Ausgabe 
15.5.1909
 
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Du arm' Jung!" antwortete Frauke.

Frauke, was hast du wohl von mir gedacht?"

Sie sah ihn liebevoll und traurig zugleich an.Du weißt ja, wie ich von dir denke."

Ach, Franke, du denkst viel zu gut von mir; wenn ich dir ooch alles sagen könnte!"

Sie schob ihm mit anmutiger, hausfraulicher Gebärde den Rohrlehnstuhl des Vaters hin.Nun setz dich in bett Sorgenstuhl und erzähle."

Sie saßen einander gegenüber. Jan fing an zu erzählen, die Dämmerung wob dichte, graue Schleier um sie, die nur ab und zu ein wenig erhellt wurden, wenn im Öfen einige Funken knisternd aufflogen.

Es erzählte sich gut und leicht in der Dämmerstunde, und Frauke hörte still, ohne ihn zu unterbrechen, zu. End­lich schwieg Jan; er war zu Ende. Nun wartete er auf ein Wort von ihr.

Konntest du denn gar nicht nach ihr fragen und forschen lassen?"

Ich habe nicht daran gedacht," gestand Jan.Wen hätte ich auch fragen sollen?"

Wenn du es in die Zeitung setzen ließest, in die Hu- sumer oder Jtzehoer nein, das nützt nichts in eine Hamburger Zeitung?"

Ich möchte die Sache nicht gern an die große Glocke hängen, und Amerika ist löeit."

Ich hätte ihr diesen Entschluß nicht zugetraut," meinte Franke,er zeugt von Hochherzigkeit."

Jan senfzte.Ja, sie war von Herzen gut; sie wußte es nur nicht von sich zu geben. Sie hatte zu wenig gelernt und war anch zu schüchtern."

Ihr verstandet euch nicht, das wars!"

Die Tür knarrte. Ganz leise tat sie sich auf. Tiede Schoos erschien auf der Schwelle und fragte in leierndem Tone, ob Fräulein noch was zu holen hätte. Als Franke verneinte, schloß sich die Tür wieder.

Frauke war aufgestandeu. Sie zündete die Lampe an und ließ die Rouleaux herunter. Jan stand auch auf; er reckte sich eilt wenig. Ihm war es, als wäre eine Last von ihm genommen; er fühlte sich freier und frischer wie seit langer Zeit.

Ich habe zu Hause viel Aerger," sagte er,die Deerns können sich nicht vertragen."

Nimm eine Haushälterin," riet Frauke,und nur für die groben Arbeiten ein Mädchen. Du brauchst dann nicht so viel aufzupassen und fühlst dich auch nicht so einsam."

Ja, das will ich tun. Du findest doch immer das Richtige," meinte Jan bewundernd.

Ja, wo es sich um andere handelt; da magst du recht haben. Aber ob ich für mich selbst immer das Rich­tige treffe? Ich glaube es kaum."

Doch, Frauke; was du tust, ist immer recht!"

Mit einem kräftigen Händedruck schied Jan.

Von dieser Zeit an fand er sich wieder allwöchentlich einen Abend bei Kantors ein. Er freute sich die ganze Woche hindurch auf diesen Abend. Er hob den Kopf wieder freier, wurde energischer und munterer.

Oester als einmal in der Woche wagte er nicht zu kommen, des Geredes wegen.

*

Zum Frühjahr engagierte Jan eine Haushälterin, eine energische Person mit groben Gesichtszügen und derbem Gang.

Jette Tau so hieß sie war eine tüchtige, sparsame Wirtschafterin. Sie kochte gut, verstand die Milchwirtschaft und paßte überall auf. Abends saß sie bei Jan in der Wohnstube, stopfte Strümpfte oder flickte und las ihrem Brotherrn dabei die Geschichte aus demHusumer Wochen­blatt" vor, wobei sie abwechselnd auf die Zeitung und auf ihre Handarbeit blickte.

Die Geschichte im Wochenblatt erfreute sich immer ihres besonderen Interesses. Sie unterließ es nie, nach dem Lesen alles noch einmal zu besprechen.

Wie ist es bloß möglich," sagte sie,daß so ein feiner Lord und solch feine Lady, die Geld lute Heu haben, nicht glücklich miteinander sind und sich nicht verstehen und nicht auskennen? Ob das wohl alles wahr ist? Ich kann und kann's nicht glauben. Ich denk' mir, die Zeitungsschreiber lügen da immer noch, was zu und schmücken es aus, denn in Wirklichkeit muß doch ein Mann seine eigene Frau kennen."

Das muß er wohl," stimmte Jan bei, uffb er dachte im stillen, wie wenig er eigentlich Tine gekannt hatte, viel weniger noch als der Lord die Lady in der Geschichte.

Ob sie wohl wieder zu ihm zurückkommt?" meinte Jette Dau.

