Ausgabe 
15.5.1909
 
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Es fehlte nur noch, daß Seite, Mann und Frau, eine gewisse altmodische, seltsam zusammengesetzte städtische Kleidung getragen hatten: er ein Sakko aus grobem, billigen Tuch, Röhrenstiesek, einen zinnoberroten Wollschlips- itTtb eine hohe Mütze aus echtem Astrachan dazu, sie einen breiten, ausschweifenden Rock aus feinem', schwarzem Luster, ein schwarzes, kurzes Jäckchen mit unzähligen linsengroßen Knöpfchen in dem sie schmächtig wie eine Wespe, blas; und höchst geringfügig drinnen steckt, und das Bild- des siebenbnrgisch-sächfischen Bauern, wie er sich zur obligaten Reise nach dem Deutschen Reich zurecht richtet, wäre vollkommen gewesen.

Ich erkannte diesen Typus der Gesichtsbildung u. des Körper­baues gar deutlich wieder, der Dialekt war sächsische Reinkultur und kein Mensch in der Welt besaß außer dem sächsischen Bauern die gleiche unnachahmliche, gewissermaßen begütigende Geste, mit der dieser Mann seinem' kleinen, von der Mille seiner Weisheit gedemiutigt dasitz-enten Weibe die Welt zeigte, als wäre sie sein eigener Bauernhof. Denn der sächsische LanüMann kennt sich aus: er weiß in allen Dingen, woher es kommt und woraus -es hinausgeht. Da ist keine Widerrede. Kommst du aus der Fremde zu ihm nach Siebenbürgen und erzählst, slo wird er dir lange schweigend zuhören und dann, indem er den Kops ungläubig! wiegt, in seiner gedehnten, die Worte lange vorbereitenden Sprache sagen :Es kann ja sein," womit er dir bedeutet, daß er es für gänzlich ausgeschlossen hält. Denn er ist dem Fremden gegen­über mißtrauisch und zurückhaltend-, nicht Hebel und nicht Schrauben entlocken seinem. Phlegma eine unumwundene Meinungsäußerung: Dies vermag nur fein Nationalgetränk,Mischmasch" genannt, eine Komposition aus saurem siebenburgischen Landwein und Sauer­wasser, die, sobald sie einen Augenblick im Glase steht, eine giftige, schwärzlich violette Färbung annimMt. Dieses, geistlose Getränk verändert ihn rasch: er wird erregt, rechthaberisch, der ganze Stolz einer alten, konservativen Rasse bricht hindurch.Wein! Ich zähle!" ruft er, und du mußt dich in diesem Augenblick nicht nur als sein, sondern als feines ganzen besitzstolzen Volkes Gast fühlen, den; es, nachdem es 700 Jahre hierzulande seinen Acker bestellt und Geld und Gut die Menge aufgestapelt hat, Gottlob nicht daraus ankommt, ob einer mehr oder weniger an seinem Tische sitzt., lind du würdest ihn tödlich verletzen und dort, wo du dich dessen nm wenigstens versiehst, seine Rache zu fühlen be­kommen, wenn du seine Freigebigkeit zuruckwiefest.

^n der Art, wie der Mann auf dem Schiffe seine selbstsicheren Erklärungen abgab, lagen über allem Zweifel die hervorstechendsten Merkmale des sächsischen Rationalcharakters auf das Deutlichste ausgeprägt: ablehnendes Eigenbewußtsein und Besserwisserei, aber auch Zähigkeit, Willensklarheit und -Schärfe. Und es war mir wie ein Traum, alsich später, im Hotel, aus dem Fremden-- buche erfuhr, daß dieser Mann, äußerlich und innerlich, bis in reden kleinsten Tonfall seines Dialekts' und in die feinsten Nuancen seines Gehabens hinab das klare Ebenbild eines' sächsischen Bauern, wie ich sie in jahrelangem Verkehr kennen gelernt, aus dem Luxemburgischen stammte, also fast die ganze Breite Europas Von jenem siebenbürgischj-deutschen Winkel entfernt. Zuerst schrieb ich- meine Wahrnehmungen einer Täuschung oder dem Zufall zu. Damt aber fiel Mir ein, daß, ja die Siebenbürgener Sachsen aus just jener Gegend des deutschen Landes eingewandert waren, m der mein Reisebegleiter zu Hause war! Volle 700 Jahre! waren seither verstrichen : die Sachsen, hatten in fremder Wildnis, unter barbarischen Völkern schwere Kplonisteuarbeit getan, hatten sich mit den Eindrücken grauenvoller Kriege und einer anders­artigen finstern Matur mehr als ein halbes Jahrtausend lang vollgewgen, und dennoch ist es, als hätten sie nie ihre Heimat: verlassen, als wären all die grimmigen Unterschiede des Bodens, tes Klimas, der Verhältnisse, der Geschichte spurlos an ihnen vo ruber gegangen, so daß man die Männer aus ihrem Stammland von ihnen, selbst auch heute nicht unterscheiden kann

