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der Diele eine Tür zu, und ein etwa neunzehnjähriges Mädchen trat ins Zimmer. Sie war hoch und schlank, und in ihren schönen, dnnkelbrannen Augen lag ein freundlicher Glanz.
„Du bist da, Niels, mir war's doch so, als ob ich deine Stimme hörte."
Niels hob den Wnschelkopf nnd lachte. „Ja, lütt Tine, ich bin aber bloß nnf ’ne Stippvisite hier, muß gleich iuicber• weg. Na, wie ist es, hast dn alt einen Dienst?" „Ich soll nach Spätinghof, aber ich mag nicht, gern," sagte sie, mit) ein rührendes Lächeln lag wie ein Ausdruck von Hilflosigkeit ans ihrem Antlitz.
Niels kniff die Angen zusammen, als ob er in der Ferne etwas sähe. „Ich bin anch nicht für Spätinghof," gestand er. „Wenn dn bloß noch ivas Ordentliches zu Mai kriegst. Die guten Stellen sind rar."
„Dao sagt Mutter anch."
„Ja, es wäre ganz gut, wenn dn ’ne Stelle kriegtest, wo du dir ivas übersparen könntest. Ans deine Mutter kannst du dich so wie so nicht verlassen, die ist ja noch in die besten Jahre, die kann sich am Ende noch mal verheiraten!" '
„Ach!"
„Ja, ja. Wir müssen schon für uns selbst sorgen. Ich komme ja nun Mai nach Dithmarschen, nach einem großen Hof, da werd’ ich Großknecht und kriege achtzig Taler Lohn. Das ist ja ganz schon, aber ich muß Ode doch auch ein bißchen abgeben. Ehe main denn ein paar hundert Taler Zusammen hat, können noch Jahre vergehen. Mit nichts önnen wir nicht anfängen; wenn nachher ’ne Reihe Kinder dazu kommt, dann wissen wir nicht ans und ein."
Tine nickte, und wieder erschien das wehe Lächeln um ihren kleinen Mund.
Mechanisch ließ sie sich auf einen Stuhl nieder und faltete die Hände; sie versank in grübelnde Gedanken. Sie dachte nach, ob sie jetzt wirklich Niels Sönksens Brant wäre. .Es mußte wohl so sein, er tat ja so, als wäre es selbstverständlich. Und doch war gar nichts anders geworden. Es war kein neues, fremdes Gefühl in ihrem Herzen auf- gewacht. Sie hatte so viel von Liebe gelesen, es hatte sich bonn immer etwas in ihr geregt, als müsse sie auch einmal heiß und stark lieben und geliebt werden, als müsse eines Tages ein Rausch über sie kommen, der ihr ganzes Herz Umwandelte. Sie seufzte. Ja, das stand, so in den Romanen; in der Wirklichkeit war alles anders. Es waren ja anch immer vornehme und reiche Leute gewesen, deren Liebesgeschichten sie in den Romanen verfolgt hatte. Ja, Liebe, wie sie sich diese gedacht hatte, ivar nur etwas für die Vornehmen.
Wie lange war sie eigentlich schon Niels Brant? Früher ivar sie ihm doch wohl mehr Kameradin gewesen. Richtig! .Seitdem sie den letzten Pferdemarkt in Schwabstedt zu- fammen besucht. hatten, waren sie sich ein wenig nähergetreten. Abends hatten sie in der Jönsschen Gastwirtschaft getanzt und waren dann miteinander in die Stube zum Punschen gegangen. Als sie nun hier, mit den anderen Deems und Knechten eng aneinander gedrängt, um den xunden Wirtshaustisch saßen, tranken und sangen, d.a hatte es Niels ebenso gemacht wie die andern. Erst hatte er den Arm lose nm ihre Hüften gelegt, daun etwas fester, und schließlich hatte er sie ein wenig an sich gedrückt. Als der Punsch ihnen dann zu Kopf gestiegen war, die Mädchen verliebter blickten und die Männer dreister wurden, da hatte Niels sie anch geküßt. Ihr war es wohl gewesen, äks müßte sie sich wehren, aber sie hatte es doch still geduldet; denn die anderen Mädchen, das wußte sie, hätten sie nur ausgelacht. Als Niels sie an jenem Abend nach Hause brachte, hatte er mit einem langen Kusse Abschied von ihr genommen. „Tine, Deeru, ich habe dich gräßlich lieb!" jagte er.
Seit dieser Zeit hatte Niels öfters von ihrer gemein» sarnen Zukunft gesprochen, als ob sie schon seine verlobte Braut wäre; heute ging er weiter; er sprach sogar schon von einer Reihe Kinder.
Nachdenklich blickte Tine hinaus auf den kahlen Landweg. Niels chatte sich ihr langsam, nnmerklich genähert; seine Augen schimmerten vor Zärtlichkeit. „Wenn ich erst weg bin, dann kriegen wir uns lange Zeit nicht zu sehen."
Tine nickte.
„Darfst mich aber nicht vergessen, lütt Deeru." Sie lächelte. „Hab keine Angst/’
Immer zärtlicher blickten Niels Augen; sie schwammen förmlich. Er reckte feine lange Gestalt. „Deeru," sagte er leise, „was bist du doch lütt."
Das Wort lütt (klein), in dieser, zärtlichen Weise gesprochen, war für ihn gleichbedeutend mit fein und lieblich; denn Tine war durchaus nicht klein. Sie verstand aber doch seine Zärtlichkeit, die sich so schlecht Ausdruck zu geben vermochte, und freundlich sah sie ihm ins Gesicht.
