Nr. 63

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Spätinghof.

Roman von K. v. b. Eider.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Er trat in den Stall, wo noch alles dunkel war. Die Pferde klirrten mit der Sette, und vorn Schweinekoben her ertönte ein leises Grunzen. Er zündete die Stallampe an und sah umher. Nein, er hatte keine Angst; was konnte ihm passieren?

Das kärgliche Licht erleuchtete den großen Raum nur ivenig. Wie Gespenster blickte es Jak aus allen Winkeln an. Was war das? Ach, es lvar nur eine Forke, die umge- falten war. Regte es sich nicht hinter ihm? Es wareni nur die Hühner, die hinter dem Verschlage rumorten. Aber dort? War das nicht ein Spatz? Was waren das für ein paar braune Kinderaugen? Wo hatte er sie gesehen? Was tuar das für eine Stimme, eine hohe, schrille Kinderstimme, die ihm ins Öhr schrie: Mörder! Mörder!?

Unsinn!" sagte Jak Thomsen.Tine ist ja in der Küche und schrubbt das Milchgeschirr, und sie ist kein Kind mehr, sondern ein vernünftiges Mädchen."

Er ging zu Tine. Sie stand am Herd und kochte für Mamsell die Abendsuppe. Es fiel ihm auf, daß ihre Augen­lider inte vom vielen Weinen gerötet waren. Als er ein­trat, wandte sie sich um und fragte, ob er nicht Abendbrot essen wollte.

Aus dem Küchentisch stand Brot und Speck, daneben lagen Messer und Holzteller. Jak griff mechanisch nach seinem Messer; dann warf er es hin.Ich habe keinen Appetit," sagte er.Und die Alte stör' man auch nicht, die wollte schlafen."

Er ging Ivieber in den Stall, fütterte die Pferde und warf ihnen frische Streu unter. Er trat aus der Stalltür auf den Hof und sah ins Wetter. Er ging ums Haus herum und sah die Trift entlang und ging wieder zurück iit den Stall, setzte sich auf die Futterkiste und. stopfte seine Pfeife. Dann wieder ging er auf der Hinterdiele auf und ab und horchte auf jedes Geräusch im Hause. Aus der Küche drang unterdrücktes Schluchzen, in der Wohnstube aber war es totenstill. Leise trat er näher an die Tür und horchte, er hörte seinen eigenen Atem; er hörte die Stubeuuhr drinnen ticken. Jetzt setzte sie zum Schlage au; es war acht Uhr. Zwei Stunden waren ver­gangen, seitdem er der Tante die Medizin eingerührt hatte. Ob sie ihre Wirkung getan hatte? . . .

Jak öffnete leise die Tür. Sein erster Blick siel auf die Lampe, die noch auf dem Tisch stand und ein wenig blakte; der zweite Blick traf die Tante, die totenbleich mit geschlof­fenen Augen und ein wenig geöffnetem Munde int Bette lag. Ja, so sah eine Tote aus. Und plötzlich schlug er die Tür zu und floh. So kam er in die Küche.

Jak, um Gottes willen, was fehlt dir?" rief Tine. Du siehst ja aus wie der Tod; die Haare stehen dir zu Berge!"

Die Alte sie ist tot!" Mühsam brachte Jak die Worte heraus.

Tot?" sagte Tine leise.Ach Gott!"

Geh du mal rein, Tine," bat er,sieh mal nach."

Sie sah ihn kläglich an.Ich kann nicht. Ach, Jak, ich tarnt keinen Toten sehen. Fühl mal meine Hände, sie sind eiskalt."

Meine auch," sprach er.Komm, Mädchen, wir wollen uns wärmen aneinander." lind er preßte das Mädchen heftig an sich, um durch beit Siunenrausch die fürchterliche innere Unruhe zu dämpfeu. Er bedeckte Hals und Wangen mit glühenden Küssen.

Du, du," sagte er,fei still, du! Was willst du mir sagen? Nein, sprich nicht nicht jetzt - hab utich lieb, du schwarze Deem, aber sieh mich nicht an."

Und sie schwieg, und sie senkte die rotgeweinten Augen­lider, daß die langen Wimpern wie Schatten auf der Wange lagen. Jak Thomsen hielt sie au deu Häudeu und sah sie an und schlang seine Arme um sie.

Eine Tür int Hause ging.Das war der Wind, die Alte ist tot was willst du?"

Hinter ihnen rauschte etwas. In der offenen Küchen­tür stand eine gespenstische Gestalt, in Tücher gehüllt, ein Kissen auf dem Rücken. Große, fürchterliche Augen blickten auf das Paar.

Tine stieß einen Schrei aus.Ihr Geist!" jammerte: sie und fant in die Knie.

Jak fuhr herum. Wie versteinert starrte er die geister­hafte Gestalt an.

Jetzt befant diese Leben.Ihr freit?" krächzte sie. Und ich armes, elendiges Mensch muß verhungern und umkornmen. Ihr ihr freit!" Ihre Stimme brach.

Jak gewann mit einem Male feine Selbstbeherrschung wieder. Also sie war nicht tot; sie lebte. Sie war vielleicht nach langem Warten eiugeschlafen und vorhin aufgewacht, als er die Tür zu sch lug. Da hätte sie die Unruhe heraus- getrieben. Wie tarn es, daß sie noch lebte, hatte sie eine noch zähere Natur als die Ratten?

Jak wurde plötzlich sehr energisch und sehr ärgerlich. Scher dich ins Bett, alte Eule!" rief er.Was schnüffelst du hier herum!"

Wahr dich, mein Jung, wahr dich!" kreischte die Alte. Mühselig schlich sie fort. Tine, die merkte, daß es kein Geist wär, sprang herbei und half ihr.

Bald lag die Alte wieder in ihrem Bett; sie schnappte nach Luft und hustete und krächzte dazwischen.Wo ist Jan? Morgen komme die Kühe rein." Zwischen jedem Worte schnappte sie nach Lust.Morgen kommt mir die Deern aus dem Hanse. - Morgen morgen."

Sie fuhr fort zu sprechen, abgerissen, wie jemand, der in Fieberphantasien liegt. Der alte graue Kater, der sich