Welche chewnndernÄv-ürd-ige Kraft der Selbsterhaltung, die sich praktisch als ein bis zum äußersten gehender Konservatismus! äußerte, mußte dieses Volk besessen haben, nnt den Adelsb-rief Kiner Abkunft nicht zu verlieren! Als es, auf den Ruf ungarischer Könige, iiis^ Land kant, wurde ihm zugesichert, daß es den sonst allgemein gültigen Normen des ungarischen Staates nicht unter» |iege: das Land-, das ihm« zu: Kolvnisationszweckeu überwiesen wnrde,^dürfte es als sein selbsteigenes Besitztum betrachten, und eme freie aristokratische Verfassung unterschied cs ausdrücklich von den übrigen Völkern des Reiches. Erst der moderne ungarische e kationalstaat nahm die einst jäte immer zugesicherten Privi- Uln< ^sht zurück, freilich bis jetzt ohne den er» «nuteten nationalen Erfolg. Denn zu. tief hatte sich das Be- ^chtMcmA' Sonderstellung in diesem' Volke eingewurzelt, staatsrechtliche Veränderung auch unmittelbar eilte 3 nl dmch d-ie Jahrhunderte geprägten Charakter vfu ^rvorzurufen vermocht. Betritt man heute

em fachliches Dorf, besonders eines von jenen, die in der Nähe ^r awß^en deutschen Städte liegen, so ist cs, als träte man aus einer Wudms, die ringsum chaotisch mit Wäldern u. Völkern brandet Mif ente ynfet unerschütterlicher Ordnung, innerhalb derer in Men, erprobten Formen das Leben seine klaren, wohl bemessene-n- ttege geht; lmige, grade .Häuserzeilen kreuzen sich in fast- g-eo- metnschen Winkeln, Haus' an Haus reinlich, gleichmäßig in einem Stil, Mit einer seit Jahrhunderten unveränderten! Lintetlimg der Raume und Nebengebäude. Zweifenstrige Fronten,

darüber die Schnittfläche des Höhen Giebels, der an der Vorderseite jäh abgebrochen ist, stehen schmal ter Straße zugewendet, daneben die Eingangstür und das große Tor für die Einfahrt, durch! die uian in den Hof gelangt. Auf dessen einer Seite zieht sich das eigentliche Wohnhaus hin, das aus je einer Stube nach vorn und rückwärts und ter in der Mitte gelegenen, rauchgeschwärzten Wiche besteht. An der anderen Längsseite tes Hofes befindet sich das niedrigere, zumeist' weniger gepflegte Häuschen, in dem die alten Bauern Unterschlupf finden, sobald sie nach Verheiratung des Sohnes sich von der Bewirtschaftung der Mecker zurückziehen und der nachfolgenden Generation den Platze räumen. Hinter dem Hauptgebäude folgt ein offener Schuppen für die Feldgeräte; dahinter liegt der Stall. Rückwärts wird ter Hof durch- die prächtige, durch ein übermäßig hohes- Dach: besonders -g-ekenn--. zeichnete Scheuer abgegven'zt, deren ruhende Größe und Be­häbigkeit in noch größerem Maße als das Wohnhaus bestimmt ist, den Reichtum des Besitzers nach außen zu dokumentieren!. Durch die Scheuer hindurch., unter den beladenen Korn- und Heuböden, gelangt man in den Garten, ter ohne Blumenschmuck int Schatten ter meist regelmäßig gepflanzten Obstbäume nüchr tein, ein reines Nutzobjekt, jahraus, jahrein Früchte ansetzt und, wenn sie reif sind, fallen läßt. <

