Ausgabe 
15.4.1909
 
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Hinsicht unseren späteren ArbeitsjaHven gleichen? Denn Tag fite Tag müssen wir schon in der Schule ju bestimmter Zeit da sein, bestimmte Pensa erledigen, zu bestimmter Zeit wieder fortgehen rind andere über unsere Zeit verfügen lassen.

Zireifellos sind cs in erster Linie die Ferien, in welchen das Kind, der Jüngling die Bürde der Mbeit von sich abschütteln und ganz seiner Erholung leben kann, nachdem! er vorher redlich seine Pflichten erfüllt hat. Für die akademischen Berufe folgen die Studienjahre mit ihren ungleich längeren Ferien, deren uit» angenehme Unterbrechung ein Spaßvogel-das Semester nut seinen Vorlesungen genannt Hat. Für die im! Dienste des Staates, der Provinzial-, Kommunal- und großer Privatbetriebe stehenden Beamten bilden Ferien resp. Urlaub einen integrierenden Bestand­teil der Entlohnung, ihr Gehalt geht während dieser! Zeit, auf welche sie Anspruch Haben!, weiter.

Wenn wir die Privatbeamten sonstiger Betriebe zu den oben angeführten 4 Beamtenkategorien in Vergleich stellen, so finden wir leider noch sehr viele Unterschiede zn ihren Ungunsten.

Selbst den günstigsten Fall angenommen, daß die Bezahlung eine bessere ist, als die der anderen Beamtenklasscn, so ist die Stellung der Mehrzahl unter den Privatbeamten doch eine viel weniger sichere. Es fehlt meist die Fürsorge für die Zukunft!, die Jahre verminderter Schaffenskraft, sei es durch Alter oder frühzeitig eintretende Invalidität. Dafür haben wir ja nun den Deutschen Privatbeamten-Verein in Magdeburg, welcher uns alles bietet, was wir brauchen', um uns und die Familie fite trübe Zeiten zu versichern, eine unabweisbare Pflicht jedes sorgenden Vaters.

Noch aber stehen wir, Und das ist ein zweiter ebenso wichtiger Punkt, vor der Unmöglichkeit, diesen frühzeitigen Eintritt der Abnutzung mit einiger Sicherheit abzuwenden. Tenn was die glücklicheren Kollegen bereits haben, das fehlt dem- Gros detj Privatbeamten, ich meine den regelmäßigen Urlaub.

Wer tagtäglich viele Stunden ruhig am Pult steht, neigt zu Erkrankungen, weil nur durch regelmäßige Bewegung- ein geordneter Swffwechsel mit Ausscheidung schädlicher - Giftstoffe (ErMüdungstoxine) aus den Muskeln und dem Blut möglich ist. Wer regelmäßig im Laden oder sonstigen geschlossenen Räumen zu tun Hat, entbehrt selbst bei ausreichender Bewegung der Möglichkeit, durch Tiefatmen seine Lungen mit staubfreier reiner Luft zu füllen, sein Zwerchfell auf die Unterleibsorgane pumpend und massierend einwirken zu lassen, und damit Blutkreislauf und Stoffwechsel zu fördern. Wer sitzt, MM sich die Brust mit Herz und Lungen, die Magengrube mit Magen, Leber, Milz, Dickdarm, Bauchspeicheldrüse Tag für Tag und erntet als Folge deren Er- krankungen und Blutstockungen in den unteren KörperlregivneiH (Lungenkrankheiten, Verstopfung, Hämorrhoiden, Blutaderbruch, Krampfadern). Tie lange Mbeitszeit, Zuglust in Ladengeschäften, Unbilden der Witterung auf den Wegen zur Arbeitsstelle mit der Unmöglichkeit, die nassen Hüllen zn wechseln, fortgesetztes an- gestrengtes. Sprechen tun das Weitere. Neben diesen teilt körper­lichen Schädigungen sind noch die nervösen infolge der ersteren oder angestrengter geistiger! Arbeit oder gar beider ungemein verbreitet. Nervosität, Neurasthenie und wie die schönen Namen alle heißen, sind ja direkt als Attribut unseres Zeitalters bp- zeichnet worden. Besonders auch die Schreibmaschine verschafft denen, tvelche sich ständig Mit ihr abgeben müssen, Störungen des Nervensystems.