Niels seufzte ein wenig und fuhr mit den fünf Fingern durch sein Wuschelhaar. Er hätte gar zu gern Tine einen Kuß gegeben und wußte nicht, wie er es anfangen sollte. Ja, wenn man beim Tanzen oder Punschen gewesen wäre, dann hätte er Courage gehabt.
Tine erhob sich. „Ich! muß wieder rüber," sagte sie, „Mutter weiß nicht, daß ich hier bin. Adjüs, Niels."
„Adjüs, lütt Deeru," sagte Niels, und plötzlich faßte er Mut. „Gib mir doch einen Süßen," bat er.
Geduldig bot Tine die Lippen dar, und Niels küßte sie und kam sich dabei wie ein rechter Held vor. Als aber vor der Tür ein Klirren von Tassen erklang, fuhren sie auseinander.
Schaue trat mit dein Kaffee ein.
„Nein, was werde ich doch alt und tnutelich," klagte sie. „Es hat wohl lange gedauert, mein Jung? Willst nicht bleiben, mein Deeru? Ich wollte dir doch noch die Karten legen."
„Ich komme heute abend noch mal herüber. Adjüs, Ode."
Tine ging wieder in ihre Stube und setzte sich mit ihrer Näharbeit aus Fenster. Immer wieder flogen ihre Blicke träumerisch hinauf auf den kahlen Deich, wo doch gar nichts zu sehen war.
Niels blieb nicht allzulange bei seiner Großmutter. Nach einer. Weile klopfte er mit dem Stil feiner kurzen Pfeife ans Fenster und nickte Tine noch einmal zu. Sie sah ihm nach, wie er mit langen Schritten über den Deich ging.
(Fortsetzung folgt.)
Dar Treffen bei Bergen am J3. April 1759.
Mitgeteilt von Fr. Germer.
In der Chronik von Gedern gibt ein Zeitgenosse folgende! Beschreibung des Ereignisses : „Am lOten April kamen die Aliirte, Cavalieri und Infanterie hier durchgezogen, hielten hier einen. Rasttag; den 12ten hujus (dieses Monats) frühe nm 8 Uhr, als die ersten kaum abgemarschiert waren, durchzogen Preußische Totenköpfe zu Pferd und Hußaren, und zu Fuß das Jäger Chor mit gezogenen Büchsen. Den 13ten unternahmen sie vor Törneckenl und Bergen einen Angriff auf die Franzosen, welche sic abeit lockten bis an ihre Batterien und aufgepflanzte schwere Canonen, deren 220 Stück sollen gewesen fei)»; die Atiirteu konnten vor Wuth nicht ihr schwer Geschütz erwarten, sondern stürmten, ihrer 10 Stück kleine Canonen, mit großem Verlust der ihrigen, so daß sie eine große Niederlage erlitten, nachdem sie frühe nm 8 Uhr zu schießen angefangen und Abends 8 Uhr solches ge- endiget. Den löten dito gegen 12 Uhr kämen 500 Wagen mit Blessürtcn beladen (ohne denen Bagage Wagen gerechnet) und wärte dieser Zug bis 12 Uhr Nachts; Infanteristen und Cavalle- risten bedeckten die Blessürteu. Nachmittags 4 Uhr kam auch zurück das Jäger Chor. Was war nicht hier ein Jammer voller Anblick. 1350 Personen waren erschrecklich mit Cartetschen und Kugel Geschoß erbärmlich zu gerichtet, das; man es ohne Wehmut und Thränen fast nicht anschauen fmuite. Davon 9 allhier gestorben und begraben liegen. Ten 18 hujus fuhren sie wieder ab und nahmen ihren Marsch »ach Fulda und Hirschfeld.
NB. Der Prinz Casimir von Nfenburg ist in der Action geblieben. Ter Hertzog Broglio hat bei) den Franzosen eomman- diert, und haben dieselben 2225 Tadle und über 4000 Bleßürte gehabt. Tas französische Regiment von Beauvoisis, das vorgerückt gewesen, hat stark gelitten und das Cavallerie Regiment von Rvusillon ist in der Nacht von den Jägern gewaltig mitgenommen worden. Bon denen Franzosen sind 104 Mann zu Kriegsgefangenen gemacht worden. Ter Prinz Nsenbilrg, General der Aliirte», ist zu bedauern, daß er in der ersten Action durch die Brust geschossen .niederfiel. Er. hat noch im Tode eine so vergnügte und freudige Mine gemacht, daß alle, die ihn gesehen, sich höchstens darüber verwundert haben. Sei» Leichnam ist sogleich durch lu Mann in seinem Wagen nach Büdingen abgesührt. Außer dein Prinz van Mmburg ist der General Thüen (Düherrn?) geblieben.
Die Darstellung deckt sich im wesentlichen mit bei.n liehen Verhalt. Uehertrieben ist die Angabe über die sraiizömchen Verluste. Berichte von Franzosen reden von 3 400Ö Mann an Daten und Verwundeten. Ter Glaubwürdigkeit des ChromstM tut der Irrtum weiter keinen Abtrag. Es ist bekannt, daß mm Katastrophen dse Verlustziffern zunächst gemeiniglich zu hach angegeben werden. Die Gefangenenzahl ist richtig angegeben.