Seltsam, daß diese Häuser, die einander gleichen wie ein! E'i dem andern, die durch keine poetische Empfindung modifiziert und von niemanden im feineren Sinne des Wortes geliebt und- betreut werten, dennoch, während sie sauber und persönlichkeitslos in der Sonne liegen, die die breite Torfstraße erfüllt, von! einem traumhaften Dunst umwittert scheinen! Das Mer jener festgewordeinM Ordnung, die sie so und nicht anders gefügt, die Enge, in ter sie wie Männer in der Schlachtreihe, Seite an Seite stehen, der Trotz ihrer kurzen Dachkappen erweckt den Gedanken an Wirren und Leiten, die sie einst umtobt; in- ihren schmucklosen Wänden, die kahl int Lichte stehen, ist die Vergangen­heit mit eingemauert und- strahlt heldisch aus ihnen hervor. Der sächsische Bauer hat keinen Sinn für das Atmosphärische einer Erscheinung, er nimmt auch seine Traditionen nicht Pathetisch und übt sie als etwas Alltägliches und Gegebenes, über das man nicht nachdenkt. Anderswo verbinden sich alte Sitten- mit kultischen Empfindungen, hier sind sie Lebensgewohnheite-rt, die keinerlei festliche Erregung Hervorrufen. Am Sonntag- legt man! die Arbeitstracht ab, den kurzen Rock und- die Mütze, die Frauen Schürze und- Kopftuch, und kleidet sich nach, alter Art: die Männer in lange, an altmodische Livreen erinnernde Mäntel, die an der Brust bis unter Hüftentiefe mit länglichen Beschlägen aus' Silberblech und oberhalb ter Hände mit bunten Ausschlägen ge­schmückt sind, die Mädchen Mit kurzen, farbigen Röcken, alte gestickten Schürzen und kleinen Jäckchen ans Tuch oder Samt über teilt blütenweißen Oberhemde mit getriebenen, etelsteinbesetztert Gürteln, auf dem Köpfe eine hohe, oben offene Röhre! ans schwarzem Samt, die innen bunt gestickt oder ansgenäht ist, rückwärts an ten rundgelegten Zöpfen eilte breite Schleife mit reichten, er­erbten Stickereien, die in zwei langen Bändern erst unter tert Hüften enden. Die Frauen dagegen tragen sich ganz in Schwarz, mit gestickten Hauben, die vorne von einer feinen Spitzenkrause uMgeben sind, und haben gleichfalls jene Breite Schleife, nur schmucklos und ans schwarzem Samt.

So sieht man sie in Zügen, das Gesangbuch in der Haute nach der Kirche gehen, die oftmals, noch- aus der Zeit der Türken­kriege her, mit gewaltigen Verschanzungen, Mauern und Basteien umgeben ist, mit verwitterten Wehren, die sich- um das Schiff und den Turm tote ein ergrautes Schlachtheer scharen. Manchmal läutet es vön dort zu ungewohnter Stunde und feierlicher als sonst. Dann bewegt sich, die Dorfbläser in runden Hüten voran, em Hochzeitszng durch die Gassen, die Brautgebockelt", d. h. von -einer alten, weisen Fran, die die Kunst desBockelns" noch! versteht, mit einem farbigen Stirnband- geschmückt, und das- Haar Mit alten, wertvollen Nadeln kunstvoll, in einer ganz besonders durch eine allmählich inVergessenheit geratende Tradition genau festgejetzten Weise besteckt. Oder ein kahler Leichenwagen -hum!- pelt gemächlich -durch die D-orsstraße, davor schreiten mit gelangt-- weilten Gesichtern der Prediger in schwarzem, togaartigen Mantel und Stlb-erbeschlägen und. Pelzbesatz, und- der Schnlrektor, der gleichzeitig K-irchenkantor ist, mit steifem, städtischem Filzhut, aber einem Ansatz, von Ornat, dahinter aber schlürfen einige alte Frauen und Männer, die nicht mehr zur Feldarbeit gehen, und reden leise über den Verstorbenen. Aus! weiter Ferne hört man die miise der jungen Männer, Mädchen und Frauen vom Felde ter» Überschatten.

_ Die Hochzeiten fällen regelmäßig in das Frühjahr und! tert Sommer. Denn die Werdezeit ist ter Winter, wenn die Be- sihästigungslosigkeit Zeit für UeberlegnNgen und! weiter reichende Entschlüsse übrig läßt. Dann sitzen Burschen .und Mädchen j-n! denSpielstuben", meist in Wirtshäusern gemieteten Simmern!, und betreiben -bei Handarbeiten und allerlei Geschichten langsam' ihre Wahl. Datei haben sich, je nach, dem Reichtum, gewisse ge­trennte Kreise herausgebiltet; nur Mädchen und Jünglinge tes gleichen Kreises heiraten sich, und- jeder von ihnen hat seine eigene -spielstube Die Reichsten, die im vornehmsten Gasthause des Ortes zusammenkoinmen, werten von den Burschen nach- ten venchietenen Qualitäten des Weizensschin Kurn" (seines Kor«), d>e minder Reichenmädel Kurn" (mittelfeines! Körn), und die