Natürlich ja, sie kommt sicher zurück."

Jan saß ein bißchen schief in halb liegender Stellung auf dem Ledersofa und rauchte. Während die bläulichen Wölkchen aus seiner Pfeife sich in der Luft verteilten, blickte er über Jette Daus gesenkten Kopf hinweg nach der Tür. Es war ihm, als müsse Tine dort Eintreten, den dunklen Kopf von dem duftigen weißen Tuche umrahmt. Er sah nach der Tür, bis feine Angen schmerzten.Natürlich, ja, sie kommt sicher zurück."

Wo sie jetzt wohl war in Amerika? Wie es ihr wohl ging? Ob sie jetzt satt und behagliche in der Ecke eines Sofas saß? Ob sie noch allein war? Ob sie schon? . . .

Der Gedanke an Tine wurde ihm unerträglich. Er sprang auf und ging mit großen Schritten in der Stube auf und ab.

Jette Dau stopfte weiter an ihren Strümpfen und blickte abwechselnd auf ihren Herrn und auf ihre Hand­arbeit. Das Blatt war ansgelesen bis auf die Geburts­anzeigen und Fohlenverkänse, und es gab erst in drei Tagen, eine neue Zeitung.

Eines Nachmittags, als der Bauer sich nach dem Kaffee seine Pfeife stopfte, steckte Jette ihren Kopf etwas hastig zur Türe herein.

Bauer," ries sie,da ist 'ne Frau draußen, die möcht' mit Ihnen reden; in die Stube will sie nicht rein."

Jan Thomsen stand das Herz still.Tine!" dachte er.Sie ist es, bis zu meiner Schwelle ist sie gekommen, weiter will sie nicht, von da muß ich. sie holen." Er lief hinaus, gleich hinter Jette. Er wollte sie holen, er wollte ihr zeigen, daß sie ihm willkommen wäre; mit ausgebrei- teten Armen wollte er auf sie zugehen.

Dort im Dunkel der Diele, an der Haustür stand eine dicht vermummte Frauengestalt. Als Jan aber aufgeregt, in fliegender Hast auf sie zukam, sah er, daß es Tine nicht war. Die Frauengestait, die hier gebückt und in Tüchern gehüllt, vpr ihm stand, war alt und rundlich; es war Schaue Söuksen.

Erst nach und nach besann sich Jan, wer sie war.

Komm herein," sagte er nicht unfreundlich. Die Auf­regung zitterte noch in ihm nach.

Es geht nicht, meine Stiefel sind zu schmutzig," sagte Schane.

Da nahm Jan sie am Arm und schob sie mit sanftes Gewalt in die Stube.So, nun setz dich! Jette bringt dir 'ne Tasse Kaffee und ein Stück Stuten."

(Fortsetzung folgt.)

Bilder aus Siebenbürgen.

Bon Lev Greiner.

Bauern und Bauernleben bei dien sieben- 6ürgischen Sachsen.

Auf einem! Bodenseedampfer beobachtete ich eines Tages eilt reisendes Ehepaar, dessen Gehaben mir seltsam bekannt vvrkantt er, Ende der dreißiger Jahre, groß, vierschrötig, das semmel­blonde Haar an den Schläfen leicht angegraut, das Gesicht von! mächtigem Umfang und ganz glatt, nur Über der Lippe ein spärlicher Bartanslug von fast weißer Farbe, der aus betn voll­blütigen Rot der Wangen sonderbar zärtlich herausstach; sie, bedeutend jünger, daS nahezu kreisrunde Antlitz ungemein weiß und fein, aber übersäet von Sommersprossen, die weit auseinauder- stehenden grau-braunen Augen von glatten, runden Braueii über­wölbt, die ihren Zügen etwas Ausdruckloses und Leeres ^ver­liehen, zumal das rötliche dünne Haar, das in größerer Fülle den wunderbarsten Kopfschmuck abgegeben hätte, sich ängstlich ut schmächtigen Strähnchen an die Kopfform schmiegte und hinten in einem possierlichen Knötchen endete. Der Mann deduzierte ihr die Namen der Uferorte, indem, er jedesmal vorher in einem billigen Reiseführer nachlas und seine Erklärungen dann Mit einem belehrenden Selbstbewußtsein abgab, als habe er all die Länder ringsum selbst entdeckt und schöpfe aus dem Schatze eunS schier unergründlichen Wissens. Bei dieser Gelegenheit hörte \<a ihn sprechen: es war ein langsames, breit gezogenes 'Deutsch, jeder Satz wie ein endloser Strick, her sich behäbig von alte» schwerfälligen Winde abrollt, mit gedehnten Vokalen, ba den L-Lauten stockend, die dick, mit hohlem Munde angesetzt wuOen und dann überlegend, ölig zwischen den Zähnen herausguttem Hei, dachte ich, ein siebenbürgisch-sächfischer Bauer auf Reycu.