Ausgabe 
15.11.1909
 
Einzelbild herunterladen

715

übersiedelt worden, tu welchen Ländern man sie auch unter dein Namen der spanischen Gitarre kennt. Von Frankreich kant sie dann nach Deutschland.

Mc Liebhaberei für die einfach bezogene, 6 sättige, spanische Gttarre, die einst von Paganini und Berlioz sehr geltedt ivnrde, hat sich seit einigen Fahren sehr verbreitet M, lst, nach der Flut der erscheinenden Kompositionen zu >chueßen> itoüji int Steigen begriffen. Sicherlich hat die Gttarre manche Vorzüge. Ihr geringer körperlicher Umfang und ihre vorzügliche Transportfähigkeit machen sie zu dem veanemsten unter den Instrumenten, die der Harmonie ge- widmet sind und als solche zur Begleitung oder zur Aus- snyruug von Solostückeu gebraucht werden. Mit dein Klavier- Und !vtr zwischen unsere vier Wände gebannt. Die Gitarre dagegen kann uns leicht eine angenehme Begleiterin in Haus und Hof und im Freien sein; oder in Gesellschaft, wenn die Schönheiten der Natur das Herz für Freude und Gesang geöffnet haben. Wer vermöchte diese Gefühle stets vis zur Rückkehr zum Klavier festzuhalten-

.. Der Ton der Gitarre schmiegt sich sehr vorteilhaft au me menschliche Stimme an, ist vor allem sehr mvdulations- sahig. Auch die Stimmung ist sehr glücklich, gewählt und besser als irgend eine andere dazu geeignet, eine vollständige Harmonie mit großer Leichtigkeit hervorzubringen. Durch diese Stimmung (e adgh e) ist man in den Stand ge­setzt, durchaus vier- oder dreistimmig! rein zu spielen; d. h. auch-in Rücksicht auf die Entfernung der Töne, ans denen sich der Akkord zusammensetzt, und auf das Fortschreiten der Akkorde das richtige Verhältnis zu beobachten. Durch diese Stimmung wird es nicht nur möglich, in allen Ton­arten zu spielen, ohne (wie bei der alten Laute) die Kontra- satten vorher umzustimmen, also auch tu alle Tonarten ausznweichen, sondern es gehört selbst zu den Vorzügen des Instrumentes, daß man bei einiger Gewandtheit im Ge­brauch der Applikaturen in allen Tonarten spielen kann.

Das Wiederaufleben der Gitarre muß besonders von Freunden des Volksliedes begrüßt werden, da die Gitarre zu diesen das Begleitinstrument Par excellence ist, das ein Mittel zur VoMlicderpflege ist. Wie schnell wird in jedem Kreise ein Volkslied angestimmt, wenn man in fröhlicher Stimmung ist und sich leicht eine Begleitung findet. Der Kgl. bayerische Kammermusiker H. Scherrer schreibt darüber: Man hat die Zukunft der Volksliederpflege den Mäuner- gesangvereinen übertragen wollen, und wirklich haben sich diese manches Verdienst in dieser Sache erworben. Aber man darf nicht vergessen, daß der größere Teil des Volks­liederschatzes nicht aus geselligen Liedern besteht, sondern aus Gesängen, die ganz persönliche Empfindungen aus­drücken und die tut Munde eines Chores stillos, unwahr, wenn nicht gar lächerlich wirken müssen. Eine Schar von Herren, diewenn ich ein Vöglein wär" anstimmt, ist auf dem allerbesten Wege dazu. Der vierstimmige Satz, wo er nicht gar uni des größeren Effektes willen verkünstelt wird, gibt sozusagen die harmonische Unterlage her, ist also Stellvertreter des Begleitinstrumentes. Welches un- verhältnismäßige Aufgebot von Mitteln aber, wo ein ein­faches Instrument dieselben Dienste leistet und noch den Vorzug hat, daß sich die Singstimme vom Instrument in­folge des verschiedenen Klangcharakters deutlich, abhebt. Der Liedergesang zur Laute (gemeint ist Gitarre mit Lauten­körper d. V.) ist somit die natürliche Form des Bolkslieder- vortrags und für einen großen Teil der Volkslieder vor einem guten Geschmack auch die einzig mögliche." Scherrer versteht unter Laute ein Instrument, das erst neuerdings konstruiert wurde. Richtige Lauten gibt es nicht mehr. Es ist dies ein Instrument mit Lautenkörper, aber Gftarreu- stimmung und mit einigen frei schwebenden Kontrasaiten. Man hat es fälschlich Laute genannt, eigentlich ist es eine Lautengitarre.

In neuerer Zeit haben sich um die Wiederbelebung der Gitarre besonders verdient gemacht: Sven Scholander, Freifrau Elsa Laura von Wvlzogeu und besonders zwei Münchener Künstler, der schon erwähnte H. Scherrer und Robert Kothe, den man ja int Herbst 1908 auch in Meßen hören durfte. München ist die Metropole der Gitarristik geworden. Im Mittelpunkt des 'dortigen Kreises steht H. Scherrer, der sich Verdienste erivorben hat durch Forschungen über alte deutsche Volkslieder von 1300 ab und zahlreiche Lieder mit den Originaltexten und Melodien und ausgezeichneten Gitarrebegleitnugen, foivie eine vor­zügliche Mtarreschnle bei G. Callwey, München, hat er-

fchetnen laften. Es gelang ihm, in Robert Kothe einen erfolgreichen Apostel feiner Sache zu finden, der auch selbst retzende Kompositionen hat. In München hat sich auch dis Ettarrtpiphe Vereintgung vor einigen Jahren gebildet, die

AEMtischein Wege (der Gitarrefreund") danach strebt, Lie Künstlerische Wiedergeburt der Gitarre als Solo- und Beglettinsttument zu betreiben. Em Verlag guter Gitame- mufik ist Hofmeister, Leipzig.