Run ließe sich ja wohl den! körperlichen Schädigungen durch Spazierengehen oder Gartenarbeit oder sportliche Betätigung in der freien Zeit wirksam begegnen. Wer! die Mehrzahl der Beamten ist oazu nicht regelmäßig in der Lage. Da fordert die Familie ihre Rechte und bereitet vielfach neue Sorgen zum unvermeidlichen geschäftlichen Merger; auch schlechtes Wetter, Nebcnämtchen, ge­sellige Verpflichtungen berauben uns dieser Nröglichkeiten. Gerade der Nervenschwache Hat auch vielfach nicht die Spannkraft dazu, er ist leicht ermüdet, griesgrämig und schlaff. Und so geht eben tue -Tretmühle des täglichen Lebens immer weiter.

. Uebcr die SterblichkeitsverhjAtnisse der! Privatbeamten scheint eine brauchbare Statistik nicht zu existieren, ich konnte darüber Nichts auffinden.

, Dagegen Snmte ich feststellen (Dr. Thwd. Wehl, Handbuch der Wrbeiterkrankheiten 1908),_ daß die Gesimdiheitsverhaltnisse im Daudelsgewerbe schlechter sind, als in anderen Gewerben. Tas Hauptkvntiiigent fite Erkrankungen männlichev Angestellter bilden: '£ iAWMHEgE, 2 Ber-aumrgsvrgane, 3. Nervensystem; bei weiblichen: 1. Erkrankungen der Ernährung, 2. der MmNnas- vrgane, o. der Berdauuugsorgane, 4. des Nervensystems.

zugrunde liegenden Klassen werden definiert

als: Kontoristen, Buchhalter, Reisende, Verkäufer, Kassierer, Lageristen bezm Verkäuferinnen, Buchhalterinnen, Maschiuen- -chreiberinnen, Stenographinnen. Das Material rührt von bet Ortskrankenkasse der Kaufleute zu Berlin her.

....Bezügl. der Neurasthenie ist folgendes erwähnenÄvevt: Auf­fällig selten ist Neurasthenie bei Offizieren, auffällig häufig bei Lchrern und Beamten. (Real-Eneyklvpädie d. Ges. Heilkunde 1898 Bd. 17 S. 27 sp).

Tie intellektuelle UeberarbeituNg spielt eine enorme Rdlle, namentlich bei der männlichen Neurasthenie. Wenn sie sich mit Hast und Verkürzung des Schlafs verbindet, ivird sie besonders gefährlich. Sorge und Aerge» sind gleichfalls von wesentlicher Bedeutung. Körperlich« lleberarbeitung spielt Meist nur eine unter­geordnete Rolle.

Dies ist die Art der modernen Zivilisation, von welchen der amerikanische Arzt Beard in seinen Arbeiten über die Ursachen! der Neurasthenie sagt, daß sie bereit hervorragendstes ver- anlassendes Moment sei.

Sicher ist, daß nur die Sorge fite eine möglichst lange Er­haltung der vollen Arbeitskraft des Vaters Zufriedenheit und Glück in der Familie verbürgt und daß daher« ein regelmäßigen Urlaub auch für die Privatbeamten angestrebt werden muß, wäh­rend dessen diese daun .eine möglichst von der seitherigen versi schieden« Vernunft- und gesundheitsgemäße Lebensführung, möglichst auch in anderer Lust und Umgebung, führen sollen.

Es ist zwar sehn wertvoll, daß die Versorgungskassen des Deutschen Privatbeamten-Vereins auch in Fällen von Erkrankung! in der Weise fite ihre versicherten Mitglieder eintreten, daß sie das Heilverfahren übernehmen, wie dies auch bei bet' staatlichen Jnvalidenversicherung der Fall ist. Aber! besser als Krankheiten Heilen, ist, sie überhaupt nicht aufkommen lassen. Das gilt für den sorgsamen Hausarzt sowohl, wie auch fite den mit den Forj- derungen der Hygiene wohl vertrauten, pflichtbewußten Mrbeit- geber. Eine sreiwillige Erholungsreise ist angenehmer, als eine unfreiwillige, aber nur möglich, wenn regelmäßiger Urlaub ge­währt wird.