,?c ^5ünde, die unsere Gegner ins Feld führen, sind sämtlich nicht stichhaltig. Oft wird behauptet, die Gitarre set zu lege, oder sie habe einen häßlichen Ton, oder sie vcr- leite zur Oberflächlichkeit und schaler Klimperei.

, . Gitarre ist nicht für den Konzertsaal bestimmt, sou- dern ftir ettteit kleinen Freundeskreis. Es ist ein intimes! ^5i 1)101111.6111. Da sie meistens als Begleitung ge- tptelt wird, muß |te leise fein. Aber auch zum Solospiel reicht sie tut Zimmer längst aus. Außerdem besitzen die Harrtengitarren, die wie Gitarren gespielt werden, beinahe tut -tone die Stärke eines Klaviers! In einem geistlichen Wiegenlied von 1623 heißt es sehr richtig:Das Lauten­spiel muß klmgeu stiß, davon das Kindleiit schlafen mtiß!"

Etnen häßlichen Ton besitzen allerdings die billigeren Gitarren, dann ist es aber auch gewöhnliche Marktware, wie gewisse Violinen in der Preislage von 530 Mk. Vor allem sind Stahlsaiieit zu vermeiden, stets sollte man Darm- oder Keidesaiten aufzichen. Die Jnstrumentenfäbrik von ,schnltz in Nürnberg leistetint Gitarrebau, was Form» Material, Arbeit und Ton anlangt, Mustergültiges.

. Was die Oberflächlichkeit nnlangt, mit der die Gitarre oft behandelt wird, so trifft dieser Tadel nicht das In­strument, sondern den Spieler. Alle Volksinstrumeitte, dis von Leuten ohne Unterricht und Anweisung gespielt werden, werden in gewissem Sinne oberflächlich behandelt, sind aber dabei trotzdem nicht ohne Reiz, der vielleicht gerade in der natürlichen, unmittelbaren Behandlungsart liegt. Wer nur wenig Unterricht genossen und eilte Mtarrefchule durchst gearbeitet hat, kann sich sehr gut allein zum höheren Gitarre« spiel heraufarbeiten. Ich wünsche der Gitarre nur in dem! Sinne eine größere Verbreitung, daß man lernt, sie nach Noten zu spielen, was wirklich nicht schwer ist.

Zum Schlüsse richte ich au alle Freunde des Liedes, insbesondere des Volksliedes, mit dem es heute nicht zum Besten steht, die Bitte, helft die langvergessene Gitarre iutl Volke etwas mehr zu verbreiten, denn durch sie unterstützt und Pflegt ihr das deutsche Volkslied!

Walter Wetzell, Laubach.

pariser heme-LrmnmmM.

Die Pariser Annalen widmen ihre neueste Nummer einer! Ehrung Heinrich Heines und zwardem großen Mannes dem Freund und langjährigen Gaste Frankreichs". Während Emile Faguet den deutschen Dichter mit Frankreichs größtem Lyriker, Alfred de Muffet, vergleicht und eine Reihe in Frankreich noch unbekannter Gedichte in französischer Ueber- setzuug dargeboten werden, erzählt Adolphe Brisson Er- iniierungen ans Heines Pariser Zeit, die ihm ein bekannter' Journalist der 40er Jahre, der Chroniqueur derLetzten Tage der Boheme", Philibert Audebrand, mitgeteilt hat. Um das Jahr 1840 pflegten sich die einflußreichen Kritiker des damaligen Paris in einem Cafe der Porte-Montmartre zu versammeln. Da erschienen Gerard de Nerval, Thsophile Gautier, Eugene Sue und Paul de Samt-Victor.Bisweilen gesellten sich zu diesen zwei auffallende Erscheinungen. Ein großer blonder Bursche mit frischem Teint, jüdischem Profil und Wachshönden: Henri Heine, und eine Art Zwerg, ein hitziger, redseliger, kreischender Mensch, von Paradoxen über- sprudelud: Alexander Weill, der Freund und Tischgenosse Heines. Manchmal begleitete sie auch eine junge Frau von wunderbarer Schönheit. Heine liebte Mathilde und konnte sich nicht von ihr losmachen; Mathilde, die sich unent­behrlich fühlte, hatte böse Launen; und Weill diente zwischen ihnen als Puffer." Der Ruhm Heines, die. spitzige Grazie seiner Unterhaltung und die bizarre Eigenart seines Lebens machten ihn sogleich zum Mittelpunkt der Gesellschaft. Wenn er vor seiner Tasse Milchkaffee und der Schüssel mit rosigen Radieschen saß, aus denen sein frugales Mahl bestand, dann herrschte die Heiterkeit in der Porte-Moiitinartre. Eine Flut von Witzen ergoß sich über den Heilten Weill, der ruhig den Kopf unter die Traufe hielt, und wenn der Zwerg auf irgend ein Epigramm boshaft-schlagend erwiderte, daun sagte Heine:Gut geantwortet, Weill, das Wort mußt Du