Die fite das Reisen zur Erholung günstigste Zeit liegt nun bald vor uns. In der heißen Jahreszeit ist die Sterblichkeit in den! Städten am größten, in feuchter Lust und in Regionen niederen Luftdrucks am geringften. Wenn wir daraus die richtigen Schlüsse ziehen, so gehen wir ins bewaldete Gebirge oder an die See, wo wir mehrere oder alle die günstigen Bedingungen er­füllt finden.

Die zahlreichen Vergünstigungen, welche die Mitgliedschaft beim Deutschen Privatbeamten-Verein in Bädern, Kurorten und Svmmersrischeu bietet, stellen eine rechte Erleichterung fite die zu Gesundheitszwecken notwendigen Reisen dar.

Möge die Zeit nicht Mehr fern sein, wjo bei dem Gedanken! an die Jugendzeit und die Ferien uns der Refrain unseres Piston- bläsers nicht mehr traurig stimmen kann:

O wie siegt so weit, o Ivie liegt so iveit. Was mein einst war.

Emanuel Geibel.

Ein Lieblingsdichter der deutschen Komponisten Eine statistische Skizze.

Von ErnstChallier sen. Gießen.

Am 6. April waren 25 Jahre verflossen, daß Emanuel Geibel in seiner Vaterstadt Lübeck für immer die Augen schloß. Seines! Lebens- und Werdegangs zu gedenken ist nicht meines Amtes und daher auch nicht der Zweck dieser Zeilen, ich beabsichtige nur, Geistes Beziehungen zu den deutschen Komponisten durch nach­stehende Zahlen zu schildern. Es hat sich noch niemand der un­dankbaren Aufgabe unterzogen, die nachweisbaren Lieder und! Gesänge zn zählen, und wenn das wirklich geschehen wäre, hatte die genaue Angabe der Hunderttausenden schwerlich ein größeres Interesse. Ein gleiches ist wohl von den dichterischen Ergüssen vorauszufetzen, die unsere Komponisten als Vorlage benutzen. Fest steht nur, daß die letztere Zahl erheblich kleiner ist, weil ja ein großer Teil der Dichtungen wiederholt vertont wurde und diese Zahl, bzw. Zahlen, zu ermitteln, habe ich, wenn auch nicht fite jedermann, jedoch für viele für wertvoll gehalten. Da ich mich aber vornehmlich mit Geibel, beschäftigen will, so ziehe ich nur die Zahlen heran, die auf diesen Bezug haben oder zum Vergleich notwendig sind.

Das Lied, ein Hauptzweig der Gesangsliteratur, dem ich in vorliegendem Falle die Ballade zuzählen will, ist in 6 Klassen zu zerlegen: 1. Einstimmig, 2. Zweistimmig, 3. Gemischter Chor, 4. Mannerchor, 5. Frauen- und Kinderchor, 6. Melodramen (das gesprochene Lied). Die Gesamtzahl der Gesänge, zu denen Geibel- sche Gedichte verwendet wurden, ist 3778, von Heine sind es 4127, von Goethe 2534, von Hossmami von Fallersleben 2148, von klhland 2038, von Reinick 1703. In Klasse I steht Geibel an zweiter Stelle mit 2734 komponierten Gedichten- Heine nimmt den ersten Platz mit 3601 ein, an erster dagegen in Klasse II mit 129, in Klasse III mit 129, in Klasse IV mit 564. An zweiter Stelle in Klasse V Mit 95 und in der an und für sich lleiueuj Klasse VI mit einem Melodram.

Von den Gedichten Geibels sind 288 überhaupt von deck Komponisten verwandt worden, davon sind, um nicht zu weit­schweifend auszuholen, fasse ich mich kurz, nur 69 einmal, di« weiteren mehrfach vertont worden und dann gleich zu den größten